Julius Stinde
Die Familie Buchholz. Aus dem Leben der Hauptstadt
Julius Stinde

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Auf dem Bock.

Sie mögen wohl recht haben, wenn Sie mir erklären, daß, wenn ich aus dem Leben der Hauptstadt schreiben will, ich mich mehr um die Hauptstadt, als um meine Familienangelegenheiten kümmern möchte, da es gleichgiltig sei, was sich in der Landsbergerstraße, und zumal in den vier Pfählen von Buchholzens, zutrage, aber ich habe auch recht, wenn ich behauptete, daß Manches geschrieben wird, was einem zartbesaiteten Damenherzen unverständlich ist, wie z. B. der Börsenbericht. Wir Damen kennen nur Eine Hausse und Baisse: in der Jugendzeit den Wechsel zwischen glühender Liebe und abkühlendem Schmollen, in den vernünftigeren Jahren: Erzürnen und Wiedervertragen. Was wäre das Leben auch ohne dies bischen Abwechslung? Eine Uhr ohne Perpendikel.

Damit wollte ich jedoch nur andeuten, daß eben Alles seine Berechtigung hat, Unangenehmes und Verletzendes natürlich ausgenommen. Denn wenn Jemand einen Subskriptionsball beschreibt, so schildert er das Liebliche, die dunklen Augen, die entzückenden Reize, wie die Robe gerafft ist und wie sie aussieht, ob salmfarben oder goldigbräunlich, die Coiffüre und die Parure, aber die Augenbrauenschwärze zu Hause, das seifige Waschwasser in der Schüssel, die ausgekämmten Haare, die Schulden bei Gerson und die Schelte, welche die Zofe beim Ankleiden gekriegt hat, davon schweigt er.

So weit ich es vermag, will ich daher versuchen, Ihre Wünsche zu erfüllen und mich an die Hauptstadt halten und zwar nicht als Gattin und Mutter, sondern als Schriftstellerin, die vor nichts zurückbebt. Auf diese Weise wird es Ihnen erklärlich sein, wie ich auf den Bock kam.

Als ich Ihren Brief erhalten hatte, war ich zuerst wie aus den Wolken gesunken und sagte dann zu meinem Manne: »Karl, die Literatur hat doch so ihren Haken, denn was in aller Welt soll ich aus der Hauptstadt darstellen? Die Stadtbahn? Die neue Mauer vom botanischen Garten? Das elektrische Licht in der Leipzigerstraße? Das ist zwar Alles noch ziemlich neu und aktuell, wie sie immer sagen, aber was weiß ich von diesen Dingen?« – Mein Karl half mir sinnen. Nach einer Pause fragte er: »Was meinst Du zu der Granitschale vor dem Museum?« – »Karl, die Schale ist ja schon so lange her.« – »Oder zum Denkmal vom alten Fritzen?« – »Das will ich mir überlegen.« – Ich sann und sann den ganzen Tag. Ich ging unter die Linden und sah mir das Denkmal genau durch das Opernglas an, aber nachher mußte ich meinem Karl doch gestehen, daß es mit dem alten Fritzen nichts sei, und ich nicht wüßte, was ich über ihn schreiben sollte. »Du glaubst nicht, wie furchtbar schwer die Hauptstadt ist,« sagte ich, »mein Gehirn thut so weh, als hätte es sich übermüde gelaufen!« – »Warum quälst Du Dich ab, Wilhelmine?« fragte mein Karl zärtlich, »Du hast ja nicht nöthig, über die Hauptstadt zu schreiben.« – »Meinst Du?« rief ich. »Was sollte wohl der Herr Redakteur von mir denken? Soll es wieder einmal heißen, die Damen haben wohl Talent, aber keine Fähigkeiten? O nein, ich weiß, was ich mir und meinem Geschlechte schuldig bin: Morgen gehe ich wieder auf die Suche.«

Am Abend kam Onkel Fritz. »Was ist denn hier los?« fragte er, als er mich und meinen Karl etwas einsilbig vorfand. – »Sie will schreiben und hat keinen Stoff,« sagte mein Karl.

»Das ist ja vortrefflich!« rief Onkel Fritz.

»Was ist vortrefflich?« herrschte ich ihn an. »Was willst Du damit sagen? Willst Du Deine leibliche Schwester beleidigen? Ich bitte Dich, was ist vortrefflich?« – »Komm doch nur zu Dir, Wilhelm,« lachte Onkel Fritz (er nennt mich oft noch Wilhelm von der Kinderzeit her, als wir beide Soldat spielten), »ich meine nämlich, wenn Du nichts zu schreiben hast, könnten wir morgen zusammen auf den Bock gehen, dann hast Du ja Zeit. Das, meinte ich sei vortrefflich.« – »Und Du glaubst, ich soll diese lahme Entschuldigung gelten lassen?« – »Wilhelmine,« fiel mein Karl ein, »der Bock ist am Ende hauptstädtisch, wenn er auch am äußersten Ende von Berlin liegt.« – »Auf den Bock gehe ich nicht.« – »Krauses kommen auch!« sagte Onkel Fritz. – »Er oder sie?« – »Beide, sie haben Hausbesuch, dem sie Berlin zeigen wollen!« – »Hausbesuch? Männlich oder weiblich?« – »Weiblich.« – »Jung oder alt?« – »Natürlich jung, Wilhelmine!« – Aha, dachte ich, hier liegen Fußangeln, wenn Onkel Fritz Dich Wilhelm nennt und mit auf seine Fahrten mitnimmt, so ist etwas Tieferes verborgen. Laut sagte ich darauf obenhin: »Ach ja, mein süßer Karl, Du hast vielleicht nicht unrecht, der Bock könnte doch Etwas für meine Feder sein, und wenn die Krausen mit ist, kann ich es wohl wagen, hinzugehen.«

Wir verabredeten, daß Onkel Fritz uns am nächsten Abend gegen Fünfen abholen sollte, und dann gingen wir zur rechten Zeit schlafen. Ich fand die Ruhe sehr schwer, denn der Hausbesuch bei Krauses lag wie ein Nachtmarder auf mir. Was kann bei Krauses zu Besuch kommen? Onkel Fritz ist im Stande, sich wegzuwerfen. – –

Am andern Abend turnten wir nach dem Bock. Onkel Fritz nahm sehr gentiler Weise die Entrées für uns Dreie, und wir traten ein in das Lokal. Ein Glück, daß ich nicht nervös bin! Denken Sie sich zwei große Hallen, die wie ein Winkelmaß aufeinanderpassen, und uns Drei dort stehen, wo die beiden Enden zusammenstoßen und die Ecke bilden, so daß wir links die eine und rechts die andere Halle vor uns haben. Diese Hallen sind blitzblau von Tabaksqualm, oben voll von Gaskronen, unten voll von Menschen, also oben hell, in der Mitte graublau und unten schwarz. Aus jeder Halle dringt nun ein Getöse auf den ahnungslosen Ankömmling ein, daß er nicht weiß, ob er bleiben oder sofort wieder fliehen soll, und zwar so viel Lärm, als zwei Musikchöre und eine tobende Menschheit zusammen vollführen können. Welche singen, welche klopfen mit den Seideln, welche schlagen mit den Spazierstöcken auf den Tisch, welche schreien, aber still ist Keiner. Dies muß man sich von Tausenden von Menschen vorstellen. Es ist, als wäre die Hölle losgelassen. O du Grundgütiger, dachte ich, wärst du hier nur erst wieder weg.

Nun hieß es Krauses suchen. Onkel Fritz fand sie gleich heraus, obschon er sonst nicht groß um die Krausen giebt, und wir schlängelten uns an ihren Tisch heran. Ehe ich aber zur Stelle kam, brüllte mich irgend ein Pachulke fürchterlich mit den Worten an: »Wo ist Nauke?« und ließ dicht vor meinem Gesicht eine Puppe auf und nieder tanzen, die sie Nauke nennen und dort von den Hausirknaben kaufen. Dies empörte mich, aber ich durfte nichts sagen, sondern mußte freundlich lächeln, weil auf dem Bock nichts übel genommen wird, sondern Alles Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit ist. O, was habe ich Alles gesehen!

Zum Glück schwieg die Musik in unserer Halle gerade, als wir Platz nahmen, während der Mordspektakel in der anderen noch fortdauerte, und so konnten wir uns denn begrüßen. Der Hausbesuch war richtig da und wurde mir als ein Fräulein Erika Lünne aus Lingen an der Ems vorgestellt. Mein erstes Urtheil war: Nicht übel; mein zweites: ein bischen viel Provinz, aber sauber, sehr sauber. Jedoch hat sie was? Soviel ich weiß, sind die Lünnes mit ihr, der Krausen, verwandt, und was die Krausen einbrachte, das war nicht viel, und darauf würde ich doch sehen, daß sie einigermaßen so viel hätte, wie Onkel Fritz, denn wovon sie in Lingen brillant leben, damit können sie in Berlin noch keine großen Sprünge machen.

Was mich jedoch verdroß, das war die Katzenfreundlichkeit, mit der die Krausen Onkel Fritz unter die Nase ging. Ich merkte ja gleich, worauf das abzielte, und daß sie die Sache schon für ausgemacht hielt. Hätte sie sonst wohl immer gefragt: »Nun, Erika, wie gefällt Dir Berlin? Du würdest doch gewiß gerne in der Hauptstadt bleiben, wenn Dich Jemand hier fesselte?« Und was hatte sie dabei mit Onkel Fritz anzustoßen?

Ich wollte ihr gerade bemerken, daß Onkel Fritz ohne meine Einwilligung nicht wählen würde, als die Musik den Bockwalzer zu spielen anfing. Da habe ich denn zum ersten Male erlebt, was eigentlich Radau ist. Geschrieen und gekrieschen haben die Menschen, geklopft, getrampelt und gegröhlt, aber immer mit der Musik im Takt. Einige tanzten auch, oder thaten so, wobei die Damen bunte Papierkappen aufhatten und die Herren kapute Hüte.

Fräulein Erika sagte kein Wort, sondern sah erschreckt auf das Gewoge und trank auch nicht von dem Biere, das vor ihr stand. Onkel Fritz blickte von Zeit zu Zeit verstohlen auf sie, obgleich er sonst that, als kümmerte er sich gar nicht viel um ihre Gegenwart. Aber man muß ihn kennen!

Als er später meinem Karl vorschlug, einmal nachzusehen, ob sie Bekannte finden würden, bemerkte ich, wie sie ihm mit den Augen folgte und wie sie mit einem Male ganz verstört aussehend wurde. Ich wandte mich um und sah nun, wie einige von den Damen mit den Papiermützen nicht nur Onkel Fritz sehr kameradschaftlich festzuhalten suchten, sondern auch mit meinem Karl intim zu werden anfingen. Ich sprang auf und drängte mich hin, aber als ich kam, ließen die Damen ihre Puppen vor mir tanzen und riefen höhnend: »Wo ist Nauke?«

»Karl, wir gehen!« – »Karl bleibt hier!« johlten die Damen, »Karl ist zu nett!« – ich entriß Einer den Nauke, denn ich war so aufgebracht, daß ich nicht mehr wußte, was ich that, aber nun ward der Lärm erst groß. Was geschah, weiß ich nicht genau mehr; mir ist nur noch erinnerlich, daß mein Karl meine Partei nahm, und daß dann die ganze Menschheit in ein langsames Schieben gerieth und wir uns schließlich im Kühlen befanden. Ein Glück, daß mein Karl einen älteren Cylinder aufgesetzt hatte, um den neuen wäre es zu schade gewesen.

»Wo ist Fritz?« schrie ich vor Wuth, »er hat uns auf den Leim gelockt!« – Onkel Fritz kam. Statt sich zu entschuldigen, machte er mir Vorwürfe: »Wer auf den Bock gehe, müsse die Gebräuche mitmachen.« – »Wenn Eine meinen Karl anrührt, hat sie es mit mir zu thun!« rief ich. – Ich wäre kindisch. – »So? Gut denn. Lieber will ich kindisch sein, als mich an den Ton gewöhnen, der dort herrscht. Deine Zukünftige soll wohl Bildung auf dem Bock lernen? Gratuliere!«

Nie habe ich Onkel Fritz so böse blickend gesehen, als jetzt, da ich so gesprochen, aber er blieb ruhig. »Ich glaubte, Du würdest Dich der Fremden annehmen, da Krauses so unvernünftig waren, mit ihr nach dem Bock zu gehen. Du wußtest, daß ich das wünschte. Statt dessen benimmst Du Dich unverständig wie immer.« – »Was gehen mich Deine Liebschaften an?« rief ich erbost, »aber das sage ich Dir, über meine Schwelle kommt mir die Bockmamsell nicht.« – Ich merkte, wie Onkel Fritz die Hände ballte und vor Wuth knirschte, jedoch er sagte nichts, sondern drehte sich kurz um und ging in das Lokal zurück. Auch mein Karl schwieg, als wir nach Hause strebten.

Mir war, als sei ich irgendwo aus einer Bodenluke gefallen, so rasch war Alles vor sich gegangen. Und dennoch glaubte ich, während mein Karl und ich dem Ausgange zuschwebten, ich hätte Herrn Felix, der damals in Tegel den kleinen Knaben aus dem See zog, gesehen und neben ihm eine Dame mit einer rothen Papiermütze auf dem Kopfe.

War es nur Einbildung oder war es Herr Felix wirklich gewesen?

Ich fragte meinen Karl, ob er ihn auch gesehen? Er sagte: »Laß jungen Leute ihre Wege gehen. Was kümmerst Du Dich darum?« –

»Also er war es?«

»Beschwören kann und mag's ich nicht.«


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