Julius Stinde
Die Familie Buchholz. Aus dem Leben der Hauptstadt
Julius Stinde

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Der letzte Kaffee.

Als ich noch klein war, hatten wir in der Schule auch vom Moloch, aber ich konnte mich natürlich in meiner sechs- bis siebenjährigen Unschuld nicht in die Gefühle der Mütter hineinversetzen, die gezwungen waren, ihre lieben, kleinen, herzigen Engel einem mit Coaks geheizten eisernen Unthier auf die glühenden Arme zu legen, so viel Mühe der Herr Lehrer sich auch gab, uns den Abscheu vor falschen Nebengöttern beizubringen. Jetzt aber, da der Tag immer näher rückt, an dem ich als willenlose Brautmutter meine süße Emmi dem Doktor überliefern muß, fange ich allmälig an zu begreifen, was sich mit dem Moloch that. Freilich versprechen die Bräutigame ja stets, ihre Zukünftige auf den Händen zu tragen; aber was sind das für Hände? – Molochsklauen!

Die Zustände werden mit jedem Tage opferhafter. Nicht allein die Vorbereitungen deuten mit schrecklicher Unabwendbarkeit auf jenen Moment der Trennung, an den Alles mahnt: die Aussteuer, das Herumgelaufe in den Geschäften, die Einrichtung von der Wohnung des Doktors, und vor allen Dingen das Brautkleid, sondern auch die Abschiednehmerei von den harmlosen Freuden eines sanft dahinfließenden Mädchendaseins erwecken den wehmüthigen Gedanken: es wird anders, wer aber weiß, wie es wird?

Neulich hatten wir den letzten Leseabend bei Polizeilieutenants. Diese Abende waren stets sehr hübsch und namentlich geistig bildend, denn wenn wir Alle um einen großen Tisch herum saßen und ein klassisches Stück mit vertheilten Rollen lasen, so empfanden wir stets die Größe unserer Dichterheroen und zwar viel besser, als wenn man sie auf der Bühne sieht, da doch, wie einstimmig aus den Kritiken hervorgeht, die Schauspieler nicht gehörig vom Geist der Klassizität durchdrungen sind. Natürlich waren die Herren total ausgeschlossen, weil sofort andere Interessen mitspielen, sobald bunte Reihe gemacht wird, und das Ganze nachher auf ein improvisirtes Tanzvergnügen ausläuft. Ohne Herren dagegen spürt man nur das Walten des Genius und die Bildung strömt unverfälscht in die jugendlichen Gemüther. Wir älteren Damen übernahmen aus Vorsicht die Liebhaberrollen, und Alle waren der Meinung, daß ich die Luise Millerin in 'Kabale und Liebe' ganz vortrefflich gelesen hätte. Die Polizeilieutenanten hatte den Ferdinand inne, und die Lady Milfort überschlugen wir, weil Schiller bei dieser Person doch zu wenig Rücksicht auf Lesekränzchen genommen hat. Waren wir mit dem Klassischen durch, dann wurde ein bischen nett gegessen, und man verabschiedete sich mit dem Bewußtsein, einen in jeder Beziehung genußreichen Abend verbracht zu haben. Wir haben allerdings ausgemacht, daß das Essen nur sehr einfach sein sollte, da doch das Geistige die Hauptsache und das Materielle die Nebensache ist, aber weil die Leseabende bei den verschiedenen Familien herumgingen, wollte die Eine es immer noch besser geben als die Andere, und so wurde denn zum Schluß der Saison, wenn die Letzten daran waren, mitunter ein wenig zu reichlich aufgetischt. Wir hatten bei der Polizeilieutenanten sogar zwei süße Speisen.

»Sie handeln gegen die ursprüngliche Verabredung, meine Liebe,« sagte ich deshalb zur Polizeilieutenanten, als ich sah, wie sie sich angestrengt hatte. – »Es ist der letzte Leseabend, den Ihre Emmi mitmacht,« antwortete sie, »da wollte ich ihr doch zeigen, wie lieb wir sie haben; sie ißt Chokoladenpudding mit Crême ja so gern.« – »Siehst Du, Emmi,« rief ich, »wie charmant die Frau Polizeilieutenanten es mit Dir meint. Hast Du Dich auch schon bei ihr bedankt, daß sie eigens um Deinetwillen den vorzüglichen Pudding bereitet hat?« – Emmi wurde ganz gerührt und entgegnete, die Frau Polizeilieutenanten wäre immer so außerordentlich freundlich gegen sie gewesen, sie wüßte gar nicht, wie sie das wieder gut machen sollte. – »Behalten Sie uns nur in liebevollem Andenken,« sagte diese, »die neuen Verhältnisse werden Sie nur zu leicht von Ihren alten Freunden trennen.« – Wie recht die Frau hatte! Nun standen zwei der jungen Damen auf und holten einen in Seidenpapier eingewickelten Gegenstand aus der anderen Stube, den sie mit großer Feierlichkeit auf den Tisch stellten. Die ältere von den beiden – es war Amanda Kulicke, für die Onkel Fritz einmal eine Zeitlang schwärmte – hielt darauf eine kleine Anrede, in der sie sagte, daß nun Spiel und Tanz für Emmi bald vorbei sein werde. Doch wie auch die Zukunft sich gestalten möge, was sie auch an dunklen und heiteren Loosen in ihrem Füllhorn verberge, das Reich des Idealen sei ihr geöffnet, dieses Reich habe Schiller aufgeschlossen, der an den Leseabenden so ganz der ihrige geworden sei. Zum Andenken an die dem Höheren geweiht gewesenen Stunden widmeten die Freundinnen der scheidenden Freundin ein kleines Zeichen der Erinnerung. Hierbei nahm sie das Seidenpapier von dem Gegenstand herunter. Es war eine niedliche Büste von Schiller'n mit Grünspan in den Haaren, auf einem schwarzen Postamente, an dem sich ein Thermometer befindet, so daß dieses Geschenk auch praktisch auf dem Schreibtische zu verwerthen ist. Dann deklamirte sie noch die Verse: 'Es prüfe, was sich ewig bindet,' und stürzte zum Schluß Emmi mit einem Kuß in die Arme. Nun kamen die Anderen auch alle und küßten Emmi und weinten dabei, und die war auch ganz aufgelöst.

Solche Scenen kamen in der letzten Zeit alle Augenblicke vor, nicht allein in dem Lesekränzchen, sondern auch im 'Holbeinklub', wo die jungen Mädchen sich in altdeutschen Stickmustern üben, in den 'Sonnabenden für englische Konversation' und den vielen kleinen Unternehmungen, in welche die heutige Jugend sich einläßt, um irgend eine Sache zu fördern, von der wir zu unserer Zeit keine Ahnung hatten.

Dazu kamen nun die Besuche bei Bekannten, die stets mit einiger Wehmnuth endigten, und deshalb macht das Kind immer mehr den Eindruck eines Opfers, das seinen Gespielinnen Lebewohl sagt und vor seinem traurigen Ende noch einmal geliebkost und bedauert wird. Das giebt den besten Nerven einen Schubs.

Selbstverständlich mußten wir uns revanchiren, denn wir essen nicht bei anderen Leuten herum, ohne uns etwas dagegen merken zu lassen, und deshalb sagte ich: »Emmi, lade Deine sämmtlichen Freundinnen zu einem splendiden Kaffee ein; es ist der letzte, den ich Dir zu Ehren gebe.« Sie fragte, ob der Doktor auch gebeten würde. »Das wäre noch schöner!« rief ich. »Man kann doch nicht einem einzelnen Herrn Zutritt zu einem Damen-Kaffee gestatten.« – Wenn der Doktor nicht käme, verzichtete sie überhaupt. Es wäre zu reizend, wenn sie ihn ihren Freundinnen mal so recht zeigen könnte, und es ginge ja ganz gut, wenn später die Brüder und deren Freunde kämen, um ihre Schwestern abzuholen. »Aber wenn einige nun keine Brüder haben, wie die Kulecke?« – »Dann veranlassen wir Onkel Fritz, Herrn Kleines mitzubringen, der begleitet die Kulecke bis nach der Bülowstraße.« – »Du weißt doch, wie Herr Kleines ist.« – »Amanda Kulecke wird ihn schon zurechtweisen, wenn er Redensarten wagt, denn sie ist unbändig gescheut und sagt Jedem unverfroren ihre Meinung.«

»Das ist wahr, wenn sie nicht ein gar zu rechthaberisches Wesen hätte, wäre Onkel Fritz vielleicht bei ihr 'reingeschliddert und Du könntest sie jetzt Tante nennen.«

Was half es, ich mußte nachgeben. Der letzte Kaffee sollte keinen Schatten auf die paar Tage werfen, die das Kind noch im Elternhause zu verleben hatte. Nein, das konnte ich nicht über das Herz bringen.

Zu meiner Zeit war es Sitte, daß kurz vor dem Hochzeitstage die Freundinnen der Braut zu ihr kamen und am Brautkleide nähen halfen. Jede machte ein paar Stiche an dem Besatz oder was sonst noch daran übrig gelassen war, damit man doch die Liebe sehen konnte, und ich finde diesen Gebrauch sehr hübsch, denn es knüpft sich dann an dieses Festgewand der Gedanke, es sei von Freundinnenhand bereitet, und der letzte Liebesdienst der anderen Gespielinnen, aus deren Kreis die Eine scheidet, so sehr auch die alte gute Sitte an die Vorbereitungen zu einem Opfer schmerzlich erinnert. Als ich meinem Karl gegenüber diese meine Ansicht aussprach, machte er mir Vorwürfe und meinte, ich wühlte viel zu viel in meinen Gefühlen, ich sollte nur dafür sorgen, daß die kleine Festlichkeit recht lustig ausfiele. Aber ein Vater ist nie eine Mutter und was weiß der überhaupt vom Moloch? –

Ich muß gestehen, daß, als am Nachmittage die jungen Mädchen alle versammelt waren, der Anblick der Gesellschaft ein überaus anmuthiger war. In der Mitte des Zimmers, dem Fenster zugewandt, hatten sie einen Halbkreis aus Stühlen gebildet, auf denen Diejenigen saßen, welche gerade an dem Brautkleid nähten, das weißschimmernd wie eine zarte Wolke zwischen ihnen ausgebreitet lag. Die Anderen hatten Platz genommen, wie sich die Gelegenheit fand, und machten allerlei Handarbeit und plauderten nach Herzenslust, ich immer mitten dazwischen mit der Kaffekanne und dem Kuchenteller. Wie ist es doch köstlich, so die heranblühende Jugend in lieblicher Eintracht bei einander zu sehen: es wird einem so zu Muthe, als wenn man im Frühjahr in den eben belaubten Wald geht und die Sonne auf die zarten grünen Blätter scheint, unter denen die kleinen Vögel zwitschern und singen. Ich vergaß ganz, daß ich schon in ein höheres Register gekommen war, und neckte mich mit den jungen Mädchen und scherzte und lachte mit ihnen, als wenn ich dazu gehörte. Und wie zärtlich waren sie gegen Emmi. Eine hielt sie meistens um die Taille gefaßt, manchmal auch zweie, und küßten sie und blickten ihr so freundlich in die Augen, als wären sie Schwestern. »Ganz wie die Turteltauben,« dachte ich bei mir, »und in eine so reizende Taubenschaar schießen die Habichte hernieder und stören den Frieden.« – Der Doktor hatte allerdings eine schöne Nußtorte für die »Arbeiterinnen am Brautkleid« geschickt, aber mir verklebt man nicht die Augen mit Torten, ich sehe tiefer, ich merke sehr wohl, daß er ein Egoist ist, denn sonst würde er mir nicht in so vielen Dingen entgegen sein, die ich für des Kindes Wohlergehen unabweisbar halte. Nicht einmal die Hochzeitsreise will er machen, weil er seine Patienten nicht verlassen kann, wie er sagt. – Flausen.

Als das Kleid fertig war, wurde Anprobe gehalten. Nein, wie die Emmi entzückend aussah, als sie befangen und doch strahlend und in freudiger Erregung in das Zimmer trat, das war über alle Begriffe und kann höchstens gemalt werden. Sie wagten sich Alle nicht dicht an sie heran, sondern betrachteten sie mit stummer Bewunderung aus einiger Entfernung. Nur Betti schloß sie in ihre Arme und legte das Haupt traurig an ihre Wange.

Ob sie an Bergfeldt's Emil dachte? Ich mochte nicht danach fragen, aber wäre mir in diesem Augenblick irgend Jemand von dieser Familie in den Wurf gekommen, dann hätte es sicher ein Erlebniß gegeben.

Betti ist stark von Charakter. »Ist nicht mein Schwesterchen süß?« fragte sie die andern jungen Mädchen. Nun fing man an, das Kleid zu loben und geradezu überirdisch zu finden. Es war aber nicht das Kleid, das den überirdischen Eindruck machte, sondern Emmi, die es anhatte. Sie war so schön, wie alle die Anderen zusammengenommen, und eigentlich noch ein bischen hübscher.

Als es dämmerte, trat der Doktor an. Emmi, die das Brautkleid längst wieder abgelegt hatte, war selig, als sie Arm in Arm mit ihm bald nach dieser Gruppe von Freundinnen zog, bald nach jener, und ich muß sagen, daß der Doktor die Prüfung sehr wohl bestand, der er von so viel kritischen Mädchenaugen unterworfen wurde: man sah es ihnen Allen an, daß sie nichts an ihm auszusetzen hatten. Nur die Kulecke sagte ganz laut, ein Doktor wäre nicht nach ihrem Geschmack, denn wenn die Patienten riefen, müßte er davon, und das wäre nur halber Kram.

Ich antwortete ihr darauf, es sei ein sehr edler Beruf, den Leidenden zu helfen, und immer besser, als Gift unter die Leute zu bringen. Da hatte sie es. Kuleckes haben nämlich eine Schnapsfabrik.

Nachher stellten sich Onkel Fritz, Herr Kleines und eine Reihe von jungen Leuten ein, die in einem brüderlichen oder vetterlichen Verhältnisse zu den Damen stehen. Bis zum Abendbrod wurden Gesellschaftsspiele gespielt, wobei der Doktor die meisten Pfänder bekam, weil er immer mit Emmi tuschelte und deshalb schlecht aufpaßte. Wie haben wir uns amüsirt, als er zu ganz wunderlichen Pfandeinlösungen verdonnert wurde, und wie schwitzte er, wenn er in den Brunnen fallen mußte und so lange auf den Knien lag, bis Emmi ihn erlöste. Es war zu spaßhaft. Herr Kleines, der stets Touren mit Küssen vorschlug, ward zuletzt gar nicht mehr gefragt. Er scheint wirklich manchmal nicht zu wissen, wo er sich befindet, so unterhaltend er auch sonst sein kann.

Nach dem Abendbrot ging der Tanz an. Onkel Fritz hatte Knallbonbons mit Papierkostümen besorgt und wußte es so einzurichten, daß der Doktor einen Hut in der Form eines großen Pantoffels bekam, worüber selbst mein Karl höchlichst vergnügt war. Der Doktor lachte auch und meinte, das sei nur äußerlich. Ich fürchte aber, er wird sich wenig gefallen lassen und wenn er das Kind unglücklich gemacht hat ebenfalls sagen: das ist nur äußerlich. – Als Herrn Kleines nachher beim Abschiednehmen der Auftrag ward, mit Fräulein Kulecke nach der Bülowstraße zu zoddeln, die doch eine gehörige Ecke von der Landsbergerstraße abliegt, sah er sehr bekümmert aus, aber die Kulecke sagte: »Kommen Sie nur, ich sorge schon dafür, daß Ihnen Niemand was thut.« Sie ist ja auch mindestens zwei Kopf größer, als Herr Kleines.

Als Alle gegangen waren und die Töchter sich zur Ruhe begeben hatten, blieben ich und mein Karl und Onkel Fritz noch ein wenig sitzen. Mein Karl sagte, der Doktor gefalle ihm von Tag zu Tag mehr, und ganz besonders habe er sich heute über sein harmloses Benehmen in dem Kreise der jungen Mädchen gefreut. – »Der und harmlos!« rief ich. – »Ich begreife nicht, woher Deine Antipathie gegen den Doktor kommt,« entgegnete Onkel Fritz, »früher suchtest Du ihn doch auf alle mögliche Weise dingfest zu machen.« – »Weil ich ihn nicht genau kannte,« erwiderte ich, »laß den Moloch nur erst geheizt sein.« – »Ich verstehe Dich nicht, Wilhelmine, Du bist thöricht,« sagte mein Karl. – »Ich thöricht? O nein. Euch ist es am Ende gleichgiltig, wenn ich geopfert werde und das Kind dazu. Erst wenn ich unter der Erde liege, wird Euch einleuchten, was Ihr an mir gehabt habt. Dann werdet Ihr sehen wie sich der Doktor die Augen äußerlich mit Zwiebeln reibt und innerlich frohlockt. Und damit gute Nacht. Ihr werdet früh genug erfahren, wie es kommen wird.«


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