Henry Fielding
Die Geschichte des Tom Jones / Theil III
Henry Fielding

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Fünftes Kapitel.

Wer die liebenswürdige Dame und deren nicht liebenswürdige Begleiterin waren.

Wie im Monat Juni die damascener Rose, welche zufällig unter Lilien wächst, mit deren weißer Farbe ihr glühendes Roth vermischt, oder wie in dem blühenden Monat April die sanfte treue Taube auf einem grünenden Zweige sitzt und an ihr Männchen denkt, so lag, unbeschreiblich reizend, im Gedanken mit ihrem lieben Tom beschäftiget, Sophie (denn sie war es selbst) da, das liebliche Haupt auf ihre Hand gestützt, als ihre Dienerin in das 162 Zimmer trat, gerade an das Bett eilte und sagte: »Fräulein, – Fräulein, wer, denken Sie wohl, mag in dem Hause hier sein?« Sophie richtete sich bestürzt auf und antwortete: »ich will nicht hoffen, daß mein Vater uns eingeholt hat.« – »Nein, Fräulein, Jemand, der besser ist wie hundert Väter, Herr Jones selbst ist diesen Augenblick hier.« – »Herr Jones!« wiederholte Sophie. »Das ist nicht möglich. So glücklich bin ich nicht.« Das Mädchen betheuerte die Sache und wurde sogleich abgeschickt, ihn zu ihr zu bescheiden, da Sophie erklärte, sie sei entschlossen, ihn sogleich zu sehen.

Mamsell Honour hatte kaum in der oben beschriebenen Weise die Küche verlassen, als die Wirthin ihrer Zunge freien Lauf ließ. In dem Herzen der armen Frau hatte sich aller Unwille aufgehäuft und ihr Mund floß über von anzüglichen Worten, wie der Koth von einem Schmuzkarren fällt, wenn das Schutzbret weggenommen wird. Partridge half ihr redlich, das Mädchen herunter zu reißen, ja er versuchte sogar, den lilienreinen Charakter Sophiens selbst anzuschwärzen. »Wie die Tonne, so der Hering,« sagte er, »Noscitur a socio, ist ein wahres Wort. Man muß zwar gestehen, daß die Dame in dem schönen Anzuge höflicher ist, aber ich wette, keine ist besser, als sie sein müssen. Ein Paar Freudenmädchen von Bath, ich stehe dafür; anständige Damen reiten in dieser Nachtzeit nicht auf den Straßen herum.« – »Ja, ja, Dirnen sind's,« sagte die Wirthin; »Sie haben es gewiß errathen; denn anständige Leute kehren abends nicht in einem Gasthause ein, ohne ein Abendessen zu bestellen, sie mögen davon essen oder nicht.«

Während sie so sprachen, kam Mamsell Honour zurück und entledigte sich ihres Auftrages, indem sie die Wirthin aufforderte, sogleich den Herrn Jones zu wecken und ihm 163 zu sagen, es wünsche ihn eine Dame zu sprechen. Die Wirthin wies sie an Partridge, indem sie sagte, derselbe sei der Freund des jungen Herrn; sie für ihren Theil wecke niemals Männer im Bette, Herren gar nicht. Honour wendete sich an Partridge, der sich jedoch weigerte, »denn,« sagte er, »mein Freund ging spät zu Bett und würde sehr aufgebracht sein, wenn ich ihn so bald wecken wollte.« Mamsell Honour bestand darauf, Herr Jones müßte gerufen werden, »denn,« setzte sie hinzu, »er wird, statt aufgebracht zu sein, im höchsten Grade sich freuen, wenn er erfährt, warum er geweckt wurde.« – »Zu einer andern Zeit wäre es vielleicht der Fall,« sagte Partridge, »aber von omnia possumus omnes: ein Frauenzimmer auf einmal ist für einen verständigen Mann genug.« – »Was meinen Sie mit ›ein Frauenzimmer auf einmal‹?« fragte Honour. Partridge erzählte darauf ganz aufrichtig, Jones liege eben mit einem Mädchen im Bette, und bediente sich auch dabei eines Ausdruckes, der zu undelicat ist, als daß er hier wiederholt werden könnte, was Mamsell Honour so empörte, daß sie in laute Schimpfreden ausbrach und schnell zu ihrer Gebieterin zurückkehrte, die sie mit dem Erfolge ihrer Sendung sowie mit der Nachricht, die sie erhalten, bekannt machte und dieselbe, wo möglich, noch übertrieb, da sie auf Jones so aufgebracht war, als wenn er selbst die Worte gesprochen hätte, die sie von Partridge gehört hatte. Sie ergoß einen Strom von Verwünschungen gegen den jungen Herrn und forderte ihre Gebieterin auf, jeden Gedanken an einen Mann aufzugeben, der niemals bewiesen habe, daß er ihrer würdig sei. Dann rührte sie die Geschichte mit der Molly Seagrim wieder auf und wußte den Umstand, daß er früher Sophien selbst verlassen, auf das boshafteste zu erklären.

Sophie war mit ihrem Gram und Kummer zu sehr 164 beschäftiget, als daß sie dem Wortstrom ihrer Dienerin hätte Einhalt thun können. Endlich unterbrach sie dieselbe doch, indem sie sagte: »ich kann dies nimmermehr glauben; es hat irgend ein böser Mensch ihn verläumdet. Du sagst, sein Freund habe es erzählt; ein Freund verräth sicherlich solche Geheimnisse nicht.« – »Vermuthlich,« entgegnete Honour, »ist der Freund sein Verführer, denn ich habe noch nie ein so häßliches Gesicht gesehen. Uebrigens schämen sich ausschweifende Menschen wie der Herr Jones solcher Dinge nicht.«

Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so finde ich das Benehmen Partridges fast nicht zu entschuldigen; indeß er hatte den Rausch vom vorigen Abende noch nicht ausgeschlafen, der am Morgen durch andere Getränke neue Unterhaltung gefunden, und dies dürfte einigermaßen zu seiner Entschuldigung dienen.

Während die arme von Angst gequälte Sophie nicht wußte, was sie glauben, oder wozu sie sich entschließen sollte, brachte Susanne den bestellten Glühwein. Mamsell Honour rieth sogleich ihrer Gebieterin dieses Mädchen auszufragen, um so vielleicht die Wahrheit zu erfahren. Sophie billigte diesen Rath und begann demnach: »Komm zu mir, mein Kind; antworte mir die Wahrheit auf das, was ich Dich fragen werde und ich verspreche Dir eine gute Belohnung. Ist ein junger Herr hier im Hause, ein hübscher junger Herr, der . . .« Susanne wurde roth und verlegen. »Ein junger Herr,« fiel die Honour ein, »der in Gesellschaft mit dem Menschen ankam, welcher jetzt in der Küche sitzt?« Susanne antwortete: »ja.« – »Weißt Du irgend etwas von einem Frauenzimmer?« fuhr Sophie fort. »Ich frage nicht, ob sie hübsch ist oder nicht; vielleicht ist sie es nicht, aber das thut nichts zur Sache; weißt Du etwas von einem Frauenzimmer?« – »Sie 165 sind ein schlechter Examinator, mein Fräulein,« fiel Honour ein. »Höre, Kind,« fuhr sie fort, »liegt nicht der junge Mann jetzt mit irgend einem Frauenzimmer im Bette?« Susanne lächelte und schwieg. »Antworte auf die Frage, mein Kind,« fiel Sophie ein, »und hier ist eine Guinee für Dich.« – »Eine Guinee, Ew. Gnaden!« rief Susanne. »Was ist eine Guinee? Wenn es meine Frau erführe, so würde ich gewiß auf der Stelle fortgejagt.« – »Hier ist noch eine für Dich,« sagte Sophie, »und ich verspreche Dir, die Frau Wirthin soll nichts davon erfahren.« Susanne nahm nach einiger Zögerung das Geld, erzählte die ganze Geschichte und schloß mit den Worten: »wenn Sie sehr neugierig sind, so kann ich mich in sein Zimmer schleichen und sehen ob er jetzt in seinem Bette ist oder nicht.« Sie that es auf Sophiens Wunsch und kam mit der Meldung zurück, der junge Herr sei nicht in seinem Bette.

Sophie zitterte und erblaßte. Mamsell Honour ersuchte sie, sich zu trösten und an einen so unwürdigen Menschen gar nicht mehr zu denken. »Nehmen Sie mir's nicht übel,« fragte Susanne, »heißen Sie nicht Sophie Western?« – »Wie ist es möglich, daß Du mich kennst?« antwortete Sophie. – »Nun der Mann, von dem die Dame da sprach, und der in der Küche ist, sprach vorigen Abend von Ihnen. Aber ich hoffe, Sie nehmen mir's nicht übel.« – »Gewiß nicht, mein Kind,« antwortete Sophie; »sage mir nur alles und ich verspreche Dir eine gute Belohnung.« – »Nun, gnädiges Fräulein,« fuhr Susanne fort, »der Mann sagte uns allen in der Küche, das Fräulein Sophie Western, ich weiß wirklich nicht, wie ich es über die Zunge bringen soll.« Sie hielt ein, bis sie von Sophie noch einmal aufgefordert war, während Mamsell Honour eifrig in sie drang. Endlich fuhr sie fort: 166 »er sagte uns, gnädiges Fräulein, aber es ist gewiß eine Lüge, Sie wären in den jungen Herrn zum Sterben verliebt und er gehe in den Krieg, um Sie nur los zu werden. Ich dachte gleich bei mir, er sei ein falscher lügenhafter Mensch, und nun sehe ich eine so feine, so reiche, so schöne Dame wegen eines so gewöhnlichen Weibes verlassen, denn das ist sie gewiß und noch dazu die Frau eines andern Mannes. Es ist etwas Unnatürliches.«

Sophie gab ihr eine dritte Guinee, empfahl ihr, nichts von dem Vorgefallnen zu erwähnen, Niemanden zu sagen, wer sie sei, und entließ sie dann mit dem Auftrage an den Postillon, die Pferde sofort bereit zu halten.

Als sie mit ihrer Vertrauten allein war, sagte sie, sie habe sich nie so ruhig gefühlt als in diesem Augenblicke. »Ich bin jetzt überzeugt, daß er ein gemeiner verächtlicher Mensch ist. Alles könnte ich ihm vergeben, aber daß er meinen Namen auf eine solche Weise bloßstellte . . . das macht ihn zu einem Gegenstande meiner Verachtung. Ja, Honour, jetzt bin ich ganz ruhig, wahrhaftig, ganz ruhig.« Und die Thränen strömten ihr über die Wangen.

Nach einer kurzen Zeit, in welcher Sophie abwechselnd weinte und ihrer Dienerin versicherte, sie fühle sich vollkommen ruhig, kam Susanne mit der Meldung zurück, daß die Pferde bereit ständen. Da kam unsere junge Heldin auf einen seltsamen Gedanken, durch den sie dem Herrn Jones anzeigen wollte, daß sie in dem Wirthshause gewesen, und gerade auf eine Weise, daß, wenn noch ein Funken von Liebe in ihm geblieben, er für sein Vergehen gestraft würde.

Der Leser wird sich eines kleinen Muffs erinnern, welcher die Ehre gehabt hat, in dieser Geschichte bereits mehr als einmal erwähnt worden zu sein. Dieser Muff war seit der Entfernung Jones der beständige Begleiter 167 Sophiens am Tage und ihr Bettgenoß in der Nacht gewesen. Diesen Muff hatte sie auch jetzt am Arme; sie zog ihn unwillig ab, schrieb ihren Namen mit Bleistift auf ein Stück Papier, heftete dies daran und bestach Susanne, so den Muff in das leere Bett des Herrn Jones zu legen und ihm denselben, wenn er ihn nicht finden sollte, auf irgend eine Weise vor die Augen zu bringen.

Nachdem sie bezahlt, was Honour gegessen hatte, bei welcher Rechnung sich auch das mit befand, was sie selbst hätte gegessen haben können, bestieg sie ihr Pferd, versicherte ihrer Begleiterin nochmals, daß sie vollkommen ruhig sei und setzte ihre Reise fort.


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