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Eilftes Kapitel.

Ein gutes Fährgeld. – Iß deinen Pudding und halte den Mund! – Der Liebe des Domine kommt etwas in die Queere. – Der Queere kommt wieder etwas in die Queere. – »Die ganze Welt ist ein Theater«, selbst die Spiegelbänke meines Kahnes. – Cleopatra's Barke wird auf der Themse angeredet.

Ich betrachtete den damaligen Zeitpunkt als meinen Eintritt in das Leben. Ich war nahe an achtzehn, kräftig, rührig und wohl gebaut, voll Muth und überglücklich im Gefühle der Unabhängigkeit, nach der ich so lange geseufzt hatte. Seit meiner Entlassung von Herrn Drummond hatte sich mein Charakter sehr geändert. Ich war ernst und still geworden, brütete über der Kränkung, die ich erlitten hatte, nährte Gefühle der Rache gegen diejenigen, von denen mir Unrecht widerfahren war. und betrachtete die Welt im Allgemeinen in nicht sehr vorteilhaftem Lichte. Dieser krankhafte Zustand meines Innern war durch den wichtigen Dienst, den ich Kapitän Turnbull geleistet hatte, einigermaßen verbessert worden, denn wir lieben die Welt um so mehr, je nützlicher wir uns in derselben fühlen; aber die Unabhängigkeit, die mir jetzt geboten worden, war der Gipfel meiner Hoffnungen und Wünsche. Ich fühlte mich so glücklich, so begeistert, daß ich sogar an die beiden Commis des Herrn Drummond ohne Rachegefühle denken konnte. Indeß muß ich daran erinnern, daß die Welt blos im Vorgefühle vor mir lag.

»Boot, Sir?«

»Nein, danke, Bursche; ich suche den alten Stapleton – ist er hier?«

»Nein, Sir; aber dieß ist sein Boot.«

»Hum! kann er mich nicht fahren?«

»Nein, Sir, aber ich kann's, wenn's Ihnen gefällig ist.«

»Gut denn; schnell!«

Ein gesetzter Mann von ungefähr fünfundvierzig Jahren stieg in's Boot; in wenigen Sekunden war ich im Strome und schoß mit der Ebbe durch die Brücke.

»Was fehlt dem alten Stapleton?«

»Nichts, Sir; aber er ist alt geworden und hat das Boot mir übergeben.«

»Bist du sein Sohn?«

»Nein, Sir, sein Lehrling.«

»Hum! thut mir leid, daß der taube Stapleton nicht mehr da ist.«

»Ich kann so taub sein, als er, wenn Sie es wünschen.«

»Hum!«

Der Herr schwieg und ich ruderte stumm den Fluß hinunter; aber in wenigen Minuten führte er seine Hände auf und nieder und bewegte seine Lippen, als wäre er in einem Gespräche begriffen. Allmälig nahm seine Aktion zu und einzelne Worte ließen sich vernehmen. Endlich brach er aus: »In dieser Ueberzeugung, in dieser vollen Ueberzeugung, Herr Sprecher, lege ich meine Gedanken dem Hause der Gemeinen vor und nähre das Vertrauen, daß kein ehrenwerthes Mitglied entscheiden wird, bevor es die Wichtigkeit der Argumente genau erwogen, die ich seinem Urtheile anheimgestellt habe.« Er hielt inne, als erinnerte er sich meiner Gegenwart, und sah auf mich; aber da ich mich darauf vorbereitet hatte, lag nichts auf meinem Gesichte, was auch nur die leiseste Spur eines Lächelns verrathen hätte; dabei stellte ich mich, als hätte ich seinen Worten gar keine Aufmerksamkeit geschenkt, und blickte ganz unbefangen rechts und links nach dem Stromufer. Er wandte sich mit der Frage an mich:

»Bist du schon lange auf dem Strome?«

»Bin darauf geboren, Sir.«

»Nun, wie gefällt dir das Gewerbe eines Fährmannes?«

»Sehr gut, Sir. Die Hauptsache ist, regelmäßige Kunden zu bekommen.«

»Und wie erhälst du diese?«

»Indem ich meinen Mund halte und sie ihren Geschäften überlasse, während ich die meinigen besorge.«

»Eine sehr gute Antwort, Junge. Leute, welche viel zu thun haben, können ihre Zeit auch auf dem Wasser nicht verlieren. So eben überdachte ich meine Rede im Unterhause und bereitete mich auf dieselbe vor.«

»Das vermuthete ich, Sir, und ich denke, der Strom ist dazu sehr geeignet, da Sie Niemand hören kann, als die Person, deren Dienste Sie gemiethet haben – und wegen dieser dürfen Sie unbesorgt sein.«

»Ganz richtig, mein Bursche, eben deßhalb war mir der taube Stapleton lieb – er konnte kein Wort hören.«

»Aber, Sir, wenn Sie erlauben würden, ich höre so was gar zu gern, und Sie dürfen versichert sein, daß ich nie etwas weiter sagen werde, wenn Sie mir vertrauen wollen.«

»Hörst du's wirklich gerne, Junge? Nun, so will ich's noch einmal vortragen. Du sollst den Sprecher machen – aber du mußt schweigen und darfst mich nicht unterbrechen.«

Der Herr begann: »Herr Sprecher, ich würde es nicht gewagt haben, das Haus in dieser späten Stunde anzureden, ginge ich nicht von der Ueberzeugung aus, daß die Wichtigkeit der vorliegenden Frage – so wichtig ist – nein, das geht nicht – ginge ich nicht von der Ueberzeugung aus, daß die vorliegende Frage von einer, ich darf sagen, so allgebietenden Wichtigkeit ist, daß sie die besten Kräfte jedes Mannes auffordert, dem das Wohl seines Landes am Herzen liegt. In dieser Ueberzeugung, Herr Sprecher, fühle ich, ein so unbedeutendes Individuum ich auch immer sein mag – fühle ich mich verpflichtet, ich darf sagen, auf's Heiligste verpflichtet, meine Gedanken über den Gegenstand hier auszusprechen. Die Papiere, welche ich hier in Händen habe, Herr Sprecher, und auf welche ich bald die Aufmerksamkeit des Hauses zu lenken beabsichtige, werden, wie ich das Vertrauen hege, vollständig beweisen –«

»Führt Ihr diesen Burschen nach Bedlam?« rief uns eine schrille weibliche Stimme zu. Die Rede war unterbrochen; wir erhoben die Augen und sahen einen Kahn mit zwei Weibern hart an uns vorüberfahren. Ein lautes Gelächter folgte der Bemerkung, und mein Kunde sah verwirrt und ärgerlich aus.

Ich hatte im Wirthshause oft die Zeitungen gelesen, erinnerte mich dessen, was im Falle einer Unterbrechung im Parlamente gebräuchlich war, und rief: »zur Ordnung, zur Ordnung!« Dieß machte den Herrn lachen, und da der andere Kahn jetzt fern war, nahm er den Faden seiner Rede wieder auf, aber ich verschone den Leser mit der Fortsetzung desselben. Es war eine sehr schöne Rede, darüber waltet kein Zweifel, aber ich habe den Inhalt derselben vergessen.

Ich landete ihn bei Westminsterbrücke und erhielt das Dreifache des gewöhnlichen Fährgeldes. »Merke dir,« sagte er noch beim Bezahlen, »ich werde mich nach dir umsehen, wenn ich wieder komme, und das geschieht alle Montag Morgen – bisweilen auch noch öfter. Wie ist dein Name?«

»Jacob, Sir.«

»Ganz gut. Guten Morgen, Junge.«

Dieser Herr wurde ein regelmäßiger und trefflicher Kunde; wir hatten auch, abgesehen von den Parlamentsdebatten, manche Unterhaltung mit einander im Kahne, und ich muß bekennen, ich erhielt nicht nur sehr viel Geld, sondern auch eine Menge schätzbarer Belehrungen von ihm.

Einige Tage darauf hatte ich Gelegenheit, mich davon zu überzeugen, in wie weit Marie ihr Versprechen hielt. Ich lag wie gewöhnlich mit meinem Nachen am Ufer, als der alte Stapleton mit seiner Pfeife im Mund auf mich zukam und sagte: »Jacob, der alte Herr ist zu Hause bei Marien. Nun sehe ich zwar ein gut Theil, aber ich sage nichts: Marie ist ihre zweite Mutter, das ist gewiß. Wie war's, wenn du nach deinem alten Lehrer sehen würdest und es mir überließest, auf die Kunden Acht zu haben? Ich fühle allbereits, daß mir ein wenig Handrudern nichts schaden könnte. Wir meinen, es sei ein so angenehmes Ding um's Müssiggehen, wenn wir arbeiten müssen, und wenn wir müssig gehen, merken wir wohl, daß ein bischen Arbeit just eben so angenehm ist – Menschennatur!«

Ich fürchtete, Marie möchte leicht aus glühender Liebe zur Bewunderung alle ihre guten Vorsätze vergessen, und beschloß, die Unterredung zu unterbrechen. Deßhalb überließ ich Stapleton das Boot und eilte nach Hause. Ich hatte keine Lust, den Horcher zu spielen, und war noch unschlüssig darüber, ob ich ohne Weiteres hineintreten sollte oder nicht, als ich beim Vorübergehen unter dem Fenster, welches gerade offen stand, die Unterredung im Zimmer deutlich hörte. Ich blieb in der Straße stehen und lauschte der Stimme des Domine, der sich also vernehmen ließ:

»Aber, schönes Mädchen, omina vincit amor – hier bin ich, Domine Dobbs, der ich lange das große Stufenjahr zurückgelegt habe und bereits über zwölf Lustern Heerschau halten kann – der ich über siebenzig Knaben gebiete – und Magister Princeps und Dux der lateinischen Schule von Brentford bin – der ich nur die Wissenschaften geliebt habe und allein mit den Klassikern Umgang gepflogen – der ich meine Ohren gegen die Lockungen deines Geschlechtes verstopft, und selbst gegen deinen Zauber mein Herz verhärtet habe – hier liege ich, ich, Domine Dobbs, flehend zu den Füßen eines Mädchens, welches kaum zur Mannbarkeit gereift ist, welches nicht lesen, noch schreiben kann, und dessen Vater sein Brod mit Handarbeit verdient. Ich fühle es Alles – ich fühle, daß ich zu alt bin – daß du zu jung bist – daß ich von den Pfaden der Weisheit abgehe und die Rücksicht auf weltliche Verhältnisse vergesse. Aber, omnia vincit amor; ich beuge mich vor dem allgewaltigen Gott und huldige ihm durch dich, Marie. Vergebens habe ich Widerstand geleistet; vergebens suchte ich, wenn ich mich niederlegte, dich aus meinen Gedanken zu verbannen, und dein Bild aus meinem Herzen zu tilgen. Habe ich nicht überall deine Gegenwart empfunden? Setze ich nicht meine würdige Gehülfin, Mistreß Bately, die Matrone, in Erstaunen, daß ich sie mit dem Namen Marie rufe, da ich sie sonst immer mit ihrem Taufnamen Deborah genannt habe? Haben nicht selbst die Schulknaben meine Schwäche entdeckt, und rufen sie nicht in den Freistunden immer: Marie? Mare perieulosum et turbidum, das bist du für mich geworden. Ich schlafe nicht – ich esse nicht – und jegliches Zeichen der Liebe, das von Ovidius Naso angegeben wird, den ich genau verglichen habe, finde ich an meiner Person. So sprich denn, Mädchen. Ich habe meinen Empfindungen Luft gemacht; thue dasselbe, auf daß ich möge zurückkehren und meine Heerde nicht ohne ihren Hirten lasse. Sprich, Mädchen.«

»Ich will, Sir, wenn Sie aufstehen wollen,« versetzte Marie, und fuhr nach einer Pause fort: »ich meine, Sir, ich bin jung und thöricht, und Sie sind alt und – und –«

»Thöricht, wolltest du sagen?«

»Es ist besser, daß Sie's gesagt haben, Sir; es schickt sich nicht für mich, von einem so gelehrten Manne einen derartigen Ausdruck zu gebrauchen. Ich meine, Sir, ich bin zu jung zum Heirathen, und Sie sind vielleicht –zu alt. Ich meine, Sir, Sie und zu geschickt – und ich bin zu unwissend. In Ihrer Lage würde es für Sie nicht passen, mich zu heirathen, und eben so wenig ziemte es mir, Sie zu heirathen – gleichwohl fühle ich mich sehr verpflichtet für Ihren gütigen Antrag.«

»Vielleicht hast du dich in deiner Antwort als der verständigste Theil von uns Beiden gezeigt,« erwiederte der Domine, warum, o Mädchen, erwecktest du diese Gefühle, diese Hoffnungen in meiner Brust – nur um mir Qualen zu verursachen und mich den bittern Kelch der Täuschung bis auf die Hefe trinken zu lassen? Warum zeigtest du so viel Zärtlichkeit gegen mich, wenn du gar keine Zuneigung zu mir hattest?«

»Aber gibt es nicht auch noch andere Arten von Liebe, als diejenige, welche Sie verlangen, Sir? Kann ich Sie nicht deßhalb lieben, weil Sie so geschickt und so gelehrt im Latein sind? Kann ich Sie nicht lieben, wie ich meinen Vater liebe?«

»Wahr, wahr, mein Kind; es ist ganz meine eigene Thorheit, und ich muß, mit Gram beladen, wieder umkehren. Ich bin getäuscht – aber nur durch mich selbst. Meine Wünsche haben meinen Verstand umnebelt und meine Vernunft umdüstert – haben mich vergessen lassen, wie weit mein Alter vorgerückt ist, und wie wenig ich hoffen darf, Gnade in den Augen eines jungen Mädchens zu finden. Ich bin in eine Grube gefallen aus Blindheit, und muß mich selbst wieder herausarbeiten, so sauer mir auch die Mühe werden mag. Gott segne dich, Mädchen, Gott segne dich. Möge ein Anderer in deiner Liebe glücklich sein, mögest du nie bluten am Widerhaken der Täuschung. Ich will für dich beten, Marie – daß dich der Himmel segnen möge.« Und der Domine wandte sich weg und weinte.

Marie schien von dem Kummer des guten alten Mannes ergriffen, und ihr Herz machte ihr wahrscheinlich bittere Vorwürfe wegen ihres gefallsüchtigen Benehmens. Sie suchte den Domine zu trösten, und Thränen standen auch ihr in den Augen.

»Nein, Sir, nehmen Sie sich die Sache nicht so sehr zu Herzen; Sie legen eine schwere Last auf mein Gewissen. Ich habe gefehlt, ich fühle es – ich habe gefehlt – obgleich Sie mir keinen Vorwurf gemacht haben. Ich bin ein sehr thörichtes Mädchen.«

»Gott segne dich, Kind – Gott segne dich!« sagte der Domine mit halb unterdrückter Stimme.

»Wahrhaftig, Sir, ich verdiene es nicht – ich fühle es, daß ich es nicht verdiene; aber ich bitte, Sir, grämen Sie sich nicht so sehr – in der Liebe geht Manches quer. Ich will Ihnen ein Geheimniß sagen, um es Ihnen zu beweisen, Sir. Ich liebe Jacob – liebe ihn von ganzem Herzen, und er fragt gar nicht nach mir – ich weiß es; also sehen Sie, Sir, Sie sind nicht allein – nicht allein – unglücklich.« Und Marie schluchzte mit dem Domine.

»Armes Mädchen!« rief der Domine; »und du liebst Jacob? Ja, er ist deiner Liebe werth. Doch schon in deinem zarten Alter mußt du erfahren, was Liebe ist, die nicht erwiedert wird. Ja, wahrhaftig, die Erde ist ein Jammerthal – indeß, laßt uns dankbar sein. Hüte dein Herz, Kind, denn Jacob ist nicht für dich; ja ich fühle es, er ist nicht für dich.«

»Und warum nicht, Sir?« fragte Marie niedergeschlagen.

»Weil, Mädchen – doch nein, ich darf dir nichts sagen; aber nimm meine Warnung in Acht, sie ist gut gemeint und in Liebe gegeben. Lebe wohl, Marie – lebe wohl! Ich komme nicht mehr.«

»Gott mit Ihnen, Sir; verzeihen Sie mir, es soll mir eine Warnung sein.«

»Wahrlich, Mädchen, es wird uns Beiden eine Warnung sein. Gott segne dich!«

Ich hörte, daß Marie dem Domine einen Kuß gestattete, und bald darauf vernahm ich seinen Tritt auf der Treppe. Um ihm auszuweichen, bog ich um die Ecke und ging an den Strom hinab, das Vorgefallene überdenkend. Ich war mit Marien zufrieden, aber ich fühlte keine Liebe zu ihr.

Der Frühling war jetzt weit vorgerückt, und das Wetter vortrefflich. Der Strom bot einen herrlichen Anblick dar, und unaufhörlich glitten Lustboote auf und nieder. Die Westmünster-Jungen, der Spaßverein und andere Gesellschaften in ihren Feierkleidern belebten die Scene, während Wettfahrten, die von Zeit zu Zeit gehalten wurden, dem Strome die lebendigste Bewegung mittheilten. Wie sehr sehnte ich mich nach dem Ende meiner Lehrzeit, um auch einmal um den Preis zu rudern! Einer meiner besten Kunden war ein junger Mann, der als Schauspieler an einem der Londoner Theater angestellt war und, gleich dem Parlamentsmitgliede, seine Rollen auf dem Strome einübte. Er war ein lebhafter, rühriger Bursche, voll Humor und gänzlich gleichgültig gegen das Aeußere. Für Jeden, der an unserem Boote vorüberfuhr, hatte er einen Scherz oder Witz. Er erhob sich und hielt Standreden an die Leute, wie ein Toller, so daß sie ihn wirklich für wahnsinnig hielten. Wir stunden auf dem vertrautesten Fuße, und nichts machte mir mehr Freude, als wenn er kam, denn seine Erscheinung war stets die Losung zur Fröhlichkeit. Das erste Mal glaubte ich wirklich, er sei mondsüchtig, denn die Bühnenphraseologie war mir etwas ganz Neues. »Boot, Sir?« rief ich ihm zu, als er an den Steg kam.

»Mich rufen die Geschäfte jetzt nach Hause, voran, ich folge dir,« erwiederte er, in das Boot springend. »Auf diesem Sprung beruhet unser Schicksal.«

Ich schob den Kahn ein. »Hinab, Sir?«

»Hinab,« erwiederte er, mit dem Finger nach unten deutend, als stoße er nach etwas –

»Hinab zur Höll' und sag', ich schickte dich.«

»Danke, Sir; lieber nicht, wenn Sie's richten können.«

»Unsere Zunge ist rauh, Vetter, und mein Zustand ist nicht sanft.«

Wir schossen unter der Brücke durch und fuhren rasch mit der Ebbe hinab, als er wieder begann:

«So fliegt auf Fittigen die Phantasie,
Nicht minder rasch die Seen',
Als der Gedanke.«

Ein Kohlenboot zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Es wurde von zwei Männern gerudert, so schwarz wie Schornsteinfeger, und auf den Steinbänken saßen die Weiber. Das Fahrzeug steuerte nach der Mitte der Strömung, um die ganze Kraft der Ebbe zu benutzen, und war bald hart an unserm Kahn, mit dem es den Strom hinabschoß.

»Da ist ein junger Stutzer,« sagte lachend und auf den Schauspieler deutend eine von den Damen, die einen alten Strohhut mit sehr schmutzigen Bändern trug.

» Sprecht Ihr zu mir, o Dame? Kenn' Euch nicht,
Bin erst zwei Stunden alt in Ephesus
Und Eurer Stadt so fremd, als Eurer Sprache.«

»'ne reguläre Rumflasche, wie's scheint,« bemerkte eine andere Dame, als sie die theatralischen Geberden des Sprechenden sah, der sogleich wieder anfing:

»Die Bart', worin sie saß, ein Flammenthron,
Brannt' auf der Fluth – geschlagen Gold der Spiegel;
Die Segel Purpur und so süß durchdüftet.
Daß selbst die Winde Liebesseufzer hauchten;
Die Silberruder schlugen nach dem Takte
Der Flöte, und das Wasser folgte schneller,
In ihren Schlag verliebt. Jedoch sie selbst
Macht jede Schilderung zur Bettlerin.«

»Geht, ich will verdammt sein, wenn wir nicht genug haben; also macht Eure Pfanne zu,« sagte eines von den Weibern zornig.

»Die nereidengleichen Dienerinnen
Umschwebten als Sirenen sie

»Nehmt Euch in Acht, junger Bursche, oder Eure Zunge könnte Euch böse Händel anrichten.«

» Ein unsichtbarer süßer Wohlgeruch
Entströmt der Barke und betäubt die Sinne
Der nahen Werften

»Jem, fahr' 'mal hart an sie hinan und zerschlage ihm den Kopf mit deinem Ruder.«

»Es geschieht auch, wenn er sich nicht besser aufführt.«

» Ich sah sie
Einst vierzig Schritte durch die Straßen hüpfen

»Ihr lügt, leberfarbiger Schurke; ich ging in meinem Leben nie durch die Straßen; ich bin eine ehrbar verehelichte Frau. Jem, nennst du dich auch einen Mann, und kannst das ruhig mit anhören?«

»Nun, 's ist aber doch ein hübscher junger Mensch, Sally – nicht wahr?« bemerkte eine der andern Frauenspersonen.

» Weg von mir.
Weg Thörin! Liebe? nein, ich kenn' dich nicht,
Ich habe nichts mit dir zu schaffen, Käthe.
's ist keine Welt zum Tand und Lippenfechten,
Zerbroch'ne Kronen gibt's und blut'ge Nasen

»Das sollst du haben, Herzensbrüderchen,« unterbrach ihn einer von den Kohlenschiffern. »Deine lange Zunge könnte dich in Ungelegenheit bringen. Bill, flugs auf den Kahn zu, wollen ihn tunken.«

»Mein Freund,« sagte der Schauspieler, sich an mich wendend –

» Laß diese ungesunde Leiche nicht
Zwischen den Wind und meinen Adel kommen
.

Lasset uns abtreten.«

Ob ich gleich seine Reden nicht verstehen konnte, so begriff ich doch sehr wohl, was er meinte, setzte wacker ein und ruderte dem Kohlenschiffe voraus gegen das Ufer zu. Als dieß die Leute im Boote bemerkten, standen die Weiber auf, schwenkten die Hüte, und die Männer machten, ihrem Befehle gehorsam, Jagd auf uns. Mein Gefährte war äußerst unruhig; doch ich strengte alle Kräfte an, und bald gewannen wir einen solchen Vorsprung, daß sie die Verfolgung aufgaben.

»Nun, beim zweiköpfigen Janus,« sagte mein Begleiter, als er auf die Kohlenschiffe zurücksah –

»Gar seltsam Volk hat die Natur gebildet.
's gibt Leute, welche blinzeln stets und lachen,
Wie Papageien bei 'nem Dudelsack,
Und And're von so essigsaurem Ansehn,
Daß sie den Mund zum Lächeln nicht verzögen,
Und schwöre Nestor, es sei lächerlich
.

»Und nun,« fuhr er gegen mich gewendet fort, »wie ist Euer Name, Sir? Was habt Ihr für einen Stand – und woher seid Ihr?«

Ergötzt durch das Vorgefallene, erwiederte ich, mein Name sei Jacob, mein Stand das Gewerbe eines Fährmanns und mein Geburtsort der Strom.

»Ich finde dich fähig; aber sprich, bist du auch gewiß, daß unser Schiff die Wüsten Böhmens erreicht habe?«

»Landen Sie zu Westminster, Sir?«

» Nein, zu Blak-Friars – dort erwarte mich.

»Niedrig ist der Sklave, der zahlt; indessen, was macht dein Fährgeld, Bursche?

Sprich, wie viel Geld ist noch in meiner Börse? –
Noch sieben Groschen und zwei Pfennige.
Beim Jupiter, ich geize nicht mit Gold,
Ich frage nicht; wer zehrt auf meine Kosten
?

»Doch –

» Ich weiß kein Mittel gegen diese Schwindsucht des Beutels.

»Hier mein Junge, ist das genug?«

»Ja, Sir, ich danke Ihnen.«

»Bedenken Sie den armen Jack, Sir,« sagte der gewöhnliche Wärter am Landungsplatz und ergreift ihn beim Arme, als er zum Aussteigen das Boot niederdrückte.

» Fällt er hinein, gut' Nacht – schwimm' oder sink'.

»Jack, hier ist mein Penny für dich. Jacob, lebe wohl, wir treffen uns wieder.«

Damit flog er die Treppe hinauf, mit jedem Sprung drei Stufen nehmend. Dieser Herr hieß, wie ich nachher erfuhr, Zinnblatt und war Schauspieler zweiten Ranges auf einer Londoner Bühne. Das Haymarket-Theater war dasjenige, auf welchem er am meisten spielte, und als wir später näher bekannt wurden, erbot er sich, mir Einlaßkarten zu verschaffen, wenn ich etwa das Schauspiel zu besuchen wünschte.


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