Friedrich Wilhelm Hackländer
Handel und Wandel
Friedrich Wilhelm Hackländer

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Zweiunddreißigstes Kapitel.

Ein Stern in dunkler Nacht.

Es mochte ungefähr zehn Minuten dauern, bis ich das entlegene Stadtviertel, aus welchem ich herkam, wo die Straßen so öde und leer waren, hinter mir hatte; ich ging langsamer, denn ich hörte, daß ich nicht verfolgt wurde, auch sah ich hier in den volkreicheren Straßen noch viele Menschen; es mochte neun Uhr sein. Sollte ich nach Hause gehen? Es schien mir schon später zu sein, als es wirklich war, und ich fürchtete mich vor dem Empfang der Madame Stieglitz, denn was sollte ich sagen? Sollte ich den Buchhalter verklagen? Mir wurde wahrscheinlich nicht geglaubt, und dann hatte derselbe auch Mittel genug an der Hand, mir das Böse, das ich von ihm aussagen würde, vielfach zu vergelten. Im Innersten meines Herzens wünschte ich dem Herrn Specht alle möglichen Strafen, denn ich fühlte deutlich, daß er mich einen falschen Weg geführt, auch schwebte mir der Brief des Vormunds vor Augen, und ich fing an zu begreifen, wie recht er gehabt, indem er mich vor dem Buchhalter warnte, ebenso meine Nichte Emma und der Vetter mit seinem sarkastischen Lächeln. Der kannte sie vielleicht genau, jene Heuchler, mit Honig auf den Lippen und Gift im Herzen. Gott, wenn er mich zu jenen rechnete! Und die kleine Emma! Es wurde mir jetzt klar, daß mich letztere schon seit längerer Zeit mit andern Blicken betrachtete, als früher, und nicht mehr so offen und freundlich gegen mich war. Dieser Gedanke schlug mich vollends darnieder, denn ich fühlte deutlich, ohne mir des Warum bewußt zu sein, welchen Anteil der Beifall meiner Nichte auf meinen Fleiß und auf meine Aufführung gehabt. Wie herzlich drückte sie mir die Hand, als ich bei meinem ersten Besuch den ersten Brief der Madame Stieglitz überbrachte, und obgleich ich später viel größere Zeichen meiner guten Aufführung vorlegte, so entlockten ihr dieselben doch nicht mehr das frohe, herzliche Lächeln wie an jenem Tage. – Ich war recht unglücklich.

Unter diesen Gedanken kam ich in die Nähe der Post und sah dem Treiben auf dem Hofe derselben einige Augenblicke gedankenlos zu. Der Eilwagen einer der größten Routen fuhr soeben schwankend in den Hof, der Postillon blies, die Pferde schlichen daher, dampfend und mit gesenkten Köpfen, neugierige Blicke der Reisenden an den Fenstern des Wagens betrachteten die dunklen Häuser der Stadt, und ich sah deutlich jedes Gesicht, als der Eilwagen bei den Gaslampen des Eingangs vorbeifuhr.

Jetzt hielt der Postillon mitten im Hofe, der Kondukteur sprang herab, öffnete den Schlag, die eingesperrten Passagiere stiegen aus, froh des Reiseziels und der wiedergewonnenen Freiheit.

Es war von jeher eines meiner größten Vergnügen, die Ankunft des Eilwagens abzuwarten, die Reisenden zu betrachten und mir alsdann allerlei Phantasien zu machen. Wie viele Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen waren nicht schon in diesen Kasten eingesperrt, und wie verschiedenartig gebärdeten sich die Ausgestiegenen gemäß dieser Erwartungen und Hoffnungen!

Hier stehen mehrere Leute, die einen lieben Bekannten erwarten, und schon, indem der Wagen hereinfährt, wird für und wider gestritten, ob der, welcher ankommen soll, wirklich darin ist. »Im Kabriolett ist er nicht,« sagt eine ältliche Frau; »ich glaube doch, Mama,« entgegnet ein junges Mädchen, »ich habe eine graue Reisemütze gesehen, wie sie mein Schwager trug, als er zum letztenmal bei uns war.« – »Geh doch,« spricht eine dritte, »der mit der grauen Mütze war ein alter, dicker Herr« – und zwei kleine Buben meinen: »Der Schwager würde wahrscheinlich im Wagen selbst sitzen.« Die ganze Gesellschaft trippelt in den Hof, die Mutter erkundigt sich nach ihrem Schwiegersohne bei dem Kondukteur, welcher, mit seinen Briefpaketen beschäftigt, nicht Zeit hat, nach dem Erwünschten zu sehen, und daher die Achseln zuckt.

Der Mann mit der grauen Reisemütze ist wirklich ein dicker, alter Herr, und nicht der Erwartete. Er ist mit allen Reiserequisiten versehen, trägt unter dem linken Arm ein Sitzkissen, unter dem rechten einen Fußsack und raucht gleichmütig seine Zigarre. Er hat keine Eile, denn er will in einer Stunde weiterfahren. Da er aber ein höflicher Mann ist, so sagt er zu der alten Frau: »Madame, es kommen noch einige Beichaisen, vielleicht ist dort die Person, welche sie suchen.« – »Es kommen noch Beichaisen,« wiederholen die kleinen Buben, und die hoffende Familie bleibt aufs neue.

Jetzt sind auch ein paar Damen dem Wagen entstiegen, jede hat unter jedem Arm eine große Schachtel, und jede hat in jeder Hand extra eine andere Schachtel; sie stellen diese acht Schachteln auf den Boden und ziehen noch erschrecklich viel Gegenstände ans Licht der Laterne aus den Wagentaschen. Auf dem Sitz und unter dem Sitz haben sie Nachtsäcke, Sonn- und Regenschirme, Schals, Mäntel, Taschen und noch zwei ganz kleine Schachteln. Beide Damen schauen sich erwartungsvoll auf dem Posthof um und sehen betrübt, daß noch niemand für sie da ist. Sie sind nicht mehr in der ersten Jugendblüte und deshalb das Warten schon gewöhnt. – »Gott,« sagte die eine, »ich weiß in der großen Stadt keinen Weg, und wenn man uns nicht abholen kommt, so sind wir wahrlich in Verlegenheit.« – »Ja,« versetzte die andere, »sehr in Verlegenheit.«

Ein Dienstmädchen kommt eilig daher und leuchtet jedem der Anwesenden mit einer großen Laterne unter die Nase, auch sie hat nicht gefunden, wen sie sucht und wartet nun ebenfalls geduldig auf die Beichaisen. Die eine der alten Damen mit den vielen Schachteln seufzt und spricht zur andern: »Habe ich doch gewiß geglaubt, das Mädchen sei zu uns geschickt! Wenn man uns nur nicht vergißt!« Der höfliche, dicke, alte Herr fühlt sich auch hier wieder berufen, ein Wort des Trostes zu spenden, indem er sagt: »Unbesorgt, meine Damen, der Eilwagen ist heute abend außergewöhnlich früh gekommen, man wird Sie nicht so bald erwarten.«

Jetzt blasen in der Entfernung die Beiwagen, und das Geklatsch der Peitschen schallt durch die nächtlich stillen Straßen; auf dem Posthof gerät alles in Bewegung, ja die Frau eilt mit ihrer Gesellschaft ans Tor; die erste Beichaise kommt herein, ein Wagen, so groß wie der Hauptwagen, und die beiden Buben müssen von einem Postoffizianten beiseite gezogen werden, denn sie bezeichnen durch ihr unbändiges Freudengeschrei, daß der erwartete Schwager im Wagen sitzt, und springen beinahe unter die Pferde. »Julius, Wilhelm!« kreischt die Mutter, »wollt ihr gleich herkommen!« – »Der Schwager!« ruft das eine der Mädchen, und dieser ruft aus dem Wagen: »Guten Abend!« Der Postillon flucht und knallt, der Hund des Kondukteurs bellt, und die beiden alten Damen schreien entsetzt auf, da der Ankommende Beiwagen ihre Schachtelpyramide gestreift hat, und die kostbaren Stücke im Hof umherrollen. Es ist eine allgemeine Verwirrung; die Beichaisen entleeren sich ihres Inhalts, der Schwager wird von der überglücklichen Familie, nachdem sich alle geküßt, im Triumph fortgeschleppt. Julius und Wilhelm erliegen fast unter der Last eines kolossalen Mantelsackes und einer riesenhaften Hutschachtel, die sie aber eigenhändig nach Hause schleppen zu dürfen, für eine große Ehre halten.

Aehnliche Szenen wiederholen sich auf dem ganzen Posthof: hier ein herzlicher Empfang, dort ein ziemlich kühler. Die Magd mit der großen Laterne leuchtet nochmals sämtlichen Ankommenden in das Gesicht und will davoneilen. Alles hat sein Teil gefunden, bis auf die unglücklichen alten Damen, die inmitten ihrer Schachteln verzweiflungsvoll das Schlachtfeld behaupten. »Du,« sagt die eine, »fragen wir die Jungfer mit der Laterne, ob sie nicht das Haus unseres Bruders weiß?« Gesagt, getan; die andere hält die Davoneilende fest und nennt den Namen ihres Bruders.

»I, du mein Gott,« entgegnete das Mädchen, »das ist ja meine Herrschaft! der Herr Kanzleirat sind unwohl und haben mich abgeschickt, Sie zu holen, ich habe Sie wahrhaftig nicht gekannt.« – Neues Erstaunen, seliges Entzücken! Die Magd wird mit den Effekten der beiden Damen beladen und sieht aus wie eine wandernde Schachtelhandlung; die eine der Damen trägt die Laterne, und so ziehen sie dahin, die lange Erwarteten und endlich Gefundenen. Was zurückbleibt, ist nicht der Rede wert, es sind entweder Leute, wie der höfliche, dicke, alte Herr, die weiterreisen, oder ledige Menschen, die ihre Effekten dem Hausknecht anvertrauen und im Weggehen überlegen, was sie zu Nacht speisen wollen.

Auf dem Posthof wird es leer und still, die Lichter der Wagen und die Stalllaternen der Postoffizianten werden ausgelöscht, die Fenster der Bureaux verfinstern sich bis auf eins, wo der wachhabende Sekretär sitzt, die Schritte der davoneilenden Passagiere verhallen allmählich in der Straße, der alte Herr mit der grauen Reisemütze steckt sich eine andere Zigarre an und klettert in den abfahrenden Wagen. Der Postillon bläst: »Noch ist Polen nicht verloren,« die Uhr schlägt zehn, der Kondukteur ruft: »Fort!« und der Wagen fährt in die Nacht hinaus. –

Da stand ich denn wieder allein an meinem Eckstein, und für mich hatten die ankommenden Wagen nichts gebracht; hätte ich nur ein einziges bekanntes Gesicht gesehen! Die Großmutter, selbst der Vormund, ja sogar die Schmiedin wäre mir willkommen gewesen.

Mit einem tiefen Seufzer ging ich davon, und so kleine Schritte ich auch machte, immer näher kam ich dem Stieglitzschen Hause. Ich hatte mich an der andern Seite der Straße gehalten und erreichte so das offenstehende, hellerleuchtete Portal des Gasthofes, der unserem Hause gegenüber lag. In dem Flur desselben standen Kellner mit den Servietten auf dem Arm und Lichtern in der Hand, um einen großen Haufen von Reiseeffekten, und der Oberkellner handhabte die große Glocke und rief die Nummern der Zimmer ab, welche den Gästen angewiesen wurden.

Ich starrte in das Gewühl, als plötzlich, wie ein Stern in dunkler Nacht, eine Stimme mein Ohr traf, eine tiefe Baßstimme, welche die Worte sprach: »Teuerster Hausknecht, laden Sie meinen Koffer auf, ich habe jetzt lange genug unter dem Hause gestanden.« Ich trat auf den Sprecher zu, und als ich seinen Namen rief, als ich sagte: »Herr Doktor Burbus!« traten mir die dicken Tränen in die Augen.

»Gott steh' mir in allen Gnaden bei!« rief der Doktor, denn er war es; »lieber Freund, sind Sie es wirklich, woher des Weges in so später Nacht? Ich freue mich aber in der Tat und recht sehr, Sie zu sehen. Gehen wir hinauf.«

Er legte seine Hand in die meinige, und bald waren wir in seinem Zimmer angekommen. Dort nahm er mich bei den Schultern, küßte mich herzlich und blickte mir kopfschüttelnd ins Gesicht. »Teuerster Buchhalter,« sprach er nach einer Pause, »hoffnungsvoller, angehender Seidenfabrikant, wie geht es Ihnen? Mir scheint, nicht zum besten, denn Ihr Gesicht ist blaß und verstört, und wenn ich Ihren Puls ergreife, so deutet mir sein heftiges Pochen einigermaßen auf bedeutende Gemütsbewegung.«

»Lieber Doktor,« entgegnete ich ihm beruhigter, denn da ich den alten Freund gefunden, war mir eine Zentnerlast von der Seele gefallen, »mir geht es gut und schlecht.«

»Das wollen wir,« sagte Burbus, »in einer ausführlichen Erzählung erfahren. Haben Sie schon zu Nacht gegessen?«

»Nein,« entgegnete ich, und alsbald bestellte er ein kleines Souper, und schon das erste Glas eines guten Weines löste mir die Zunge. Ich erzählte ihm zuerst, was sich seit seinem rätselhaften Verschwinden auf der Mühle ereignet, dann meinen Eintritt in das Hans Stieglitz u. Comp., und vertraute ihm mit aller Umständlichkeit alles, was sich dort mit mir begeben, meine gute Aufführung im Geschäft, das Wohlwollen der Prinzipalin, die Bekehrung durch Herrn Specht bis zu den Szenen von heute abend.

Der Doktor war während meiner Erzählung aufgestanden und ging, die Hände auf dem Rücken, mich aufmerksam anhörend, auf und nieder. »Das sind ja,« sagte er, als ich geendet, »ganz merkwürdige und höchst verfluchte Geschichten. Die Sache hat etwas Reißmehlisches, und der Herr Specht scheint mir ein Philipp in der schlimmsten Potenz. Wir müssen genau überlegen, was da zu tun ist. – Verklagen Sie den Buchhalter bei der Prinzipalin, ohne vollgültige Beweise gegen ihn zu haben, so leugnet er Ihnen nicht nur alles rund vor der Nase hinweg, sondern er stellt Zeugen auf und sagt, er habe Sie heute abend in einem verdächtigen Stadtviertel in einer schlechten Kneipe gesehen, habe Sie ermahnt, nach Hause zurückzukehren, und Sie seien ihm entlaufen; o, ich kenne solche schlechten Kerle! Wo wohnen Sie eigentlich, Beflissener der edlen Modewarenhandlung?« – »Dort gegenüber!« sagte ich und trat mit dem Doktor ans Fenster.

»Ei, ei,« lachte Burbus, »mir gegenüber, gerade wie damals im Reißmehlschen Hause.« Er lehnte seinen Kopf an die Scheiben und sagte ernst und nachdenklich: »Das war eine trübe Zeit, Gott sei Dank, sie ist vorüber,« und lachend fügte er hinzu, jener Zeiten gedenkend: »Wenn Sie mich heute abend verlassen, so müssen Sie schon den Weg durch die Tür nehmen, denn da hinüber reicht keine Planke.« Auch ich vertiefte mich in das Andenken früherer Tage und dachte jenes nächtlichen Luftritts; doch war ich heute wieder, freilich auf ganz andere Art, in ähnlicher Lage: dort drüben lag das Haus meines Prinzipals, nächtlich finster, kein Fenster erleuchtet, und ich wußte ebensowenig wie damals, auf welche Art ich mich hineinschleichen sollte. Auf einmal sah ich unten an der Tür des Stieglitzschen Hauses jemand vorbeihuschen, die Gestalt sah hinauf, ging bei der Tür vorbei und kehrte wieder um. Richtig, es war der Buchhalter, Herr Specht! Ich zeigte ihn dem Doktor, der in ein unmäßiges Gelächter ausbrach. »Ah, ah, nächtlicher Kamerad,« sprach er, »Sohn der Finsternis, sehen Sie, wie das böse Gewissen dort umzieht, ein Gespenst, das sich selber fürchtet und nicht zur Ruhe kommen kann! Eine richtige Ahnung sagt ihm, daß Sie noch nicht daheim sind, und nun lauert er auf Sie, um Ihnen ein paar passende Worte zu sagen und sich sicher zu stellen, daß Sie ihn nicht verraten. Aber warte, Kamerad! Nachher begleite ich Sie an die Haustür, und dann wollen wir dem Phantom Bedingungen machen. Vorerst soll er aber warten, bis es uns gefällig ist! Setzen wir uns, trinken wir unsern Wein, ich will Ihnen erzählen, wie es mir ergangen ist!«

Man kann sich denken, wie begierig ich darauf war, des Doktors Erzählung zu vernehmen! Das Bild der guten Sibylle schwebte mir vor, und ich hatte schon ihren Namen auf den Lippen, als der Doktor aus seiner Brieftasche ein Schreiben nahm und es mir zum Lesen gab Das Schreiben war vom alten Müller und lautete folgendermaßen:

»Mein lieber Herr Doktor!

Erst heute hat mir meine Tochter Sibylle die Briefe vorgelegt, welche Sie ihr seit einem Jahre geschrieben, und ich ersehe daraus, daß Sie Ihre Studien zu Ende gebracht und sich nach gut bestandenem Examen in E. als Arzt niederlassen wollen. Zugleich hat sie mir das Schreiben an mich gegeben, worin Sie um die Hand meiner Tochter anhalten; Sie wissen, daß ich nicht viel Worte mache, und sage deshalb: Ja und Amen! Auch die Mutter ist einverstanden, und wir erwarten Sie, um das Nähere mit Ihnen zu besprechen.«

Nachdem ich diesen Brief gelesen, reichte ich dem Doktor gerührt die Hand, wir nahmen die Gläser und stießen herzlich an. »Ich komme nun soeben von der Mühle,« sagte Burbus heiter, »und habe dort erst erfahren, daß Sie hier sind. Die Mutter und Sibylle, Elsbeth, Franz und Kaspar haben mir tausend Grüße an Sie mitgegeben, sich aber zugleich beklagt, daß Sie weder geschrieben, noch ein einziges Mal zum Besuch gekommen seien. Der Vater dagegen meinte, er habe mit Vergnügen gehört, daß Sie fleißig seien und Ihrem Prinzipal zum Danke leben, zugleich habe er aber vernommen, daß Sie,« setzte der Doktor lachend hinzu, »Spechtianer geworden, und wenn das wahr sei, so wäre es ihm nach allen Seiten hin recht, wenn Sie die Mühle mit Ihrem Besuch verschonten.«

Das tat mir wehe, und der Doktor hatte alle Mühe, mich zu trösten. »Sie werden,« fuhr er fort, »aus dem Briefe des Vaters ersehen, wie ich meine Zeit nach dem Verschwinden aus der Mühle angewandt; ich kann Ihnen versichern, daß ich fleißig war und furchtbar gearbeitet habe, auch dabei höchst erbärmlich gelebt; meine Kammer gegenüber dem Reißmehlschen Hause war ein Staatsgemach gegen die Appartements, welche ich wegen Ueberfluß an Geldmangel genötigt war, zu bewohnen. In der Universitäts- und Residenzstadt B. habe ich promoviert und, einem alten Kollegen aushelfend, praktiziert, und mir dort so viel gewonnen, daß ich hier imstande bin, so, wie Sie mich vor sich sehen, anständig aufzutreten und mich bescheiden häuslich einzurichten. Die gute Sibylle ist keine vornehme Dame und wird mit dem vorlieb nehmen, was wir haben.«

Herzlich wünschte ich dem Doktor Glück, daß er endlich einen sichern Hafen erreicht, und herzlich freute ich mich über das Glück meiner guten Sibylle; wir tranken auf eine glückliche Zukunft, die Burbus auch mir prophezeite, unsere Gläser leer, und der Doktor meinte, es sei jetzt Zeit, das fromme Gespenst drunten zu erlösen. Wir gingen hinunter, rings war es finster und öde, und ein veränderliches Herbstwetter herrschte in den Straßen, ein heftiger Wind peitschte einzelne Regenschauer durch die Stadt, dichte Wolken bedeckten den Himmel, und die Gasflammen flackerten ängstlich auf und nieder.

Sofort sahen wir den Buchhalter, der noch immer, die Straße auf- und abspähend, vor dem Hause hin und her ging. Wir wollten ihm gerade entgegengehen, und mir war bei der Unterredung, die wir vor uns hatten, gerade nicht angenehm zu Mute, als wir durch die Stille der Nacht einen unsichern, schlürfenden Schritt hörten und bald darauf eine zweite Gestalt sahen, die, stark hin und her schwankend, sich ebenfalls dem Stieglitzschen Hause näherte. Zu meinem größten Schrecken erkannte ich den Prinzipal und hielt den Doktor am Arme zurück. Der Buchhalter stand gerade an der Haustür, und der Herr Stieglitz, der ihn wohl zu bemerken schien, mochte glauben, es mache sich dort ein Dieb etwas zu schaffen, und schlich sich leise näher, um ihn zu überraschen.

Er kam dicht an dem Portal des Gasthofes vorbei, in welches wir uns augenblicklich zurückzogen, und als er seinem Hause gegenüber angelangt war, sprang er auf den vermeintlichen Dieb mit einem solch ungeheuren Satze los, wie ich ihn dem alten Manne nicht zugetraut.

Der Buchhalter, welcher sich unvermutet gefaßt und krampfhaft festgehalten fühlte, stieß den Angreifer von sich und wollte entfliehen; plötzlich hörten wir ein heiseres Gelächter, sahen einen glänzenden Punkt wie einen falben Blitz durch die Luft fahren, sahen den Buchhalter wanken und mit dem Ausruf: »Jesus Christus im Himmel!« zusammenstürzen. Das heisere Gelächter wiederholte sich, der Prinzipal öffnete hastig die Haustür, und als sie aufflog, sahen wir den Hausflur hell erleuchtet und Madame Stieglitz darin stehen, ein Licht in der Hand.

»Was ist geschehen?« rief die ernste Frau mit zitternder Stimme, als sie den Prinzipal mit wilden, verstörten Zügen ins Haus stürzen sah. Doch starrte sie derselbe mit einem entsetzlichen Ausdruck an, spreizte die Hände von sich und sagte mit tonloser Stimme: »Ich habe mein Messer nach einem Diebe geworfen, er liegt draußen.« Bei diesen Worten sah ich, wie das Licht in der Hand der starken Frau zitterte, doch gefaßt, wie sie war, riß sie an der Schelle der Dienerschaft und führte den Prinzipal nach seinem Zimmer. Der Doktor Burbus hatte den Buchhalter nicht sobald niederstürzen sehen, als er auf ihn zusprang, ihn aufrichtete und ins Haus führte. Ich sprang hinter ihm drein; in dem Tumult aber, der in dem Hause entstand, bei dem Rennen des Hausknechts und der Ladenjungfer, schlüpfte ich eilig auf mein Zimmer, brachte meine Kleider etwas in Unordnung, als sei ich erst eben dem Bett entsprungen, und eilte, zitternd ob all dem Schrecklichen, das ich gesehen, wieder die Treppe hinab.


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