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XIX.

Ein krampfhaftes Zucken überlief Brennan. Er wollte sich beherrschen, irgendwie den Gleichmütigen spielen, aber er empfand sofort, wie sehr das über seine Kräfte ging. Sein Grauen vor diesem Manne war größer als sein Wille, war größer sogar als seine Furcht vor der Polizei. Mit einem leisen Stöhnen ließ er sich auf den Stuhl sinken, auf dem er vorhin gesessen hatte. Er sprach kein Wort, – weil er nicht fähig war, zu sprechen und weil er die Nutzlosigkeit aller Worte begriff.

Die Laterne McGregors blitzte wieder auf und beleuchtete Brennans geisterhaft bleiches Gesicht.

»Sie haben sich ganz gut gehalten«, sagte McGregor langsam, fast väterlich, aber mit einem grollenden Unterton. »Man kann von einem Hasen nicht verlangen, daß er sich benimmt wie ein Löwe. Aber für einen Hasen – wie gesagt – war Ihr Benehmen ganz gut. Wissen Sie …«

»Wollen wir nicht zur Sache kommen?« fragte Brennan, all seinen Mut zusammennehmend. »Sie belästigen mich in einer Weise – – –«

Die Antwort McGregors war scharf und böse:

»Wir werden zur Sache kommen, sobald es mir zusagt, mein Freund? Verstanden? Und Unterbrechungen kann ich überhaupt nicht leiden, für den Tod nicht leiden. Ebenfalls verstanden? Es gibt eine ganze Menge Dinge, die ich für den Tod nicht leiden kann, und mit dem Tod stehe ich auf sehr gutem Fuße, – ein für allemal –: verstanden? – So, und jetzt können wir fortfahren, lieber Mr. Brennan. Sie waren ein wenig ungezogen, ich hab' Sie dafür ausgezankt, und damit ist der Fall für dieses Mal erledigt. Noch einmal einen solchen Ton, und es geht Ihnen wie dem Schauspieler nebenan.«

»Warum …« begann Brennan ganz leise und ganz zahm. »Warum haben Sie ihn getötet? War er Ihr Feind, oder wollte er Sie verraten?«

»Er war weder mein Feind, noch wollte er mich verraten«, erwiderte McGregor bereitwillig. »Ich sah ihn zum ersten Male im Leben, als ich das Zimmer nebenan betrat. Er bat um sein Leben; er sagte, er würde mich nie verraten; er wollte mich verstecken … Mehr konnte er nicht sagen – da war er schon tot.«

»Aber warum? Warum? Wenn er doch – –«

»Weil nur einer von uns beiden sein Zimmer verlassen konnte, und das mußte ich sein und nicht er. Er hatte alles Nötige auf dem Tisch liegen, und ich konnte mich sehr schnell so sehr verwandeln, daß man mich bei flüchtigem Hinsehen für den Schauspieler halten konnte. Ich kam auch unangefochten an der feigen Meute vorbei, die draußen vor dieser Tür auf ihre Sensation lauerte. Ich wollte auch die Straße gewinnen, aber als ich auf der Treppe in den großen Spiegel sah, bemerkte ich, daß meine Maske nicht gut genug sei, um mich an den drei Leuten der Burns Detektei vorbeizubringen, die schon seit vier Stunden am Ausgang auf mich warteten. Darum mußte ich bleiben, mich der nachher natürlich sehr gefährlich gewordenen Maske entledigen und mich solange im Hotel verborgen halten, bis die Greifer alle weg waren. Das habe ich getan, und jetzt bin ich hier, um mich mit Ihnen auszutauschen.«

Brennan merkte, daß jetzt der Zeitpunkt da war, der McGregor zusagte, um zur Sache zu kommen. Das aber, was Brennan vorhin mit Ungeduld erwartet hatte, das fürchtete er jetzt. Eine Ahnung sagte ihm, McGregors Anliegen würde etwas Entsetzliches sein.

»Sie haben mir einen Schaden zugefügt. Den müssen Sie bezahlen«, sagte McGregor kurz, und Brennan war es, als sei ihm ein Stein vom Herzen gewälzt. Er hatte ja kein Geld, und vom Bezahlen konnte daher auch keine Rede sein. Sobald er McGregor das erklärt hätte, würde also dieses schreckliche Beisammensein mit einem der gefährlichsten Banditen der Staaten sein Ende gefunden haben.

»Sehen Sie, Mr. McGregor«, sagte Brennan plötzlich fast fröhlich. »Ich bin ein anständiger Mensch, und ich möchte gern den Ihnen zugefügten Schaden wieder gutmachen – – –«

»Das freut mich«, warf der Gast trocken ein.

Diese kurzen Worte brachten Brennan ein wenig aus der Fassung. Sie klangen so sicher, so abschließend, so – – – so – – –

»Wieder gutmachen … Sehr gern …« stammelte Brennan verwirrt. »Doch meine Lage … ich meine: die Finanzlage … ist sehr … ja, sehr ungünstig. Vielleicht später einmal, wenn die Geschäfte sich bessern … Aber augenblicklich? Tut mir aufrichtig leid … Aber Geld …«

»Geld! Geld! Ihr Geld!« lachte McGregor auf. »Hätten Sie Geld und McGregor brauchte es, so würde er es sich holen lassen und fertig, Schluß! Er würde sich nicht der Gefahr aussetzen, hier wie eine Maus in der Falle erwischt zu werden.«

»Aber … Aber … Was wünschen Sie denn dann eigentlich von …«

»Sie werden Ihre Schuld bei mir abarbeiten«, sagte McGregor ruhig.

»Ab – ar – bei – ten – – –?«

»Ab – ar – bei – ten!«

»Mein Gott – – –«

»Religion ist eine gute Sache, aber die Menschen besinnen sich meist zur Unzeit darauf«, meinte der Fremde kühl. »Jetzt werden Sie das tun, was McGregor wünscht. Fertig. Schluß!«

Brennan atmete heftig.

»Und wie – – – und was – – –«

»Sie werden alles Nötige gleich erfahren. Ich brauche Sie als Strohmann. Das ist es.«

»Habe ich richtig gehört: als Strohmann?«

»Sie haben richtig gehört: als Strohmann. Mein letzter Strohmann war McGregor, der Dicke. Er hieß in Wirklichkeit genau so wenig McGregor wie Sie, doch ist das nicht so wichtig. Er litt sehr an Asthma, und als er keine Luft mehr bekam, wurde er leichtsinnig. Das ist wichtiger. Er starb sofort an einer Kugel. Zu wenig Luft ist besser als zu viel Kugeln. Merken Sie sich das für alle Fälle. So, und von heute an werden Sie mein Strohmann sein, also mich nach außen hin würdig vertreten. Sie haben nichts weiter zu tun als genau die Befehle weiterzuleiten, die Sie von mir erhalten. Dabei müssen Sie aber allen unseren strammen Kerlen erklären, Sie und kein anderer seien McGregor. Sie müssen ihnen das erklären, so oft die Ochsen es nur hören wollen.«

»Das … das kann ich nicht!« schrie Brennan entsetzt auf. »Wenn nun die Polizei mich festnimmt und denkt, ich sei wirklich McGregor – –«

»So haben Sie auch diesen Ochsen zu erklären, Sie seien wirklich McGregor.«

»Und … und wenn sie mich hängen?«

»Dann hängen Sie eben. Was denn sonst? Vielleicht Karussell fahren?«

Aus den Worten McGregors klang ein solcher Hohn, daß Brennan, ohne zu denken, ganz empfindungsgemäß begriff, er müsse sich ganz in der Hand dieses schrecklichen Menschen befinden. Dieser Mensch hätte es sonst nie gewagt, ihn zu verhöhnen.

»Ich fasse das nicht«, jammerte er. »Ich fasse das nicht … Und ich weiß, ich kann das nie, nie tun …«

»Sie werden staunen, wie gut Sie es können«, unterbrach ihn McGregor. »Hängen kann jeder, auch der Dümmste. Die Polizei gibt zum Strick immer auch gleich die Gebrauchsanweisung mit.«

»Aber ich meine ja nicht das Hängen, ich dachte an das Vertreten. Ich kann nicht …«

»Endlich wenden Sie sich vernünftigeren Gedanken zu. Also das Vertreten … Hm … Wird sehr einfach sein. Werde ich Ihnen nach und nach schon beibringen. Erst aber will ich Ihnen noch sagen, warum gerade Sie sich dazu besonders eignen. Der Strohmann, den ich brauche, muß folgenden Bedingungen entsprechen: Er muß ganz in meiner Hand sein; er muß ein Hasenfuß sein, der nie an Verrat zu denken wagt; er muß etwas einfältig sein, damit ich es gleich merke, wenn er doch mal an Verrat denkt. Ferner muß er ein weltmännisches Auftreten haben, und in seinem Gehirnkasten muß es so luftig und leer sein, daß er beim besten Willen meinen Leuten nichts anderes sagen kann, als was ich ihm auftrage. Allen diesen Bedingungen werden Sie gerecht.«

Eine Weile wartete McGregor auf Antwort, da aber Brennan nichts sagte, fuhr er fort:

»Auf Ihrem Schreibtisch liegt ein Zettel mit drei Namen und Adressen. Die haben Sie auswendig zu lernen. Der Zettel wird vernichtet. Heute abend um neun Uhr gehen Sie nacheinander zu den drei Männern und stellen sich ihnen als der einzige echte, oft nachgemachte, aber nie erreichte McGregor vor. Glauben die Kerle nicht gleich, so erzählen Sie ihnen etwas vom Hängen. Macht immer einen guten, glaubhaften, nachhaltigen Eindruck. Und dann geben Sie den dreien meine Befehle, gehen nach Hause und legen sich schlafen. Das ist für heute alles.«

»Ich habe verstanden«, sagte Brennan leise. »Und … was für Befehle?«

McGregors Stuhl knackte, dann vernahm Brennan Schritte und sah, wie der Schein der Laterne an der Wand entlang tanzte. Gleich darauf erlosch das Licht, und Brennan fühlte es mehr, als er es hören oder sehen konnte, daß sich der unheimliche Fremde neben ihm an der Tür befand.

»Für heute nur einen«, sagte McGregor, und er sprach die Worte zum erstenmal leise, eindringlich. »Im Laufe von vierundzwanzig Stunden sind bei den Altwarenhändlern New Yorks sämtliche Frackwesten mit der Brustweite 122 aufzukaufen. Ich brauche mindestens zweihundert Stück. Auf Wiedersehen, lieber Mr. Brennan.«

Die Tür öffnete sich und schloß sich wieder. Brennan war allein.


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