Carl Hauptmann
Mathilde
Carl Hauptmann

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36

Dominicks Wege

Dominick hatte am Abend Mathilde vor dem Fabriktor verpaßt. Nun lief er heim und suchte sie, weil es die höchste Zeit und keine Minute zu verpassen war. Er fand sie nicht. Sie mußte noch einiges einkaufen. Aber seine innere Erwartung war so stark, daß er allein fortlief. Jetzt war er wieder im Zirkus und in heller Teilnahme. Und alles lockte ihn. Nichts war in ihm von Erinnerung. Er war nicht in die Kneipe zurückgegangen. Im Grund nicht, weil er dachte, »nein, du hast es versprochen«, nur weil er Geld hatte, und das Geld ihn froh machte. Mathilde kam heim und hoffte ihn zu finden. Sie hatte für ihn und sich eingekauft. Aber Dominick saß im Zirkus und dachte an nichts mehr. Und er war in solcher Leidenschaft, daß er schon in den Zwischenpausen sich um die Eingänge herumdrückte, ärmlich, aber fesselnd und anziehend, wie sein bleicher Kopf mit den leuchtenden, nach Lust und Glück verlangenden Augen herumschlich. Und dann zum Schlusse hatte er ein paar tolle, ausgelassene, junge Blicke in den seinen gesehen. Er ging nun, am Arme eine kleine Blonde, die in einen Radmantel gehüllt war, und darunter luftige Kleider. Eine aus dem Zirkus. Dominick schien außer Maßen toll und lustig. Er hatte Geld, was ihn sicher machte.

»Was machen Sie für Augen?« sagte die Blonde ganz fein, »Sie sehen ja aus wie ein Bösewicht. Ganz zum Fürchten«, indem sie noch einmal ihre lose Gewandung raffte, und dann ihre Mantelenden mit der Rechten festkniff.

»Hahaha«, lachte er nur.

»Sind Sie denn so ein Menschenverächter«, sagte sie ganz lustig, indem sie wieder seinen Arm nahm, und sie vorwärts eilten.

»Wenn Sie bei mir sind, gewiß nicht«, sagte er nur ausgelassen, und er fühlte ihren heißen Arm an sich gepreßt und sah die Straße nicht mit ihren Laternen, sah die Welt nicht mit ihren Sternen – sah nichts als nur ein unklares Wogen von Taumel und stummem, heißen Gefühl, unsichtbar im Grunde, daß nicht Gesicht, noch Gestalt wurde – und nur wogte wie eine Flut – und lachend und fast berauscht, so ging er hin. »Ein Menschenverächter«, lachte er.

»Ja – nun – Liebchen«, sagte sie ganz sicher. »Deine Augen hatte ich gleich gern. Wenn du mir nicht so gefallen hättest, hätte ich dich nicht am Arm gerissen. Ich bin ja eine vom Zirkus«, sagte sie nun selbst. So eilten sie und huschten dann Treppen mit einem Wachslicht, was sie resolut anzündete. »Du mußt nämlich wissen« – »stille!« rief sie leise und neckisch, wie sie eingetreten

»es darf's niemand wissen und hören« – und sie gingen drollig auf den Zehen im dunklen Treppenflur bis hinauf unter das Dach. Dort wohnte sie. Und sie traten in ein Stübchen, das reich mit langen Vorhängen verhangen war. Dort entzündete sie die kleine Lampe, warf leise lachend ihren Mantel fort, daß sie in losen Balettkleidern mit weißem Halse und weißer Brust vor ihm stand und sah ihm noch einmal toll in die Augen, ehe sie sich leidenschaftlich und sinnlos an ihn hielt und ihm Augen und Gesicht und Hände hastig küßte.

»Du bleibst die Nacht bei mir«, sagte sie flüsternd und ganz erstickt in ihrer Glutliebe.


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