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XXVI.

Im Schreibzimmer des Hotels saß eine schweigsame Gesellschaft: Da saß im Mantel und Hut – Lincoln, wie immer eine dicke Zigarre zwischen den Lippen; ihm gegenüber an der Wand lehnte Flannagan, um den sich seine drei Getreuen – Tom, Hubert und Jim – gruppiert hatten. Am Fenster stand die junge Dame, die sich Brennan als Kriminalbeamtin zu erkennen gegeben hatte, und sah aufmerksam durch die Scheiben auf die Straße. Noch zwei Männer, ebenfalls im Mantel und Hut, hielten an der Tür Wache.

Niemand sprach ein Wort. Es waren nun schon zehn Minuten vergangen, seit Flannagan seine letzte Bemerkung gemacht hatte.

Mit einem grimmigen Fluch warf Lincoln seine Zigarre in den Aschenbecher. Die Anwesenheit einer hübschen jungen Dame störte ihn gar nicht, denn sie war ja auch »vom Fach«.

»Alles klappt wie am Schnürchen, und er ist nicht gekommen!« rief er zornig aus.

Flannagan lächelte ein wenig spöttisch.

»Wer sagt denn das?« meinte er achselzuckend. »Ich bin überzeugt davon: Er ist gekommen.«

Lincoln machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Sie denken an Bath?«

»Ich denke an Bath, allerdings.«

»Mr. Flannagan, gestatten Sie, daß ich lächle«, sagte Lincoln böse, aber er lächelte nicht. Sie haben sich in diesen Gedanken verrannt und sind nicht davon abzubringen. Aber ich sage Ihnen, das ist Unsinn.«

»Was Sie sagen, ist kein Gegenbeweis.«

Jetzt wurde Lincoln ganz ungemütlich.

»Und was Sie gegen Bath vorbringen, ist kein Beweis!« rief er hitzig. »Bath ist in meinen Augen – – –«

Er kam nicht dazu, zu erklären, was der Inspektor in seinen Augen sei. Die Tür hatte sich geöffnet, und auf der Schwelle stand Bath selbst.

»Alles in Ordnung«, erklärte er ruhig. »Miß Wells, jetzt hat Ihre Stunde geschlagen.«

Die junge Dame am Fenster nahm einige Blätter Papier vom Tisch und eilte zur Tür.

»Halt!« rief Lincoln. »Wenn der Kerl nicht alles sagt, dann – – – hängen Sie ihn auf. Hängen Sie ihn glattwegs auf! Ich hab's satt.«

»Das wird nicht nötig sein«, bemerkte Bath leise. »Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der so sehr um sein Leben zitterte. Was er weiß, wird er sagen.«

Lincoln nickte düster, und die junge Dame verschwand. »Nun, Mr. Bath«, erkundigte sich Flannagan, »haben Sie mit Erfolg McGregor vertreten?«

»Danke, es ging«, erwiderte Bath kurz.

Flannagan war heute nicht in der Stimmung, sich mit einer so nichtssagenden Antwort abfertigen zu lassen.

»Es muß Ihnen doch recht schwer gefallen sein, McGregors Stimme nachzuahmen«, meinte er lauernd.

Bath warf Flannagan einen raschen Blick zu, dann sah er über ihn hinweg, zum Fenster.

»Gar nicht schwer«, gab er zurück. »Ich verstehe es sehr gut, Stimmen nachzuahmen.«

»Sehr schön und gut«, fuhr Flannagan äußerst freundlich fort. »Aber es muß meiner Ansicht nach doch recht schwer sein, eine Stimme nachzuahmen, die man … hm … noch nie gehört hat.«

Bath sagte lange nichts. Erst blickte er sich im Kreise um, als wolle er sich vergewissern, wie die Worte Flannagans auf die Anwesenden gewirkt hätten. Und er las in allen Gesichtern – sogar Lincolns nicht ausgenommen – etwas wie Betroffenheit.

»Ja«, sagte er endlich und stand auf. Die Hände in den Taschen, machte er ein paar kleine Schritte durchs Zimmer. »Ja, allerdings …«

Hatte er sich nicht bedenklich der Tür genähert? Fast schien es so.

»Hallo!« sagte Hubert drohend. »Bilden Sie sich nicht ein, hier an uns vorbeikommen zu – –«

Er beendete den Satz nicht, so vernichtend hatte ihn Bath angesehen.

»Man muß sich zu helfen wissen, Mr. Flannagan«, rief Bath plötzlich fröhlich. »Ich habe ganz einfach Ihre Stimme nachgeahmt … hm … mit bestem Erfolg!«

Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann schlug Lincoln ein bellendes Gelächter an, in das die übrigen – mit Ausnahme Flannagans – einstimmten.

»Seh'n Se, seh'n Se, Mr. Flannagan!« rief Lincoln gemütlich. »Jetzt wendet sich das Blättchen. Ja, wenn man auf solchen Schnickschnack hören wollte, müßte man jetzt darauf achten, daß Sie das Zimmer nicht verlassen.« Er lachte wieder laut. »Aber auf so etwas darf man nichts geben. Ich für meinen Teil bin überzeugt: Weder Bath noch Sie sind McGregor. Warum bin ich überzeugt davon? Weil McGregor in bezug auf Geriebenheit Ihnen noch um eine ganze Nasenlänge voraus ist.«

»Janz meine Meinung!« rief Jim begeistert. »Mein Bruder, der Totengräber, sagte immer –«

»Halt den Rand!« befahl Flannagan grob.

»Wie du meinst«, erwiderte Jim höflich.

»Übrigens, Mr. Flannagan«, begann Lincoln wieder. »Sie haben Bath in Verdacht … Gut. Kann ich verstehen. Aber bedenken Sie, daß Bath es war, der uns gestern – sage und schreibe – vierzehn Kerle von der McGregorschen Bande ans Messer lieferte. Er war es, der ihn beobachtete und dadurch soundsoviele Verbrecher ermittelte. Er war es, der die ganze Geschichte hier vorbereitete, und – hätte McGregor nicht irgendwie Wind von der Falle bekommen – wir wüßten jetzt genau, wer er ist. Aber auch so werden wir dank Baths Bemühungen durch die Aussagen Brennans neue wichtige Verhaftungen vornehmen können.«

»Und ich will Ihnen die Sache mal von einer anderen Seite aus beleuchten«, sagte Flannagan eifrig. »Ich gebe zu, daß Bath der McGregorschen Bande viel geschadet hat. Warum rechnen Sie ihm aber die ganze Komödie hier zugute, wenn Sie nur der leisesten Möglichkeit Raum geben, er sei doch selbst der gesuchte McGregor? Was kostet es ihm, diese Komödie hier aufzuführen? Er weiß sehr gut, daß er sich nicht wird fangen lassen. Und die Aussage Brennans? Wäre diese Aussage nicht die gleiche gewesen, wenn man ihn verhaftet und im Hauptquartier verhört hätte?«

»Nein«, rief Bath rasch. »Er hätte dann genau so viel gesagt wie der andere falsche McGregor.«

»Sie meinen, er wäre vorher umgebracht worden?«

Bath nickte.

»Ich gestatte mir, das zu meinen«, sagte er freundlich. Flannagan schwieg nachdenklich.

Jetzt öffnete sich die Tür, und Miß Wells, die Kriminalbeamtin, trat ein.

»Er hat gesagt, was er sagen konnte«, berichtete sie ruhig und doch sehr schnell. »Es ist nur ein einziger Name dabei, den wir nicht kennen, aber durch den Träger dieses Namens werden wir wahrscheinlich mindestens dreißig andere erfahren können.«

Lincoln war aufgesprungen.

»Schnell, schnell, meine Herren! Alles Nötige muß sofort veranlaßt werden.«

»Was soll mit Brennan geschehen?« fragte Miß Wells.

»Festnehmen, verhören …«

»Gestatten Sie, daß ich Sie unterbreche«, wandte Bath ein. »Ich würde empfehlen, ihn frei zu lassen und genau zu beobachten.«

»Warum?« rief Lincoln unzufrieden. »Sie glauben doch nicht, daß McGregor ihm noch einmal etwas anvertraut?«

»Das nicht«, erwiderte Bath lächelnd. »Aber ich glaube, daß McGregor ihn – umbringt. Und – es ist vielleicht angenehmer, wenn das … hm … nicht im Hauptquartier geschieht.«

Lincoln runzelte finster die Stirn.

»Sie haben recht, Bath«, sagte er nach einer Weile ernst. »Veranlassen Sie alles Nötige. Aber er muß so genau überwacht werden, daß – – – sollte ihm etwas geschehen, wir wenigstens eine Spur bekommen, – eine Spur, die zu McGregor führt.«


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