Julius Stinde
Die Familie Buchholz. Aus dem Leben der Hauptstadt
Julius Stinde

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Ein Polterabend in der dritten Etage.

Ich habe es immer gesagt: lange Verlobungen taugen nichts.

Wenn Zweie sich gut sind, so ist es allerdings besser, wenn man sie sich verloben läßt. Man giebt zwar seine Einwilligung, die Kinder sind ungemein glücklich, aber man träufelt doch eine Kleinigkeit Wermuth in den Jubel der jungen Herzen, indem der Hochzeitstermin in weite Ferne gerückt wird. Die Kinder fügen sich anscheinend gerne in diese Bestimmung, aber schließlich ist es nicht mehr zum Ansehen und man giebt nach und läßt sie Hochzeit machen.

So war es auch mit Bergfeldts. Die Auguste, die so wie so nichts zuzusetzen hatte, wurde denn auch ganz elend und schattenhaft. Wenn sie mit dem Kopf seitwärts gegen ein Licht stand, schien dasselbe durch ihre Nase, daß diese aussah wie ein Stück Nähwachs. Der Doktor verschrieb ihr Malzextrakt, aber das Arzneiliche schlug nicht an.

Nun hatte Herr Weigelt, ihr Verlobter, denn, Gott sei Dank, durch gute Connexionen auf einem gerichtlichen Büreau eine kleine Anstellung erhalten. Viel war es nicht, aber wenn der alte Weigelt ein bischen zuschoß, so konnte es eben gehen. – »Lieber lebendig in der Dachkammer, als todt in der schönen Kiste,« sagte die Bergfeldten. Und deshalb wurden Anstalten zur Hochzeit gemacht.

Wäre ich an Bergfeldt's Stelle, so hätte ich die Hochzeitsfeierlichkeiten ganz einfach in der Familie abgehalten, denn das spart doch bedeutend, aber sie, die Bergfeldten, wollte keine Hochzeit ohne Sang und Klang. Sie meinte, man wäre es allein schon der Nachbarschaft schuldig und müsse deshalb etwas draufgehen lassen. Endlich kam man dahin überein, den Polterabend elegant zu bewerkstelligen und die Reste bei der Hochzeit ganz unter sich zu verwenden.

Um acht Uhr Abends sollte die Festivität beginnen. Die gute Stube, das Wohnzimmer und das Schlafzimmer waren zum Empfang der Gäste hergerichtet. Die Betten waren nach dem Boden transportirt und dort, wo der Waschtisch sonst steht, hatte die Bergfeldten einen Tisch mit grünen Gewächsen hingestellt, weil Herr Bergfeldt, wie sie mir klagte, beim Waschen immer so schrecklich spaltert und die Tapete ruinirt hat. Stühle, Gläser und Geschirr lieferte ein Traiteur aus der Nähe, denn Bergfeldts bischen Einrichtung langte nicht.

Als wir gegen halb Neuen kamen, war die Wohnung schon ziemlich mit Menschen angefüllt. Die Damen wurden in die gute Stube genöthigt und saßen dort in einem angenehmen Halbkreise. Natürlich hatte die Bergfeldten ihre weiteste Bekanntschaft eingeladen, so daß man sich ziemlich fremd vorkam. Dann waren die Freundinnen von Auguste gebeten, die durchaus nicht wußten, was sie vorstellen sollten, und immer zu Dritt auf zwei Stühlen saßen, und auch Herrn Weigelt's Wirthin, bei der er als Student gewohnt hatte, war mit zugegen.

Die Herren standen im Wohnzimmer und rauchten, Herrn Weigelt's Freunde hatten sich zahlreich eingefunden; es waren mehrstens Studenten in älteren Semestern, ganz ansprechende junge Leute. Blos die Fräcke saßen ihnen merkwürdig, als wenn sie für Jemand anders gemacht worden wären.

Um neun Uhr war es so gerammelt voll, daß sich Keiner mehr rühren konnte. Mittlerweile ward Thee gereicht und man fing an, sich über Dieses und Jenes zu unterhalten. Das Brautpaar war bis jetzt noch nicht sichtbar gewesen.

Nun trat Onkel Fritz ein, der das Arrangement übernommen hatte. Ihm folgten zwei von Herrn Weigelt's Freunden, die jeder einen mit Blumen bekränzten Stuhl in die gute Stube trugen und dicht vor die Thüre stellten, die zum Wohnzimmer führt. Dann setzte Fritz sich an das Klavier – eine richtige Drahtkommode – und spielte den Hochzeitsmarsch aus dem Sommernachtstraum, worauf das Brautpaar sich durch die Gäste drängte und auf den bekränzten Stühlen Platz nahm. Die Studenten riefen: Hoch!, hoch! als sie eintraten und wir Andern applaudirten. es war dies ein sehr schöner Moment, den Onkel Fritz richtig berechnet hatte.

Auguste Bergfeldt sah ziemlich verhältnißmäßig aus. Sie trug ein weißes Mullkleid mit Grün durchzogen, Wäre sie jedoch gescheidt gewesen, so hätte sie nie und nimmer ein ausgeschnittenes Kleid gewählt. Auch meinem Karl war es aufgefallen, indem er mir später sagte, ihn hätte immer gefroren, so oft er sie ansah. Ich verwies ihm natürlich diese Bemerkung und erwiderte: »Karl, die Liebe ist etwas zu Erhabenes, als daß man Spott mit ihr treiben dürfte.« – »Du hättest nur mal hören sollen, was die Studenten redeten!« entgegnete er. – »Karl!« rief ich, »dies wünsche ich nicht zu hören, und will es nicht hören. Überhaupt will ich nicht wissen, was die Herren in Abwesenheit der Damen reden. Studenten sind mir viel zu frei in ihren Ansichten!«

Onkel Fritz spielte nun etwas Gefühlvolles und meine Betti trat als Fee gekleidet mit dem Brautkranze auf. Sie sprach ein sehr schönes Gedicht, in welchem von dem Abschied vom Elternhaus, von der Jugend und dem Kindesglück die Rede war, von dem Unglück, das die Zukunft birgt. »Mit dem Brautkranz, mit dem Schleier reißt der schöne Wahn entzwei!« schloß das Gedicht. Schon gleich beim Anfang traten Augusten die Thränen in die Augen, und als es hieß: »Verwaiset und verlassen, vom theuren Elternhaus,« fing die Bergfeldten auch an. Als aber zum Schlusse Betti die Auguste umarmte und diese in ein lautes Schluchzen ausbrach, konnten wir Alle nicht an uns halten und mußten die Taschentücher gebrauchen. Ich habe selten so etwas Weichmachendes erlebt. Nun, es ist am Ende auch keine Kleinigkeit, wenn man seine Tochter einem wildfremden jungen Menschen giebt.

Aus dieser Stimmung wurden wir durch einen unangenehmen Zwischenfall aufgeschreckt. Ich hatte der Bergfeldten nämlich gesagt, sie sollte für den Abend ihren Hund Cissy eingesperrt halten, weil er durch sein ewiges Lungern aufdringlich würde. Das Thier mußte jedoch aus der Kammer entwischt sein und hatte sich unter die Gäste gemischt. Wahrscheinlich hatte nun einer von den Studenten das kleine Geschöpf nicht gesehen, denn mit einem Male ertönte ein gräßliches Geschrei, weil Jemand Cissy auf den Fuß trat. Wer es gethan hat, das kam nicht heraus.

Auguste sprang auf und nahm Cissy zu sich, der immer noch schrie, und suchte ihn zu beruhigen. »Schmeißen Sie die Thele doch raus, Fräulein!« rief Herrn Weigelt's frühere Hauswirthin in einem sehr ungebildeten Dialekte. Ich habe mit dieser niedrig stehenden Person kein Wort gewechselt.

Auguste bestand nun darauf, das Thier, welches sich allmälig wieder gab, auf dem Schooß zu behalten, und so konnte das Poltern denn weiter gehen.

Hierauf kam ein Freund von Herrn Weigelt und stellte einen Schusterjungen vor. Leider konnten wir nicht verstehen, was er sagte, denn der Hund, der ihn nicht kannte, bellte ihn fortwährend an. Selbst als dem Thiere ein Seelenwärmer über den Kopf gebunden wurde, knurrte und kläffte es in Einem fort, bis Herr Bergfeldt Cissy beim Kragen nahm und an die Luft setzte. Hierüber ärgerte sich nun Auguste, die ein sehr unangebrachtes maulsches Gesicht zog und zu ihrem Bräutigam, der sie besänftigen wollte, sagte: »Ach was, laß mich!« – »Das wird eine hübsche Ehe werden!« flüsterte ich der Frau Polizeilieutnanten zu, die neben mir saß, worauf sie erwiderte: »Passen Sie auf, die kriegt ihn unter!« – Dies glaube ich ebenfalls.

Nummer Drei war der kleine Krause. Mir ahnte ja gleich nichts Gutes, als ich ihn sah, die Krausen verzieht ihn zu sehr. – »Nun, Eduardchen,« sagte die Krausen, »nun sprich Deinen Satz.« Der Junge, den sie als Tyroler ausgekleidet hatten, schwieg und steckte den Finger in den Mund »Wird es bald?« fragte die Mutter. – Der Junge redete keinen Ton. – »Eduard, ich werde schrecklich böse!« – Der Kleine verzog den Mund zum Weinen. – »Komm, Eduard, sei süß.« – Eduardchen wollte aber nicht. – »Er hat sein Gedicht heute Morgen noch so schön gekonnt,« sagte die Krausen laut, »aber die vielen Menschen machen ihn jetzt irre. Komm, Ede'chen, und sag' es Tante Auguste ganz leise vor und gieb ihr den silbernen Zuckerlöffel. Hörst Du Eduard!!!«

»Das ist aber unser Löffel,« rief das Balg, »Papa hat blos den Namen auskratzen lassen!«

Die Krausen wurde vor Ärger wie eine vergrätzte Furie. Der Junge aber lief heulend davon und schrie. »Mama will mir was thun. Papa! Papa!« Herr Krause war so vernünftig und schaffte ihn nach Hause.

Wenn es nun ein bischen zum Lachen gegeben hätte, wären wir Alle wohl wieder munter geworden, aber eine Freundin von Auguste kam als Blumenmädchen und eine andere als Bäckerin mit einem Brod, das nie in der neuen Wirthschaft fehlen möge. Das zog nicht. Den Schluß machte meine Emmi als Königin der Nacht mit einem schwarzen Schleier um, der ganz von Goldpapiersternen übersät war. Das Kind hatte sich dies ganz allein ausgedacht und sagte: »Ich komm' aus weiter Ferne, mein Reich sind Mond und Sterne, – wenn Alles schläft, dann wacht – Die Königin der Nacht. – Ein Liedchen will ich singen, – es soll zum Ohre dringen, – und seid Ihr einst allein, – o dann gedenket mein!« Hierbei überreicht sie ein Photographie-Album mit dem Lohengrin darauf, wie er Adieu sagt und sang zu Onkel Fritzens Begleitung das schöne Lied: »Wir saßen still am Fenster, das Licht war ausgebrannt.« Als sie geendet hatte, wollte der Applaus gar kein Ende nehmen; die Studenten tobten förmlich und deshalb sang sie noch als Zugabe: »Wenn ich nach meinem Kinde geh' in seinem Aug' die Mutter seh'!« Man sagte ihr außerordentliche Komplimente über ihren Vortrag. Ja, einer von den Studenten hatte gemeint: »Es fragte sich sehr, ob die Gerster das auch könnte, Fräulein Buchholzens Gesang hätte etwas ungemein Melodisches.«

Die Herren hatten mittlerweile die Cigarren nicht ausgehen lassen und es war sehr heiß geworden, daß der Fensterschweiß nur so herunterlief, weshalb der Heringssalat, der nun gereicht wurde, sehr erquickte, obgleich nach meiner Meinung zu viele Kartoffeln hineingeschnitten waren. Wir Damen tranken Limonade dazu und die Herren hatten Bier. Die Studenten waren so liebenswürdig und besorgten das Einschenken.

Vom Sitzen an Tischen war bei der Menschenfülle natürlich nicht die Idee, man reichte herum: belegte Butterbröde und Kuchen, Alles reichlich und auch recht gut.

Die jungen Leute wünschten nun zu tanzen. Die Studenten schoben die Drahtkommode eins, zwei, drei nach dem Schlafzimmer, obgleich Herr Bergfeldt ein etwas bedenkliches Gesicht machte, und dann ging der Tanz los, immer zwei Paare zur Zeit. Es war eben so eng, wie auf einem Subskriptionsball. Empörend fand ich, daß die Studenten auch den Tisch mit den grünen Gewächsen auf den Flur hinaustransportirten, denn nun sah man die von Herrn Bergfeldt ramponirte Wand erst recht. Die Bergfeldten hätte auch ein Stück Tapete darüber kleben können.

Während wir so dasaßen und plauderten, sagte die Frau Polizeilieutenant zu mir, daß meine Emmi eine wirklich ausgezeichnete Stimme habe und daß es schade wäre, wenn man sie nicht ausbildete.

»Daran habe ich auch schon gedacht,« antwortete ich, »das Kind singt ganz nach dem Gehör!«

»Meine Tochter soll auch Unterricht haben,« sagte die Polizeilieutenanten. »Ich kenne eine Dame, die Schülerinnen sucht. Sie war früher bei der Oper. Heut zu Tage werden die Stimmen ja so sehr bezahlt. Nehmen Sie nur einmal die Patti und die Lucca an. Den Ruhm und das Geld!«

Mir schwindelte ordentlich. Hatte Emmi nicht soeben ungeheuren Beifall geerntet? Hatte sie nicht zum Entzücken gesungen? »Ich werde mit meinem Manne reden,« erwiderte ich. »Überdies muß etwas für das Kind geschehen!« – Mein Gott, wenn ich denke, meine Emmi könnte ein so fabelhaftes Glück mit ihrer Stimme machen. Zu großartig. Mein Karl wird schon wollen, wenn ich ihm Alles ordentlich auseinandersetze.

Mittlerweile war es nach Zwölfen geworden. Das Brautpaar saß ziemlich still in einer Ecke, da Auguste das Tanzen nicht bekömmlich war und sie auch nicht litt, daß ihr Verlobter mit einer Anderen tanzte. Herr Bergfeldt wurde immer einsilbiger. Die Studenten sangen gerade »Wohlauf noch getrunken,« als geklingelt wurde. – »Gewiß der Hauswirth, dem der Lärm zu arg geworden ist,« sagte die Polizeilieutenanten.

Wir lauschten, was wohl kommen und ob es richtigen Spektakel geben würde. Aber nein. Feierlich erklang es: »Ich steh' allein auf weiter Flur« und als die Nummer zu Ende war, kam der Schunkelwalzer daran. Einige Beamte von Herrn Bergfeldt's Bureau, die einen Hornistenklub bilden, machten ihm die Überraschung und brachten ihre Blechinstrumente mit, auf denen sie wirklich ausgezeichnet bliesen.

Auf allgemeines Verlangen spielten sie hierauf die Schaarwache, die erst leise anfängt und zuletzt immer lauter wird, bis die Ohren dröhnen, und Alles trommelte mit.

Da kam der Hauswirth.

Diese Stille. Es war unheimlich!

Gegen Tanzen und Singen hätte er Nichts, sagte er, aber solches Radaumachen müsse er sich verbitten. – Herr Bergfeldt entgegnete, er könne in seiner Wohnung aufstellen, was er wolle. – Nur kein Irokesengeheul und keine Wachtparade, der Kalk fiele ja unten von den Decken. – Das liege am Hause. – Wenn es ihm nicht gefiele, könne er ja ausziehen. – Das wäre ihm gerade recht. – Kein Miether verwohne soviel, wie Bergfeldts, er möchte sich nur mal die Tapete ansehen. – Das ginge ihn gar nichts an. – Nun drängten die Studenten sich dazwischen. Wir Damen wollten schon fliehen. »Ruhe, meine Herren!« rief mein Karl, »Sie hören ja, daß der Herr Wirth nichts dagegen hat, wenn wir noch ein wenig tanzen und vergnügt sind.«

»Es ist alle!« rief der Hauswirth grob.

Onkel Fritz kam jedoch mit einem frischen Glase Bier. »Wir sind ja nur einmal jung,« sagte er. »Sie werden doch das Brautpaar mit uns leben lassen!« Der Hauswirth knurrte anfangs noch, aber dann that er Bescheid. Hierauf brachten die Studenten ihm ein Hoch aus und die Bergfeldten ging ihm mit etlichen schönen Stullen unter die Augen, die er denn auch annahm.

So rechtes Leben wollte sich jedoch nicht wieder einstellen und Einzelne fingen an, sich auf französisch zu drücken. Es wurde leerer und auch wir sagten Gute Nacht. Auguste sah gräßlich übernächtig aus. Wie soll das blos werden?

Als wir gingen, saßen Onkel Fritz und die Studenten mit dem Hauswirth an einem Tisch und tranken Brüderschaft mit ihm.

Wann Bergfeldts zu Bett gekommen sind, weiß ich nicht; wahrscheinlich erst zwei Tage darauf.

»Karl,« sagte ich auf dem Heimwege, »wenn unsere Betti Hochzeit macht, werden wir außer dem Hause Polterabend feiern.«

»Das hat noch keine Eile!« antwortete er kurz. »Fürs Erste hab' ich genug und Bergfeldts werden wohl für längere Zeit genug haben!« – Von meinen Ideen mit Emmi schwieg ich. Wenn Männer ihre Launen haben, muß man sie ausgrollen lassen. Er wird sich wundern, wenn das Kind berühmt und groß dasteht. Und meinen Willen werde ich schon durchsetzen.


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