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XXXII.

Um fünf Uhr nachmittags betrat Bath wieder das Zimmer des Chefinspektors. Er hatte es nur für zwei Stunden verlassen gehabt, um einige Erkundigungen einzuziehen.

Lincoln stand am Fenster, die Hände wie immer in den Taschen, den Kopf leicht gesenkt, zwischen den Lippen die halbaufgerauchte Zigarre. Beim Eintritt Baths wandte er sich kaum um.

»Nichts Neues?« fragte der Inspektor.

»Nein.« Lincoln räusperte sich. »Nein, nichts«, wiederholte er. »Von Flannagan keine Spur, von Miß Harrogate keine Spur. Höchstens eine Neuigkeit – kaum der Rede wert: den Brennan haben sie gefunden – an einem Baum aufgeknüpft.«

Bath atmete auf.

»So?«

»Ja, so! Verstehen Sie das?!

»Nein. Wo wurde er gefunden?«

»Zwei Kilometer von Lewiston-Maine entfernt. Die Umgebung wird dort natürlich nun besonders genau nach Flannagan und Miß Harrogate abgesucht, obwohl ich für meinen Teil sie überall, nur nicht dort suchen würde.«

»Man muß eben alles versuchen …«, meinte Bath nachdenklich. »Was ist mit Hubert?«

»Im gewöhnlichen Verfahren verhört. Bislang völlig ergebnislos. Wird aber bald redseliger werden.«

»Sie sind überzeugt, daß er McGregor kennt?«

»So überzeugt, wie man nur sein kann. Ich durchsuchte sein Zimmer, weil ich Flannagan verdächtigte. Ich fand im Ofen einen halbverkohlten Brief mit der Unterschrift McGregors. Unterschrift unbedingt echt. Ich kenne sie. Er muß also Befehle unmittelbar von McGregor erhalten haben.«

»Und …« Lincoln schnaufte ein paarmal, ehe er die Frage aussprach: »Und … Sie halten immer noch an der Meinung fest, Flannagan selbst sei dieser McGregor?«

Bath überlegte ein wenig.

»Nein«, sagte er dann. »Ich glaube es nicht – mehr. Flannagan wies mir gestern einen Befehl McGregors vor, gemäß dem meine Frau und Kinder zu entführen seien. Er tat es, um mich zu prüfen. Heute bin ich davon überzeugt. Er wollte herausbekommen, ob ich diesem Befehl glaube. Auf diese Weise verschaffte er sich Gewißheit darüber, ob ich McGregor sei oder nicht. Nun, ein Mensch, der selbst McGregor ist, hat das nicht nötig.«

»Logisch. Aber wer soll es sonst sein? Verstehen Sie doch: Es muß jemand sein, der dauernd um uns herum war, der alles erfahren konnte, alles vereiteln! Es muß ein Mensch sein, auf den bis jetzt nicht der leiseste Verdacht gefallen ist – – –«

»Einen solchen Menschen in unserer nächsten Umgebung gibt es nicht«, unterbrach Bath seinen Vorgesetzten leise. »Ich habe alle in Verdacht gehabt, alle!«

»Und Sie sind nicht in der Lage, mir einen zu nennen, der es sein könnte?«

»Nein.«

Es klopfte, und ein Polizist trat ein. Er konnte es sich nie erklären, warum ihm Bath eine Dollarmünze in die Hand drückte.

»Chefinspektor«, sagte er mit belegter Stimme. »Es … es ist etwas Unangenehmes …«

»Was Unangenehmes?« brüllte Lincoln. »Hat man mir in diesem Zimmer schon je etwas Angenehmes berichtet! Los! Was ist geschehen?«

Der Polizist trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. »In der Zelle, in der dieser Hubert gefangen gehalten wurde, fanden wir eben …« Er stockte.

»Was fanden Sie?« kreischte Lincoln. »Ich bin hier nicht zum Rätselraten da!«

»Diesen Zettel«, sagte der Polizist und reichte Lincoln ein abgerissenes Stück weißen Packpapiers, auf dem mit Bleistift ein paar Worte standen.

Lincoln rannte damit ans Fenster.

»Blech!« rief er aus. »Bath, lesen! Meinung sagen!«

Mit großer Vorsicht trat Bath näher und griff nach dem Zettel. Dann las er:

»F.i.T.K-O-N-E-Z.McG.«

Eine Weile sprach niemand ein Wort.

»Nun?« schnaubte Lincoln.

Bath zuckte die Achseln.

»Unserer Abteilung für Geheimschriften übergeben«, sagte er sachlich. »Wird übrigens nichts nützen. Solch eine kurze Botschaft ist nicht zu entziffern. Also bleibt uns Hubert. Er muß sprechen, muß!«

»Wird sprechen!« betonte Lincoln zornig. »Und bis dahin kann durch diese Botschaft, die Hubert ohne Zweifel doch schon vor seiner Verhaftung weitergegeben hat, unnennbares Unheil angerichtet werden.«

»Können wir nicht ändern«, war Baths Meinung.

»Man kann's versuchen!« Lincoln raste zum Fernsprecher. »Hallo, hallo, Mr. Edward? Passen Sie auf! An alle Zeitungen, die noch heute erscheinen, folgende Anzeige geben: Eintausend Dollar Belohnung dem, der imstande ist, noch heute abend oder nacht folgende geheime Botschaft zu entziffern – schreiben Sie es auf, ja? – F.i.T.K-O-N-E-Z.McG. Haben Sie es? Wiederholen! … Ja … Ja … Richtig! Weiter: Meldungen zu beliebiger Stunde im Polizeihauptquartier, Zimmer hundertzweiunddreißig. – Schluß. Halt, Sie können noch bemerken, daß die letzten drei Buchstaben ohne Zweifel McGregor bedeuten. Alles verstanden? Ist gut … Zeitungen heraufschicken.«

Triumphierend wandte sich Lincoln Bath zu.

»Nun?«

»Vielleicht nützt es etwas«, meinte Bath zweifelnd.

Lincoln wollte aufbegehren, doch da fiel sein Blick auf den Polizisten, der immer noch verlegen an der Tür stand.

»Sie, junger Mann, Sie sprachen da etwas von einer unangenehmen Botschaft. Die kommt wohl erst noch?«

»Nein, aber … Ich selbst habe diesen Hubert doch nach seiner Einlieferung durchsucht. Glauben Sie mir, Chefinspektor, wir haben ihn genau durchsucht. Und nun hinterher findet sich in seiner Zelle dieser Wisch. Es muß ihn jemand nachträglich hingeschafft haben.«

»Quatsch!« schnitt Lincoln ab. »Vorher oder nachher, das ist jetzt egal! Hauptsache ist, wir kriegen den Sinn raus. Sie können gehen.«

Die Miene des Polizisten hellte sich auf. Bedeutend heiterer, als er gekommen, verließ er das Zimmer des gefürchteten Vorgesetzten.


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