Julius Stinde
Die Familie Buchholz. Aus dem Leben der Hauptstadt
Julius Stinde

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Nach der Hochzeit.

Man mag es machen, wie man will, seinen Ärger und seine Nackenschläge bekommt man doch, die werden einem förmlich angeboren.

Daß die Polizeilieutenanten es in einer Gesellschaft für sehr dickthuerisch gehalten hat, daß wir die Hochzeit im Englischen Hause gaben, will ich ihr gerne verzeihen, denn unter uns gesagt: sie stammt aus kleinlichen Verhältnissen, aber daß sie gesagt hat, in der Bowle wäre mehr Selterwasser als Champagner gewesen, das ist eine Verleumdung. Es war Alles vom ersten Ende, denn wenn ich etwas gebe, dann gebe ich es gut. Ich kann ihr jeden Tag die Rechnungen zeigen. Außerdem möchte ich wissen, ob wir die elf Doktoren so vergnügt mit Selterwasser gekriegt hätten?

Aber das ist das Wenigste; den größten Ärger hat mir die Krausen bereitet, und noch größeren Onkel Fritz.

Ich hatte der Krausen abgeschlagen, ihren kleinen Eduard mitzubringen, da Hochzeiten keineswegs für Kinder sind. Aber um ihr zu zeigen, daß ich durchaus nicht so sei, bat ich sie, den kleinen Eduard am folgenden Tage zu uns zu schicken, da sollte er denn Kuchen haben und allerlei gute Sachen, die vom Frühstück übrig geblieben waren.

Hätte sie Takt besessen, so würde sie gesagt haben: »Ich danke Ihnen sehr für die Freundlichkeit, aber einen Tag nach der Hochzeit kann ich Ihnen den Jungen doch wohl nicht zumuthen.« – Aber Gott bewahre!

Also Eduard trat an. Da Betti nicht die geringste Lust hatte, sich mit ihm zu beschäftigen, so mußte ich mich mit ihm abgeben, und da Knaben in seinem Alter schluckgierig sind wie die jungen Wölfe, sorgte ich denn dafür, daß er Etwas zu präpeln bekam.

Er ließ sich auch gut schmecken, was ihm vorgesetzt wurde, Chokolade und Torte und einen ganzen Teller voll kleinem Gebäck, von dem wir noch öfters hätten gut haben können. Als er damit fertig war, fragte ich: »Soll Tante Dir noch eine schöne große Stulle schneiden!« – »Nein,« sagte er, »Stullen mag ich nicht.« – »Soll Tante Dir noch eine Tasse Chokolade einschenken?« – »Du bist ja gar nicht meine Tante,« lachte er. – »Du hast mich doch sonst immer Tante genannt.« – »Ja, als ich noch klein war,« entgegnete er. »Mama hat mir verboten, zu All und Jeder Tante zu sagen, das thun nur ganz gräßlich kleine dumme Kinder. Aber ......« – Er schwieg plötzlich. Halt, dachte ich, hier sitzt es, und fragte lächelnd weiter: »Nun, aber?« – »Du könntest ja meine Tante werden, wenn Hochzeit wird. Dann komme ich auch mit.« – »Hochzeit? Mit wem denn?« Er lachte. »Nun, Eduardchen, sag' doch. Mit wem?« – »Äh, wie Du dumm bist; das weißt Du nicht einmal?« – »So sag' doch: ich verrathe nichts.« – »Äh, wie Du neugierig bist. Nun kriegst Du es gar nicht zu wissen.« – Und dabei grinste die Kröte mich so infam an, daß es mir in den Fingern kribbelte – aber, 'Gewehr in Ruh' beherrschte ich mich, denn nun wollte ich auf den Grund sehen, ob sie Onkel Fritz wirklich verkuppelt hatten, einen so hübschen gebildeten Mann in den besten Jahren, der die ausgezeichnetsten Partien machen kann? Ich danke. – »Eduardchen,« fragte ich, »magst Du gern Himbeergelee?« – »Du giebst mir ja doch keins.« – »Gewiß.« – »Aber ich sage doch nichts.« Wäre ich meinen natürlichen Empfindungen gefolgt, so hätte ich den Jungen jetzt an die freie Atmosphäre gesetzt, und das wäre auch wohl das einzig Richtige gewesen, aber in meiner Verblendung stand ich jedoch auf und holte das Himbeereingemachte. Es war so wie so überjährig.

»Sag' einmal,« fing ich darauf so ganz verloren an, »Onkel Fritz kommt wohl oft bei Euch zu Besuch?« – »Neulich war er erst da.« – »Blieb er lange?« – »Das weiß ich nicht.« – »Ihr freut Euch wohl sehr, wenn er kommt?« – »Ach nein, er ist immer so unangenehm gegen mich.« – »Das muß er nicht. Aber Papa freut sich wohl über seinen Besuch?« – »Papa freut sich, wenn Mama es haben will.« – »Und Tante Erika, was sagt die dazu?« – »Die muß immer ihr bestes Kleid anziehen.« – »Du hast Tante Erika wohl sehr lieb?« – »O ja, wenn ich mit zur Hochzeit komme.« – »Dafür will ich schon sorgen, daß Du mitkommst.« – »Das glaub' ich nicht, sonst hätte ich diesmal mitdürfen. Mama hat aber gesagt, Du wolltest nicht.« – »Ihr sprecht wohl schon viel von der Hochzeit?« – »Das weiß ich nicht.« – Nun hatte er sein Gelee von dem Teller bereits abgeleckt.

»Das weißt Du recht gut. Aber sage Deiner Mama nur: erstens dächte Onkel Fritz gar nicht daran, sich zu verheirathen, und zweitens thäte sie unrecht, von Hochzeiten zu quatschen, die nie sein werden. Onkel Fritz ist liebenswürdig gegen jede Dame, ohne daß gleich von Heirathen die Rede ist. Und nun glaube ich, bist Du satt und kannst nach Hause gehen.«

Ich war ordentlich erleichtert, als die Range das Haus verlassen hatte. Nicht einmal bedanken that er sich; aber das kann man bei einer Erziehung auch nicht verlangen, wo der Vater eine Null ist und die Mutter sich alles von dem Jungen gefallen läßt.

Es dauerte keine halbe Stunde, als die Krausen angetrabt kam. Allein schon wie sie an der Klingel riß: man hätte glauben können, Berlin sollte untergehen.

Sie käme nur auf einen Augenblick, sagte sie. Aber sie müßte sich aussprechen. »Bitte,« sagte ich, »nehmen Sie Platz.« – Und nun ging es los. Sie hätte immer große Stücke auf mich gehalten, aber das fände sie nicht hübsch, daß ich die Kinder anderer Leute einlüde, um sie auszufragen, wie es in anderer Leute Familien herginge. Was in ihrem Hause passirte, das könnte jedermann wissen, aber durch ihren Knaben ließe sie sich keine guten Rathschläge geben. Ich ließ sie ausreden, denn gegen an konnte ich doch nicht, ihr gingen ja die Sprechwerkzeuge wie eine Zahnbürste im Munde. »Meine beste Frau Krausen,« sagte ich dann, »es fällt Niemand ein, anderen Leuten Vorschriften zu machen, aber sie können es mir nicht verdenken, wenn ich nicht wünsche, daß man meinen jüngeren Bruder mit irgend einer Beliebigen verheirathet.« – Davon wäre gar keine Rede und mir könnte es gleich sein, welches Kleid ihr Hausbesuch anzöge. Darüber brauchte ich mich nicht aufzuhalten.

Wer das gethan hätte? »Nun Sie, meine Liebe, mein Eduard hat mir Alles wieder erzählt, das Kind hat ein so wunderbares Gedächtniß.« – Dann hätte das Kind geflunkert. – Wie ich so etwas sagen könnte. – »Er hat von dem Kleid erzählt!« rief ich erbost, »nicht ich.« – Das unschuldige Kind, so etwas fiele ihm ja gar nicht ein. – »Habe ich denn etwa gelogen?« – »Bewahre, das sage ich ja nicht ... Aber Sie haben dem Kinde Himbeergelee gegeben und es ausgehorcht, und ihm, was weiß ich Alles erzählt, und nun sitzt meine Cousine da und ist grenzenlos herunter. Sie haben das arme Mädchen mit Ihrem Bruder Fritz ins Gerede gebracht ... jetzt ist es seine Ehrenpflicht, sie zu heirathen.«

Ich war wie erschlagen. Ich mußte ein paar Mal Athem holen, ehe ich einen Ton reden konnte. »Was? Ich? Nein, meine Beste, Sie wollen diese Partie. Sie haben darauf zugestrebt.« – »Denke nicht daran!« – »Woher weiß Ihr Eduard denn Bescheid?« – »Der Himmel mag wissen, was Sie Alles aus dem harmlosen Kinde herausgefragt haben.« – »Aber er sagte doch, daß er mit zur Hochzeit kommen sollte, wenn Erika und Onkel Fritz ....«

»So?« – Dies So war so lang wie die Chausseestraße mit der Müllerstraße daran. »Da sind Sie irr', meine Beste. Das Kind wollte so gerne auf Emmi's Hochzeit, aber da Sie es durchaus nicht zugaben, trösteten wir den Kleinen und sagten, er sollte mit, wenn Tante Erika Hochzeit gäbe.« – »So? und mit wem, wenn ich fragen darf?« – »Mit wem? das war ja ganz gleich, wenn Eduard sich nur zufrieden gab. Namen sind gar nicht genannt worden. Haben Sie dem Kinde vielleicht irgend einen Namen auf die Zunge gelegt? Wir sind viel zu vorsichtig in solchen Dingen.«

»Aber Eduard sagte, er wüßte Alles, er wollte nur nichts sagen ....« – »Kennen Sie die Kinder denn nicht besser? Wie oft sagen die kleinen Seelen aus Scherz: ich weiß Etwas, was Du nicht weißt, und hinterher wissen sie wirklich nichts. Eduard ist ja immer so spaßhaft. Nein, meine Beste, auf Kinderreden kann man nichts geben, und Sie hätten deshalb nicht nöthig gehabt, mir durch den Kleinen gute Lehren sagen zu lassen. Und was meine Cousine betrifft, so wird Ihr Herr Bruder gewiß ehrenwerth handeln. Darüber spreche ich mit ihm.« – Und süß lächelnd ging sie wieder.

Soll ich nun noch den Aufstand erzählen, den ich am selbigen Abend mit Onkel Fritz hatte? Die Krausen war bei ihm gewesen – extra zu ihm gerannt – und er kam in der gehörigen Verfassung an. Äußerlich schien er ziemlich ruhig, aber die Augenbrauen saßen ihm dicht aneinander, er grollte innerlich nicht schlecht. »Was meinst Du nun, Wilhelmine,« fragte er, »wenn ich jetzt gleich auf der Stelle meinen Antrag mache? Ich habe ihr die Cour geschnitten, das gestehe ich gerne zu, allein mich in keiner Beziehung gebunden; aber nun liegt die Sache anders.« – »Also, Du findest sie passabel?« – »Mehr als das, aber zum Heirathen war ich keineswegs entschlossen.« – »Und nun?« – »Die Krause sagt, daß sie über das Geschwätz untröstlich ist. Sie ist gekränkt, Wilhelmine, sie leidet. Kann ich das mit ansehen?« – »Hast Du denn das gesehen?« – »Nein, die Krause sagt es.« – »Die lügt!« – »Wilhelmine!« – »O, vertheidige sie nur. Die ganze Familie lügt; sie, der abscheuliche Junge, der Vater ... nein, der nicht, der ist ein Nachtwächter.« – »Erika auch?« – »Fritz, thu' mir den Gefallen und rede nicht so familiär von ihr. Bedenke Deine Zukunft. Sie hat keinen Groschen.«

»Ich verdiene mehr, als sie und ich gebrauchen werden.« – »Fritz! Du denkst doch nicht im Ernste an die ... die ...« – »Kein Wort weiter, Wilhelmine. Ich bin selbständig und thue, was ich will. Adje!«

Er ging.

Am anderen Tage erwartete ich ein Anzeige von Onkel Fritzens Verlobung, statt dessen erfuhr ich, daß die betreffende Erika Knall auf Fall in ihre Heimath zurückgereist sei. Wer soll daraus klug werden? Frage ich Onkel Fritz darnach, so sagt er kalt lächelnd: »Gieb mir erst Himbeergelee, dann sollst Du Alles wissen.« – Diesen Winter arrangire ich Liebhabertheater, und dann werde ich es schon so einrichten, daß er das Haidekraut vergißt.

Wie gesagt, man kommt nicht aus den Sorgen heraus, weder vor, noch nach der Hochzeit.


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