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VII.

In der 7-th Avenue, zwischen der West 33-rd und 34-th Street, liegt gegenüber dem Pennsylvania-Bahnhof das größte Hotel New Yorks – das Pennsylvania Hotel. Sogar nach amerikanischen Begriffen stellt dieses Hotel mit seinen tausend Zimmern und seinen zweiunddreißig Stockwerken etwas Großartiges dar. Es mag sein, daß der eine oder andere das berühmte Waldorf Astoria Hotel oder Hotels wie Belmont, Commodore, Savoy oder Plaza als etwas vornehmer bezeichnet – als das größte wird er doch das Pennsylvania Hotel gelten lassen.

Mit gutem Grund hatte Flannagan dieses und kein anderes Hotel für sein Abendessen gewählt. An einem so schönen, warmen Sommerabend konnte es leicht geschehen, daß die prunkvollen Säle der vornehmsten Hotels, wenn auch nicht leer, so doch recht schlecht besucht waren. Gerade der beliebte Dachgarten des Pennsylvania Hotels aber würde sich an einem solchen Abend besonderen Zuspruchs erfreuen. Als der Detektiv mit seinen Begleitern auf dem Dachgarten anlangte, zeigte es sich, daß er richtig gerechnet hatte. Fast alle Tische waren bereits mit den Karten »Belegt« versehen, und hätte Flannagan für sich nicht schon vorzeitig einen Tisch bestellt, es wäre möglich gewesen, daß man sich mit einem recht unbequemen Tisch hätte begnügen müssen.

In Begleitung Flannagans befanden sich nicht nur Tamara seine Braut, und seine drei Freunde, sondern auch Harrogate und dessen Tochter. Harrogate hatte mit Tamara im Foyer des Hotels auf die Ankunft der übrigen gewartet, und Flannagan zerbrach sich schon eine Weile darüber den Kopf, warum Harrogate es nicht vorgezogen hatte, erst später zu erscheinen, um nicht gemeinsam mit ihm und seinen Freunden diesen vornehmen Dachgarten zu betreten. Endlich kam Flannagan zu der Überzeugung, Harrogate wolle ihm damit von vornherein beweisen, wie wenig er sich seiner, Flannagans, schäme. Aber daran glaubte der junge Mann nun wieder gar nicht.

Man nahm wortlos an dem Tisch Platz. Ohne daß Flannagan ein Wort zu sagen brauchte, vollzog sich die Sitzanordnung genau so, wie er es sich wünschte. Er selbst kam zwischen seiner Tamara und Tamara Harrogate zu sitzen, an der anderen Seite Miß Harrogates saß ihr Vater, und Flannagans drei Freunde schlossen die Kette an dem runden Tisch. Dieser Tisch war sehr gut gewählt, und nicht nur in Flannagans Sinn. Er stand dicht am Rande des Gartens, so daß man einen herrlichen Ausblick auf das lichterfunkelnde New York hatte, und er stand dennoch so sehr in der Mitte des Dachgartens, daß genügend Leute diese seltsame Gesellschaft beobachten konnten.

»Würden Sie vielleicht die Güte haben, die Speisenfolge zu bestimmen«, wandte sich Flannagan an Harrogate und reichte ihm die Karte. »Uns persönlich ist alles recht, was Sie wählen.«

An dem etwas überraschten Blick Harrogates konnte man sehen, wie sehr ihn das anständige Benehmen Flannagans ins Erstaunen setzte. Er nickte kurz zur Antwort und besprach sich mit dem Kellner.

Tamara Harrogate war in einem hellblauen Seidenkleid erschienen, das vorteilhaft das helle Blond ihres Haares unterstrich. Sie saß mit etwas strengem, steifem Gesicht da und schien sich noch nicht darüber schlüssig geworden zu sein, was sie von Flannagan und seinen Freunden heute abend zu erwarten habe.

Kaum hatte der Kellner seine Bestellungen entgegengenommen und war davongeeilt, da wandte sich Harrogate lebhaft an den jungen Detektiv:

»Vielleicht ist es unpassend, wenn ich bei Gelegenheit eines zwanglosen Abendessens wieder von Geschäften spreche, aber Sie werden es einem besorgten Vater kaum verübeln. Darum möchte ich Sie gern fragen, was Sie in meiner Angelegenheit zu unternehmen gedenken, und wie Sie die Aussichten auf Erfolg beurteilen.«

Flannagan zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, reichte es Harrogate und deutete auf einen blau angezeichneten Artikel. Aufmerksam und gespannt las ihn Harrogate durch.

»Das wird die Polizei niemals tun«, sagte er nach einer Weile enttäuscht. »Ausländische Detektive? Polizeikräfte aus anderen Städten? Vielleicht noch berittenes Militär und schwere Geschütze?«

»Das wird die Polizei niemals tun«, wiederholte Flannagan im selben Tonfall. »Da haben Sie vielleicht nicht unrecht. Aber fürs erste war dieser Artikel dringend notwendig: Die Hauptsache ist, daß McGregor Angst bekommt, die Polizei könnte vielleicht doch so vorgehen, falls er Ihr Kind umbringt. Wir mußten Zeit gewinnen, – darum veranlaßte ich die Polizei, diesen unschuldigen Artikel an die Abendblätter zu geben.«

» Sie haben das veranlaßt?« rief Harrogate im Tone ehrlicher Bewunderung aus.

Flannagan antwortete nicht. Er beobachtete gespannt, wie Hubert, sein Freund, aufgesprungen war, ein Taschentuch, das am Boden lag, aufhob und einer Dame nachgaloppierte, die neben einem hageren, sehr feinen Herrn nach der anderen Seite des Dachgartens schritt. Jetzt sahen sich bereits auch andere Leute um, denn Hubert bot wirklich ein Bild, das man in dieser Umgebung nicht gewöhnt war: Er war reichlich dick und watschelte beim Laufen immer von einer Seite nach der anderen, so sehr, daß der Zuschauer sich erstaunt fragen mußte, wie dieser Mann es eigentlich fertig brachte, endlich doch jedesmal das Gleichgewicht zu bewahren. Schlimmer als das aber war der Umstand, daß Hubert schon zwei Knöpfe seiner zu engen Weste verloren hatte, und bei jedem Mal aufs neue mit großer Mühe haltmachte, seinen Knopf aufsuchte, um dann mit frischem Mut die Verfolgung wieder aufzunehmen. Endlich hatte er die Dame und den Herrn erreicht.

Flannagan blickte verstohlen auf das Gesicht Harrogates, Es war eisig. Nein, diese kalten Züge verrieten nichts von den Gefühlen des Mannes, und doch mußte er eben jetzt zittern vor Schrecken, – machte doch Hubert Anstalten, der Dame auf die Schulter zu tippen. Doch nein, er besann sich eines anderen. Mit zwei ungeahnt gewandten Sätzen befand er sich vor ihr, machte eine tiefe Verbeugung und reichte ihr das Tuch.

Die Dame dankte freundlich, denn sie hatte nicht bemerkt, wie sehr dieser Mann zum Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden war. Auch der Herr nickte kurz wie ein Nußknacker. Einen Augenblick schien es, als hielte er Hubert für einen Kellner, und er streckte schon die Hand in die Tasche nach einer Münze. Dann mußte ihn irgend etwas aber doch stutzig gemacht haben, und er unterließ die Gabe – zu Flannagans lebhaftem Bedauern.

Hubert sah sehr stolz aus, als er sich auf den Rückweg machte. Der Umstand, daß er dabei mehrmals stehen blieb und kummervoll die beschädigte Weste betrachtete, trug wesentlich zur Besserung der allgemeinen Stimmung bei. Flannagan konnte zufrieden sein: auf ihren Tisch war man nunmehr aufmerksam geworden.

»Kennen Sie die Dame, Mr. Harrogate?« erkundigte sich Hubert ziemlich laut, als er wieder Platz nahm.

»Das ist der englische Gesandte mit seiner Gattin«, sagte Harrogate zugeknöpft.

»Rassiges Weib«, erklärte Hubert begeistert, und sein rotes Gesicht glänzte richtig vor Zufriedenheit. »Diese Bekanntschaft kann mir noch von großem Nutzen sein.«

Harrogates Gesicht verzog sich, als ob er plötzlich heftiges Bauchgrimmen hätte. Aber er sagte nichts mehr. Eine Unterhaltung mit Hubert fürchtete er, und wohl mit Recht.

Inzwischen waren die Speisen aufgetragen worden, und alles machte sich ans Essen. Außer Flannagan und den beiden Harrogates wußte niemand, wie man beim Verspeisen dieser Gerichte mit den Messern, Gabeln und Löffeln umzugehen habe. Die Braut Flannagans aber war die einzige, die abwartete, bis jemand anderes es ihr vormachte. Flannagans drei Freunde aßen unbekümmert, wie es ihnen einfiel. Einem Mann wie Harrogate mußte dieser Anblick sehr weh tun.

Es war still geworden, und Flannagan hielt es daher für angebracht, für die allgemeine Unterhaltung zu sorgen. Er trat seinem Freunde Jim sehr nachdrücklich auf den Fuß, und Jim begriff sofort, daß seine Stunde gekommen sei.

»Wissen Sie, Miß Harrogate«, begann er mutig, »bei so einem feinen Abendessen muß ich immer an meinen Bruder denken …«

Miß Harrogate blickte flüchtig auf und lächelte freundlich.

»Ihr Bruder liebte es wohl sehr, einmal gut zu essen?« fragte sie in der lobenswerten Bestrebung, ein Gespräch in Fluß zu bringen.

»Ja, sehr«, antwortete Jim aufseufzend. »Aber man gab ihm nichts – acht Monate lang bekam er nichts Gutes zu essen. Man hatte ihn angeklagt wegen Leichenraubs, – das ist eine großartige Geschichte, die muß ich euch mal erzählen – – –«

Plötzlich hatte Jim alle Befangenheit verloren. War es die alte Geschichte, die er so oft schon in ganz anderem Kreise zum besten gegeben, oder war daran der Umstand schuld, daß ihm alle so aufmerksam zuhörten, – jedenfalls schien Jim vergessen zu haben, wo er sich befand und mit wem er sprach.

»Also hört mal zu, Kinder!« rief er fröhlich. »Mein Bruder war nämlich als Totengräber angestellt. Tja, und da hatte er nicht nur über die Gräber mit zu wachen, sondern auch über die frisch herangeschleppten Leichen, die am nächsten Tage beerdigt werden sollten. Nun waren das ja meistens schon verdorbene Leichen, so von Selbstmördern oder Ertrunkenen, an denen schon oft die Studenten ihre Künste versucht hatten. Manchmal fehlten ganze Beine oder Köpfe, – es war scheußlich, wenn mein Bruder das so beschrieb. Ich kanns leider nicht so gut. Also eines schönen Tages wurde da aber ein junger Mann herbeigeschleppt – mausetot natürlich und schon sehr übelriechend – – –«

Harrogate schob mit einem Ruck seinen Teller von sich.

»Wenn Sie wünschen, daß ich weiter esse, Mr. Flannagan«, sagte er streng, »dann bitten Sie diesen jungen Mann, endlich aufzuhören!«

Tamara Harrogate sah starr auf ihren Teller und konnte anscheinend ebenfalls nicht mehr essen. Um so besser ließen es sich Hubert und Tom schmecken.

»Wenn Ihnen meine Geschichte nicht gefällt, so kann ich ja auch schweigen«, sagte Jim beleidigt. »Aber es war eine großartige Geschichte. Sie versäumen eine herrliche Gelegenheit, sie zu hören.«

Flannagan gab Tom mit den Augen das Zeichen, nunmehr mit seiner Geschichte zu beginnen, aber etwas anderes kam dazwischen. Neben ihnen tauchte plötzlich die Gestalt eines feingekleideten Herrn auf.

»Entschuldigen Sie bitte meine Zudringlichkeit, Mr. Harrogate«, sagte die Stimme Inspektor Baths sehr freundlich. »Ich wäre Ihnen aber außerordentlich dankbar, wollten Sie die Güte haben, mich mit Mr. Flannagan bekannt zu machen.«


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