Julius Stinde
Die Familie Buchholz. Aus dem Leben der Hauptstadt
Julius Stinde

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Hochzeit.

Warum kamen Sie nicht zur Hochzeit von meiner Jüngsten mit dem Doktor Wrenzchen? Vielleicht gerade ein Preßprozesselchen, oder waren Sie schon eingeladen? Oder sind Sie nicht für Hochzeiten? Es war schade, daß Sie nicht da waren, denn ich bin überzeugt, Sie hätten sich amüsirt, wenn ich für meinen Theil auch nicht viel Vergnügen gehabt habe, denn eine Brautmutter amüsirt sich überhaupt nie. Sie lächelt wohl, sie sieht ungemein glücklich in dem neuen Bordeaux-Seidenkleide mit echten Kanten aus, sie sagt auch, daß sie sehr heiter ist, aber innerlich, da wachsen ihr Dornen und Disteln.

Wie viel Mühe hat man, ehe Alles so weit ist. Erst die neue Einrichtung für die jungen Leute. So etwas hat ja durchaus keine Schwierigkeiten, wenn er danach ist und eine sorgsame Schwiegermutter walten läßt, die doch nur sein Bestes will. Aber wenn er eigensinnig ist und stets mitredet, sich gegen das Nothwendigste sträubt, weil er meint, ein Eßtisch für vierundzwanzig Personen sei Luxus und für ein Damenschreibbüreau sei kein Platz, so hat man bei jedem Stück seinen Ärger. Ich gebe ihm ja recht, daß seine jetzige Wohnung ein bischen stark mit den neuen Möbeln belastet wird, aber er muß doch an eine standesgemäße Etage für später denken, und das thut er mir zum Trotze nicht. Und keine gute Stube! Unerhört!

Das größte Zimmer hat als Schlafstube eingerichtet werden müssen, weil das hygienisch sei. Auch so eine unvernünftige Neuerung. Wir sind doch auch groß geworden ohne Hygiene.

Nun, ich fügte mich, aber ich konnte doch nicht unterlassen zu sagen: »Lieber Doktor, ich will nur wünschen, daß Sie mit ihren neumodischen Ansichten glücklich werden. Was meine Tochter anbetrifft, so weiß die, daß ihr das altmodische Elternhaus zu jeder Zeit offen steht, und sollte es Abends nach Elfen sein.«

Hierauf murmelte er etwas Unverständliches. Ich glaube, es war sein Glück, daß er nur murmelte, denn Geduld ist ein Faß mit sehr dünnem Boden. Ferner hatte ich gehofft, daß er sich doch noch zu einer Hochzeitsreise entschließen werde, aber, als ich ihm sogar zu verstehen gab, daß selbst Köchinnen, wenn sie Hochzeit machten, mindestens nach Bernau oder Biesenthal gingen, ließ er sich auf nichts ein, sondern erklärte, seine Praxis verböte ihm das Reisen, da er einen schwerkranken Patienten habe, den er nicht verlassen könne, und den durchzubringen sein Stolz sei. Auch hierin mußte ich mich fügen, wenn auch mit einiger Schroffheit.

Dann kamen die Einladungen zur Hochzeit. Wen sollte man nehmen und wen nicht? Er hat seine Bekanntschaft und wir haben die unsere. Wenn mein Karl nicht so vernünftig gewesen wäre und gesagt hätte: »Lieber ein paar Einladungen mehr, als Leute vor den Kopf stoßen,« ich glaube, wir säßen noch zu Gericht über Diesen und Jenen, und so gingen denn seine elf medizinischen Freunde durch. Man braucht ja auch Tänzer.

Natürlich waren Krauses ebenfalls gebeten. Sie, die Krausen, kam am nächsten Tage heran und fragte, ob sie ihren kleinen Eduard nicht mitbringen könnte, das Kind hätte noch nie eine Hochzeit mitgemacht und freute sich so sehr darauf. Ich antwortete: »Meine Liebe, wir haben nur auf Erwachsene gerechnet, und wegen des einen Jungen können wir doch keinen Musikantentisch etabliren.«

Dies nahm sie allerdings krumm, aber seitdem ich aus Tegel weiß, wie niederträchtig die Kröte ist – den Muck hat er auch heimlich so gequält, daß sie ihn braten mußten, um ihm ein angenehmeres Dasein zu verschaffen –, mag ich den Schlingel nicht mehr leiden und ließ sie ungestört den Mund schief ziehen. Dagegen gestattete ich ihr, den Hausbesuch mitzunehmen, das Fräulein Erika aus Lingen an der Ems, obwohl ich recht gut merkte, daß es auf Onkel Fritz abgesehen ist. Ich redete daher sehr ernst mit Onkel Fritz und sagte: »Es ist unmöglich, daß wir mit Krauses in ein verwandtschaftliches Verhältniß treten, denn wir bekommen einen Doktor in die Familie, und deshalb merke Dir: 'Diese Haideblume blüht nicht für Dich.'« – Onkel Fritz entgegnete: »Habe nur keine Angst, Wilhelmine. Sobald einmal eine Prinzessin durch Berlin reist, mache ich der einen Antrag, die wird Dir hoffentlich gut genug sein!« – Die Antwort war ausreichend für mich, denn wenn er patzig wird, beabsichtigt er stets das Gegentheil von dem zu thun, was ich für richtig halte.

Es war mir daher sehr lieb, daß der Doktor auf jeglichen Polterabend verzichtete, denn die Krausen hätte diese Gelegenheit benutzt, die mit allen Reizen ausgestattete Haideblume Onkel Fritz unter die Augen zu führen. Vielleicht hätte er gar mit ihr zusammen gepoltert, sie meinetwegen als Ems-Nixe und er als Spree-Wassermann, und Herr Kleines wäre gewissenlos genug gewesen, ihnen das Gedicht dazu zu verfertigen. Zum Glück ward nichts daraus.

War es ein Wunder, daß ich unter all' diesen Sorgen sichtlich litt, so daß mein Karl sagte, er wünschte, die Hochzeit wäre nur erst vorüber, damit ich wieder in meine alte Verfassung käme? –

Der Hochzeitsmorgen brach denn auch richtig an: für viele, viele Menschen ein ganz gewöhnlicher Werkeltag, für mich ein Angsttag und für das Kind ein Festtag. Emmi war ganz Glück. Als sie mir guten Morgen bot und mich dabei so innig umarmte und küßte und wieder küßte und aus ihren Augen ein so seliges Vertrauen leuchtete, als sei die Zukunft ein heller lichter Tag und der Weg, den sie mit dem Doktor gehen sollte, ein sanfter Pfad, von dem kleine emsige Engel alles Ungemach hinweggeharkt hätten, da überkam mich auch der Gedanke, es könnte nichts anders als gut werden. Was aber sind Hoffnungen? Streuzucker für den Rhabarber des menschlichen Lebens.

Um ein Uhr kam der Doktor mit seinem Freunde, dem Doktor Paber, als Trauzeugen und holte Emmi nach dem Standesamte ab. Mein Karl und Onkel Fritz waren die anderen Zeugen und begleiteten sie. Ich für meine Person schloß mich nicht an, da ich Wichtiges zu thun hatte.

Sollte das Kind so ohne alle Poesie in das neue Leben treten? Nein, es mußte ein Ersatz für die ausfallende Hochzeitsreise geschaffen werden und der bestand darin, daß wir heimlich des Doktors Wohnung mit Blumen dekorirten. Diesen glücklichen Gedanken hatte Auguste Weigelt gehabt, und die Gute war mir nun behilflich, während das Kind von dem herzlosen Staate dem Doktor gerichtlich zugesprochen wurde, das Haus zu schmücken. Die Treppe faßten wir mit Guirlanden ein und ebenso die Thüren. Das Wohnzimmer verwandelten wir in einen Blumengarten und das Schlafzimmer in eine Art von Palmenhaus. Es sah wundervoll aus, so daß Auguste meinte, noch nie etwas Entzückenderes gesehen zu haben. Die Überzüge waren ja auch wie frisch gefallener Schnee und leuchteten ordentlich durch die grünen Büsche, die pyramidenförmig vor den Betten aufgebaut waren. »Wenn die Ampel brennt, muß das Ganze einen Effekt machen, wie tausend und eine Nacht,« sagte ich.

»Geradezu märchenhaft!« bestätigte Auguste, »wenn die Töpfe nur nicht so dumpfig nach dem Gewächshause röchen.«

»Weißt Du was, Auguste,« rief ich, »lauf rasch in einen Parfümerieladen und hole Orangenblüthenessenz, damit besprengen wir die Gewächse, und die Beiden glauben dann, sie wären in Nizza, wenn sie hier so hereintreten. Ich weiß von Italien her, wie sinnumschmeichelnd gerade Orangenduft ist.«

Dies gefiel Auguste sehr; ich gab ihr eine Mark und sie rannte davon.

Während sie fort war, überzeugte ich mich noch einmal gründlich, daß es in dem Hause an nichts fehlte. Man konnte es für einen Puppenschrank halten, so allerliebst war Alles. Selbst für einen neuen Stiefelknecht war gesorgt, den hatte Onkel Fritz gestiftet.

Auguste hatte sich geeilt, und wir übertünchten den Modergeruch rasch mit der Essenz und gingen ab, denn wir hatten zu Hause ein kleines Frühstück, da die Trauung erst um vier Uhr sein sollte, und das Hochzeitsmahl im Englischen Hause um Fünfen.

Als wir ankamen, waren die Herren schon wieder retour und hatten Hunger. Herr Doktor Paber sagte mir einige liebenswürdige Worte und gratulirte, was ich ihm um so höher aufnahm, als Onkel Fritz Emmi fortwährend Frau Doktorin titulirte und die ganze Angelegenheit sehr auf die leichte Schulter nahm. Emmi benahm sich keine Idee anders als sonst, wenn der Doktor zu Besuch kam, und doch war sie nun schon verheirathet, Doktor Wrenzchen verhielt sich ziemlich still und das gefiel mir. Einmal mußte er doch einsehen, welche Verantwortung er auf sich lud, als er anderer Leute Tochter zur Frau begehrte.

Das Frühstück verlief jedoch recht gemüthlich. Herr Dr. Paber brachte einen erquickenden Toast aus, wir stießen auf das Wohl des jungen Paares an und unterhielten uns, bis es Zeit war, an die Toilette zu gehen.

Zwischendurch wurden allerlei Hochzeitsgeschenke gebracht, manches Nützliche und auch manches Unbrauchbare, wie z. B. zwei Champagnerkühler, da Doktor Wrenzchen doch sehr gegen den selbstgekauften Sekt ist, von den elf Doktoren zwei sehr schöne silberne Armleuchter und von Herrn Kleines ein Bassin mit Goldfischen, die Emmi jedoch nicht ausstehen kann. Onkel Fritz rieth ihr, die Fische grün zu kochen und den Napf zum Aufbewahren von Backpflaumen zu benutzen. Von der Polizeilieutenanten kam ein prachtvolles Brautbouquet aus Myrthe und Orangenblüthen, gerade als das Paar in die Brautkutsche stieg.

Wie reizend sahen die Beiden in dem feinen Wagen aus! Emmi in dem weißen Kleide mit dem duftigen Schleier und dem grünen Kranze auf den goldblonden Haaren war so lieblich, wie eine Braut an ihrem Ehrentage nur sein kann, und der Doktor, so glatt und nagelneu von Kopf bis zu Fuß, nahm sich so weihevoll aus, wie ein frisch eingebundenes Gesangbuch. Man konnte wirklich nichts an ihnen tadeln; es saß Alles.

Dazu die Brautjungfern mit ihren Bouquets und die vielen anderen Damen in eleganter Toilette und die Herren im Ballanzuge ... es war eine stille Pracht. So prunkhaft hatte ich mir das Ganze doch nicht vorgestellt. Die sämmtliche Landsbergerstraße guckte aus dem Fenster, als wir nach der Kirche fuhren.

Wie nun die Beiden vor dem Altar standen, wurde mir sehr weich. Eine Mutter denkt doch auch an die Zukunft. Würde der Doktor auch wohl immer so gut zu ihr sein, wie mein Karl zu mir? Und was dann, wenn sie uneins würden und das Glück davon zöge? Was dann? Was dann?

Derselbe Pastor, der Emmi konfirmirt hatte, traute sie nun auch. Die Liebe hörte nimmer auf, sprach er, die wäre wie die Sonne, welche hell und klar aufgeht und unbeirrt ihre Bahn wandelt. Und wenn auch Wolken sie bisweilen verdunkelten, so bräche sie doch wieder siegreich hervor, bis sie am Abend in mildem Feuer sanft verglühe. So sei die Menschenliebe. Und noch herrlicher sei die Gottesliebe, die nie vergehe, nie erlösche, wenn wir in Sorge und Erdenkummer auch vermeinten, sie wäre verschwunden. Aber wenn wir fest an sie glauben, so verläßt uns die tröstende Hoffnung nicht, und Ungemach und Leid müssen der ewigen Liebe weiche. – Dann ging er auf den Beruf des Arztes ein, der ihn oft von der Gattin Seite riefe, daß sie darob nicht unmuthig werde, sondern seine Wege segne, die ihn zu Kranken und Leidenden führen. Und ihm sagte er, daß Liebe nur mit Liebe vergolten werden könne, er solle sie lieb und werth halten, die ihm von ganzem Herzen vertraute und Vater und Mutter verließe, um ihm zu folgen.

Als die Ringe gewechselt wurden und der Pastor ihre Hände vereinigte, brach die Sonne seitlich durch das Fenster und beleuchtete das Paar mit goldigem Scheine. Die Klänge der Orgel brausten durch den weiten Kirchenraum, wie Festjubel über Glück und Freude. Auch ich war einigermaßen getröstet und dachte: »Der liebe Gott wird es schon gut machen; im Übrigen siehst du nach dem Rechten, Wilhelmine.«

Und nun ging das Gratuliren los. Es wurde viel geküßt und handgeschüttelt; Sonnenschein und Orgelklang dazu.

Als wir abfahren wollten, kam Emmi und flüsterte eilig: »Mama, sei so gut, nimm mein Bouquet und gieb mir das Deine.« – – »Warum das, Emmi?« – »Siehst Du denn nicht, daß Orangenblüthen darin sind?« – »Ja ... aber.« – »Du weißt doch, Mama, daß Franz sie nicht riechen kann, sie machen ihm Kopfschmerzen!«

Ich stand noch wie versteinert, als die Brautkutsche schon längst davon gefahren war. »Herr im Himmelsthrone,« dachte ich, »und wir haben den ganzen Palmengarten mit Orangenblüthenessenz besprengt. – Auguste,« rief ich, »Auguste, wir müssen lüften!« – – –

Wie ich eigentlich ins Englische Haus gekommen bin, das weiß ich nicht mehr; ich riß immer in Gedanken die Fenster in des Doktors Wohnung auf, zu Höherem konnte sich mein Geist nicht aufschwingen. Und dann saßen wir endlich bei Tisch und aßen und tranken. Es schmeckte ihnen Allen gut, und da es ziemlich warm war, spülten sie auch ordentlich nach, wie sich das auf einer fidelen Hochzeit gehört. Ich allein konnte mich der allgemeinen Fröhlichkeit nicht anschließen und vermochte von den Gerichten immer nur ein wenig zu kosten, blos um zu wissen, was die Leute gekocht hatten. Sattessen indessen war nicht.

Ich hatte ja einen vortrefflichen Platz. Der alte Herr Wrenzchen führte mich zu Tisch und mein Karl des Doktors Mutter. Sie ist so sanft und gut und hält große Stücke auf ihn. Manches erzählte sie mir von seiner Jugend, wie er so rasch durch das Gymnasium gekommen sei und immer die besten Zeugnisse nach Hause gebracht habe, wie er nachher auf der Universität so solide und fleißig gewesen und dabei doch lustig und unverfroren. Das hörte ich sehr gerne, aber im Stillen mußte ich mir sagen: was nützen die besten Schulzeugnisse und die tugendhafteste Studenten-Solidität in der Ehe? Da kommt es manchmal ganz anders.

Emmi und der Doktor machten sich reizend schön nebeneinander hinter den großen Bouquets, die ihnen zu Ehren auf die Tafel gestellt waren, aber so oft ich hinsah, gab mir das Blumenwerk jedesmal einen Stich durch das Herz, weil es mich an die Orangenblüthenessenz erinnerte. Auguste, die gute, hatte mir zwar die Versicherung gegeben, daß alle Fenster sperrangelweit aufständen und der Geruch schon fast gänzlich abgezogen wäre, aber meine innere Unruhe wollte doch nicht weichen. Ich hatte schon die Idee, die ganzen Grünigkeiten wieder vom Gärtner abholen zu lassen, aber das ging nicht: was würde die Nachbarschaft davon gedacht haben? Außerdem waren sie für acht Tage gemiethet und im Voraus bezahlt.

Sonst sah die Tafel wirklich entzückend aus. Allein blos die elf Doktoren, denen man die höhere Bildung schon von ferne anmerkte, dazwischen immer abwechselnd eine junge oder doch wenigstens eine jüngere Dame, dann der Poizeilieutenant in der Sonntagsuniform, was unermeßlich schmückte, und alle die Anderen. Herr Weigelt hatte allerdings einen Frack von etwas sehr merkwürdigem Schnitt an, und seinen weißen Shlips hatte Auguste ein bischen gar zu blau gekriegt, weil sie die kleinen Sachen in der Waschschüssel wäscht, aber er war so herzlich vergnügt und lächelte immer so gut beiwege vor sich hin, daß es auf sein Äußeres gar nicht ankam. Er hatts ja auch nicht so dazu, wie Andere.

Onkel Fritz dagegen war von Kopf bis zu Fuß elegant: den Frack nach der neuesten Mode und die Lackstiefel zum ersten Male an. Wegen meiner oder wegen des jungen Paares hätte er sich ganz gewiß nicht in Unkosten gestürzt, aber um in den Augen seiner Tischnachbarin etwas vorzustellen, mußte er sich natürlich nobel machen. Und sie, die Erika, that bereits, als wären die Verlobungskarten schon heimlich gedruckt. Wenn Jemand an das Glas klopfte, um eine Rede zu halten, überfiel mich jedesmal die tödtliche Angst: »Jetzt wird das freudige Ereigniß publik gemacht!« und der Bissen im Munde ward mir zu Galle.

Und eine andere Verlobung, die ich so gerne gesehen hätte, kam nicht zu Stande. Ausdrücklich hatte ich Herrn Felix durch ein längeres Schreiben eingeladen, aber trotzdem lehnte er ab. Was soll das heißen? Ist es ihm peinlich, daß wir ihn neulich auf dem Bock in nicht gerade der besten Gesellschaft trafen? Warum soll ein junger Mann den Bock nicht einmal besuchen? Wir waren ja auch da! Als ich Betti Herrn Felix' Absage mittheilte, sprach sie zwar kein Wort, aber sie ward blaß, ganz blaß, wie eine Sterbende, daß ich fürchterlich erschrak. Gleich darauf war sie jedoch wieder ruhig und versuchte zu lächeln. Dann ging sie auf ihr Zimmer und kramte in ihren Schubladen, und als sie wieder herunterkam, that sie, als sei Alles beim Alten. Was kann da blos passirt sein? Er wird mich doch nicht verachten, weil ich das Lokal damals ohne meinen Willen verließ?

Ich hatte Herrn Kleines als Tischnachbarn gegeben und sie schien sich auch ganz gut mit ihm zu unterhalten. Später erzählte sie mir, sie hätte nur die Hälfte von seinen Witzen verstanden, einige davon wären ihr unfaßbar gewesen und die anderen hätte er mit dem Essen hinuntergeschluckt. Es giebt ja Leute, die gleichzeitig den Mund voll haben und erzählen.

Sehr schöne Toaste wurden ausgebracht: ernste und heitere und solche, die gar keine wurden, weil die Redner immer anderswo hinkamen, als worauf sie hinauswollten. Dr. Paber sprach im Namen seiner Kollegen und wünschte, daß der Doktor über sein neues Glück die alten Freunde, namentlich ihre gemüthlichen, wissenschaftlichen Abende nicht vergessen möchte. – Und der Doktor antwortete. Er versprach, die alte Freundschaft von dem Gymnasium und von der Universität her stets hoch zu halten; seine Frau werde gewiß damit einverstanden sein, daß er im Verein mit Kollegen die Wissenschaft pflege. – Und das verkündete er kaltblütig vor allen Hochzeitsgästen. Die Wissenschaft kenne ich doch: – Skat heißt sie. Aber das sind die Folgen vom Gymnasium und der Universität. Machen die guten Zeugnisse Emmi glücklich, wenn er ins Wirthshaus geht und sie allein zu Hause sitzen muß? Niemals.

Zwischendurch wurden Tafellieder gesungen, die eigens zu diesem Zwecke verfertigt waren. Dem Gebildeten macht ja das Dichten auch durchaus keine Schwierigkeiten, wenn er nur die Zeit dazu hat. Ein Lied jedoch, das Herr Kleines auf die Brautjungfern zu verfassen sich unterfangen hatte, war geradezu unglaublich. Die jungen Damen, welche mit meinen Töchtern verkehren, sind sammt und sonders aus wohlerzogenen Familien und denen hatte er zugemuthet, zu singen:

Schönheit ist gemacht zu lieben,
Ernste Stirne ziemt ihr nicht;
Ihren Hang zu sanften Trieben,
Sollen Mädchen nie verschieben,
Wenn die Jugend Rosen bricht.

Zum Glück ließ sich das Gereimsel nach keiner Melodie singen, und als daher mein Karl aufstand und verkündete: wir wollten lieber aufhören, da das Lied zu schwer sei, fiel mir ein reeller Mühlstein vom Herzen. Nach Tisch habe ich aber Herrn Kleines meine Meinung gesagt und ihm erklärt, er könne für die öffentlichen Blätter so viel dichten, wie er wollte, für Familien wäre jedoch seine Poesie ungeeignet.

Ich war froh, als das Tafeln ein Ende hatte, und Onkel Fritzens Verlobung nicht mehr in Szene gesetzt werden konnte. Während abgeräumt wurde, tranken wir im Nebensaal Kaffee, und dann ging der Ball an.

Dr. Wrenzchen und Emmi eröffneten ihn, dann folgten die elf Doktoren mit den Brautjungfern und einigen jüngeren Damen, was Onkel Fritz als Festordner so arrangirt hatte, weil er, wie er sagte, gerne einmal ein Dutzend tanzende Doktoren hinter einander sehen wollte. Es war auch einzig.

Wir Älteren nahmen natürlich auch Theil an dem Reigen. Mein Karl und ich tanzten in Erinnerung an unseren eigenen Hochzeitstag einen Wehmuthswalzer. »Karl,« sagte ich, »wir sind beide ein bischen kompleter als damals.« – »Aber noch ebenso glücklich,« antwortete er. – Ich schwieg. Konnte ich ihn an all' meinem Kummer betheiligen? Nein, das wäre grausam gewesen. Überdies ist das Weib ja zum Leiden und Dulden geboren.

Man mußte jedoch den elf Doktoren lassen, daß sie das Fest entschieden verherrlichten. Je weiter die Zeit rückte, um so mehr packten sie den gewohnten Ernst ihres Berufes ein und gaben sich dem Vergnügen hin, als wären sie wieder fröhliche Studenten. Und wie wußten sie die Damen zu unterhalten! Nun, ein Studirter versteht ja auch mehr als vom Wetter und vom Theater, und gute Tänzer waren sie Alle. Ich habe mit jedem einen Pflichttanz durchgemacht.

Als es schon ziemlich in die Nacht hineinging, wollte der Doktor aufbrechen. »Emmi amüsirt sich so prächtig,« sagte ich und bat ihn, noch zu bleiben, wenigstens den Kotillon über. Jede Minute Lüftung war ja ein Gewinn. Er gab auch nach.

Nun war aber das Malheur mit Herrn Weigelt. Er kann ja Nichts vertragen, das ist wahr, aber warum mußte er auch noch tanzen und das immer mit den niedlichsten jungen Damen? Da kam es denn, daß er mit Polizeilieutenants Mila nicht schlecht hinschlug, worüber dieser ihn zu Rede stellte. Das wollte er sich nicht gefallen lassen, sondern erging sich in Redensarten und tanzte ruhig weiter. Als er nachher aber zärtlich gegen die Erika werden wollte, griff Onkel Fritz ihn und brachte ihn nach dem Herrenzimmer, wo es gediegenen Rothwein, Bowle und Hofbräu gab. Was sie da mit dem Unglückswurm aufgestellt haben, weiß ich nicht: genug, er befand sich in einem kläglichen Zustande, als Auguste mich angsterfüllt heranholte. Da saß er ganz zerklüftet und nannte sich einen Rabenvater, der sein Kind zu Haus ließe und Orgien feierte. Sie sollte ihn nur gleich begraben, und ob Auguste ihm verzeihen könnte? Gottlob waren ja elf Doktoren da. Der eine rieth Eis an, der andere schwarzen Kaffee, der dritte Hofbräu, der vierte Salmiakgeist, der fünfte verschrieb schon Etwas. Aber Herr Weigelt ließ Keinen an sich kommen. In ihrer Verzweiflung schleppte Auguste meinen Schwiegersohn herbei, und zu dem hatte er Vertrauen; aber sobald der Doktor wieder gehen wollte, wimmerte er und bat ihn, zu bleiben, und hielt ihn fest. Und es war mittlerweile die höchste Zeit, daß das junge Paar verschwand, denn einzelne Gäste machten sich schon auf den Heimweg. Was war da zu thun?

Aber wozu ist mein Schwiegersohn Arzt, und wozu waren noch elf andere da? »Hat keiner von den Kollegen eine Morphiumspritze bei sich?« fragte er. Zum Glück kam ein halbes Dutzend zum Vorschein, da wurde Herr Weigelt denn gepiekt, und nach zehn Minuten hatten sie ihn so total betäubt, daß er, von mehreren Doktoren begleitet, wie ein hilfloses Packet per Droschke nach Hause transportirt werden konnte. Es muß ein schrecklicher Anblick sein, wenn sie Jemand so gebracht bringen.

Als das junge Paar das Fest verließ, graute der Morgen schon; sie waren so ziemlich die Letzten. – Mein Karl meinte, es sei eine lustige Hochzeit gewesen, als er sich auf die rechte Seite legte. Lustig? O ja, für andere Leute, nur nicht für mich. Ich sah noch die Sonne aufgehen, ehe ich in eine Art von Betäubung fiel, die jedoch nicht lange dauerte, denn die Sorge jagte mich frühzeitig wieder auf. – – –

Am andern Morgen, um gegen Neune, machte ich mich auf den Weg nach Emmi. Es war mir unmöglich, länger im Hause zu bleiben, denn ich hatte das Gefühl, als sei irgend etwas Gräßliches passirt. Und so war es denn ja auch. – Meine Ahnungen haben mich noch nie betrogen.

Als ich klingelte, und die Magd mir öffnete, merkte ich gleich, daß nicht Alles richtig sei, denn als ich fragte: »Ist die Herrschaft schon zu sprechen?« erhielt ich ein langgedehntes »O ja!« zur Antwort, »Frau Doktorin sind oben.« – Also allein. Ich hinauf. Der Schreck, als ich das Kind sah. Du meine Güte! Auf dem neuen Sopha saß sie noch im Ballkleid und weinte, daß einem das Herz brechen konnte. »Kind, Emmi!« rief ich, »was ist Dir?« – »Ach, Mama, ich bin das unglücklichste Geschöpf der Welt?« – »Nanu? Hat er Dich gar geschlagen?« – »Wer?« – »Wer anders, als Dein Mann, dieser Heuchler!« – »Mama, kein Wort über Franz, er ist die Güte selbst. Du beleidigst mich, wenn Du ihn beleidigst.« – Das sagte sie ganz energisch und hörte auf zu weinen. – »Aber Kind, was ist denn los?« – »Du bist schuld, Du allein,« rief sie. – »Da hört's doch auf!« rief ich. »Ich? Schuld? Woran denn? Ist das der Dank dafür, daß ich Eurer[!] Haus so poetisch schmückte?« – »Du hast gewiß nichts Böses gewollt,« entgegnete Emmi vorwurfsvoll, »aber warum hast Du Alles mit Orangenblüthen begossen?« – »Wieso denn? Was sagte er?« – »Als wir ankamen, freute er sich sehr über die Blumen auf der Treppe, dann faßte er mich an der Hand und führte mich ins Wohnzimmer. ›Dies ist unser Heim,‹ sagte er, ›mein liebes kleines Weib. Mit uns ist das Glück über die Schwelle getreten; daß wir es halten dafür wollen wir sorgen!‹ – Er zog mich an sich und küßte mich. ›Wo kommen nur die vermaledeiten Orangen her?‹ fragte er mit einem Male. – Wir suchten aber wir entdeckten keine. Da zuletzt fand er denn heraus, daß die Palmen im Schlafzimmer so strenge dufteten.« – »Schalt er?« – »Nein, er sagte nur, Deine Mutter hat es freilich gut gemeint, aber die Gewächse müssen hinaus.« – »Da rieft Ihr das Mädchen?« – »Bewahre, was sollte die? Wir hätten uns ja vor ihr genirt. Ich faßte mit an, und wir schleppten die Töpfe auf den Korridor. Das war sehr scherzhaft, und wir lachten viel dabei. Als wir damit fertig waren, und er sagte, es sei nett, eine Frau zu haben, die sich vor der Arbeit nicht scheute, da – – –« – »Na und da?« – »Da klingelte es, und er mußte fort zu seinem Patienten, der so schwer krank ist.« – »Nun daran bin ich doch nicht schuld?« – »Ich komme so bald als möglich wieder,« sagte er. – »Ich warte,« rief ich ihm nach. »Und ich wartete, und er kam nicht. Ich ging auf und ab. – Er kam nicht. Ich sah aus dem Fenster seiner Arbeitsstube. Er kam nicht. Ich setzte mich nieder. Er kam immer noch nicht. Ich fing an zu weinen, aber ich hielt an mich und dachte an die schönen Worte, die der Pastor über Franzen's Beruf gesagt hatte. Ich nahm mir auch vor, eine richtige Doktorin zu werden, aber es wurde mir übermenschlich schwer. Um auf andere Gedanken zu kommen, nahm ich ein Buch, nur um drin zu blättern.« – »Eins von seinen Büchern?« – »Das große da. Als ich es aufschlug, erblickte ich einen zerfetzten Menschen. Ich schrie laut auf.« – »Und ich sagte ihm doch, er sollte die alten ekelhaften Bücher nach dem Boden schaffen!« – »Nun fing ich an, mich zu graulen. So ganz allein bei den Büchern, o, wie war mir zu Muthe.« – »Du armes Kind. Dies ist schauderhaft.« – »Um halb sieben schickte er nach seinen Instrumenten und ließ sagen, er müßte operiren, wenn es so weit sei. Und nun ist er noch nicht wieder zurück!« – Sie brach von Neuem in Thränen aus.

Nach längerer Zeit gelang es mir jedoch, sie zu beruhigen. Ich half ihr Morgentoilette machen und überredete sie, sich ein wenig niederzulegen. Das that sie denn, und da Jugend ihren Schlaf haben will, schlummerte sie bald ein.

Als sie schlief, schlich ich mich hinaus und untersuchte den Klingelzug von der Nachtglocke. Es war ein ganz gewöhnlicher Draht. »Was willst Du den Doktor noch erst abwarten?« sagte ich. »Es giebt ja doch nur eine Scene wegen der verabsäumten Hochzeitsreise und der abscheulichen Bücher. Geh' lieber deiner Wege, Wilhelmine!«

Ehe ich aber ging, holte ich eine Scheere aus Emmi's Nähtisch und knipste den Draht unten an der Hausthür mitten durch.

»So,« sagte ich, »nun laß sie läuten!«


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