Carl Hauptmann
Mathilde
Carl Hauptmann

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Erstes Buch

1

Im Gemeindehaus

»Redi ni vom Vater, Mutter! Besser, daß er überhaupt ni mehr heemkummt.« Mathilde sagte die Worte mit dem gänzlich harten Gesicht, das die Fünfzehnjährige fast niemals in ein Lachen legte, solange sie daheim war. Und daheim heißt dabei auch nichts weiter, als in einer großen Eckstube im Gemeindehaus, in der man fast immer Holz feuerte, und in der die beiden Öfen, ein alter Kachelofen und ein kleiner eiserner, mit hängenden Türen und Ritzen, die nie verschmiert wurden, im Winter oft so rauchten, daß man vor Qualm beim Eintreten keine Menschen sah, nur wie offene Feuer durch den Rauch, und Krachen und Prasseln der gestohlenen Scheite hörte, bis man dann langsam auch Insassen, die alte Heintke und ihre Schwiegertochter und ein paar kleine Gesichter mit Strickstrümpfen am Tisch, und endlich Mathilde, die frische Fünfzehnjährige, die unten in der Fabrik auf Arbeit ging, gewahr wurde, Mathilde immer mit einem harten Gesicht, jung und blond, wie sie war, mit energischen, vorwurfsvollen Lippen, barsch und ablehnend.

Die Wände der Stube waren wie die einer Räucherkammer, so schwarz und geteert, und in dem Raum stand auch schwarz und gebrechlich nur das Allergeringste, was eine Familie zur Lebensnotdurft wirklich haben muß: Ein Tisch und eine Lampe, die zum allgemeinen Stubenrauch ungehindert noch den ihrigen zugab, ohne daß eins gedacht hätte, sie einmal zu reinigen. Die Mädchenhände mußten sich ganz mit ihren Strickstrümpfen nahen, um auch nur einiges zu sehen, wenn in dem harten Widerpart der Stube, der immer zwischen Mutter und Schwiegermutter und zwischen Mutter und Mathilde herrschte, nicht alle Schlingen von der Nadel streichen sollten. Und in der Ecke stand ein Bett, fast bis auf die Bettbretter leer. Es lag unter ganz schwarzen Bettlaken, die nie gereinigt waren, ein Strohsack, auf dem die junge Heintke mit ihm die Nächte zubrachte, indessen die alte Mutter mit dem jüngsten Enkelkinde gegenüber in der elend zerschlitterten Bettstatt lag. Noch ein Schub und ein Schrank waren da, vergriffen wie altes Holz, das an der Luft und im Rauche schmutzig geworden, schief und hängend. Und was sonst an Kindern noch existierte, machte sich ein fliegendes Lager dort, wo es warm war, aus Kleiderlumpen und Schemeln und Stroh auf der Diele, einer alten Lehmdiele, die aussah wie der blanke, schwarze Erdboden, nur daß er nicht gerade vom Regen naß wurde, bloß vom Stürzen der Kartoffeltöpfe, und wenn man im Röhre kochte.

Aber der Mann, der junge Heintke, war diesen ganzen Winter nicht daheim. Er war im Gefängnis. So nahm die junge Frau – sie war gegen sechsunddreißig – ihre jüngsten Mädel zu sich ins Bett, und da es eben Schlafenszeit war, Mathilde ihr Töpfchen Kartoffeln für den kommenden Arbeitstag fertig gemacht und parat gestellt, war die allein daran, sich für die Nacht am Boden herzurichten, während Großmutter und Mutter mit den jüngeren sich bereits ins raschelnde, knackende Lager hingeworfen und Last und Mühsal barsch und grollend hinter sich.

Und Mathilde allein stand noch aufrecht. Die Feuer in den Öfen waren niedergebrannt, durch die Ritzen des Eisenofens glimmte es noch. Sie hatte sich die Lampe auf die Ofenbank gerückt und begann, sich langsam auszukleiden: ein junges frisches Ding, groß und kräftig für ihre Jahre, mit gesunden, starken Bewegungen, die keine Ermattung und Ermüdung verrieten, nur Spannung in Muskeln und Sehnen. Sie nahm lässig Nadeln aus dem hudeligen Haare und legte sie auf die Ofenbank – und lässig und Versonnen zog sie ihre Jacke aus, die aus ihrer Kinderzeit stammte und ihr bei der jungen Fülle offenbar viel zu eng geworden; und dann hing sie sie langsam an den Schrank und blickte sich nach den Ruhenden um. Es beschäftigte sie etwas. Sie sah sich in dem schwarzen Rauchfang um und überdachte hin und her. Aber die letzten Worte, die sie gegen die Mutter ausgespielt, waren hart gewesen und konnten die Härte der Mutter ebenso gut auch herauslocken. Deswegen schwieg sie und wagte nicht, zu neuen Worten sich aufzuraffen. Und die Mutter lag und sah sie durch die blinzelnden Lider, denn die junge Heintke war ein Weib mit allen Registern, das Fluchen im Hause ging ihr ebensogut wie das sich Bekreuzen und Beten und Demütigtung in der Kirche. Die Töchter, und besonders die, die nun frisch und jung aufgewachsen und aus sich aufkam in Groll, um dessentwillen, was jeder, wenn er ins Leben will, hoffen und erwarten soll, und was sie so gar nicht aus Mutter und Vater und Gemeindehaus finden konnte, die mußte auf der Hut sein. Deswegen schwieg auch Mathilde heute, so hart sie aussah und so geschickt sie sich sonst mit unbarmherzigem Hohn einem Schlage der Mutter zu entziehen wußte, wenn er sie gleich tückisch in Auge und Nase treffen wollte. Aber die Mutter schwieg auch und tat, als schliefe sie. Im Grunde umfing sie die wohlige Lage, das Stumme und Stille, die Losgebundenheit auch von den Kinderreden und dem Scheelsehen der alten Großmutter, und sie überlegte, und der Zorn schwand, die Müdigkeit kam, die blinzelnden Augen, die noch heimlich sehen wollten, drückte der Schlaf zu, so daß Mathilde bald merkte, daß alles in sich gesunken war, wie das glimmende Feuer in Staub und Asche. So ging auch in ihrer Seele das Licht der Wünsche und nagenden Sehnsucht aus – und ihre Mienen, rund und rosig, ihr Haar so blond wie Gold im Schein der Rauchlampe, und ihre junge Gestalt, weich und knospend wie ein junger Baum, alles nahm ein stilles, starkes, gesundes Leben nur für sich an. Die Härte war gewichen. Wie ein buchener Zweig im Frühlingsdrange, so dehnte sie sich in die Lumpen und legte ihren hellen Kopf auf die harte Lehne eines umgekehrten Schemels und deckte sich mit Oberrock und Lumpen – und zog leise ein Büchel heraus, das sie, wer weiß von wem, gehandelt hatte, und suchte so einige ungestörte Lebens- und Traumblicke zu tun, ehe sie einschlief.

Aber das Ungewohnte der brennenden Lampe im Stübel weckte die junge Heintke, und sie begann im Halbschlaf zu murren: »Werscht wull noch verrückt wer'n, Mädel.

Lösch de Lampe aus! De Nacht is zum Schlofen! Na? werd's bale? oder sull ich mit 'm Riemen kummen?« Mathilde löschte die Lampe. »Du wißt schun, ich mach mir nischt draus und hau dir's Leder noch amol ordentlich vull! – Nischte wie Tummheeta eim Kuppe – nischte, wie Frechheeta eim Kuppe! – Kumm mer ock morne mit den Ideen ni wieder! Du bist a Kind und gchierst ei's Haus!«

»Ei's Haus – ei's Haus,« sagte nun Mathilde plötzlich wütend gemacht, »ei was denn fir a Haus, etwa ei's Gemeenhaus!? Was? Oder gar ei's Zuchthaus, wie der Vater? – 's ock gutt, daß er ni mei Vater is!« setzte sie als Trumpf noch oben auf, und es war ihr nun egal, wenn auch die Mutter aus dem Bett gesprungen und sie rücksichtslos geohrfeigt hätte, wie vorgestern. Aber Frau Heintke war müder, als sie selbst dachte, so daß sie die Worte der Tochter nur noch halb auffaßte und sie nicht in Wut geriet. Auch war es warm im Bette, neben sich die kleinen, heißen, ineinander gekrochenen Mädchenleiber, und in der Stube begann die Kälte von den dünnen Fenstern her hereinzukriechen, sobald die Ofenfeuer erloschen waren. So blieb es ruhig in der Stube, und auch Mathilde legte sich auf die Seite, um zu schlafen. Trotzdem begann der Gedanke, den Mathilde angeregt hatte, in der jungen Heintke weiterzubrennen und von Zeit zu Zeit wieder aufzuflammen, auch wie kein Licht mehr auf der Ofenbank brannte. »Du werscht fortgiehn! Du hust Arbeit genung – dunda – ei inse Fabrik. Was sölltst du ei d'r Stadt? – a tummes Mädel wie du!! An – a frecher Balg wie du. – Mit a Mannsleuten sich rimtun – und eene Luderei hinter der andern machen, a Eltern Schande machen.« Mathilde mußte in der Dunkelheit hell auflachen vor Hohn. Sie war wirklich noch unverdorben. Was sonst an Unflätigkeit und niedriger Gesinnung um sie lag, floß noch ab von ihr, denn die Jugend in der Welt ist ein Panzer gegen alles Gemeine, und eine zarte Blüte ist stärker wie Winter und Modererde und drängt eine Zeit in strengster Reinheit aufwärts. Was Mathilde trieb – hinaus aus dem Unleben, das war eine ziellose Sehnsucht –, und nichts war ihr daran klar, als daß sie gerade daheim nur die Schande zu fliehen hätte.

Es war ja ein elendes Leben daheim. Die Mutter, eine von den Verwahrlosten, die jung und lebensgierig mit einem alten Leiermanne durch die Provinz gezogen und Liebe in jedem Straßengraben oder hinter jedem Strohschober gesucht und gefunden hatte. Dann hatte sie endlich, nachdem der Alte längst tot, dem sie den Leierkasten zog und die Pfennige sammelte, ein Ziel ihrer Reise im Gemeindehause und in der Ehe mit dem Heintke gefunden. Mathilde war das erste Kind, das sie im Beginne ihrer Laufbahn, noch jung und lockend, wie sie damals war, von einem jungen, heißblütigen Bauernsohne im Durchziehen durchs Dorf in einer heimlichen Nacht in der Scheune empfangen hatte. Die andern Kinder alle, die nachher kamen, waren elend, von jämmerlichen und jämmerlicheren Menschen, Vagabunden und Rumtreibern – und dann kam die edle Zucht aus Heintkes Blute. Nun ja – also, wenn Mathilde nicht daran dachte, ihren Eltern Schande zu machen, kann man es gern glauben. Hinaus wollte sie, mit hartem Sinn hinaus. Sie war jung und wollte hinaus. Weiter wußte sie nichts. Sie konnte die Welt und ihren Sinn nicht kennen. Sie wollte nur die Schande fliehen und den Moder des Lebens, in dem sie saß, und aus dem sie früh ausging, verachtet besehen von vielen, und abends heimkehrte, um in Zank und Groll einzuschlafen. Deshalb stand es in Mathilde auch fest, daß sie aus dem Hause ging. Mochte nun die Mutter reden und fluchen und schlagen. Eines Tages würde sie hinaus sein. Eines Tages würde sie eine Stellung in der Fabrik in B. genommen haben, nachdem sie sich heimlich Fahr- und Zehrgeld zusammengelegt. Und das ging ihr noch einmal im Sinne um, das war wie ein Aufgang. Das machte sie noch einmal wie für sich froh lachen, obwohl sie kaum ihre Mienen verändert fühlte. Denn hart war sie, kräftiges Bauernblut machte das faule Blut der Mutter lebendig und tüchtig in ihr. Und dann sagte sie nur, um die Mutter zu beruhigen: »Wenn ich euch wer' jede Woche a schienes Geld heemschicken, werd's 'm Vater und dir recht sein. Was vedient man denn hie unten?« Das beruhigte auch in der Tat die junge Heintke. Der Gedanke, sie könne wöchentlich einen guten Zuschuß erhalten, das derbe, kraftvolle Mädel würde nicht in Zorn und Verachtung hinaus in die Fremde gehen, sie würde an die Eltern denken und für sie arbeiten wie immer, gab einen plötzlichen und völligen Trost in ihre Gedanken. Und sie atmete noch einmal wie erlöst laut hörbar auf – und dann auch die Tochter – und beide sprachen an diesem Abend kein Wort mehr.


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