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XXX.

Sekundenlang war es still. Dann lachte Brennan grell auf.

»Aufhängen?! Ha ha! Sie machen Scherze … Ha ha! Aber das geht … geht zu weit! Ich … ich vertrage solche Scherze nicht.«

»Folgen Sie uns«, sagte die Stimme aus dem Dunkeln. »Und seien Sie wenigstens jetzt ein – Mann.«

»Ich … ich will nicht! Nein, nein! Ich will nicht mit Ihnen gehen!« schrie Brennan auf. »Sie machen solche Scherze … Nein, nein! Flannagan! Helfen Sie! So helfen Sie mir doch … Die … diese Kerle … och … ah …«

Man hatte ihn gepackt und zerrte ihn aus dem Wagen. Er wehrte sich aus Leibeskräften, umklammerte mit beiden Händen das Steuerrad vor Tamara und schrie laut und schrill.

Tamara sprang entsetzt auf, riß an dem Wagenschlag und wollte hinaus. Doch der Schlag wurde von außen zugehalten.

»Lassen Sie mich hinaus«, jammerte sie zitternd vor Schrecken. »Ich kann das nicht mit ansehen … Lassen Sie mich hinaus …«

»Herauslassen!« ordnete die Stimme aus dem Dunkeln an. »Festhalten, bis dieser Jammerlappen weggeschafft ist Dann ins Wageninnere zu Flannagan mit ihr.«

Sofort öffnete sich der Wagenschlag. Mehrere kräftige Arme packten sie und hielten sie fest.

»Verlieren Sie nicht die Nerven«, sagte Flannagan ernst. »Brennan hat sein Schicksal verdient.«

»Ich … ich …«, jammerte Brennan. »Ich habe nie etwas Böses tun wollen. Erbarmen! Nie etwas Böses … Haben Sie Erbarmen mit mir. Ich flehe Sie an … Nehmen Sie alles, was ich habe, aber lassen Sie mich frei … Ich will nichts verraten, nichts verraten … McGregor? Sie sind McGregor? Ich flehe Sie an …«

Dann schrie er wild auf. Man hatte ihm mit einem harten Gegenstand je einen Schlag auf jede Hand versetzt, so daß er das Steuerrad loslassen mußte.

»Hilfe! Hilfe!« kreischte er. »Um Gotteswillen! Ich will nicht sterben … Ich will nicht …« Seine Schreie wurden leiser und leiser, je weiter man ihn wegschleppte. Noch einige Male tönte ein heller Aufschrei zu den Zurückgebliebenen, dann war es still.

Tamara Harrogate, die haltlos schluchzte, wurde mit ziemlicher Rücksicht zu Flannagan ins Wageninnere befördert. Sie sank neben ihm in die Polster, umklammerte seine Hand und weinte hemmungslos.

Flannagan sagte nichts. Er fuhr ihr ein paarmal über das Haar, aber er war nicht imstande, sie zu trösten. Ihm selbst tat Brennan nicht leid. Wäre es nach dem Gesetz nicht verboten gewesen, er selbst hätte ihn kaltblütig aufknüpfen können. Nun ja, Weiber dachten da anders. Und dann ahnte Tamara ja noch nicht, mit was für einem Schurken sie es da zu tun gehabt hatte.

Stimmen wurden laut. Anscheinend kamen die Männer nach verrichteter Arbeit wieder zurück.

»Jetzt schnell!« sagte jemand.

Zwei Männer stiegen zu Flannagan und Tamara ein und setzten sich ihnen gegenüber. Einer nahm am Steuer Platz und ein anderer neben ihm. Gleich darauf setzte sich der Wagen in Bewegung. Aber er fuhr nicht geradeaus weiter, sondern wendete langsam, und dann ging es zurück, in derselben Richtung zurück, aus der sie gekommen waren.

»Die Polizei erwartet Brennan an sämtlichen canadischen Grenzen«, sagte jemand leise. Es war wieder finster im Wagen, so daß man den Sprecher nicht sehen konnte. »Hier werden sie ihn nicht suchen. Dennoch müssen wir uns beeilen. Besser ist besser.«

»Besser ist besser«, bestätigte eine andere Stimme.

Die Fahrt dauerte noch etwa zwei Stunden. Der Weg führte kreuz und quer, im Zickzack durch allerlei unbekannte Gegenden, bald über gute Landstraßen, bald wieder über kaum fahrbare schlechte Wege. Während der ganzen Zeit war man nicht in die Nähe einer noch so kleinen Stadt gekommen.

Endlich hielt der Wagen. Er hielt inmitten eines Waldes vor einem kleinen einstöckigen Hause. Es sah aus wie ein gewöhnliches Bauernhaus. Mehr konnte Flannagan im Dunkeln nicht erkennen.

»Bitte, folgen Sie uns«, sagte jemand.

Flannagan sah nicht, ob man sich überhaupt um sie kümmerte, doch wagte er keinen Fluchtversuch. Er wußte, das würde ihm und Tamara das Leben kosten.

Im Hause brannte eine helle Petroleumlampe. Um einen runden Tisch herum saßen sechs Männer und spielten Karten. Beim Eintritt der Neuankömmlinge trat erwartungsvolle Stille ein.

»Alles erledigt«, meldete einer ihrer Begleiter. »Brennan – aus. Die beiden anderen hier.«

»Führ sie nach unten«, sagte einer der Kartenspieler.

War Flannagan schon im ersten Zimmer die verhältnismäßig kostbare Einrichtung aufgefallen, so staunte er um so mehr, als man ihnen im Kellergeschoß das Zimmer zuwies, das nun ihr Gefängnis sein sollte. Es war ein großer, geschmackvoll eingerichteter Raum mit Teppichen, Wandbehängen und Büchergestellen. An einer Wand stand ein Bett, an der anderen eine Art Sofa mit geschnitzter Lehne, Nur die schwervergitterten beiden kleinen Fenster verrieten die eigentliche Bestimmung dieses Raumes.

»Bitte, machen Sie es sich bequem«, sagte ihr Begleiter freundlich. »Sie werden gleich etwas zu essen und zu trinken bekommen.«

Dann ließ er die beiden allein.

Tamara blickte sich traurig in dem Zimmer um.

»Also gefangen«, sagte sie um vieles gefaßter als früher. »Und was mag man mit uns vorhaben?«

Flannagan zuckte die Achseln und besah sich angelegentlich die Bilder an der Wand.

»Ich kenne Sie als tapferes Mädchen«, sprach er leise, etwas durch die Zähne. »So oder so, gilt es jetzt unser Leben. Also nehmen Sie sich zusammen. Wir müssen uns hier in einer anderen Sprache unterhalten. Können Sie französisch, deutsch oder italienisch?«

»Ich kann französisch, deutsch und italienisch.«

»Na, dann werden wir bald eine Sprache finden, die hier niemand versteht«, sagte Flannagan in fließendem Französisch. »Vor allen Dingen müssen Sie stets so tun, als glaubten Sie allem, was Ihnen hier gesagt wird.«

Sie nickte, sagte jedoch nichts, da sich die Tür öffnete und ein sauber angezogenes hübsches junges Mädchen zwei Gedecke hereinbrachte. Sie machte schnell den Tisch zurecht, dann ging sie wieder, kam aber sofort zurück, beladen mit Schüsseln, die allerlei wohlriechende Speisen enthielten.

»Ich wünsche guten Appetit«, sagte sie in französischer Sprache. Dann huschte sie hinaus.

Flannagan sah Tamara an, und sie erwiderte bedeutsam seinen Blick.

»Auch gut«, meinte er und bediente sich jetzt der deutschen Sprache. »Wände haben Ohren. Ob aber die Wände auch deutsch verstehen?«

»Jetzt wollen wir vor allen Dingen essen«, sagte sie auf deutsch. »Können die Speisen vergiftet sein?«

»Vorläufig kaum anzunehmen«, antwortete er. »Man hätte uns doch nicht erst hierhergeschleppt, falls man uns sofort umbringen wollte.«

Sie setzten sich beide an den Tisch und begannen mit dem Essen. Sie hatten jedoch kaum die Speisen auf die Teller gelegt, als sich die Tür nach kurzem Klopfen wieder öffnete. Einer der Kartenspieler stand auf der Schwelle.

»Ich wünsche guten Appetit«, sagte er in deutscher Sprache. »Es freut mich zu sehen«, fuhr er in geläufigem. Italienisch fort, »daß die Dame und der Herr die Lage nicht allzu tragisch nehmen. Was ich Ihnen mitzuteilen habe, ist folgendes: Sie wurden festgenommen, weil McGregor vergessen hatte anzugeben, was mit Ihnen zu geschehen habe. Wir machten eigentlich nur Jagd auf Brennan, und hätten Sie nicht im gleichen Wagen gesessen, wir hätten Sie ruhig weiterfahren lassen, nachdem … hm … alles Nötige geschehen war. Nun müssen wir aber sicherheitshalber abwarten, was McGregor über Sie bestimmt. Ihre Lage ist also durchaus nicht verzweifelt. Im Gegenteil, ich hoffe, Sie in vierundzwanzig Stunden frei lassen zu dürfen.«

Er verneigte sich und wandte sich zur Tür. Doch dann drehte er sich noch einmal um und sagte, schon halb und halb draußen:

»Ich höre, Sie haben viel für Sprachforschung übrig. Sollten Sie sich langweilen, so haben Sie Gelegenheit, sich hier mit meinen Leuten auch spanisch, russisch, griechisch und sogar chinesisch zu unterhalten. Ich wünsche nochmals den besten Appetit.«

»Das nennt man dann Dienst am Kunden«, sagte Flannagan wütend, als sich die Tür geschlossen hatte.


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