Hermann Fürst von Pückler-Muskau
Aus Mehemed Alis Reich
Hermann Fürst von Pückler-Muskau

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

Alexandria

Empfang. Besson. Bogos Bey

Wir hatten kaum geankert, als man mir schon den Besuch des Major-Generals der Flotte, Besson Bey, ankündigte, der, durch den Seraskier Kandias von meiner Ankunft unterrichtet, mit großer Zuvorkommenheit mir eine Wohnung in seinem Hotel auf dem neuen Ibrahimsplatze anbot und mir zugleich ankündigte, daß seine Equipage mich, sobald ich bereit sein würde, am Ufer erwarte.

Dieser hoch von Mehemed Ali geehrte Franzose, die eigentliche Seele der hiesigen Marine, ist derselbe ehemalige französische Kapitän Besson, welcher Napoleon in Rochefort anbot, ihn nach Amerika zu führen, und als der Kaiser, trotz allem Flehen Bessons, bei dem für ihn so schicksalsschweren Entschluß verblieb, sich dem Edelmut der Engländer anzuvertrauen! noch einen Tag vor dem Kaiser allein absegelte und – auf seiner ganzen Fahrt keinem einzigen feindlichen Schiffe begegnete!

Ich bat nur um einige Zeit, das Chaos meiner Sachen auf dem Schiff zu ordnen, und als ich nach einer halben Stunde am neuen Quai ans Land stieg (ohne irgendeine Belästigung der dienstbeflissenen Popülace zu empfinden, wie sie zum Beispiel in Algier und mehreren andern Hafenstädten so peinlich wird), fand ich bereits einen eleganten englischen Wagen mit zwei arabischen Pferden bespannt und mehrere riesige Kamele zum Transport meiner Effekten vor. Sehr zufrieden, wieder festen Boden unter mir zu fühlen, sprang ich eilig in die Britschka und rollte im raschen Trabe durch die engen Gassen des noch türkisch gebliebenen Teiles der Stadt, mit seinem ebenso bunten als schmutzigen Gewühl, seinen roten, weißen und grünen Soldaten mit blitzendem Gewehr und – wie H. v. Prokesch so treffend sagt – seinen orientalischen Schichten von Gestank und Wohlgerüchen. So gelangte ich bis zum Frankenquartier, dessen nettes, reinliches Ansehn und seine ganz im europäischen Stil erbauten Paläste jede Stadt unseres zivilisierteren Weltteils zieren würden, obgleich ein Teil des Bodens, auf dem sie stehen, erst kürzlich dem Meere abgewonnen wurde. Hier wohnen auch sämtliche fremde Konsuln, deren des Bairams wegen aufgezogne ungeheure Flaggen den festlichen Anblick des Ganzen um so mehr erhöhten, da nach allen diesen Fahnen, die an hohen Mastbäumen auf den obersten Terrassen der Häuser wehen, leichte Wendeltreppen, gleich Schneckentürmen, bis an die höchste Spitze der Masten hinaufführen.

Der liebenswürdige General empfing mich an der Pforte seines Hotels, wies mir eine reich möblierte, weitläufige Reihe Zimmer im ersten Stockwerk an, machte mich dort mit Herrn Roquerbes, dem preußischen Konsul, bekannt, der, wie ich vernahm, über mir in demselben Hause wohnte, und sorgte so gütig und vollständig für alle meine Bedürfnisse, daß mir auch nicht das Geringste zu wünschen übrigblieb.

Schon am andern Tage war die Antwort des Vizekönigs auf die Seiner Hoheit zugesandten Briefe angekommen, worauf Bogos Bey, der erste und vertrauteste Minister Mehemed Alis, mich mit seinem Besuche beehrte.

Bogos Bey ist ein Armenier und Christ, der als Dragoman seine Karriere begann, sich aber durch sein Talent, seine Treue und ein in hohem Grade konziliantes Benehmen gegen Hohe und Geringe die volle Gunst seines Herrn und viel Popularität bei Fremden und Einheimischen, besonders den geringeren Klassen, zu erwerben gewußt hat. Seine Erscheinung zeichnet sich durch die größte Einfachheit aus, und seine Formen, obgleich die eines Mannes von Welt, sind fast von studierter Demut, wiewohl keineswegs ohne Würde, noch selbst ohne das wohl merkbar werdende Gefühl seiner Wichtigkeit im Staat wie des hohen Einflusses, den er bei seinem Herrn genießt. Nur einmal und vor langer Zeit, sagt man, schwankte diese Gunst aus unbekannten Gründen, und Mehemed Alis Zorn ward in solchem Grade rege, daß er Bogos' heimliche Hinrichtung befahl. Der Konsul Rosetti rettete ihn auf fast abenteuerliche Weise und hielt ihn so lange verborgen, bis der Pascha, der seinen Befehl längst ausgeführt glaubte, tiefen Schmerz bezeigte, einen Mann verloren zu haben, der ihm unentbehrlich sei.

Man wagte jetzt, Mehemed Ali die Wahrheit zu entdecken, und von diesem Augenblick an hat, soviel man weiß, das Vertrauen, welches er Bogos Bey geschenkt, nie einen zweiten Stoß erlitten. Aber auch des Ministers Dankbarkeit gegen die Familie seines Retters hat sich selbst nach dessen Tode noch auf seine hinterlassenen Erben ausgedehnt und ebenfalls nie einen Augenblick gewankt.

Alle Handelsgeschäfte, aller Verkehr mit den Konsuln wie die äußere Politik werden durch Bogos Bey geleitet, und da der Vizekönig bis jetzt noch der einzige gigantische Kaufmann seines Reiches ist, auch Politik und Handel hier mehr noch und spezieller als anderswo miteinander zusammenfließen, so kann man danach den Umfang seines Wirkungskreises und seiner Geschäfte abmessen. Er ist jetzt ein Mann von einigen sechzig Jahren, mit blitzenden kleinen Augen, deren Feuer und listigen, etwas unsteten Ausdruck er sehr charakteristisch durch das stets tief herabgezogene Tuch seiner Kopfbedeckung möglichst zu mildern und zu verbergen sucht. Ohne alle Geschäftsaffektation und leicht zugänglich ist er doch von unermüdlicher Arbeitsamkeit, dabei von einer sich nie verleugnenden Affabilität gegen jedermann, ein Feind alles Luxus und aller Ostentation tief verschwiegen und gewiß der Schlauste unter den Schlauen. Über dies letztere klagt der Handelsstand, dennoch hat jeder lieber mit ihm als mit anderen Mächtigen hier zu tun, denn die List tritt wenigstens immer sanfter auf als die rohe Gewalt, wenn auch die Resultate zuletzt oft dieselben bleiben.

Ich werde wahrscheinlich häufig Gelegenheit haben, auf diesen für Ägypten so bedeutenden Mann zurückzukommen, hier möge es genügen hinzuzufügen, daß unsre erste, sehr verschiedne Gegenstände berührende Unterhaltung mein lebhaftestes Interesse erweckte, so wie die freundlichen und schmeichelhaften Worte, welche er mir von seiten Seiner Hoheit überbrachte, in der Tat ebensosehr meine Verwunderung als meine lebhafteste Dankbarkeit hervorrufen mußten. Während meines diesmaligen Aufenthaltes in Alexandrien sah ich ihn nur noch einigemal in seinem eignen Hause, aber jeder Besuch bekräftigte die vorteilhafte Meinung, die mir seine erste Erscheinung eingeflößt. Ich mußte dabei in gleichem Maße den Scharfsinn bewundern, mit dem er europäische Zustände und Politik beurteilte, als mir die sichere Gewandtheit des vollendeten Hofmanns und die Grazie der Formen an einem Manne auffielen, dem alle Art europäischer Bildung stets fern geblieben war. Endlich ist es fast Pflicht, hier meinen Dank für die völlig unverdienten Auszeichnungen auszusprechen, die mir auf Befehl des Vizekönigs durch ihn zuteil wurden. Equipagen und Reitpferde Seiner Hoheit wurden zu meiner Disposition gestellt, man sandte mir eine Ehrenwache, die ich nur mit Mühe ablehnen konnte, bei meinem Besuch der Flotte ward ich vom Admiral mit denselben Ehrenbezeigungen wie in Kandia empfangen, und jedes Verlangen, das ich nur äußerte, es mochte sein, wo es wollte, beeiferte man sich sogleich mit der größten Bereitwilligkeit zu erfüllen sowie mich alles sehen zu lassen, was ich wünschte, ohne dabei der geringsten Geheimniskrämerei Raum zu gebenBogos Bey ist, wie bekannt, kürzlich gestorben, ein großer Verlust für den Vizekönig, denn dieser hatte wenig treuere und gewiß keinen gescheiteren Diener. Der neidische Haß der Großen wagte erst an Bogos Beys Grabe sich zu verraten. Alle Europäer haben nur Ursache, sein Andenken zu ehren, und dieses auch durch ihre Teilnahme bewiesen. .


 << zurück weiter >>