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XVIII.

Der Beamte winkte seinen beiden Begleitern mit einer Kopfbewegung und schritt rasch zur Tür des Badezimmers. In der Hand hielt er jetzt einen Revolver. Dies und seine entschlossene, finstere Miene hätten Brennan verraten, daß es sich um einen Schwerverbrecher handelte, wenn nicht der Name McGregor ihm schon genügend gesagt hätte.

Die Linke des Beamten legte sich mit schwerem Druck auf die Türklinke. Die Tür gab nicht nach.

»Verschlossen«, knurrte der Mann und drehte sich schnell um. »Haben Sie die Tür verschlossen, Mr. Brennan?«

Der junge Mann schüttelte nur stumm den Kopf, unfähig, ein Wort hervorzubringen. Er war wohl ein Hochstapler, doch in diesem Augenblick fühlte er deutlicher denn je, daß er nur ein kleiner Hochstapler war. Solchen Lagen wie dieser hier fühlte er sich gar nicht gewachsen.

»Aufmachen!« schrie der Beamte laut. »Sofort wird geöffnet! Hier ist die Kriminalpolizei!«

Es wurde nicht geöffnet. Brennan war überzeugt, daß die Tür freiwillig nie und nimmer geöffnet werden würde. Auch der Beamte schien dieser Meinung zu sein, denn er wiederholte seine Aufforderung nicht. Statt dessen rief er seinen Gehilfen ein paar Worte zu, und die beiden warfen sich mit aller Wucht gegen die Tür, während er sich selbst, Revolver im Anschlag, etwas im Hintergrund hielt. Die Tür gab jedoch auch jetzt nicht nach.

»Einen Schlosser, schnell!« schrie der Beamte, aber dann hob er rasch die Hand. »Halt! Wie ist das, Mr. Brennan, das Badezimmer hat doch keinen anderen Ausgang?«

Das Blut hämmerte Brennan in den Schläfen. Wie eine fremde erschien ihm seine eigene Stimme, als er leise antwortete:

»Doch, es gibt noch einen zweiten Ausgang, der ins Nebenzimmer führt. Das Bad ist zum Benutzen für mich und meinen Zimmernachbarn bestimmt.«

»Wer nebenan wohnt, wissen Sie nicht?«

»Ein Schauspieler namens Murphy«, antwortete Brennan.

Ein kräftiger Fluch entfuhr dem Beamten.

»Jetzt weiß ich genug: Dieser Murphy … dieser Murphy … Aber schnell, schnell: Ins Nebenzimmer!«

Niemand forderte Brennan auf, den Beamten zu folgen, aber mit einer Art schauriger Neugier zog es ihn mit. Wie im Traume nahm er wahr, daß auf dem Gang Leute herumstanden, die ihn und die Beamten mit stummer Frage musterten. Die Nachricht von der bevorstehenden Verhaftung mußte sich schnell herumgesprochen haben.

Die Tür zum Nebenzimmer war unverschlossen. Die Beamten stürzten vor, ohne diesmal einen Augenblick Zeit zu versäumen. Brennan und mit ihm eine Menge anderer Neugieriger folgten ihnen bis an die Schwelle und blickte gespannt in das Zimmer.

Es war leer. Das war Brennans erster Gedanke. Leer, leer, also mußte McGregor geflohen sein oder sich noch im Badezimmer versteckt halten. Brennan fand gerade noch Zeit, einen flüchtigen Blick auf die im ganzen Zimmer herrschende Unordnung zu werfen, als seine Aufmerksamkeit von etwas anderem in Anspruch genommen wurde: Der Beamte hatte sich der Tür zum Badezimmer genähert.

Ein fester Zugriff, ein Ruck, und die Tür sprang auf. Für zwei, drei Sekunden war der Beamte im kleinen Baderaum verschwunden, dann tauchte er wieder auf. Er brauchte nichts zu sagen, nichts zu erklären: an seinem enttäuschten Gesicht erkannte jeder, daß auch das Badezimmer leer war.

Schon befand sich der Beamte wieder im Gang. Seine nächste Frage galt allen Anwesenden zugleich:

»Hat jemand dieses Zimmer innerhalb der letzten zehn Minuten verlassen?«

»Ja, jawohl«, antworteten mehrere Stimmen. »Mr. Murphy kam vor einigen Minuten heraus, erkundigte sich, was hier vorginge, und ging dann zur Treppe.«

»So!« rief der Beamte aus. »Ich weiß genug. Bitte, meine Herren«, ordnete er seinen Gehilfen an, »durchsuchen Sie genauestens diesen Raum auf etwaige Spuren; ich muß jetzt nach unten.«

Er eilte davon, und da die beiden anderen Polizisten die Zimmertür zuzogen, folgten die meisten der Neugierigen ihm, unter ihnen auch Brennan.

Die Nachfrage beim Portier ergab nichts Bestimmtes. Es hätten wohl verschiedene Herren eben das Hotel verlassen; ob aber Mr. Murphy darunter gewesen sei, konnte der Mann nicht angeben.

»Seit wann wohnt Mr. Murphy hier?« fragte der Kriminalist.

»Seit sechs Tagen«, erwiderte der Portier, nachdem er ein Buch aufgeschlagen hatte.

»Kennen Sie den Mann von früher her? Ich meine: hat er hier öfters gewohnt?«

»Nein, er wohnt zum erstenmal bei uns«, gab der Portier Auskunft.

»Sie, Mr. Brennan, kennen diesen Mr. Murphy auch nicht näher?« fragte der Beamte Brennan.

Der junge Mann schüttelte den Kopf.

»Ich lernte ihn beim Essen kennen und habe mich zwei oder dreimal mit ihm unterhalten. Sonst kenne ich ihn gar nicht.«

»Mr. Murphy machte einen sehr anständigen, vornehmen Eindruck«, sagte der Portier. »Wenn Sie ihn verdächtigen, so glaube ich, Sie befinden sich sehr im Irrtum – – –«

Der Beamte sah den Portier schräg von der Seite an.

»So, so … murmelte er durch die Zähne. »Anständiger, vornehmer Eindruck! Großartig! Und ich sage Ihnen, dieser Murphy und kein anderer ist der gesuchte McGregor. Ich setze meinen Kopf zum Pfand!«

Einer der Gehilfen stand plötzlich neben dem Kriminalbeamten.

»Sie irren sich, Officer«, sagte er leise, aber viele konnten es doch verstehen. »Mr. Murphy kann es nicht sein. Wir fanden eben unter dem Bett seinen Leichnam. Erstochen.«

»Hinauf!« befahl der Beamte und stürzte davon.

Brennan ließ sich auf den nächsten weichen Sessel sinken.

»Bringen Sie mir eine Eislimonade, kalt, kalt, sehr kalt«, bat er den herbeieilenden Kellner.

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Eine Viertelstunde später fuhr ein Wagen vor, dem fünf Männer entstiegen, deren ernster Gesichtsausdruck verriet, daß sie sich hier nicht zum Vergnügen befanden. Die Mordkommission! – durchfuhr es Brennan. Und dann dachte er daran, wie leicht es hätte geschehen können, daß dieselbe Mordkommission statt Murphys jetzt sein, Brennans, gewaltsames Ende zu klären gehabt hätte. Das Gesicht Brennans war bleich, und seine Hände zitterten. Noch nie war er so sehr bereit gewesen, ein anständiger Mensch zu werden, wie eben jetzt.

Zwei volle Stunden hatte Brennan so dagesessen und hatte dabei über sein verpfuschtes Leben nachgedacht. Er, er allein war an seinem verfehlten Leben schuld – das sah er jetzt ein, – da gab es keinen Zweifel. Als er endlich die Mordkommission und die drei anderen Kriminalbeamten das Hotel verlassen sah, richtete er sich auf, trank den letzten Schluck seiner längst warm gewordenen Limonade aus und machte sich auf den Weg zu seinem Zimmer. Er mußte sich umziehen und zu Miß Harrogate eilen. Es war höchste Zeit!

Die Siegel an der Tür zu Mr. Murphys Zimmer bemühte er sich, nicht zu bemerken. Wozu an so etwas denken, nun, da es doch überstanden war! Und schließlich war an seinem verpfuschten Leben doch hauptsächlich sein Vater schuld, der ihn nicht streng genug erzogen hatte. Ganz gewiß.

Brennan öffnete die Tür und drehte an dem Lichtschalter. Das Licht brannte natürlich nicht. Mit einem leisen Fluch schritt er auf die zugezogenen Vorhänge zu.

»Lassen Sie das, Mr. Brennan«, sagte die Stimme McGregors ruhig. »Wir wollen erst unser unterbrochenes Gespräch beenden.«


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