Julius Stinde
Die Familie Buchholz. Aus dem Leben der Hauptstadt
Julius Stinde

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Warum wir ins Bad müssen.

Es ließ sich nicht leugnen: Emmi hatte großen Erfolg gehabt. Sollte das Talent nun in der Landsbergerstraße einrosten und konnte ich das verantworten? Nein, ich weiß, daß wir alle dereinst Rechenschaft ablegen müssen und keine Entschuldigungen gelten, denn ich bin nicht wie die Bergfeldten, die im Stande ist, mit in das Weltgericht hineinzureden, wenn man nicht so vorsichtig ist, sie bis zuletzt liegen zu lassen. Emmi's Organ mußte künstlerisch ausgebildet werden. Ich hielt dies um so mehr für meine Pflicht, als die Polizeilieutenanten sehr zuredete und mir vorstellte, daß, wenn meine Emmi mit ihrer Tochter zugleich Gesangstunde nähme, die Lehrerin es bedeutend billiger thäte. Ich wäre gewiß keine deutsche Hausfrau, wenn ich einen solchen Vortheil außer Acht gelassen hätte. Nein, wo sich mir etwas Billiges bietet, da nehme ich es, nur in den fünfzig-Pfennig-Bazaren kaufe ich nicht wieder, weil man hinterher mehr für Leim und Kitt ausgeben muß, als der ganze Kram gekostet hat. Auch mein Karl, dem ich natürlich erst Mitteilung machte, als das zweite Quartal bezahlt werden mußte, und es Sünde gewesen wäre, mitten in der Ausbildung abzubrechen, gestand, daß er über den Preis nicht erzürnt sein könnte. Diese Zusicherung beglückte mich sehr.

Meine Emmi machte nun aber auch rasende Fortschritte, wie ihre Lehrerin versicherte, so oft sie bei uns war. »Noch einen Kursus,« sagte sie, »und Ihr Fräulein Tochter hat eine Höhe wie die Lucca. Bereits jetzt bringt sie das hohe C mit Leichtigkeit heraus und die Coloraturen bekommen schon so etwas Schmalzhaftes, als hätte sie den Ansatz der Artôt.« Auch hierüber war ich höchlichst erfreut und dachte: wenn Emmi berühmt wird, vergehe ich vor Wonne. Und warum sollte meiner Tochter dies Glück nicht blühen? Es ist schon Manche eine große Sängerin geworden, deren Familie mit uns durchaus nicht auf gleicher Höhe steht.

Frau Grün--Reifferstein war auch gerade die rechte Lehrerin für unsere Töchter. Oft erzählte sie mir und der Polizeilieutenanten von ihrem früheren Bühnenleben und den Gefahren, welche den jungen Anfängerinnen dort drohen. Sie aber sei stets stark geblieben und habe sich nie erniedrigt, selbst nicht, als einmal ein Fürst sich linkshändig mit ihr hätte trauen lassen wollen. Sie wisse, was es hinter den Kulissen auf sich habe für Alle, welche nicht gefestigt zur Bühne gingen, sie aber festigte ihre Schülerinnen, eben weil sie jene Gefahren kennen gelernt. Wie froh war ich, meine Emmi in so guten Händen zu wissen. Daß die älteste Tochter von der Heimreichen aus erster Ehe auch bei der Grün »studirte«, wie sie es nennen, war mir zwar nicht recht mit, aber sie sollte ja etwas Stimme haben und da drückte ich denn ein Auge zu, obgleich die Mutter mir ein Greuel ist. –

Es liegt im Prinzip des Grün-Reiffersteinschen Gesangsinstitutes, alljährlich eine Aufführung zu veranstalten, damit die Eleven zeigen, was sie gelernt haben. Die Angehörigen der Schülerinnen und Schüler – es sind nämlich auch Schüler da – mit ihren Bekannten und Freunden bilden das Publikum und da das Entré nur eine Mark beträgt, ist es natürlich gequetscht voll in dem Saal, wo eine hübsche Bühne aufgeschlagen ist und die Kunst mit edler Hingabe und sittlichem Ernst gepflegt wird, wie die Grün selbst sagt.

Diesmal sollte meine Emmi auch singen und zwar die »Gabriele« aus dem »Nachtlager zu Granada«; erst die Szene, in welcher der Jäger ihr die entflogene Taube wiederbringt, und dann die Stelle, wo sie den eingeschlafenen Jäger steinigt, um ihn vor den Banditen zu warnen.

Die Aufregung war eine große. Vier Wochen lang vorher drehte sich Alles um die Aufführung, daß ich sogar verbieten mußte, in Gegenwart meines Mannes davon zu reden, der schon zornig wurde, wenn er das Wort Probe, Kostüm, Aufführung oder dergleichen nur hörte. Mir aber war die Sache nicht egal. Zunächst kam Alles auf das Kostüm an. In einer Maskeradenfahne wollte ich Emmi nicht auftreten lassen und deshalb mußte die Schneiderin herbei und ihr ein weißes Satinkleid von modernem Schnitt mit Schleppe machen, das wir mit Gold und rothem Atlas garnirten, weil das Stück in Spanien spielt. Schöne hohe Absatzstiefelchen durften nicht fehlen. Die Grün-Reifferstein fand das Kostüm für ein Hirtenmädchen allerdings etwas zu prachtvoll, aber ich äußerte bestimmt, daß meine Tochter nicht wie eine Schlampe erscheinen sollte und ohne das Kleid keineswegs auftreten würde. Da gab sie denn klein bei. Wenn man es kann, will man den Leuten doch auch zeigen, daß man's hat.

Es wäre aber doch wohl besser gewesen, wir hätten das Kleid nicht machen lassen. Ich denke noch mit Ingrimm daran.

Also der Tag der Aufführung nahte, wie alle großen Ereignisse schließlich und zuletzt herankommen. Wir von unserer Seite waren eine anständige Zahl, denn wir nahmen die ganzen Bergfeldts, Krauses, Weigelts und noch einige von deren Freunden mit. Dr. Wrenzchen, dem ich eine Einladungskarte geschickt hatte, ließ sich entschuldigen, er habe keine Zeit. Ach, er hat nie Zeit, wenn er nicht kommen will, denn wie ich später erfuhr, hat er an demselben Abend draußen bei Patzenhofers gesessen und mit seinen Genossen Skat gespielt, obgleich es hoher Termin ist, daß er sich nach einer netten Frau umsieht. Nun, ich dränge ihm meine Töchter nicht auf. Aber so sind die Mediziner einmal.

Ich begab mich rechtzeitig in die Garderobe, um Emmi anzukleiden. Die Heimreichen war ebenfalls dort bei ihrer Tochter, welche das »Ännchen« aus dem Freischütz singen sollte. Liebe Güte, wie sah das Wurm aus. Unter uns gesagt, das Kostüm war nicht einmal ganz sauber und wer weiß, woher die Heimreichen es geliehen hatte. Wahrscheinlich bei einer ganz billigen Maskentante aus der Brunnenstraße oder sonst aus der Gegend. Es war ein wahrer Klater, der abscheulich saß. Ich that, als wenn die Heimreich für mich nicht anwesend war.

Wie sie nun das Kostüm meiner Tochter sieht, wird sie anzüglich. »Ihre Emmi soll wohl bei Hofe auftreten?« fragte sie spinnegiftig. – »O nein!« antwortete ich spitz, weil noch andere Leute in der Garderobe waren, denen ich zeigen wollte, daß ich mir Nichts bieten lasse und wenn zehn solche kommen wie die Heimreichen. »Sie wissen, meine Beste, ich bin einmal für die Propperté.« – »Soll das auf mich gehen?« rief sie und stellte sich vor ihre Tochter, daß diese meinen forschenden Blicken entzogen wurde.

»Ich habe keinen Namen genannt,« erwiderte ich. – »Nun, meine Damen,« rief sie boshaft, »wenn die Buchholzen meint, daß wir Alle ihr nicht gut genug sind, so ist das ja recht hübsch von ihr. Wir geben uns, wie wir sind; Dickthun, wo Nichts dahinter steckt, ist Gottlob nicht unsere Sache.« »Ich finde auch, daß Fräulein Buchholz sich mehr herausstaffirt, als sonst immer bei uns Mode war!« rief ein ältliches Mädchen dazwischen, das gerade vor dem Spiegel stand und sich schminkte. »Ja!« half ihr die Heimreichen, »wo überhaupt Nichts dran ist, das muß sich natürlich behängen, wie eine Kunstreitersche!« – Dies war mir zu viel, aber ich beherrschte mich und sagte laut zu meiner Tochter: »Kümmere Dich nicht darum, was Leute sagen, die über Komödie die Augen verdrehen, und wenn es nur ein Puppentheater ist, aber hinterher doch nicht von der Bühne bleiben. Es ist ja nur der blasse Neid.« – Nun war der Skandal da. Jede hatte Etwas zu sagen. Emmi brach in Thränen aus. Es gab einen reellen Aufstand.

Die Grün-Reifferstein hatte den Lärm gehört und eilte von der Bühne in die Garderobe. Nur mit Mühe schaffte sie sich Gehör. »Meine Damen,« rief sie, »erledigen wir den Streit nach der Aufführung, wir müssen gleich anfangen, das Publikum trampelt schon. Darf ich diejenigen Damen, welche nicht aktiv sind, bitten, sich in den Saal auf ihre Plätze zu bemühen.« – Das war ja recht schön, aber meine Emmi wollte nun nicht mitthun. Sie weinte noch immer. »Aber Kind,« rief ich entsetzt, »Bergfeldts, Krauses und alle die Andern sind doch nur gekommen, um Dich zu hören, Andere können gröhlen so viel sie wollen. Bedenke doch das theure neue Kleid.« – »Das ist mir einerlei,« schluchzte sie, »wenn man mich so behandelt, gehe ich keinen Schritt auf die Bühne.« – Die Grün-Reifferstein gerieth in Verzweiflung. »Wir können die Nummer unmöglich fallen lassen, Sie müssen singen.« – »Nein, ich will nicht!« antwortete Emmi. – »Aber bestes Fräulein,« stöhnte die Grün. Dann flüsterte sie ihr zu: »Was würde Herr Meyer davon denken?« – Emmi besann sich einen Augenblick und sagte darauf: »Ich will doch lieber singen.«

Ehe ich mich erkundigen konnte, welche Bewandtniß es mit 'Herrn Meyer' auf sich habe, hatte die Grün uns hinauskomplimentirt und wir mischten uns unter das Publikum.

Mir war das Herz schwer, als ich auf meinem Platz saß. Der Ärger hatte mich mehr aufgeregt, als ich mir eingestehen wollte. Und dann dieser Herr Meyer? Der wollte mir gar nicht aus dem Kopfe.

Die Grün-Reifferstein setzte sich nun an das Klavier, das hinter einer Pappwand seitlich neben der Bühne stand und als Orchester diente, und der Zauber ging los. Heimreichens Elisabeth und das ältliche Mädchen, welches vorhin so infam gegen mich gewesen war, verzapften »Duett und Arie« aus dem Freischütz. Es war unanhörbar. Die Elisabeth wußte nirgends mit den Händen zu bleiben, und sang so falsch, daß es einen Hund jammern konnte, wobei sie den Mund aufsperrte, daß er wohl hinten herum gegangen wäre, wenn die Ohren nicht im Wege standen. Trotzdem erhielt sie Applaus, denn die Heimreich's Clique klappte mit den Händen, als wären es Waschhölzer. Ich rührte mich nicht und als die Bergfeldten neben mir auch applaudiren wollte, hielt ich ihre Hände fest. Dies sah die Heimreich und warf mir einen Blick zu, der nichts Gutes ahnen ließ.

Nun kam meine Emmi dran. Richtig, da stand ja auf dem Zettel: »Gabriele . . . Frl. C. B. Ein Jäger . . . Herr Meyer!« – Der Vorhang ging hoch. Herr Meyer in Jägerkostüm trat vor und sang. Ein entsetzlich langer Mensch, der mit dem Kopf fast an die Decke stieß und vor innerlicher Angst immer rechts und links schielte, als hätte er ein böses Gewissen. Nun öffnete sich die Thür der Hütte – meine Emmi erschien. Ein lautes »Ah« ging durch das Publikum. Mir polterte ein Stein von der Brust, ich merkte, sie gefiel.

Emmi fing an zu singen. Als sie jedoch auf den Jäger zugehen wollte, konnte sie nicht weiter, denn es hatte sich ihre Schleppe hinter den Kulissen festgehakt. Das Kind kam aus der Contenance und schwieg. Der Jäger sah das Malheur und machte galant die Schleppe los. Das Publikum lachte und die Heimreich am lautesten. Emmi begann von vorne; es war sehr deprimirend. Mein Karl flüsterte mir zu: »Dies ist das erste und letzte Mal, daß Emmi Komödie spielt.« Als der Vorhang fiel, rührte sich keine Hand. Nur die Bergfeldt, die ich vorher darum ersucht hatte, applaudirte aus Leibeskräften. Alle Blicke richteten sich nach uns. Ich hätte in die Erde sinken mögen. Die Heimreichen lachte laut und höhnisch.

Nach einer Pause folgte die zweite Scene. Mitten auf der Bühne stand ein kleines Kanapee, ohne Lehnen, als Lager für den Jäger, links hatten sie eine oben mit einem Fenster versehene Hauskulisse quer hingestellt, aus welchem Emmi heraussingen mußte. Herr Meyer war mit seiner Arie zu Ende und legte sich nieder, aber, da er zu lang war, ragten seine Beine weit über das Lager hinweg. Das Publikum amüsirte sich. – Meine Emmi erscheint. Sie singt ihr Lied und wirft die Steinen nach dem Jäger. Um ihn besser zu treffen, beugt das arme Kind sich zu weit nach vorne und – mir wird noch grün und gelb vor Augen, wenn ich nur daran denke – die Kulisse neigt sich und fällt mit sammt meiner Emmi langsam herunter, gerade auf den schlafenden Jäger. Das Tischchen auf dem sie gestanden, krachte hinterdrein. Die modernen hochhackigen Schuhe waren natürlich Schuld daran. Die Schleppe that auch ihr Theil dazu. Ich stürzte auf die Bühne. Zum Glück hatte Emmi sich nicht verletzt, aber dieser Herr Meyer hielt sie zärtlich an sich und tröstete sie und sagte: »Theure Emmi, danken wir Gott, daß es so abgelaufen ist. Den Theatermeister bringe ich um.« – »Theure Emmi!« sagte der Mensch. Mir fiel es wie Schuppen von den Sehnerven.

Die Grün, welche vor dem Vorhang das Publikum beruhigt hatte, daß kein Unglück geschehen, kam nun dazu.

»Also auf solche Weise 'festigen' Sie Ihre Schülerinnen?« fuhr ich sie an. »Sie dulden, daß die Ihnen anvertrauten jungen Mädchen sich von Ihren Schülern die Köpfe verdrehen lassen?«

Und da antwortete mir diese Person: »Madame, es scheint, Sie haben vom Theater gar keine Idee. Überdies halte ich Herrn Meyer für eine sehr gute Partie, denn er hat Talent und kann es weit bringen.«

Ich drehte ihr kalt den Rücken und ging mit Emmi in die Garderobe, ihr beim Umkleiden behülflich zu sein. Sie mußte bekennen. Da erfuhr ich denn, daß es allgemein üblich unter den Eleven und Elevinnen der Grün sei, sich in einander zu verlieben, das gehörte einmal zur Kunst, da man nur die Empfindungen wahr darstellen könnte, die man tief im Innersten fühlte. Ich danke. Ich hätte der Grün von vornherein nicht glauben sollen, denn das ewige Singen von Liebe und noch einmal von Liebe und das Komödienspielen, wobei auch immer nur von Liebe die Rede ist, muß ja schließlich die unerfahrene junge Welt zu Unfug verleiten. Und man redet der Grün nach, daß sie ihre Lehrlinge vor den Gefahren der Bühne warnt und sie festigt. Abscheulich!

Wir fuhren nach Hause. Mein Karl war verletzt. Er schalt nicht einmal, aber ich sah ihm an, wie sehr ihn die Blamage wurmte. Und das mit dem Meyer wußte er noch gar nicht einmal.

Ich hielt es aber für meine Pflicht, ihm auch dies zu sagen.

»Wilhelmine,« sprach er, »siehst Du nun Deine Thorheit ein? Warum willst Du das Glück stets außerhalb Deiner vier Wände suchen? Was drängst Du Dich in Verhältnisse, die für uns nicht passen?«

»Ich wollte ja nur Emmi's Bestes, sie sollte berühmt und groß werden!« schluchzte ich.

»Wir haben jetzt an Anderes zu denken,« antwortete Karl. »Das Kind muß fort, es darf dem spöttischen Mitleid der Bekannten nicht ausgesetzt werden. Wirke dahin ein, daß sie den Herrn Meyer vergißt; einen Grün-Reifensteinschen Sangesbruder wünsche ich nicht zum Schwiegersohn.«

Da überlegten wir, es möchte wohl am zweckmäßigsten sein, wenn ich mit Emmi ins Bad reiste.

Das Kind mag sich nirgends sehen lassen, weil es sich schrecklich schämt und den Spott der Bekannten fürchtet; kaum daß es wagt, einen kurzen Spaziergang nach dem Friedrichshain zu machen. Es bleibt uns daher nichts übrig, als den Parnaß ungeschoren zu lassen, und die kühlen Ufer der Ostsee aufzusuchen. Unser Traum von Ruhm und Größe ist schändlich zerstört. Ich sehe leider ein, daß die Luft als Grundstück nicht viel taugt und es ganz einerlei ist, ob man darin ein Schloß oder eine kleine Landstelle baut, die Sache ist und bleibt windig. Hätte mir die Polizeilieutenantin nicht so zugeredet und wäre die Grün-Reifferstein nicht so gleißend gewesen – ich hätte Emmi nicht öffentlich auftreten lassen. Freilich war es nur eine Privataufführung, aber alle Bekannte waren dabei und das ist noch schlimmer als die Öffentlichkeit.

Wir mußten ins Bad und zwar je eher, um so besser.

Ehe wir abreisten, machte ich noch einen Besuch bei den jungen Weigelts, den ich lange genug aufgeschoben hatte, obgleich ich ihn schuldig war, wenn auch nur aus Anstandsrücksichten.

Die Bergfeldten sagte zwar schon öfter zu mir: »Buchholzen, warum sind Sie noch nicht ein einziges Mal bei meiner verheiratheten Ältesten gewesen. Sie wissen doch, wie gerne das Kind Sie immer hatte!« aber ich ging aus verschiedenen Gründen nicht.

Erstens wollte die Bergfeldten sich nur breit machen mit der Einladung und mir mit dem Tulpenstengel zu verstehen geben, daß sie bereits im Besitze einer verheiratheten Tochter sei, während meine Beiden an dergleichen noch nicht denken, weshalb ich mich allerdings freundlich, aber doch ablehnend verhielt, indem ich mich nicht bei Weigelts sehen ließ. Zweitens bin ich zu ästhetisch veranlagt, als daß mir die Hütten der Armuth gefallen, um bildlich zu reden. Du liebe Güte, Bergfeldts hatten kaum so viel, wie sie gebrauchen, der Polterabend hatte gekostet, er – Weigelt – hat sein bischen Beamtengehalt am Gericht, sie – die Auguste – konnte auch nur das Nothwendigste mit in die Ehe bringen, und rechnet man dies Alles zusammen, so ergiebt sich, wie die Dichter es nennen, die Hütte der Armuth.

Es kann jedoch auch eine bescheidene Wohnung mit sehr bescheidener Einrichtung angenehm sein, wenn Alles ordentlich nett und sauber ist, aber da die Auguste von jeher verzogen wurde und sich die Hände nicht naß machen mochte, so konnte ich mir vorstellen, wie es bei ihr aussehen mußte, und diese Wahrnehmung suchte ich mir so lange wie möglich zu ersparen.

Auch litt ich nicht, daß die Kinder Weigelts besuchten. Ich sagte, es paßte sich nicht, junge Eheleute zu stören. Der eigentliche Grund meiner Weigerung lag jedoch tiefer.

Die Bergfeldten hatte die beiden jungen Leute mit Hilfe von Bilse's Konzerten zusammengekuppelt, so daß wahre Liebe den Bund nicht heiligte, und ferner betrug Auguste sich auf dem Polterabend derart impertinent gegen ihren Verlobten, daß selbst die Frau Polizeilieutenanten bemerkte, 'sie würde ihn schon unterkriegen!' Eine Ehe, in der statt Liebe nur Knuff und Buff herrscht, ist kein Anblick für meine Kinder. Es ist Sünde, heranwachsende junge Leute vor dem Heirathen kopfscheu zu machen.

Nun aber konnte ich meine Visite nicht länger aufschieben und schließlich war ich auch neugierig, ob ich und die Frau Polizeilieutenanten richtig prophezeit hätten. Ich zog mich daher ein bischen nett an und turnte von der Landsbergerstraße nach der Ackerstraße. Es ist dies ein ziemliches Ende, und als ich eben aus dem Hause war, fing es an zu regnen. Es waren Niederschläge, wie sie Klinkerfues erfunden hat, nicht eben heftige, aber doch naßkalt und eklig. Angenehm war die Tour nicht.

Als ich in der Ackerstraße anlangte, mußte ich das Haus erst suchen, was ziemlich schwierig ist, da zwischen den Häusern so viele Kirchhöfe liegen.

Endlich fand ich die Hausnummer. Das Haus sah von Außen ganz wohlgebildet aus, aber drinnen diese steilen und schmalen Treppen, diese elenden Etagethüren, diese erbärmlichen Thürgriffe, diese jammmervolle blaugraue Farbe, mit der die Wände gestrichen waren, dies wacklige Treppengeländer! Alles ließ sofort erkennen, daß der Baumeister die Außenseite für Couponschneider, das Innere dagegen für die Pauvreté ins Dasein rief.

Als ich die vierte Treppe genommen hatte, war mir die Puste derart ausgegangen, daß ich kaum Kraft genug besaß, an der Klingel zu reißen.

Zum Glück mußte Auguste gehört haben, daß Jemand auf den Thurm geklettert war, denn sie öffnete die Thür, und als sie mich erkannte, rief sie hoch erfreut:

»Ach, wie schön, daß Sie mich besuchen!«

»Laß mich nur erst zu Athem kommen!« entgegnete ich mühevoll, während sie mir den Mantel und Hut abnahm. »Die Treppen sind ja entsetzlich steil!«

»Das sind sie!« erwiderte Auguste, »aber wir grämen uns nicht darüber!« Dabei sah sie mich an und lächelte mir fröhlich zu.

Es war gut, daß ich saß, denn diese Antwort machte mich ganz perplex.

Auguste, die sonst gleich maulte, wenn ihr etwas unbequem schien, war mit diesen Hühnerstiegen von Treppen zufrieden! Ehe ich antworten konnte, sagte sie: »Ich mache Ihnen eine Tasse recht heißen Kaffee, der wird Ihnen bei dem unangenehmen Wetter gut thun.« Und fort aus dem Zimmer war sie.

Ich hatte nun Muße, das Wohnzimmer gründlich studiren zu können. Es war nicht groß. aber auch nicht klein, nur ein bischen gar zu niedrig für Jemand, der mehr Höhe gewohnt ist. Die Tischdecke war weiß und sauber, auf der Kommode stand die Lampe, daneben lag ein Album. Nirgendwo war zu viel, aber auch gerade nicht zu wenig.

An dem Fenster stand der Nähtisch. Neugierig, wie ich war, ging ich hin, um zu sehen, was Auguste arbeitete. Ich denke, mich soll der Affe frisiren, als ich das Tuch aufhebe, welches sie über ihre Arbeit geworfen – es waren bunte Federblumen.

Auguste kam mit dem Kaffeegeschirr, als ich mich gerade wieder an meinen Platz begeben und einigermaßen gefaßt hatte. Sie ging ab und zu und holte bald dies, bald jenes. Auch Kuchen legte sie auf ein Tellerchen und dann machte sie den Kaffee.

»Kind!« rief ich erstaunt. »Nimm mir's nicht übel, aber wo hast Du alle die kleinen Geschicklichkeiten gelernt? Das war doch früher nicht!«

Sie schwieg ein wenig, dann sagte sie: »Es lernt sich Manches, wenn man muß.« – Aha, dachte ich, ihr Mann wird sie wohl gehörig zurechtsetzen. Aber ich verwarf diesen Gedanken wieder, weil er doch eigentlich nie viel mehr war als ein schüchternes Lamm. Der Kaffee war für die Ackerstraße recht gut, vielleicht hatte Auguste auch ein paar Bohnen mehr genommen, um mir zu imponiren. Das liegt so in der Bergfeldtschen Art, wenn ich nur allein die Mutter bedenke.

Auguste fragte mich, ob es mir recht sei, wenn sie beim Plaudern ihre Arbeit fortsetzte . . – »Du nähst auch wohl schon Allerlei, woran Du früher nicht dachtest!« sagte ich und schmunzelte ein wenig dabei. »Gewiß!« antwortete sie und stellte einen Kasten mit bunten Federn auf den Tisch und begann eifrig, Blumen daraus zu formen.

»Aber Kind, was machst Du denn da?« rief ich.

»Ihnen kann ich es gerne sagen,« antwortete Auguste, »denn Sie sind eine Freundin, wenn ich es auch nicht an die große Glocke hängen möchte. Diese Blumen arbeite ich für eine Fabrik und verdiene damit, wenn auch nicht viel, so doch Etwas!«

»Du wirst doch nicht nöthig haben, für Geld zu arbeiten? Dein Mann hat ja Gehalt – –«

»Wir könnten auch auskommen, wenn wir uns einrichten,« erwiderte sie, – »aber – – –«

»Nun aber?« drängte ich.

»Wir haben Schulden,« flüsterte sie leise und wurde roth. »Das Sopha ist erst zum Theil bezahlt und die Stühle – –«

»Ich dächte, die Einrichtung hätten Deine Eltern übernommen?«

Auguste wurde noch röther. »Mama nahm die Sachen auf Borg. Die Hochzeit kostete viel, neue Kleider wurden angeschafft und manches Unnöthige dazu und schließlich hat der Hauswirth Papa wegen des Lärms auf dem Polterabend doch noch gekündigt. Der Umzug wird auch wieder kosten. Sie wissen, Papa besitzt keine Kapitalien.«

Damit erzählte sie mir gerade nichts Neues. Um sie zu trösten, meinte ich: »Nun, wenn Deine Eltern jetzt auch nicht mit dem Möbelfritzen in Ordnung kommen, so werden sie es später. Diese Art Leute giebt ja Kredit bis zum jüngsten Tag!«

»Mama hatte unserem Lieferanten mehr versprochen als sie halten konnte. Darüber ward der Mann aufgebracht. Er kam zu uns und wollte die Möbel wieder abholen und machte uns eine abscheuliche Szene. Die Nachbarn standen auf den Treppen und freuten sich an den groben Redensarten des Mannes, der erst ging, als mein Franz ihm mit Hausfriedensbruch drohte.«

»Da wart Ihr ihn ja los!«

»Aber die Schande blieb bei uns. Wir waren grenzenlos vor den Nachbarn blamirt. Mir war, als wenn alle Freundlichkeit aus unserer kleinen Wohnung verschwunden sei und nie wiederkehren könnte. O, ich wagte es nicht, meinen Mann anzublicken!« Auguste trocknete die Thränen, welche ihr die Erinnerung in die Augen trieb.

»Und was sagte er? Er war natürlich entsetzlich grimmig.«

»O nein,« rief Auguste, und ihr ganzes Gesicht verklärte sich. »Er hatte kein hartes Wort, weder für die Mama, noch für mich. Er fragte, indem er meine beiden Hände faßte und mich kummervoll anblickte: 'Auguste, wär' es nicht besser gewesen, Du wärest aufrichtig gewesen und hättest mir gesagt, wie unsere Angelegenheiten standen? Es hätte dann Alles in Güte geordnet werden können.' Da warf ich mich an seine Brust und weinte: 'Verzeihe, Franz, ich will nie wieder ein Geheimniß vor Dir haben.' Ich versprach ihm, stets aufrichtig zu sein, wie er es gegen mich von jeher gewesen ist.«

»Das war ganz nett von Dir,« sagte ich, »aber ich begreife nur nicht, wie man sich wegen der paar Möbel so exaltirt benehmen kann?«

»Es war der erste Kummer, den ich meinem Franz bereitete, seit ich ihn liebe!«

Ich mußte lachen. »Na,« rief ich, »als Bräutigam hat er gerade nicht die besten Tage bei dir gehabt!«

Auguste erröthete noch mehr als vorher. »Mama hat mir den Bräutigam ausgesucht,« antwortete sie verschämt und doch ernst und bestimmt, als wollte sie sich vertheidigen, »und ich glaubte in meiner Dummheit, die Freundschaft, die ich für ihn hegte, sei das, was die Leute Liebe nennen.«

»Nicht mehr als blos Freundschaft?«

»Auch die nicht einmal. Ich wollte verlobt sein und Mama wünschte mich verlobt zu sehen, und da Franz am bequemsten zu erreichen war, so fiel das Loos auf ihn. Hätte er mir die Verlobung aufgekündigt ... ich würde einen Augenblick wüthend vor Ärger geworden sein, aber wirklich gegrämt hätte ich mich nicht.«

»Und nun liebst Du ihn wirklich?«

»Über Alles!« erwiderte sie und ihre Augen glänzten.

»Er ist ja jetzt mein Mann!« – Dann beugte sie sich ganz verlegen, als hätte sie zuviel gesagt, über den Federkasten und arbeitete mit größerer Hast denn zuvor.

Mir kam die Auguste wie ein räthselhaftes Wesen vor, so hatte sie sich verändert. Obgleich es draußen noch immer leise regnete, beschloß ich dennoch aufzubrechen. Auguste wollte mich bei sich behalten, bis ihr Franz gekommen sei, den sie jeden Augenblick erwartete, und als ich mich nicht erweichen ließ, bestand sie darauf, mir ihre ganze Wohnung zu zeigen. Dies interessirte mich natürlich.

Neben dem Wohnzimmer lag ein einfenstriges Gemach, in welchem Bücherrepositorien, ein Schreibtisch und ein Lehnstuhl standen. Dies war das Studirzimmer. die Küche lag auf der anderen Seite, daneben eine leere Kammer.

»Habt Ihr gar kein Mädchen?« fragte ich.

»Das ist uns vorläufig zu kostspielig,« gab sie zur Antwort. »Ich habe selbst Arme und Hände.«

Das Schlafzimmer war recht behaglich, die Betten waren sauber und, wie mir schien komplett und die Inlette gut von Federn. Auguste ging auf das eine derselben zu und strich die Decke glatt, obgleich keine Falte drauf zu sehen war. Ich fragte: »Hier schläft wohl Dein Franz?«

»Ja!« sagte sie.

Gerade als ich nun gehen wollte, kam Herr Weigelt. Wir begrüßten uns; er gab seiner Frau eine Kuß und sie strahlte vor Freude. Ich sah mir den jungen Mann genau an, aber ich muß gestehen, er machte auf mich denselben paddenhaften Eindruck wie früher, und ich drückte mich bald.

»Mein Geschmack wäre er nicht,« sagte ich zu mir, während ich die Stiegen herunterkraxelte, »für Auguste scheint er jedoch der Rechte zu sein. Nun wir wollen abwarten, ob die Flitterwochen bei ihnen ewig dauern?«

Als ich in die Klinkerfuesschen Niederschläge hinaustrat, fröstelte mich und der Regen schien mir kälter als zuvor, ja es war mir fast, als wenn ich dort oben im warmen Sonnenschein gesessen hätte, obgleich die Fenster nach Norden gehen und die Wolken grau am Himmel hingen.


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