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XV.

Flannagan erwachte um elf Uhr vormittags aus einem totenähnlichen Schlaf. Er fühlte sich wie gerädert, sein Kopf schmerzte, und im Magen hatte er ein Gefühl, so leer, als hätte er drei Wochen lang nicht gegessen.

Die Krankenschwester, die an seinem Bett wachte, schien sehr erfreut zu sein, als er die Augen aufschlug.

»Nur keine Aufregungen«, sagte sie sanft und suchte nach dem Fiebermesser. »Nur keine Aufregungen! Das ist bei Ihrem Zustand Gift. Ein Kranker, der sich aufregt …«

»Wer regt sich denn hier auf – Sie oder ich?« herrschte Flannagan sie an. »Bringen Sie mir etwas zu essen. Ich habe Hunger.«

»Sie dürfen jetzt nichts essen …«

»Dann bringen Sie mir etwas zu trinken. Alkohol, versteht sichs.«

»Um Gottes willen – Alkohol! Bei Ihrem Zustand ist das schlimmer …«

»... als Gift«, ergänzte er mürrisch. »Was darf ich denn eigentlich noch? Aufregen nicht, essen nicht, trinken nicht?«

»Ein Glas Limonade …«

»Das können Sie selbst auf meine Gesundheit trinken. Haben Sie Zeitungen?«

»Sie dürfen jetzt nicht lesen. Aber ich kann Ihnen etwas vorlesen.«

»Los! Schnell!« befahl er. »Vor allen Dingen die Berichte über die in letzter Nacht verübten Morde.«

Die Krankenschwester schlug entsetzt die Hände zusammen.

»Wo denken Sie hin? Ich kann Ihnen etwas vorlesen wenn Sie wünschen, aber nur aus Schriften für die reifere Jugend. Soll ich?«

Flannagan warf sich ächzend auf die andere Seite.

»Danke. Mir ist der Appetit vergangen. Hat niemand nach mir gefragt?«

»Ja, ein Herr Hubert und ein Fräulein Tamara …«

»Kommt nicht in Frage!« unterbrach er sie zornig.

»Aber die Dame und der Herr warten schon seit zwei Stunden, und der Arzt hat gestattet, daß sie herkommen, sobald es Ihnen besser geht. Es ist doch eine so feine, vornehme Dame …«

»Wer? Tamara?« fragte er ungläubig.

»Nun ja, die Dame, die Sie besuchen will. Und ihr Vater war auch da, aber er hatte keine Zeit zu warten. Eigentlich auch kein Wunder bei einer so großen Fabrik, die er hat …«

»Von wem reden Sie denn eigentlich?« rief er aus.

»Von Miß Harrogate, die Sie besuchen will.«

Flannagan seufzte tief auf.

»Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Her mit Miß Harrogate. Und der Hubert soll auch kommen.«

Bevor die Besucher aber kamen, erschien der Arzt. Er untersuchte Flannagan sehr genau und war sichtlich erstaunt über den Lebensmut seines Patienten.

»Sie müssen sehr vorsichtig sein, junger Mann«, sagte er zum Abschied väterlich. »Keine Aufregungen, nicht laut sprechen, viel schlafen. Gegen den Besuch Ihrer Angehörigen habe ich nichts einzuwenden. Diese Miß …«

»Tamara ist meine Braut«, erklärte Flannagan freudig.

»Ich dachte es mir«, antwortete der Arzt freundlich. »Nun, das wird Ihnen kaum schaden. Also, hübsch brav sein!«

In der Tür traf er mit Miß Harrogate und Hubert zusammen.

»Ihr Bräutigam wartet schon mit Ungeduld auf Sie«, sagte er schmunzelnd zu der Eintretenden. »Kann ich übrigens gut verstehen. Sie, mein Herr«, wandte er sich an Hubert, »werden sich natürlich ebenfalls hüten, irgendwelche aufregende Gespräche zu führen?«

»Selbstverständlich«, bestätigte Hubert krampfhaft nickend. »Ich bin gelernter Kindergärtner.«

Jetzt waren die drei allein. Es war ein hübsches, geräumiges Krankenzimmer, in dem Flannagan untergebracht war, und auf Wunsch Mr. Harrogates hatte man die drei Betten hinausgeschafft, die sich sonst noch hier befanden.

Anfangs herrschte verlegenes Schweigen. Flannagan war es nicht angenehm, daß der Arzt Tamara als seine, Flannagans, Braut angesprochen hatte.

»Sie sind ein ganz famoser Kerl«, sagte er endlich stockend. »Sie haben meine kleine Lüge gleich verstanden und ihr nicht widersprochen.«

»Wir sind nicht kleinlich«, erläuterte Hubert. »Deine Tamara wollte dich besuchen, aber Miß Harrogate hat ihr das Recht abgekauft.«

»Was? Was haben Sie?« fragte Flannagan verblüfft.

»Ich habe Ihrer Braut einen neuen Mantel gekauft und dafür das Recht erworben, Sie so oft hier zu besuchen, als es mir und Ihnen Freude macht«, sagte sie lächelnd.

»Und das Mädchen ließ sich kaufen?«

»Es war ein sehr schöner Mantel«, erklärte Hubert beschwörend. »Tamara war immer sparsam veranlagt.«

Flannagan lachte herzlich, aber dann wurde sein Gesicht plötzlich ernst.

»Nun aber zu wichtigeren Dingen. Bitte, berichten Sie darüber, was alles in der Nacht vorgefallen ist.«

Miß Harrogate war sofort bei der Sache. Kurz, in knappen Worten schilderte sie alles, was vorgefallen war, und Flannagan lauschte ihr mit gespannter Aufmerksamkeit. Erst, als sie geendet hatte, stellte er Fragen.

»Das Wichtigste bei der Sache ist ohne Zweifel der Brief McGregors. Sie haben den Brief nicht gesehen?«

»Nein, ich war heute früh im Polizeihauptquartier und begegnete dort Inspektor Bath. Er war es, der mir davon erzählte. Den Brief selbst hatte er bereits seinen Vorgesetzten abgeliefert.«

»Und er mutmaßte gar nichts!«

»Ich fragte ihn, was er davon halte, aber er beschränkte sich darauf, zu erwidern, das Verhör McGregors werde die Sache schon klären.«

Flannagan schwieg einen Augenblick nachdenklich.

»Es ist möglich«, meinte er endlich achselzuckend. »Aber man müßte doch eigentlich von selbst hinter die Lösung des Rätsels kommen. Wie ist das denkbar: McGregor sitzt im Gefängnis, – wohlgemerkt: er schläft ununterbrochen, – und gleichzeitig wird ein Brief von ihm bei Bath abgeliefert. Es liegt natürlich die Möglichkeit vor, daß der Brief viel früher geschrieben war und jetzt von einem Spießgesellen hingeschafft wurde. Halte ich aber für recht unwahrscheinlich.«

»Scheint mir auch so«, meinte sie.

»Schließe mich der allgemeinen Meinung an«, warf Hubert dazwischen.

»Also«, fuhr Flannagan fort, »kommt es nun auf folgendes heraus: Bath behauptet, McGregors Unterschrift sei echt. Bath behauptet, der Verhaftete sei McGregor. Was kann als sicher betrachtet werden? Daß Mr. Bath sich entweder in einem Punkte irrt oder – lügt!«

»Sehr richtig!« rief Hubert begeistert. »Dieser Gelbe gefiel mir von Anfang an nicht.«

Tamara aber schüttelte den Kopf.

»Daß er lügt, glaube ich nicht. Hätte er erst McGregor verraten, um nachher die Polizei zu betrügen? Nein, Mr. Flannagan, uns bleibt nur übrig, anzunehmen, Bath habe sich geirrt. Er wird eine gut nachgemachte Unterschrift McGregors für echt gehalten haben.«

»Oder –« begann Flannagan mit Nachdruck, »er hat einen gut nachgemachten McGregor mit dem echten verwechselt.«

»Unmöglich!« rief sie sofort entschieden. »Wenn ein Verbrecher eine Nacht im Gefängnis verbracht hat, müßte seine Maske entdeckt worden sein.«

»Ja, wenn er überhaupt maskiert war«, bestätigte er.

»Aber Sie sagten doch eben selbst – – –«

»Ich sprach nur von einem Nachmachen McGregors. Über das ›Wie‹ bin ich mir selbst nicht im klaren. Aber das wäre eine Möglichkeit, das Rätsel zu klären.«

Eine Weile schwiegen alle, und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Plötzlich fragte Flannagan:

»Ich habe gehört, Sie seien verlobt?« Seine Stimme klang gleichgültig, doch sein Blick war forschend.

»Ich bin verlobt«, bestätigte sie merkbar kühl.

Flannagan lächelte. Er war überzeugt, wenn Tamara ihren Verlobten wirklich liebte, hätte sie anders geantwortet.

»Ich frage nicht aus Neugier«, fuhr er fort. »Ich wollte Ihnen nur mitteilen, daß mir über Dick Brennan, Ihren Verlobten, schon einiges zu Ohren gekommen ist, aber – nichts Gutes.«

Sie runzelte die Stirn.

»Ich gebe nichts auf solche Redereien – – –«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und die Krankenschwester trat wieder ein.

»Der Arzt läßt bitten, den Kranken jetzt allein zu lassen«, sagte sie leise. »Vor dem Tor wartet übrigens Mr. Harrogate mit seinem Wagen.«

»Nichts zu machen«, meinte Hubert enttäuscht. »Hätten uns gern länger mit dir unterhalten. Na, vielleicht morgen wieder.«

»Leben Sie wohl, Mr. Flannagan«, sagte Tamara und reichte ihm die Hand, die er kräftig drückte, viel kräftiger, als sie es von einem Kranken erwartet hätte.

Nach zwei Minuten schritten Tamara und Hubert durch den Garten zum Tor, hinter dem sie den Wagen Harrogates stehen sahen.

»Auch Flannagan konnte das Rätsel nicht lösen«, meinte Hubert nachdenklich. »Vielleicht hatte er aber doch nicht ganz unrecht mit seiner Meinung. Ich begreife nur nicht, wieso dieser McGregor – – – Nanu? Was ist denn – – Ja, was ist denn da – – –«

Hubert sprach nicht zu Ende, sondern begann plötzlich zu laufen, als gelte es sein Leben. Auch Tamara hatte das gesehen, was Hubert so in Schrecken versetzte:

Mr. Harrogate hatte gerade den Wagen verlassen, um seiner Tochter einige Schritte entgegen zu gehen, als mit rasender Geschwindigkeit ein anderer Wagen quer auf den Bürgersteig fuhr und aus ihm zwei Männer sprangen, deren Gesichter mit Tüchern halb verhüllt waren. Sie packten Harrogate und zerrten ihn zum Wagen. Ein Krankenwärter, der am Tore gestanden hatte, eilte zu Hilfe. Ein Schuß krachte, noch einer. Der Wärter fiel kopfüber zu Boden. Hubert hatte das Tor in dem Augenblick erreicht, als der fremde Wagen sich in Bewegung setzte. Hubert schoß. Ein Fenster klirrte, aber der Wagen fuhr weiter, bog um die Ecke.

Leichenblaß, mit fliegendem Atem stand Tamara Harrogate jetzt neben Hubert.

»Ihm nach!« schrie sie. Und schon saß sie am Steuer ihres eigenen Wagens und schaltete ruckweise höchste Geschwindigkeit ein. Hubert fiel stöhnend neben ihr in die Polster.

»Wir müssen ihn kriegen«, knirschte er. »Vor unseren Augen! Am hellichten Tage!«

Tamara antwortete nicht. Sie war um die Ecke gebogen und sah jetzt den Wagen vor sich. Er hatte einen Vorsprung von nur dreihundert Metern.


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