Julius Stinde
Die Familie Buchholz. Aus dem Leben der Hauptstadt
Julius Stinde

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Badeleben

Da sitze ich denn nun in Flunderndorf mit meiner Emmi, fern von dem schönen Berlin, wo man Abends sein Gartenkonzert haben kann, seine Weiße und alles, was drum und dran hängt, mit all seinen Annehmlichkeiten, von denen die Leute hier nicht einmal im Traum eine Ahnung haben. – Ach Berlin, wie sehne ich mich nach Deinen Gefilden!.

Sie wundern sich gewiß, daß mich schon nach so kurzer Zeit ein poetisch angehauchtes Heimweh überfällt und werden sicherlich denken, wenn die gute Frau mit ihrer Tochter nach Misdroy oder Heringsdorf gegangen wäre, würde sie Berlin nicht vermissen, aber gerade weil ich Berlin entfliehen wollte, mußte ich ein wenig bekanntes Ostseebad wählen, und das eben ist Flunderndorf. Wir würden anderwärts überall Bekannte treffen, die von Emmis verunglücktem Auftreten in der Grün-Reiffersteinschen Oper wenigstens gehört haben, und diesem Zusammentreffen wollten wir thunlichst ausweichen. Oder mögen Sie Gesprächsstoff sein?

Dann aber hatte ich noch einen zweiten Grund, mich hierher zu begeben. Ich erfuhr nämlich, daß Dr. Wrenzchen alljährlich einige Wochen in Flunderndorf seebadet, und da junge Leute im Bade sich gut kennen lernen, weil sie ja gewissermaßen auf einander angewiesen sind, so dachte ich denn beim Einpacken an allerlei Möglichkeiten. Daß für Dr. Wrenzchen ein geregelter Hausstand eine absolute Nothwendigkeit ist, kann man daraus sehen, daß er neulich seinen Geburtstag wieder mit dem raffinirtesten Luxus und der unerhörtesten Verschwendung begangen hat. Onkel Fritz sagte, es sei haarsträubend gewesen, so etwas Ausnahmsweises, wie die Geburtstagsfeier des Doktors gäbe es überhaupt nicht . Wenn er meine Emmi nähme, so würden wir den Tag gemüthlich unter uns feiern. Morgens mit einem Napfkuchen, Nachmittags Damenkränzchen und Abends ein Achtelchen Bier mit belegten Stullen. Das Verschwenden wollte ich ihm bald abgewöhnen und seine Spießgesellen sollten schon ausrücken, wenn sie mich nur sähen.

Es ist ja ganz schön in Flunderndorf, aber Alles ist doch noch von einer fürchterlichen Primitivität. Wenn ich nur allein die Betten nehme. Seegras ist drin, aber man meint, man läge auf vorjährigen Kartoffeln, und die Decken sind von einer Dicke, daß man darunter ersticken kann. Ich liege natürlich immer nur so, d. h. mit einem einfachen Laken zugedeckt. Alle Badegäste liegen so, wie man stets zu hören bekommt, denn wenn man sich Morgens trifft, ist das erste Gespräch, wie man gelegen hat, ob man viel Mücken gehabt hat oder wenig, ob man tüchtig gestochen wurde oder gar nicht? In einem Bade giebt der Mensch sich ganz wie er ist: man wird eben ganz Natur und dieser Umstand wirkt neben dem Salzgehalt hauptsächlich auf die Gesundheit ein.

Wir sind hier rund gerechnet gegen vierzig Badegäste, und da es sich billig in Flunderndorf lebt, ist es selbstverständlich, daß Bleichröder nicht mit dazwischen ist. Viele wohnen bei den Fischern, die ihre sogenannte beste Stube vermiethen, Andere haben Quartier in dem Hotel genommen, wo man gemeinschaftlich speist. Am Strande sind Badekarren und auf dem Sande ist eine nach der Seeseite hin offene Bretterbude errichtet, in der man auch bei minder gutem Wetter Luft schnappen kann. Scheint die Sonne, dann wühlen alle im Sande, sowohl die Damen, wie die Herren und Kinder. Anfangs wollte ich mich nicht dazu herablassen, aber ich buddle jetzt ganz tapfer mit. Ich glaube, es ist auch besser, wenn einige ältere Damen beim Sandwühlen dabei sind.

Außer uns ist aus Berlin nur noch eine Familie hier und zwar, wie man gleich sieht, wegen offenbarer Gesundheitsrücksichten. Der Mann ist ja nur noch ein Schatten und die Frau und das kleine Töchterchen kommen auch gewiß nicht oft an die frische Luft. Es ist mit Menschen wie mit Kleidern, man merkt es gleich, wenn sie zu lange im Spinde gehangen haben.

Die Leute haben gewiß einmal bessere Tage gesehen. Ich wollte sie schon manchmal theilnehmend ein bischen aushorchen, weil man doch gern wissen will, mit wem man in den Ozean steigt, aber sie waren 'nicht rühr' an' – der reine Polargletscher mit 'nem Eisbären drauf.

Dagegen weilt eine Hamburgerin mit ihrem Söhnlein hier, die sich gleich an uns attachirte. Eine sehr nette Dame, immer sehr elegant in Zeug. Neulich hatte sie ein Kleid an, das ganz aus schwarz und weißem Plissé gearbeitet, einen strahlenden Effekt verbreitete, wozu noch große Bouqets von Pensees kamen: eins vorn, eins hinten und eins links oben an der Taille. Meine Emmi und ich waren ganz hingerissen. Auch sehr hübschen Schmuck besitzt die Frau, Alles dick aus Gold und, wie sie selbst sagt, gediegen. Meistens sind es Geburtstagsgeschenke, wie sie sagt, da sie nicht dafür ist, selbst dergleichen zu kaufen. Ich lobte hierauf ihren freigebigen Gemahl, worauf sie mir mit dem Ellenbogen die Seite stieß und lachte. Als ich mich hierüber wunderte, erklärte sie mir, ihr Mann sei über See und mache dort horrende Geschäfte, während sie mit dem kleinen Hannis – so heißt das Kind – in Hamburg ein ruhiges Leben führe. Sie würde mich gern einladen, sie einmal zu besuchen, aber da ihr Haus gerade abgebrochen wäre, wohnte sie jetzt selbst zur Miethe. – Klein Hannis war sehr zuthunlich zu Emmi, aber er wollte immer etwas geschenkt haben. Er meinte, er hätte in Hamburg so viele hübsche Tanten, die ihm Spielzeug und Boltjes mitbrächten, nun sollte Emmi ihm auch eine liebe gute Tante sein. Die feine Madame aber wischte klein Hannis eine Tachtel aus und rief auf plattdeutsch: »Willst Du verdammte Sleef gliik dat Muul holl'n!« worauf das Kind schwieg.

So elegant die Hamburger Dame auch immer gekleidet war, so schrecklich ging sie jedoch mit der deutschen Sprache um. Morgens, wenn wir an dem Strand spazierten, sagte sie stets: »Wollen wir uns nun ein bitschen auf die Banke setzen,« so daß ich mich gedrungen fühlte, sie darauf aufmerksam zu machen, daß es nicht die Banke heiße, sondern die Bank. Sie aber lachte mich aus und meinte, so etwas aus Holz, worauf man sitzt, das nennt man eine Banke, aber das Haus in Hamburg, mit dem Wachtposten davor, am Adolfsplatz, worin alles Silber und Gold aufbewahrt wird, das sei die Bank. Unmöglich könne man doch die Bank eine Banke nennen, ebensowenig wie eine Banke eine Bank sei.

Die übrigen Damen halten sich ziemlich isolirt. Wenn sie nicht baden, suchen sie Muscheln und Bernstein oder gehen in das kleine Gehölz, das auf der Landzunge liegt, welche die Flunderndorfer Bucht kennzeichnet, und pflücken dort Waldblumen. Eine von den Gästen, eine Stettinerin, ist recht hübsch. Die feine Madame meinte, die könne ihr Glück machen. Mir gab diese Bemerkung einen Stich durch die Seele, denn ich dachte an die bevorstehende Ankunft des Dr. Wrenzchen, der um diese Zeit fällig sein mußte. Ich fragte daher, ob meine Emmi nicht auch recht hübsch sei und ebenso gut Aussichten habe, wie die Stettinerin?

Die feine Hamburger Dame sagte, meine Emmi sei ja ganz nett, aber es käme doch auf die Stimme an und die Garderobe.

Diese Antwort verschnupfte mich stärker, als ich merken ließ, denn ich mußte annehmen, daß die Madame auf Emmi's Malheur bei der Grün-Reiffersteinschen Aufführung anspielen wollte. Was ging sie sonst Emmi's Stimme und Garderobe an? Etwas kühl verabschiedeten wir uns und ließen die feine Madame mit ihrem Hannis am Strande. – Im Dorfe gingen wir zufällig an dem Bauernhause vorbei, in welchem Dr. Wrenzchen Quartier zu nehmen pflegt; natürlich erkundigten wir uns, ob er schon avisirt sei, und wann er zu kommen gedenkt? Der Bauer theilte uns mit, der Berliner Herr werde wohl noch an diesem Abend spät eintreffen, worauf ich zu Emmi sagte: »Du ziehst morgen früh Dein cremefarbenes Kleid an, und machst Dich so niedlich, wie nur irgend möglich. Der Doktor wird eine Mordsfreude haben, wenn er solche Aufmerksamkeit wahrnimmt.«

So weit war ja alles recht gut, aber es sollte doch wieder anders kommen, als wie ich dachte. Schuld ist natürlich kein Anderer als der Doktor; ich wenigstens brauche mir keine Vorwürfe zu machen.

Am nächsten Morgen stehen wir zeitig auf. Ich ziehe das Kind an, daß die Stettinerin wirklich Mühe haben sollte, dagegen aufzukommen. Das Wetter war herrlich. Über dem Meere lag ein ganz leichter Dunst, der allmälig immer zarter wurde, bis das Wasser klar wie ein Spiegel vor unseren Blicken lag, in dem die Sonne sich besah. Und über dem Meere war der Himmel so blau, daß man glauben konnte, man sähe in ein frisch gemaltes Küchenspinde. Es war ein landschaftliches Gemälde von trefflicher Stimmung, wie man immer in den Berichten über die Kunstausstellung liest. Mein Plan ging nun dahin, den Doktor am Morgen zu begrüßen, uns sehr über seine Ankunft freuen, ihn dann den ganzen Tag nicht außer Acht lassen und am Abend zu einer kalten Kalbskeule einzuladen. Dies konnten wir thun, da er als Hausarzt mit uns auf bestem Fuße steht und es nie als unschicklich gedeutet werden kann, wenn man seinem öfteren Lebensretter Artigkeiten erweist. Darauf hätte ich ihn gebeten, mir und dem Kinde Unterricht im Skatspiel geben zu wollen, und das Übrige wäre dann meine Sorge gewesen. Bratkartoffeln, die er so gern ißt, hätte er selbstverständlich auch bekommen. – Aber was nützen die besten Absichten, die schönsten Pläne, wenn die Menschen, mit denen man etwas vorhat, schlecht sind.

Einem Kossäthenkinde gab ich einen Nickel mit der Weisung, mir sofort Nachricht zu bringen, wenn der neue Herr aus Berlin aufgestanden sei. Emmi und ich warteten im Garten und banden jede einen Blumenstrauß. Mit welchen Empfindungen eine Mutter Morgens früh Blumen windet, wenn der Tag womöglich über das Geschick ihres Kindes entscheidet, das ist unmöglich zu sagen, aber alle Mütter, die wissen, wie schwer es heutzutage ist, eine Tochter an einen anständigen Mann zu bringen, können taxiren, wie mir zu Muthe war, als ich dachte: Hier sitzest du nun im Garten, mit den Blumen, bei dir sitzt dein Kind, drüben in dem Bauernhause schläft der Doktor und über uns Allen ist die Sonne so herrlich aufgegangen. Wie viel klüger sind wir wohl geworden, wenn sie untergegangen ist?

Nun kam das Kossäthenkind angerannt und rief:

»Hei rührt sick all.- Un sung'n hett hei ok all, ümmer op un dahl. Wenn Sei gau taulopen, drapen's em noch!«

»Er wird wohl nur so gethan haben,« meinte Emmi. Bei diesen Worten machten wir uns auf, um dem Doktor die zugedachte Morgenüberraschung zu bereiten. Wer aber überrascht wurde, das waren wir.

Das Fenster öffnete sich. »Werf zu, Emmi,« rief ich, und Beide schleuderten wir unsere Blumensträuße in das Fenster hinein. – »Ich danke Ihnen, meine Damen,« rief eine fremde Stimme, und der Mann, dem diese Stimme gehörte, ward sichtbar. Es war Herr Meyer, der angehende Opernsänger, um dessentwillen wir von Berlin geflohen waren.

»Mein Herr!« rief ich wüthend, »wie können Sie sich unterstehen, uns nachzureisen.« – »Bitte, ereifern Sie sich nicht. Mein Arzt hat mir Flunderndorf verordnet und mir gleichzeitig die Adresse dieser Wohnung gegeben, da er in diesem Jahr keine Zeit zum Baden hat!« – »Ihr Arzt?« schrie ich höhnisch. – »Gewiß!« antwortete er, »Dr. Wrenzchen hatte die Güte, mir – – – –« Ich ließ ihn gar nicht erst ausreden, sondern nahm Emmi bei der Hand und zog sie mit mir fort.

Es war mir unmöglich, an diesem Morgen ins Wasser zu gehen, so alterirt war ich; mich hätte ja der Schlag treffen können. Emmi war wieder ganz weg in dies lange Reff von Sänger, seitdem sie ihn aufs Frische gesehen, so daß wir uns genau auf dem alten Stadium befinden. Wir müssen fort von hier ... aber wohin? O, dieser Doktor, uns solchen Streich zu spielen – – –!

Nach dem Table d'hôte.

- – Wir bleiben! . Die feine Hamburger Madame hat Herrn Meyer engagirt, sie ist nämlich Inhaberin einer Konzert-Sing-Spiel-Halle, oder sonst eines Stullentheaters, wo die Verzehrung über die Kunst geht. Meyer wird bei ihr auftreten. Und mit solcher Person waren wir intim! Diese Erniedrigung Meyer's hat die Neigung meiner Emmi wie Seegras aus ihrem Herzen geschwemmt, ein wahres Glück, das ich hochpreise. Er wird heute Abend im Wirthshaussaale eine Soirée geben, auf der wir selbstverständlich fehlen. Wir werden dagegen einen weiteren Spaziergang mit den Leuten machen, welche uns so grenzenlos ärmlich schienen. Er ist ein Obergerichtsrath und von Adel dazu, der mit seiner Familie ganz der Natur lebt. Da dies auch mein Fall ist, werden wir schon Umgang mit einander finden, denn die Natur vereinigt gleichgestimmte Seelen viel inniger als die Kunst, weil kein Brodneid dabei ist. Die Leute haben sehr etwas Vornehmes an sich, selbst wenn sie blos Dickmilch und Schwarzbrod essen. Die Frau Obergerichtsräthin hatte am Morgen bemerkt, daß Emmi geweint hatte (NB. über Meyer) und dies gab den ersten Anlaß zu unserer Bekanntschaft. Wie theilnehmend sie war, dann kann man sich kaum denken, und auch er wurde ganz aufgeknöpft und umgänglich; unser

bisheriger Verkehr war ihnen nicht ganz sympathisch gewesen.

Der Doktor soll mir noch büßen. Ich wollte nur, ich wäre erst seine Schwiegermutter!


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