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XII.

Es vergingen Minuten, und keiner der Kämpfenden rührte sich. Jeder lauschte angestrengt und wartete lauernd auf eine verräterische Bewegung des Gegners, die seinen Standort angeben würde. Bei den ersten Schritten der beiden war es im Raume noch laut zugegangen, so daß tatsächlich keiner von ihnen wußte, wo sich der andere befand. Jetzt dagegen war es so still, daß jeder Schritt deutlich zu hören sein mußte.

»Es ist jetzt halb drei«, sagte McGregor mit seltsam gepreßter Stimme. Wie alle war auch er sehr aufgeregt.

Da machte der Japaner eine Bewegung. Ohne seine geduckte Stellung im geringsten zu verändern, bewegte er den langen Spieß vorsichtig erst nach der einen, dann nach der anderen Seite. Er kam dabei Strong zum Streifen nahe, aber ehe er ihn gestreift hatte, fuhr sein Spieß schon nach der anderen Seite zurück. Nun wiederholte er die Bewegung, und jetzt mußte er Strong berühren, jetzt, jetzt gleich – – –

McGregor hatte sich weit vorgeneigt und starrte wie gebannt auf die Spitze des Spießes, die sich langsam, aber stetig der Schulter Strongs näherte. Das dicke Gesicht McGregors war rot vor Erregung, und sein Mund stand ein wenig offen.

In diesem Augenblick traf Baths Spieß ganz leicht die Schulter Strongs. Der Amerikaner, in der Annahme, sein Feind befinde sich vor ihm, stach ein paarmal wild in die Luft. Bath dagegen hatte sich noch mehr geduckt, den Spieß eingezogen, und jetzt – – – er tat etwas, mit dessen Möglichkeit McGregor nicht gerechnet hatte: Vorsichtig und gänzlich lautlos schob er mit der linken Hand den Kies beiseite, sich einen Fleck freimachend, auf den er sich begeben könnte, ohne gehört zu werden.

Strong fuchtelte inzwischen mit seinem Spieß herum und stieß ihn nach allen Seiten, bald hierhin, bald dorthin. Bath war einen Schritt vorwärts gekrochen, und Strongs Spieß hatte ihn schon zweimal haarscharf verfehlt. Jetzt kauerte Bath dicht vor Strong, bereit, ihn sogleich anzugreifen, doch da traf der Spieß Strongs ihn mit aller Wucht in den rechten Arm.

Bath sprang zurück, zwei, drei Schritte. Der Kies knirschte, und Strong nahm sofort die Verfolgung auf. Wie ein Stier in der Arena stürzte er sich vorwärts, flog aber mit aller Wucht an Bath vorbei gegen das Seil. Er fiel in die Knie, und ehe er sich aufgerichtet hatte, stand Bath neben ihm. Der rechte Arm des Japaners schien kaum noch fähig, den Spieß zu halten, mit der linken Hand jedoch hatte er einen Arm Strongs zu fassen bekommen, und Strong brüllte laut auf vor Schmerz. Mit aller Wucht flog er auf den Kies in der Mitte des Kreises, und suchte mit der einen Hand verzweifelt nach seinem Spieß, der seinen Händen entglitten war.

»Fünfundzwanzig Minuten vor drei«, sagte McGregor heiser.

Bath nahm seinen Spieß in die linke Hand und begann flink und behend im Kreise herumzulaufen und planlos nach allen Seiten zu stechen. Plötzlich fuhr sein Spieß knapp an dem Kopf Strongs vorbei, und dann überrannte Bath seinen Gegner. Bath stürzte, und es erschien wie ein Wunder, daß sein Spieß dabei nicht zerbrach. Auch Strong, der endlich seinen Spieß ertastet und sich halb aufgerichtet hatte, wurde umgerissen. Beide lagen am Boden, und beide suchten mit den Händen nacheinander. Jetzt hatten sie sich gefaßt. Der Japaner hatte seinen Spieß sofort fallen lassen und tastete nach der Kehle des Gegners, Strong dagegen hatte den Spieß kurz unterhalb der Spitze gefaßt und stach blindlings auf Bath ein.

Ein Stich verletzte Bath am Kopf, einer am Arm, aber jetzt hatte seine Hand die Gurgel Strongs ertastet, und plötzlich hörten die wütenden Stiche des Amerikaners auf. Mit beiden Händen faßte er nach der Hand des Japaners und versuchte, den eisernen Griff zu lockern. Ein dumpfes Röcheln verriet, daß es um ihn schlecht stand.

»Halt!« rief McGregor plötzlich laut. »Pause! Es ist jetzt zwanzig Minuten vor drei.«

Bath ließ sofort von seinem Gegner ab und stand auf. Zwei der Männer stürzten auf ihn zu, lösten rasch das Seidentuch von seinem Kopf und führten ihn in eine Ecke, in der Erfrischungen bereitstanden. Eilig wurden ihm seine Wunden verbunden, die alle bis auf die Armwunde nicht von Belang waren.

»Ich kann den Arm kaum bewegen«, flüsterte Bath.

»Nicht so laut«, zischte einer der Männer, obwohl Bath sehr leise gesprochen hatte. »Strong braucht nicht zu wissen, wie es um Sie steht.«

In der gegenüberliegenden Ecke wurde inzwischen Strong von zwei anderen Männern ebenso wie Bath behandelt. Er schien besser daran zu sein als Bath. Außer ein paar Hautabschürfungen war an ihm keine Verletzung sichtbar, doch sein Hals tat ihm so weh, daß er ihn kaum bewegen konnte. Er sah bleich und erschreckt aus, und ein paarmal sah er flehend zu McGregor hinüber, als wolle er ihn bitten, diesen grausamen Kampf durch ein Machtwort zu beenden.

»Achtung! Zum Kampf fertig machen!« befahl Dickens streng.

Wieder wurden den Kämpfern die Köpfe verbunden, und wieder wurden sie sich an den Seilen gegenüber gestellt.

»Die Uhr ist jetzt dreiviertel drei«, sagte McGregor.

Dickens gab hastig das Zeichen zum Beginn.

Diesmal stürzte sich Strong kopfüber vorwärts auf seinen Gegner. Doch schien Bath etwas Ähnliches erwartet zu haben, denn beim Zeichen des Doktors war er geschickt zur Seite gesprungen und stach mit dem Spieß dreimal auf die Stelle ein, wo er selbst eben gestanden hatte. Beim dritten Male traf er Strong.

Der Amerikaner heulte auf vor Schmerz und ließ seinen Spieß fallen. Er wagte nicht, sich danach zu bücken, denn er fürchtete einen neuen Stich Baths. Blitzschnell drehte er sich um und lief weg, im Laufen immer wieder ans Seil stoßend.

Bath hielt seinen Spieß in der linken Hand und stach mehrmals zu. Jetzt hatte er noch einmal seinen Gegner getroffen, jetzt wieder. Strong lief schreiend hin und her, dann ließ er sich zu Boden fallen und suchte nach seinem Spieß. Sofort aber traf ihn erneut ein Stich Baths.

Da geschah etwas Unerwartetes. Immer noch schreiend, als würge ihn jemand, hatte sich Strong jählings das schwarze Tuch vom Kopf gerissen, im Nu seinen Spieß vom Boden gerafft, und jetzt stürzte er sich von hinten auf seinen Gegner, der nicht ahnte, daß sein Feind sehen konnte.

Bath hatte mit feinem Gehör vernommen, daß Strong seinen Spieß aufgehoben, und daher war er auf der Hut. Beim Nahen der trampelnden Schritte warf er sich platt auf den Boden und rechnete, daß Strong – der blinde Strong – über ihn fallen würde. Der sehende Strong aber blieb sofort stehen und hob den Spieß – – –

Wie es Dr. Dickens fertiggebracht hatte, binnen Sekunden zum abgesteckten Kreis zu rennen, über das Seil zu springen, als sei es gar nichts und den Amerikaner zurückzureißen, – das hätte er selbst später niemandem erklären können. Im Augenblick aber hatte er keine Zeit, darüber nachzudenken, denn es wurde wie irrsinnig gegen die Tür gehämmert.

»Was ist los?« rief McGregor entsetzt und vergaß Bath und Strong, sowie die furchtbare Strafe für Strong, über die er gerade nachgesonnen hatte.

»Wer da?« rief Dickens zornig, aber dabei bleich vor Schrecken.

Keine Antwort. Nur die Schläge donnerten gegen die Tür und das Holz splitterte. Und dann gab die Tür nach, und auf einmal – nicht einer nach dem anderen – drangen fünf, sechs Polizisten ein. Sie hielten Revolver in den Händen und ihre Gesichter verrieten, daß sie sofort schießen würden, falls jemand ihnen Widerstand entgegensetzte.

»Hände hoch!« befahl eine harte, rauhe Polizeistimme. »Jeder Widerstand ist zwecklos. Das Haus ist von fünfzig Polizisten umstellt.«

»Mein Gott«, stöhnte McGregor. »Aber das ist doch fürchterlich. Was … Was wollen Sie denn von … von uns?«

»Das werden Sie bald genug erfahren«, lautete die barsche Antwort.

Inzwischen waren noch etwa zwanzig Polizisten in den Raum eingedrungen, und sie machten sich ohne viel Umstände daran, den Anwesenden die Hände zu fesseln und ihnen alle Waffen abzunehmen. Nur Bath wurde verschont. Zu ihm trat der Polizist, der mit McGregor gesprochen hatte, und salutierte.

»Sind Sie zufrieden, Inspektor?« fragte er eifrig. »Wir haben uns nur um zwei Minuten verspätet.«

Bath betrachtete aufmerksam seine Armwunde.

»Es ist gut, Jenkins«, sagte er freundlich. »Obwohl … zwei Minuten manchmal sehr viel ausmachen können.«


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