Julius Stinde
Die Familie Buchholz. Aus dem Leben der Hauptstadt
Julius Stinde

 << zurück weiter >> 

Die erste Gesellschaft.

Es ist ja ganz natürlich, daß jung verheirathete Leute, wenn sie sich erst ein wenig ausgesprochen haben, daran denken, einen geselligen Kreis zu etabliren, damit etwas Abwechselung in das Einerlei des Daseins gelangt, das meistens ziemlich immer dieselbe Guitarre ist. Wozu hat man auch die neue Einrichtung, den Ausziehtisch, das komplete Service mit Zwiebelmuster, das feine Gedeck und die zwölf Renaissancestühle mit echten gothischen Lehnen, wenn man sie den Leuten nicht zeigen kann? Der Doktor und Emmi können doch nicht allein auf dem Dutzend Stühle herumrutschen, ganz abgesehen davon, daß es wahre Marterbänke sind, die man noch drei Tage hernach im Kreuz verspürt, wegen ihren steilen Lehnen. Aber Er wollte sie ja so haben.

Ich bin durchaus nicht ruhmredig, aber ich kann wohl sagen, daß Emmi eine Erziehung genossen hat, die sich sehen lassen kann. In der Schule das Ideale, wie die Klassiker, Botanik und Zeichnen, bei einer verwittweten Regierungsräthin die feinen Handarbeiten und im Hause das Praktische, und mir däucht, die Bouletten, wie Emmi sie bei mir gelernt hat, braucht der Doktor keineswegs eine ungeeignete Nahrung zu nennen. Mein Karl ißt sie stets sehr gerne und Brot muß hinein.

Das Gesellschaftgeben ist jedoch eine längere Erfahrungssache, und deshalb hielt ich es für meine Pflicht, dem Kinde mit Rath und That zur Seite zu stehen, denn wenn dem Doktor die Meinung Anderer auch gleigiltig ist, mir kann es nicht passen, wenn es nachher heißt, die Gesellschaft hätte keinen Schick gehabt. So etwas fällt immer auf die Mutter zurück.

Zuerst war zu bedenken, wer Alles eingeladen werden sollte. Wir kamen dabei auf zweiundwzanzig Nothwendige, aber dies ging nicht an, weil nur zwölf Stühle vorhanden sind, weshalb getrennt werden mußte. Der Doktor sagte, er wollte die Bekanntschaft in zwei Garnituren eintheilen, in eine jüngere und eine ältere, und mit der jüngeren Garnitur den Anfang machen. Das hieß mit anderen Worten: »Verehrte Schwiegermama, für Sie wird nicht mitgekocht.« – Ich erwiderte mit dem Rest des mir zu Gebote stehenden Lächelns: »Ganz wie Ihnen beliebt, wir brauchen dann nicht so viele Umstände zu machen.« – Er entgegnete, es fiele ihm nicht ein zu knausern, einen anständigen Happen-Pappen müsse es geben, das sei man in Berliner Bürgerkreisen gewöhnt. Über die Verhältnisse hinaus wollte er jedoch auch nicht gehen. – »Was denn zum Beispiel?« fragte ich. – »Krebse,« sagte er, »die sind noch prachtvoll und sehr billig, weil die meisten Leute glauben, die Krebszeit wäre mit dem August vorbei; Micha läßt mir die besten aussuchen, da wir befreundet mit einander sind.« – »Gut,« erwiderte ich, »also von den billigen Krebsen. Und dann?« – »Gans,« meinte Emmi. – »Eine Gans ist zu theuer und verschlägt nicht genug,« sagte der Doktor, »Kalbskeule thut mehr aus, namentlich wenn reichlich Sauce und Kartoffeln dabei gegeben werden.« – »Kartoffeln in Massen sind sehr unfein,« wagte ich zu bemerken. – »Wem sie nicht fein genug sind, der braucht sie nicht zu essen,« sagte der Doktor. – »Und die süße Speise?« fragte ich. – »Irgend so ein Brei von Reismehl,« bestimmte der Doktor, »damit kommt man am weitesten.« – »Warum nicht lieber gleich Plötzenseeer blaue Grütze?« rief ich, diesen Vorschlag mit einem leichten Anflug von Scherz abweisend. – »Das kann ja Jeder machen, wie er will,« erwiderte der Doktor. – Man wird eben in dem Hause nicht verstanden.

Als ich heimkam, fragte mein Mann mich nach dem Resultat der vorbereitenden Sitzung. »Karl,« sagte ich, »es wird nahrhaft zugehen, aber den Reismehlkleister werde ich schon hintertreiben. Blamiren soll meine Tochter sich nicht.« –

Emmi, das ahnungslose liebe Wesen, war überglücklich in dem Gedanken, ihre erste Gesellschaft zu geben, und zeigte sich deshalb mit Allem einverstanden, was Er beorderte, denn als ich ihr sagte, daß wenigstens eine Torte heran müßte, antwortete sie, daß sie schon eine Probe gekocht habe, die ihr Mann vorzüglich gefunden hätte, zumal der große Topf voll höchstens auf achtzig Pfennige zu stehen käme. – »Hast Du denn die Eier mitgerechnet?« Es ginge auch ohne Eier, meinte sie. Ich konnte nichts mehr ändern.

Mit wahren Sorgen erwartete ich daher den Tag der Gesellschaft. Mein Karl und ich und Betti waren geladen; so viel Anstandsgefühl hatte der Doktor doch gehabt, die Angehörigen seiner Frau nicht zu übergehen. Dann hatten sie noch Weigelts gebeten, Herrn Dr. Paber, Assessor Lehmann mit Frau, Herrn Kleines und Fräulein Kulecke. Das Dutzend Stühle war ausgerechnet besetzt.

»Was in aller Welt wollt Ihr mit Weigelts,« fragte ich Emmi, als wir am Nachmittage gemeinschaftlich den Tisch deckten. – »Er ist zwar ein bischen Trompeter,« antwortete sie, »aber Franz meint, er spielte ganz gut Skat.« – »Skat?« rief ich entsetzt. – »Nun ja doch,« sagte Emmi, »es werden gerade zwei Partien komplet.« – »Und was sollen die Damen anfangen, wenn die Herren Nichts hören und sehen, als ihr verwahrlostes Spiel?« – »Dafür ist die Kulecken gebeten, die wird uns etwas deklamiren, denn sie hat ein ungemeines Organ.« – »Wie ein Feldwebel,« fügte ich bitter hinzu. –

Um Achten kamen die ersten, das heißt wir Buchholzens hatten uns etwas früher eingefunden, um im Nothfalle die Honneurs zu machen. Es ließ sich nicht leugnen: die Wohnung nahm sich blendend aus.

Alles neu und propper, Grünes vor den Fenstern, ein Blumenkörbchen auf dem Sophatisch, die Lampen hell und freundlich, und Emmi, halbschüchtern wie eine junge Fee, wartete auf ihre Gäste.

Weigelts kamen ziemlich unfein mit dem Glockenschlag. Emmi begrüßte Auguste herzlich, und Herr Weigelt sagte, er wüßte die Ehre sehr zu schätzen, daß man Auguste und ihn eingeladen hätte. Natürlich hatte er wieder einen Shlips um, wie ihn kein Mensch mehr trägt. Dann kam die Kulecken, die mit ihrer Baßstimme die Wohnung außerordentlich poetisch fand, hernach trat Dr. Paber an, der, gebildet, wie er immer ist, einige sehr verbindliche Worte für mich hatte und mich vom letzten Male her, daß wir uns sahen, überraschend verjüngt und geistig frisch fand.

Assessor Lehmann, einer von Seinen intimen Freunden, hatte sich, obgleich die anderen im Überrock waren, in einen Frack gezwängt, der den Doktor zu einigen Witzen veranlaßte, worüber Herr Lehmann noch verlegener wurde, als er schon beim Eintritt war. Die Frau sagte auch nicht viel.

Herr Kleines war der Letzte und hatte sich ein Paar rothbraune Handschuhe über die Finger gezogen, daß er aussah, als hätte er eben Blutwurst gemacht; der Himmel mag wissen, welcher Gesellschaftsklasse er mit solchen Äußerlichkeiten imponiren will?

»So,« sagte ich zu Emmi, »nun wollen wir die Krebse aufsetzen, die jüngere Garnitur ist ja beisammen. Bleibe Du nur bei den Gästen –.«

»Sind das die Krebse alle?« fragte ich das Mädchen in der Küche. – »Ja wohl, Madame!« – »Die langen nicht.« – »Es giebt ja noch Braten und Speise.« – »Wo ist die Speise?« – »Drin in der Kammer.« – Ich nahm ein Licht und ging in die Kammer. – Richtig, da standen drei Schüsseln mit dem Brei. Ich probirte – keine Kraft und kein Saft; man hätte ebensogut die Zunge zum Fenster hinaushängen können. »Nun,« dachte ist [!], »es ist ja Sein Wille.«

Als ich kopfschüttelnd die drei Unglücksnäpfe ansah, hörte ich etwas krabbeln und surschen. »Was mag das sein?« fragte ich mich und leuchtete in der Kammer herum. Das Geräusch kam aus einem Korbe unter dem Tisch. Was war drin, als ich den Deckel abnahm? Krebse, und was für welche, wahre Riesen.

»Da sind ja noch welche!« rief ich entrüstet, »und Sie sagen, es wären keine mehr da?« – »Lass' Madame die man stehen, die hat der Herr selbst für morgen ausgesucht. Die ißt er allein zum Frühstück!« – »Erst kommen die Gäste,« erwiderte ich und wollte die eben entdeckten Krebse in den Kessel werfen, aber die freche Person stellte sich vor den Feuerherd und schrie: »An den Herd lasse ich Niemand 'ran, und wenn es dem Deubel seine Schwiegermutter wäre!« – »Das wollen wir sehen,« entgegnete ich, und ging Emmi holen. Es war Er, der aus dieser Person sprach, das merkte ich nur zu gut, aber diese Partei durfte nicht recht behalten, Emmi mußte mir beistehen. Emmi folgte mir willig, als ich sie herausrief. »Kind,« sagte ich, als wir auf dem Flur waren, »Euer Mädchen hat mich eben tödtlich beleidigt; entweder sie bittet mich fußfällig um Verzeihung, oder ich verlasse Euer Haus auf der Stelle.« – »Aber, Mama, was ist denn geschehen?« – Ich erzählte ihr, was vorgefallen war. »Gewiß hast Du angefangen, Mama.« – »Was? Du stellst Dich auf die Seite dieser Kreatur?« – »Sie hat sich noch nie etwas zu Schulden kommen lassen.« – »Du kündigst ihr sofort.« – »Unmöglich; sie ist so tüchtig und wir sind so zufrieden mit ihr.« – »Also Du opferst Deine eigene Mutter dieser respektwidrigen Person? Gut!« –

In diesem Augenblick kam der Doktor heraus, dem die Krebse schon zu lange ausblieben. und dabei waren sie noch nicht einmal im Kessel. »Herr Doktor,« sagte ich mit Würde, »Sie werden nicht dulden, daß man mich in Ihrem Hause beleidigt.« – »I, wo werd' ich?« entgegnete er. »Kommen Sie nur rein in die gute Stube. Ihnen soll kein Mensch etwas thun.« – Ob er glaubte, daß ein Scherz englisches Pflaster für die Wunden sei, die das ausgeborene Scheusal von Köchin mir geschlagen hatte? Ich hielt es für meine Pflicht, ihm Alles genau auseinander zu setzen, wie ich die Krebse hätte rascheln gehört, und wie die impertinente Person wissentlich gelogen hätte, wie ich das Recht gehabt hätte, entrüstet zu sein, wie sie sich vor den Herd gestellt hätte und mit welch pöbelhaften Ausdrücken sie sich gegen mich benommen. Und was sagte Er? »Das ist ja nur äußerlich, Schwiegermamachen. Seien Sie kein Frosch und kommen Sie herein.« – »Nein,« rief ich, »entweder die Person geht, oder ich!« – Emmi stand rathlos, der Doktor suchte sie zu trösten, und aus der Küche vernahm man, wie der Koch-Drache mit der Kohlenschippe und dem Geschirr herumwarf, als seien dort unklug gewordene Wilde zu Gange. »Da hören Sie, wie sie tobt,« rief ich, »und so etwas dulden Sie in Ihrem Hause? Das ist ja eine nette Zucht.«

Nun kam mein Karl, um zu sehen, wo wir blieben. »Die Uhr ist schon nach Neune,« rief er, »wir sind Alle sehr hungrig.« Ich erzählte ihm, was passirt war, was die Köchin gesagt hatte, was Emmi sagte, was der Doktor sagte und was ich sagte. »Hier ist meines Bleibens nicht länger,« schloß ich. – Mein Karl überlegte einen Moment. »Wilhelmine,« sagte er dann ruhig, »verdirb den jungen Leuten nicht die erste Gesellschaft. Mische Dich nicht in ihre Angelegenheiten; Du weiß doch, als wir jung verheirathet waren, ging auch nicht Alles am Schnürchen, wie nachher später. Es sind lauter gute Freunde da, die weniger darauf sehen, daß Alles vollkommen ist, als daß man gerne giebt –.« – »Und sich die größten Krebse für den andern Tag zurücklegt,« rief ich. – »Wilhelmine, wir sind hier zu Gast. Ich bitte Dich, sei liebenswürdig.« – Er nahm mich unter den Arm und führte mich zu der Gesellschaft. Emmi ging in die Küche.

In der Gesellschaft herrschte ein Ton, wie bei einem Begräbniß, selbst die Späße, welche Herr Kleines zum Besten gab, fanden nur Anstandsbeifall. Laut gelacht hat außer ihm Niemand darüber. Natürlich waren alle überhungrig, denn Leute wie Weigelts sparen am Mittagbrod, wenn sie auf den Abend eingeladen worden sind. Es war daher wie eine Erlösung, als Emmi sagte, es sei angerichtet.

Der Doktor führte die Assessorin Lehmann, der Assessor die Weigelten, Herr Kleines meine Betti, mein Karl die Emmi, Herr Weigelt die Kulecken und Dr. Paber mich.

Die paar Krebse waren bald geliefert. Emmi aß einen und ich dankte überhaupt, damit doch einige für die Gäste nachblieben. Der Doktor aber hielt sich daran und bemerkte, sie wären trefflich von Salz.

»Es sind wohl die allerletzten der Saison, Franz?« fragte Dr. Paber, als er auf mein Nöthigen noch einen Krebs aus der Schüssel nahm, die ja so gut wie leer auf den Tisch gekommen war. – »Nun ja, mein guter Paber,« antwortete der Doktor, »so viele giebt es natürlich nicht mehr wie im Sommer. Aber man überladet sich nicht und kann auch noch von dem Folgenden essen.«

»Gesünder ist es,« bestätigte Dr. Paber. – »O,« sagte ich, »es giebt Leute, die zum Frühstück ein ganzes Schock essen.« Dies bezweifelten sowohl Dr. Paber als Emmi's Gemahl. – Ich wußte aber, was ich wußte. – Heuchler!

Dann kam die Kalbskeule; Emmi hätte Ihm sagen müssen, daß wir Alle uns garnichts daraus machen, wenn sie auch Sein Magenelixir ist. Sie war besser als ich erwartet hatte, nur die Sauce war zu reichlich und zu dünne. Und solche Köchin behält man! Dr. Paber brachte den ersten Toast aus, nachdem der Doktor, wie das so Mode ist, seine Gäste willkommen geheißen hatte. Dr. Paber spricht sehr gut, aber er war doch nicht genau unterrichtet, denn er wünschte dem jungen Hause Glück und Frieden, wie bisher. Auf das Glück stieß ich mit an, denn ich bin keine Rabenmutter, aber über den Frieden mußte ich innerlich ein Hohngelächter aufschlagen. Friede mit einem solchen Trampel von Mädchen in der Küche! Lächerbar!

Herr Kleines hielt darauf eine gereimte Tischrede, Jeder kriegte seinen Vers. Auf mich hatte er gedichtet: »Schwiegermütter sind oft Fluchholz – ausgenommen ist die Buchholz.« Sie lachten Alle darüber, nur Herr Weigelt nicht und ich nicht. Er nicht, weil er den Mund gerade voll Kartoffeln hatte, und ich nicht, weil ich mich verletzt fühlte, denn Fluchholz ist kein deutsches Wort und nur eine Marlice [!], die der Reim mit sich bringt. Ist aber die Poesie dazu da, den Nebenmenschen Unannehmlichkeiten zu bereiten? That Lessing je so etwas? O nein, er war tolerant! Wenn Herr Kleines hingegangen wäre, die Rieke in der Küche anzusingen, mir wäre es recht gewesen, die hätte ihm schon festen Dichterlohn ausgezahlt. Ich aber schwieg und litt.

Daß mir in dieser Stimmung der Reismehlpamp erst recht nicht mundete, das wird begreiflich sein. Herr Kleines aber aß davon, wie ein deutscher Dichter, dem der Hungerriemen abgenommen worden ist, wie Herr Dr. Paber treffend bemerkte, dessen männliche Geschmacksorgane sich auch gegen diesen libberigen Kinderbrei sträubten. »Die Speise schmeckt wie das Nichts, aus dem die Welt geschaffen wurde,« sagte ich. – »Ganz derselben Ansicht,« entgegnete er, »nur wagte ich sie nicht zu äußern.« – Überhaupt muß ich sagen, Herr Dr. Paber beobachtet sehr gut und ist hochgebildet, und wenn Betti Eindruck auf ihn machte, ich würde ihn, wenn auch nicht gerade ermuthigen, so doch auch nicht mit Hindernissen abschrecken. Wer nun noch nicht satt war, der konnte sich an Butterbrod und bereits davoneilenden Kuhkäse halten. So sehr die Geruchsnerven Anderer auch davon beleidigt werden, so arg ist Er darnach.

Wie Alles, so nahm auch das Mahl ein Ende ... nur die Speise nicht, die hätte noch für 'ne Bauernhochzeit gereicht, wo sie bekanntlich drei Tage essen.

Nach Tisch setzten die Herrn sich an die Spieltische und wir Damen bleiben unter uns. Die Assessorin Lehmann war mittlerweile aufgethaut und erzählte allerlei allerliebste kleine Schnurren und verstand so niedliche Legespiele mit Zündhölzchen, worüber man sich den Kopf ordentlich zerbrechen mußte, daß wir uns recht nett amüsirten. »Wie traurig,« dachte ich, »daß ich dies Haus später nur als Besuch betreten kann, ohne abzunehmen, nur im Fluge, ganz wie zufällig.«

Die Herren spielten eifrig und tranken Patzenhofer Bier dazu. Wenn sämmtlich ausgetrunken war, machten sie eine General-Einschenk-Pause, wie Dr. Paber scherzend bemerkte, damit nicht so viel Zeit vergeudet würde. Eine solche Pause benutzte nun Fräulein Kulecke, die längst eifersüchtig auf die fidele kleine Assessorin geworden war, um auch den Herren ihre Deklamation zukommen zu lassen.

Sie sich also in die Thür zwischen den beiden Zimmern hingestellt und los! Wir bekamen alle Gänsehäute, so wie wir dasaßen. Sie hatte nämlich ein Stück vor, in dem Anfangs der junge Krieger fällt, der dann später bluttriefend Nachts als Geist ankommt und seiner Braut sagt, wenn sie noch mehr blutige Thränen weinte, dann müßte er in seinem Sarge im Blut schwimmen und rettungslos darin ersaufen. Herr Kleines hatte sich rasch einen von seinen rothbraunen Handschuhen angezogen und griff, ohne daß die Kulecke es sehen konnte mit der Blutwursthand um die Thüreinfassung, worüber Auguste Weigelt aschgrau vor Schreck wurde, zumal die Kulecke mit ihrem Baß die Grabesstimme schauderhaft natürlich nachmachen konnte. Die Herren spendeten lebhaften, aber kurzen Beifall und setzten sich dann rasch wieder zum Spiel.

Die Munterkeit der kleinen Assessorin war jedoch gründlichst hinwegdeklamirt und die unserige desgleichen, wenn ich für meine Person überhaupt von Munterkeit reden konnte, so daß wir unserm Schöpfer dankten, als die letzten Spiele angesagt wurden. Der Doktor hatte gewonnen und gab Emmi seinen Gewinn, wie er stets thut, den sie dann in einen Spartopf für zukünftige Ausgaben steckt. Dadurch will er sie natürlich nur liebevoll stimmen, wenn er Abends bis Mitternacht bei seinen Skatbrüdern hockt. Wäre ich in Emmi's Stelle, – – – doch wozu guten Rath geben, man will mich in diesem Hause ja doch nur los sein.

Um gegen Zwei gingen wir Alle. Das Mädchen stand mit dem Licht an der Hausthür, um die Trinkgeldsteuer für das Gehabte einzukassiren. Ich schritt erhaben an dieser Küchen-Walküre vorbei, ohne ihr auch nur einen Blick zuzuwerfen. Sie soll schon erfahren, was es heißt, sich gegen die Mutter aufzulehnen, wenn die Tochter ihre erste Gesellschaft giebt. Das wäre noch schöner!


 << zurück weiter >>