Autorenseite

 << zurück weiter >> 

XXIV.

»Dank der Aufmerksamkeit und Tüchtigkeit eines Offiziers der Detective Force (sein Name wird aus verständlichen Gründen nicht angegeben) gelang es gestern, zwei gefährliche Verbrecher festzunehmen, deren Zugehörigkeit zu der berüchtigten Bande McGregors erwiesen ist. Diese beiden Männer hatten die Dreistigkeit, den erwähnten Offizier in seiner Wohnung aufzusuchen, und zwar mit der Absicht, ihn irgendwohin zu verschleppen. Sie gaben vor, Beamte vom Polizeihauptquartier zu sein und fanden bei dem Offizier auch sofort ein belastendes Beweisstück, das sie vorher natürlich selbst in seine Wohnung geschmuggelt hatten. Wie schlau und durchtrieben die McGregorsche Bande vorgeht, ergibt sich daraus, daß man, um den Offizier irrezuführen, außer diesem Beweisstück auch eine Art kleine Höllenmaschine in die Wohnung gebracht hatte. Der Offizier erkannte aber die verhältnismäßige Harmlosigkeit dieses Apparates und war daher von Anfang an auf andere, wirksamere Überraschungen gefaßt. Grade die übergroße Vorsicht der Bande brachte nun die beiden Verbrecher zu Fall. Als der Offizier die beiden angeblichen Beamten auf die ›Höllenmaschine‹ aufmerksam machte, fiel ihm. nämlich auf, wie unbesorgt die beiden dabei blieben. Das war nur zu verstehen, wenn die beiden wußten, wie ungefährlich die Maschine sei. Polizeibeamte konnten das jedoch nicht wissen, folgerte der Offizier; somit waren es auch keine Polizeibeamten, die mit ihm sprachen. Schnell entschlossen veranlaßte er die Festnahme der Eindringlinge, und bei der Untersuchung zeigte es sich, daß er ganz richtig gefolgert hatte. Unter Beobachtung der größten Vorsichtsmaßregeln wurden die zwei Verbrecher in den Nachtstunden verhört. Sie sollen ein umfassendes Geständnis abgelegt haben. Weitere Verhaftungen stehen bevor.«

Mit einer müden Handbewegung fuhr sich Brennan über das glattgescheitelte Haar und legte das Zeitungsblatt beiseite. Er saß nun schon seit zwei Stunden hier, im Schreib- und Lesezimmer, und er hatte alle Zeitungen durchgelesen, deren er habhaft werden konnte. Diese Nachricht aber war es, die ihm am meisten Kummer bereitete. Ja, er wußte, worum es sich hier handelte: McGregor mußte versucht haben, diesen Bath festzunehmen, und es war mißglückt.

Einesteils konnte ihn das freuen. Erbrachte es doch den Beweis, daß auch dieser McGregor nicht unbesiegbar war. Was Bath gelang, konnte auch ihm, Brennan, gelingen, und vielleicht noch viel besser. Andererseits aber fühlte sich Brennan schon halb und halb als McGregor selbst. Ja, er war entschlossen, diese Erbschaft anzutreten, wenn auch nicht für lange Zeit. O nein, es konnte einen Brennan nicht reizen, auf die Dauer ein so gefährliches Spiel zu treiben, – o nein, ihm genügte es, nur ein paar Tage McGregor zu sein: richtiger, echter, einziger McGregor! Was würde er da alles vollbringen! Tamara Harrogate würde sein werden. Ja, er würde sie heiraten, das war alles. Dann würde er sich soviel Geld verschaffen, daß er ruhig abwarten konnte, bis der »Alte« sich ins Unvermeidliche fügen würde, und dann – – – dann mochten die Leutchen sehn, wie sie ohne ihren McGregor auskamen. Nein, nein, weiter ging sein Ehrgeiz nicht.

Um aber diesen in seinen Augen sehr bescheidenen Plan zu verwirklichen, mußte er eins erreichen: der andere, der »falsche« (so bezeichnete er ihn bei sich selbst) McGregor mußte verschwinden, so verschwinden, daß er vor seinem Ende kein verräterisches Wort sprechen konnte!

Es war still und ruhig hier. Ab und zu nur knisterte die Zeitung am Tisch nebenan. Dort saß ein junges Mädchen und las. Sie war der einzige Gast außer Brennan und befand sich hier schon seit fast zwei Stunden. Richtig, sie hatte das Zimmer unmittelbar nach ihm betreten. Ob sie ihn beobachtete? Vielleicht gar eine Kriminalbeamtin?

Verstohlen sah Brennan hinüber. Es war ein auffallend hübsches Mädchen, wirklich etwas ganz Besonderes. Und dieser Umstand machte Brennan noch sorgenvoller, – war ihm doch sehr gut bekannt, daß die amerikanische Kriminalpolizei weibliche Beamte nur anstellte, wenn sie ein hübsches Äußeres haben.

Ach, Unsinn! So schnell würde die Polizei es nicht herausgebracht haben, was für eine Rolle er jetzt spielte. So schnell nicht! In ein paar Tagen? Vielleicht. Aber dann war er schon weit weg von hier, bereit, mit neuem Mut und neuem Geld ein neues Leben zu beginnen.

»Entschuldigen Sie, bitte, ich habe kein Feuer«, sagte eine frische, sorglose Mädchenstimme dicht neben ihm.

Brennan erschrak. Ja, es war die Dame vom Tisch nebenan. Sie war aufgestanden und zu ihm getreten, ohne daß er es bemerkte. Brennan sah ihr prüfend in die Augen, während seine Hände gewohnheitsmäßig schnell und wie immer geschickt das gewünschte Streichholz anbrannten und ihr reichten. Eine Kriminalbeamtin hätte bestimmt freundlich gelächelt, irgendwie zu verstehen gegeben, daß ihr seine Bekanntschaft erwünscht sei. In diesem hübschen, aber kalten Gesicht las er nichts von einem solchen Wunsche. Sie wollte von ihm ohne Zweifel nur Feuer, sonst nichts.

»Danke Ihnen«, sagte sie ruhig und wollte gehen.

»Sie sind auch so allein«, meinte er rasch. »Auch Sie warten wahrscheinlich auf jemanden. Nun, vielleicht könnten wir ein paar Worte plaudern. Es wartet sich dann leichter.«

Jetzt sah sie ihn prüfend an, von oben bis unten.

»Danke Ihnen«, sagte sie wieder. »Ich möchte Sie nicht kränken, aber ich habe nicht den Wunsch, mich mit Ihnen zu unterhalten.«

»Ihre Offenheit gefällt mir außerordentlich«, antwortete er sofort, und er sprach die Wahrheit. Er war an seine Erfolge bei Damen so gewöhnt, daß ihn nur eine Unterhaltung mit einer Dame anregen konnte, der er nicht sofort gefiel. »Darf man fragen, warum Sie nicht den Wunsch haben?«

»Ich möchte es lieber nicht sagen«, versetzte sie ernst und nahm wieder auf ihrem Stuhl Platz.

»Sagen Sie es nur getrost«, ermunterte er sie. »Ich kann alles vertragen.«

Sie sah ihm sekundenlang forschend in die Augen, dann senkte sie den Blick auf die Zeitung und sprach ruhig vor sich hin, als wende sie sich gar nicht an ihn:

»Ich gehöre nämlich zu den Menschen, die nicht imstande sind, ein Huhn zu verspeisen, das sie selbst aufgezogen haben. Verstehen Sie?«

»Nein«, sagte er verblüfft.

»Es würde mir schwerer fallen, meine Pflicht zu erfüllen, wenn ich Sie erst etwas kennen lerne«, ergänzte sie. »Darum wünsche ich es nicht.«

»Sie sind also – – –«

»Sie haben es schon vor etwa zehn Minuten richtig erkannt, wer ich bin«, unterbrach sie ihn.

»Nun, das ist doch … Nun, dann will ich doch lieber …« murmelte er verstört und stand auf. Er machte Anstalten, das Zimmer zu verlassen.

»Bleiben Sie hier«, bemerkte sie schroff. »Oder glauben Sie, ich hätte Ihnen das gesagt, was Sie eben erfuhren, wenn für Sie die leiseste Möglichkeit bestände, zu entkommen? Treten Sie jetzt aus dem Hotel, so laufen Sie etwa vierzig Kriminalbeamten in die Hände. Und es sind unsere besten!«

Er ließ sich, bleich wie die Wand, leise stöhnend wieder auf seinen Stuhl nieder.

»Wenn ich verhaftet werden soll, wozu dieser Aufwand?« fragte er ratlos. »Ein Mann genügte. Ein Weib, Sie allein, genügten dazu.«

»Es handelt sich nicht um Sie«, versetzte sie kurz. Dann winkte sie dem eben eingetretenen Hotelboy, der einen Brief auf einem Teller brachte.

»Geben Sie den Brief her«, sagte sie streng.

»Aber der Brief ist für – – –«

»Für Mr. Brennan«, ergänzte sie. »Weiß ich. Grade darum will ich ihn haben. Sie wissen doch, wer ich bin?«

Der Hotelboy wußte es. Widerspruchslos händigte er ihr den Brief aus und entfernte sich beinahe fluchtartig.

Der Brief mußte kurz sein, denn sie hatte ihn in einem Augenblick durchgelesen.

»Hier bitte, Mr. Brennan«, sagte sie und ging auf ihn zu. »Hier lesen Sie den Brief.«

Brennan las, aber die Buchstaben hüpften vor seinen Augen:

»Ich warte auf Sie in Ihrem Zimmer. Sofort kommen.

McGregor.«

» Den Mann brauchen wir«, sagte sie ernst. »Gehen Sie jetzt hinauf, als sei nichts geschehen. Helfen Sie uns freiwillig, diesen Mann festzunehmen, so wird Ihr Fall in den Augen der Detective Force um einiges günstiger für Sie aussehen.«

»Aber … aber …« stammelte Brennan entsetzt und dachte an die zwei Männer, die sich durch das Badezimmer schleichen sollten und dann – in seinem Auftrage –

»Keine Widerrede«, befahl sie ruhig. »Tun Sie, was ich Ihnen sage. Es ist Ihre einzige Möglichkeit.«

Brennan nickte düster. Die einzige Möglichkeit! Sie hatte ja recht. Nur ein Wunder konnte ihn noch retten!

Langsam, ganz langsam ging Brennan. Vielleicht war es sein letzter Gang als freier Mensch.

Sie sah ihm nach, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte. Dann trat sie ans Fenster und hob zweimal winkend die Hand.


 << zurück weiter >>