Joseph Smith Fletcher
Kampf um das Erbe
Joseph Smith Fletcher

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29. Kapitel.

Der Zettel in dem Gebetbuch.

Sobald Selwood seine Rechnung beglichen hatte, eilte er auf die Straße, aber er hatte nur wenig Aussicht, Burchill in diesem großen Menschengewühl zu finden. Trotzdem wanderte er eine halbe Stunde in der Gegend umher und sah jeden Mann von großer Gestalt an, der an ihm vorüberkam. Aber schließlich gab er es auf und ging nach Ensleigh Gardens, um dort dem Professor Cox zu berichten, was er erreicht hatte.

Der Professor hörte ihn ruhig an und schien nicht einmal besonders erstaunt zu sein.

»Haben Sie sich auch nicht getäuscht? Meinen Sie wirklich, daß es Burchill war?«

»Ich bin meiner Sache ganz sicher. Man kann ihn nicht so leicht mit einem anderen verwechseln.«

»Dann ist er aber ein kecker Bursche«, meinte Cox. »Das nenne ich direkt tollkühn! Der Steckbrief mit seinem Bilde ist an allen Anschlagsäulen zu sehen, und er weiß ganz genau, daß jeder Polizist und Detektiv in London nach ihm ausschaut. Dazu kommen noch die vielen Leute, die sich gern die ausgesetzte Belohnung verdienen möchten. Wenn er es wirklich war, schließe ich daraus eigentlich, daß er sich nicht besonders vor einer Festnahme fürchtet. Er muß noch irgendeinen Trumpf in der Hand haben, das habe ich mir schon immer gedacht. Der Mann verfolgt noch einen Plan. Vielleicht kam er aus demselben Grunde wie Sie zu dem Restaurant.«

»Was? Sie meinen, er hat auch Dimambro gesucht?« rief Selwood überrascht.

»Warum nicht? Er war doch verhältnismäßig lange Sekretär von Jacob Herapath, und Herapath hatte vielleicht schon in jenen Tagen geschäftlich mit Dimambro zu tun. Sie selbst haben diesen Namen früher nicht gehört?«

»Nein. Mir gegenüber hat Mr. Herapath ihn nicht erwähnt. Ich habe auch keine Briefe von diesem Mann in die Hand bekommen. Aber ich kann nur bestätigen, was Mr. Halfpenny gestern sagte. Mr. Herapath stand mit den seltsamsten Leuten in geschäftlicher Verbindung. Er kaufte alle möglichen Dinge, Kuriositäten, Gemälde, vor allem wertvolle Edelsteine, und gewöhnlich trug er nicht nur große Geldsummen, sondern auch Wertsachen bei sich.«

»Das ist eine wertvolle Nachricht für mich«, rief der Professor, stand auf, legte die Hände auf den Rücken und ging im Zimmer auf und ab. »Selwood, Sie müssen unbedingt noch weitere Nachforschungen in dem Hotel anstellen. Gehen Sie gleich morgen früh wieder hin. Vielleicht können Sie von dem Personal etwas erfahren.«

»Wollen Sie nicht die Polizei zuziehen?«

»Nein, jetzt noch nicht. Die Polizei hat ihre eigenen Methoden und dankt anderen Leuten nicht, wenn man sie von ihren gewohnten Wegen abbringen will. Nein, wir wollen ihnen nichts davon sagen, daß Sie Burchill gesehen haben. Sie würden doch nur ungläubig darüber lächeln. Natürlich beobachten sie alle Seehäfen genauer als die Straßen Londons. Und dieser Burchill ist ein verflucht schlauer Teufel. Er weiß ganz genau, daß er hier, unter der Nase der Polizei, viel sicherer ist, als wenn er fünfzig Meilen von London entfernt wäre. Meiner Meinung nach wird er sich selbst stellen, wenn er die Zeit für gekommen hält.« –

Am nächsten Morgen ging Selwood wieder zum Hotel Ravenna und fragte das Personal aus. Viel konnte er allerdings nicht erfahren. Mr. Dimambro hatte früher noch nicht hier logiert, hätte auf Zimmer Nr. 5 gewohnt und war während des Tages viel ein- und ausgegangen. Am dreizehnten November ging er schon früh weg, kam um zehn Uhr wieder, bezahlte seine Rechnung und ging dann mit seinem Koffer weg. Im Hotel selbst hatte er keinen Besuch empfangen, aber Selwood entdeckte im Restaurant einen Kellner, der sich auf den Herrn von Nr. 5 besinnen konnte. Am Abend des zwölften November hatte Dimambro gegen sieben Uhr mit einem Herrn dort zu Abend gespeist. Der Andere war groß und schlank, sah wie ein Schauspieler aus und war sehr gut gekleidet. Der Kellner besann sich auf Mr. Dimambro, weil er eine Flasche besten französischen Sekt getrunken hatte, was im Hotel Ravenna eine Seltenheit ist. Mr. Dimambro selbst war verhältnismäßig klein, neigte zur Korpulenz und trug einen schwarzen Spitzbart.

Selwood brachte diese neuen Einzelheiten Professor Cox, der interessiert zuhörte.

»Dieser gutgekleidete Herr könnte Burchill gewesen sein«, meinte er. »Die Beschreibung paßt auf ihn. Nun wollen wir einmal mit dem Chauffeur Mountain sprechen.«

Sie trafen ihn in der Garage, und er sagte wieder auf das bestimmteste, daß er sich auf den Fremden besinnen könnte. Als er ihn aber genauer beschreiben sollte, versagte sein Gedächtnis. Er hatte wohl gesehen, daß der Fremde sehr gut gekleidet war und einen Zylinder trug, aber ob er dunkel oder blond, älter oder jünger, groß oder klein, schlank oder korpulent war, konnte er nicht angeben.

»Es ist doch merkwürdig, wie wenig die Leute beobachten können«, bemerkte der Professor, als sie die Garage verlassen hatten. »Ein Mann wie Mountain ist doch nicht der Dümmste, und er hat nun diesen Mann eine ganze Minute lang betrachtet, kann aber später nichts über ihn sagen. Hier sind wir also nicht weitergekommen.«

Selwood erschien die Aufgabe allmählich unlösbar, und er wurde pessimistisch wie Mr. Halfpenny. Aber Professor Cox ließ sich nicht so leicht entmutigen und sann sofort auf neue Wege.

»Wir wissen jetzt genau«, sagte er auf dem Wege nach Portman Square, »daß Jacob Herapath am zwölften November mit Luigi Dimambro zu einem geschäftlichen Abschluß kam und ihm einen Scheck über dreitausend Guineen entweder persönlich einhändigte oder zusandte. Wir müssen nun einmal alle Akten durchsehen. Vielleicht finden wir eine Rechnung oder eine Notiz, die damit in Zusammenhang steht.«

Aber Selwood schüttelte den Kopf und seufzte verzweifelt.

»Das war ja auch eine von den merkwürdigen Charaktereigenschaften meines Chefs, daß er weder Quittungen nahm noch gab. Er konnte wild werden, wenn jemand eine Quittung von ihm verlangte. Und ebenso lehnte er jede Quittung ab, wenn er Bargeld gezahlt hatte. Ich habe persönlich gesehen, wie er viele tausend Pfund als Kaufpreis bezahlte, und die Quittung in Gegenwart des Käufers ins Feuer warf. Deshalb fürchte ich, daß wir nichts finden. Wenn Briefe beantwortet waren, wurden sie vernichtet. Und da er seine Korrespondenz sehr ordentlich führte, blieb eigentlich nichts liegen!«

»Trotzdem wollen wir einmal nachsehen«, erwiderte der Professor unbeirrt.

Die beiden brachten den ganzen Sonnabend nachmittag damit zu, jede Schublade und jedes Behältnis, in dem Papiere liegen konnten, sowohl in der Wohnung als auch im Büro zu durchsuchen; aber sie fanden nicht das geringste über Dimambro. Als sie es schließlich aufgaben, waren sie nicht klüger als vorher.

»Also schlafen Sie die Nacht ruhig, und schlagen Sie sich die Sache bis zum Montag aus dem Kopf«, meinte der Professor. »Dann kommen Sie zu mir, denn wir müssen unsere Nachforschungen fortsetzen. Ich ruhe nicht eher, als bis ich herausgefunden habe, was Jacob Herapath mit diesem Dimambro zu tun hatte. Und wenn ich diesen Mann durch ganz Italien verfolgen sollte!« –

Seit dem Tode ihres Onkels hatte Peggie mehr und mehr gezeigt, daß sie Selwood vertraute. Es war zu dieser schweigenden Verständigung gekommen, weil er dauernd in ihrer Nähe war und ihr überall half. Er brachte seine freie Zeit in der Wohnung am Portman Square zu und bewahrte seine junge Herrin vor allen Aufregungen und Unannehmlichkeiten, soweit es irgendwie in seiner Macht stand. Er begleitete sie auch auf allen ihren Gängen und sogar bei ihren Besuchen in der Kirche. So saßen sie auch am folgenden Sonntag zusammen in dem Kirchstuhl der Familie Herapath, und keiner von beiden dachte daran, daß sie hier etwas erleben würden, was mit dem unaufgeklärten Morde in Verbindung stehen könnte. Da der Kirchstuhl abgeschlossen war, ließen die Mitglieder der Familie ihre Gebetbücher stets dort. Als Peggie das ihrige aufnahm und an der gewöhnlichen Stelle öffnete, wo die Litanei des Sonntagsgottesdienstes stand, fiel ein gefalteter Zettel heraus.

Peggie öffnete ihn rasch und hielt ihn so, daß auch Selwood mit ihr lesen konnte. Die wenigen Zeilen waren mit der Maschine geschrieben.

»Wenn Sie Ihren Vetter Barthorpe retten wollen, dann verlassen Sie die Kirche und sprechen Sie mit der Dame, die in einem Privatauto am Eingang zum Friedhof wartet.«

 


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