Dmitrij Mereschkowskij
Der vierzehnte Dezember
Dmitrij Mereschkowskij

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Fünftes Kapitel

»Von hier sieht man es besser, klettern Sie herauf!« rief Obolenskij Golizyn zu und half ihm, auf den Haufen von Granitquadern zu steigen, die, für den Bau der Isaakskathedrale vorbereitet, am Fuße des Denkmals Peters des Großen lagen.

Golizyn überblickte den Platz.

Vom Senat bis zur Admiralität, von der Kathedrale bis zum Quai und noch weiter, längs der ganzen Newa bis zur Wassiljewskij-Insel, wogte eine vieltausendköpfige Menge – unzählige gleichmäßig schwarze, kleine, wie die Körner von Kaviar zusammengepreßte Köpfe, Köpfe, Köpfe. Die Menschen hingen an den Bäumen des Boulevards, an den Laternenpfählen, an den Regenrinnen; sie drängten sich auf den Dächern der Häuser, auf dem Giebel des Senats, auf den Galerien des Admiralitätsturmes wie in einem riesenhaften Amphitheater mit aufsteigenden Zuschauerreihen.

Im gleichmäßigen Meer der Köpfe unten auf dem Platze bildeten sich ab und zu Wirbel.

»Was ist das?« fragte Golizyn, auf einen solchen Wirbel zeigend.

»Man hat wohl einen Spion erwischt«, antwortete Obolenskij.

Golizyn sah einen Menschen laufen ohne Mütze, in goldgestickter Flügeladjutantenuniform, an der ein Rockschoß abgerissen war, in blutbefleckter weißer Reithose.

Zuweilen ertönten Schüsse, und die Menge stürzte auf die Seite, kehrte aber gleich wieder auf den früheren Platz zurück: Die Neugier war mächtiger als die Furcht.

Die Truppen, die dem Kaiser Nikolai den Eid geleistet hatten, umgaben das Karree der Aufrührer von allen Seiten: Direkt vor ihnen stand das Preobraschenskij-Regiment, links das Ismailowsche; rechts die Gardekavallerie, weiter am Quai entlang mit dem Rücken zur Newa die Chevaliergarden, die Finnländer, die berittenen Pioniere; in der Galernaja-Straße das Pawlowsche Regiment, am Admiralitätskanal das Ssemjonowsche.

Die Truppen wechselten ihren Platz, und ihnen folgten auch die Menschenwogen; und inmitten dieser ganzen Bewegung blieb das stählerne Viereck der Bajonette unbeweglich wie die Achse eines sich drehenden Rades.

Lange betrachtete Golizyn die beiden geraden Linien der schwarzen Striche und der weißen Kreuze: Die Striche waren die Helmbüsche, die Kreuze die Tornisterriemen; dazwischen lag eine dritte, ebenso gerade, doch abwechslungsreiche Linie von Menschengesichtern. Und in allen diesen Gesichtern las er den gleichen Gedanken, die gleiche Frage und Antwort, die er früher gehört hatte: »Warum wollt ihr nicht schwören?« – »Weil es unser Gewissen nicht duldet.«

Ja, die unerschütterliche Feste dieses stählernen Vierecks ist die heilige Feste des menschlichen Gewissens. Sie stützt sich auf den Fels Peters und ist selbst wie dieser ein unerschütterlicher Fels.

In der Mitte des Karrees standen die Mitglieder der Geheimen Gesellschaft, Militärs und Zivilisten, ›Menschen von gemeinem Aussehen in Fräcken‹, wie es später in den Polizeiberichten hieß; hier befand sich auch die Regimentsfahne mit den verschossenen, brüchigen Falten goldgrüner Seide, zerfetzt und durchschossen auf den Schlachtfeldern von Borodino, Kulm und Leipzig, – nun die heilige Fahne der russischen Freiheit; hier stand ein aus der Senatswache herbeigeschafftes, tintenbespritztes Tischchen mit irgendwelchen Papieren, vielleicht mit dem nicht zuendegeschriebenen Manifest, mit einem Brotlaib und einer Flasche Wein – dem heiligen Mahl der russischen Freiheit.

Am bleichen Himmel leuchtete das bleiche Gespenst der Sonne auf, und der stählerne Wald der Bajonette funkelte bleich vor dem grauen Granitfelsen, dem Sockel des ehernen Reiters. Die dunkle Bronze leuchtete grün, und das übermenschliche Antlitz wurde schrecklich lebendig.

›Mit Ihm oder gegen Ihn?‹ fragte sich Golizyn wieder, wie damals während der Überschwemmung. Was bedeutet diese Gebärde der Rechten, die er über dem Strudel der Menschenwogen ausgestreckt hält wie über den Wogen der Sintflut? Damals hatte er die Sintflut gebändigt; wird er auch diese bändigen? Oder wird das rasende Pferd mit dem rasenden Reiter in den Strudel stürzen?

Ins Karree zurückgekehrt, erfuhr Golizyn, daß eine Attacke der Gardekavallerie erwartet werde; Rylejew war aber verschwunden, Trubezkoi war noch immer nicht erschienen, und es gab noch immer keinen Befehlshaber.

»Man muß einen anderen Diktator wählen«, sagten die einen.

»Aber wen? Von den mit den kleinen Epauletts und ohne Namen wird sich niemand dazu entschließen«, entgegneten die anderen.

»Obolenskij, Sie sind der Älteste, springen Sie ein!«

»Nein, meine Herren, verschonen Sie mich. Alles, was Sie wollen, aber das kann ich nicht auf mich nehmen.«

»Was soll man machen? Seht, sie beginnen schon die Attacke!«

Zwei Schwadronen Gardekavallerie kamen im Trab hinter dem Bretterzaun der Isaakskathedrale hervor und formierten sich zu einem Karree, mit dem Rücken zum Lobanwowschen Hause.

Der Kollegienassessor Iwan Iwanowitsch Puschtschin ging im langen Mantel und hohem schwarzen Hut vor der Front auf und ab und rauchte sein Pfeifchen ebenso ruhig, wie er es in seinem Arbeitszimmer oder im Häuschen Puschkins zu Michailowskoje, unter dem gemütlichen Klappern der Stricknadeln Arina Rodionownas, zu rauchen pflegte.

»Kinder, werdet ihr auf mein Kommando hören?« fragte er die Soldaten.

»Zu Befehl, Euer Wohlgeboren!«

Er befreite seine rechte Hand im grünen Glacéhandschuh aus dem Mantel, hob sie in die Höhe, als schwänge er einen unsichtbaren Säbel, und kommandierte:

»Stillgestanden! Gewehr in Ruh! Formiert ein Karree gegen die Kavallerie!«

Eine einzige Salve könnte die ganze Reiterei vernichten. Um die Leute nicht zwecklos niederzuknallen und zu erbosen, gab Puschtschin den Befehl, nur auf die Beine der Pferde und über die Köpfe der Reiter zu schießen.

Die Reiterei sprengte schon mit schwerem Gestampf heran. Eine Salve krachte, aber die Kugeln pfiffen über den Köpfen der Reiter hinweg.

Als der Pulverrauch sich verzogen hatte, sah man, daß die erste Attacke abgeschlagen war. Die Kavallerie war behindert durch die Enge, durch die vortretende Ecke des Zaunes, die sie umbiegen mußte, vor allem aber durch das Glatteis. Die unbeschlagenen Pferde glitten mit allen vier Beinen auf den eisüberzogenen Pflastersteinen aus und stürzten. Auch die Soldaten gingen nur sehr unwillig vor: Sie begriffen, daß eine Kavallerieattacke aus einer Entfernung von zwanzig Schritten, bei einem direkt auf die Pferdeköpfe gerichteten Gewehrfeuer unmöglich sei.

»Was kommt ihr daher, ihr Verdammten?« fluchten die Moskauer, indem sie den gestürzten Reitern auf die Beine halfen.

»Man muß schon vorgehen, wenn man getrieben wird. Vergelt's Gott, Brüder daß ihr vorbeigeschossen habt, sonst wären wir wohl nicht am Leben geblieben!« dankten die Gardekavalleristen.

»Kommt doch zu uns herüber, Kinder!«

»Wartet nur, wenn es dunkel wird, kommen wir alle.«

»Zurück! Richtet euch!« kommandierte der Regimentskommandeur General Orlow und fing an, die Kolonne zu einer zweiten Attacke zu formieren.

Aber die zweite gelang nicht besser als die erste. Die Bajonette senkten sich ebenso gleichmäßig, und die Pferde stürzten, gegen den stählernen Wald anrennend, zu Boden und zogen die Reiter mit sich. Die Menge hinter dem Zaune warf aber Steine, Ziegel und Holzscheite. General Wojinow wurde beinahe totgeschlagen, Herzog Eugen von Württemberg wie ein kleiner Junge mit Schneebällen beworfen.

Eine Attacke nach der andern zerschellte wie Woge um Woge am unerschütterlichen, unbeweglichen Viereck, und dieses wurde nach jedem neuen Angriff gleichsam fester und starrer. Es stützte sich gegen den Felsen Peters und war selbst wie ein unwandelbarer Fels.

Plötzlich erklangen aus der Ferne zu den lustigen Klängen von Militärmusik die Schreie: »Hurra, Konstantin!«, und dreiundeinhalb Kompagnien der Flottenequipage, unter dem Kommando des Leutnants Michail Küchelbäcker und des Stabshauptmanns Nikolai Bestuschew, kamen aus der Galernaja-Straße gelaufen.

Sie umarmten die Moskauer und tauschten mit ihnen Küsse aus.

»Liebe Brüder! Vergelt's Gott, daß ihr uns nicht im Stich gelassen habt!«

»Armee und Flotte haben sich vereinigt!«

»Wir siegen zu Lande und auf dem Meere!«

Die Flottenequipage bildete ein neues Karree, rechts von den Moskauern auf der Brücke des Admiralitätskanals mit der Front zur Isaakskathedrale.

Und wieder tönte es, jetzt von der andern Seite, vom Schloßplatz her:

»Hurra, Konstantin!«

Über den Boulevard liefen in einzelnen Haufen, in aufgeknöpften Mänteln und mit in die Nacken geschobenen Mützen, mit vollen Patronentaschen und gefällten Bajonetten, die Leibgrenadiere.

Sie hatten schon den Platz erreicht und waren über die an der Ecke des Admiralitätsboulevards und des Quais angehäuften Steine geklettert, als eine Verwirrung entstand.

Der Regimentskommandeur Stürler lief die ganze Zeit neben seinen Soldaten her und flehte sie an, in die Kasernen zurückzukehren.

»Haltet euch, Brüder, hört nicht auf den Schurken!« schrie der Regimentsadjutant, Leutnant Panow, Mitglied der Geheimen Gesellschaft, der gleichfalls neben den Soldaten herlief.

»Für wen sind Sie?« fragte Kachowskij, mit einer Pistole in der Hand auf Stürler zulaufend.

»Für Nikolai!« antwortete jener.

Kachowskij schoß. Stürler griff sich mit der Hand an die Hüfte und lief weiter. Zwei Soldaten folgten ihm mit gefällten Bajonetten.

»Stecht ihn tot, den verdammten Deutschen!«

Die Bajonette bohrten sich in seinen Rücken, und er fiel um.

Die Leibgrenadiere vereinigten sich mit den Moskauern. Und wieder gab es Umarmungen und brüderliche Küsse.

Das dritte Karree stellte sich links vom ersten, mit der Front zum Quai und dem Rücken zur Isaakskathedrale auf.

Auf dem Platz befanden sich jetzt an die dreitausend Mann Truppen und mehrere Zehntausend anderer Menschen, die auf den ersten Wink eines Befehlshabers zu allem bereit waren. Aber einen Befehlshaber gab es noch immer nicht.

Das Wetter schlug um. Vom Osten kam ein eiskalter Wind. Der Frost nahm zu. Die Soldaten in den bloßen Waffenröcken froren noch immer, traten von einem Fuß auf den andern und schlugen die Hände gegeneinander.

»Was stehen wir?« fragten sie verständnislos. »Es ist, als wären wir ans Pflaster angefroren. Die Beine sind uns erstarrt, die Hände erfroren, und wir stehen noch immer.«

»Euer Wohlgeboren, wollen Sie uns in eine Attacke führen!« bat der Gefreite Ljubimow den Stabshauptmann Michaïl Bestuschew.

»Was für eine Attacke? Gegen wen?«

»Auf die Truppen, auf das Palais, auf die Festung – wohin es Ihnen beliebt.«

»Man muß auf das Kommando warten, Bruder.«

»Ach, Euer Wohlgeboren, warten heißt die ganze Sache verderben!«

»Das muß man uns lassen: Warten und stehen können wir gut«, bemerkte Kachowskij mit giftigem Lächeln. »Unser ganzer Aufstand ist eine stehende Revolution!«

›Stehende Revolution!‹ wiederholte Golizyn vor sich hin mit ahnungsvollem Grauen.

 


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