Henry Fielding
Die Geschichte des Tom Jones / Theil III
Henry Fielding

 << zurück weiter >> 

Drittes Kapitel.

Jones kommt mit der Geretteten in dem Wirthshause an. Eine sehr ausführliche Beschreibung der Schlacht zu Upton.

Obgleich der Leser, wie wir nicht zweifeln, gewiß sehr gern wissen möchte, wer die Gerettete war und wie sie dem Fähndrich Northerton in die Hände gerieth, so müssen wir ihn doch ersuchen, seine Neugierde eine Zeit lang zu mäßigen, da wir dieselbe aus Gründen, die er später vielleicht selbst 111 erräth, nicht sogleich befriedigen können. Sobald Jones mit seiner schönen Begleiterin die Stadt erreicht hatte, begab er sich sogleich in das Wirthshaus, das von außen am besten aussah. Jones hatte einem Kellner aufgetrieben, ihm ein Zimmer anzuweisen, und er ging die Treppe hinan, als die Schöne mit dem aufgelöseten Haar, die ihm eilig folgte, von dem Hausherrn ergriffen wurde, der ausrief: »Heda! Wohin will das Bettelmensch? Sie bleibt hier unten.« Jones aber donnerte ihm von oben mit so gebieterischer Stimme entgegen: »Man lasse die Frau heraufgehen,« daß der gute Mann sogleich losließ und die Angehaltene so schnell als möglich in das Zimmer zu gelangen suchte.

Jones wünschte ihr hier Glück zu der Ankunft und entfernte sich sodann, um, wie er versprochen hatte, die Wirthin mit einigen Kleidungsstücken zu ihr zu schicken. Die Arme dankte ihm herzlich für alle seine Güte und Freundlichkeit und setzte hinzu, sie hoffe ihn bald wiederzusehen, um ihm noch viel tausendmal mehr zu danken. Während dieses kurzen Gesprächs bedeckte sie ihren weißen Busen so gut als möglich mit ihren Armen, denn Jones konnte nicht umhin, einigemale darnach zu schielen, ob er sich gleich alle mögliche Mühe gab, sie nicht in Verlegenheit zu bringen.

Unsere Reisenden hatten ihre Wohnung in einem Hause von sehr gutem Rufe genommen, in welchem irische Damen von strenger Tugend und viele Mädchen aus dem Norden auf dem Wege nach Bath einzukehren pflegten. Die Wirthin würde also durchaus nichts Unehrbares unter ihrem Dache geduldet haben. Freilich kann in einem öffentlichen Wirthshause die Keuschheit nicht so streng gewahrt werden, wie in dem Tempel der Vesta. Auch hoffte dies die gute Wirthin nicht, ebensowenig wie die erwähnten Damen; aber jeder Wirth hat es doch in seiner Gewalt, alle gemeine Unzucht aus seinem Hause fern zu halten.

112 Nun gehörte eben kein tadelnswerther Grad von Argwohn dazu, um zu glauben, Jones und seine zerlumpte Begleiterin hätten gewisse Dinge vor, die zwar in einigen christlichen Ländern geduldet, in andern nicht beachtet und in allen geübt werden, aber doch so streng wie Todschlag und andere große Verbrechen durch die Religion verboten sind, an die man in jenen Ländern allgemein glaubt. Die Wirthin hatte also nicht sobald von der Ankunft der obenerwähnten Personen gehört, als sie zu überlegen begann, wie sie dieselben am schnellsten wieder hinausbringe. Sie ergriff zu diesem Zwecke ein langes tödtliches Werkzeug, mit welchem in Friedenszeiten das Hausmädchen die Arbeit der fleißigen Spinnen zu zerstören pflegte, oder mit anderen Worten einen Besen, und wollte eben damit aus der Küche eilen, als Jones sie um einige Kleidungsstücke ansprach, damit die halbnackte Frau oben bekleidet werden könnte.

Nichts kann das menschliche Temperament mehr reizen, oder gefährlicher für jene Cardinaltugend sein, welche Geduld heißt, als das Verlangen außergewöhnlicher Gefälligkeiten für die Personen, gegen die man schon aufgebracht ist. Aus diesem Grunde läßt Shakespeare kunstreich für Desdemona Gunstbezeugungen für Cassio von ihrem Gemahle erbitten, um nicht nur dessen Eifersucht, sondern auch die Wuth auf den höchsten Grad zu steigern, und wir finden, daß der unglückliche Mohr bei dieser Gelegenheit seine Leidenschaft noch weniger beherrschen kann, als selbst da, wo er das Geschenk, welches er seiner Gattin gegeben, in den Händen seines muthmaßlichen Nebenbuhlers sieht. Wir sehen solche Forderung als eine Beleidigung unseres Verstandes an, und einer solchen kann sich der menschliche Stolz nur mit Mühe unterwerfen.

Die Wirthin besaß, obgleich sonst eine sehr gutmüthige Frau, in ihrem Character wahrscheinlich etwas von diesem 113 Stolze; denn Jones hatte kaum seine Bitte ausgesprochen, als sie über ihn mit einer gewissen Waffe herfiel, die zwar weder lang, noch scharf, noch hart ist, noch ihrem Aussehen nach den Tod geben oder eine Wunde verursachen kann, die aber doch schon von manchem klugen, ja von manchem tapfern Manne sehr gefürchtet und verabscheuet worden ist. Mancher von denen, die Muth genug hatten, einer geladenen Kanone in den Rachen zu sehen, wagten es nicht, in den Mund zu sehen, wo diese Waffe geschwungen wurde, und spielten, statt sich derselben auszusetzen, lieber die jämmerlichste und lächerlichste Figur vor allen ihren Bekannten.

Wenn ich die Wahrheit gestehen soll, so fürchte ich, daß Jones einer von diesen war, denn ob er gleich mit der genannten Waffe angegriffen und heftig bearbeitet wurde, konnte er doch nicht dahin gebracht werden, Widerstand zu leisten, sondern ersuchte vielmehr auf sehr feigherzige Weise und unter vielen Bitten seine Gegnerin, ihr Schlagen einzustellen, mit andern Worten, er bat sie in allem Ernste, ihn anzuhören. Ehe er jedoch seine Bitte erfüllt sah, mischte sich der Wirth selbst in den Kampf und trat auf die Seite der Partei, welche einer Hilfe durchaus nicht zu bedürfen schien.

Es giebt eine Art Helden, welche, wie man meint, bei der Wahl oder dem Vermeiden eines Kampfes durch den Character und das Benehmen der Person bestimmt werden, mit der sie sich schlagen sollen. Von diesen sagt man, sie kennten ihren Mann, und Jones, glaube ich, kannte seine Frau, denn ob er gleich so unterwürfig gewesen war, so zeigte sich doch, sobald er sich von dem Manne derselben angegriffen sah, der Geist der Rache in ihm, und er gebot ihm bei schwerer Züchtigung Stillschweigen.

Der Mann antwortete mit großem Unwillen, aber mit einer Beimischung von Mitleid: »Sie müssen mir erst gewachsen sein,« und ging hinauf zu der Dame, um derselben 114 ein halbes Dutzend Huren in das Gesicht zu werfen. Kaum aber hatte er dieses Wort zum letzten Male ausgesprochen, als ihm ein wohl geführter Hieb mit dem Stocke, den Jones in der Hand hatte, auf den Rücken brannte.

Es dürfte kaum zu ermitteln sein, ob der Wirth oder die Wirthin den Schlag schneller zurückgab. Der Wirth, der nichts in der Hand hatte, arbeitete mit den Fäusten, und die gute Frau, die ihren Besen schwang und damit nach dem Kopfe des armen Jones zielte, hätte wahrscheinlich dem Kampfe sofort ein Ende gemacht und dem Leben Jones' mit, wäre nicht das Herabfallen dieses Besens verhindert worden, keineswegs durch das wunderbare Einschreiten einer heidnischen Gottheit, sondern durch einen sehr natürlichen und glücklichen Zufall, nämlich durch die Ankunft Partridge's, der in diesem Augenblicke in das Haus trat (die Furcht hatte ihn veranlaßt, von dem Berge her mehr zu laufen, als zu gehen), und als er die Gefahr sah, welche seinen Herrn oder Begleiter (wie man ihn nennen will) bedrohete, eine solche traurige Katastrophe verhinderte, indem er den Arm der Wirthin ergriff, als er erhoben war.

Die Wirthin bemerkte das Hinderniß bald, und da sie ihren Arm aus den Händen von Partridge nicht losmachen konnte, so ließ sie den Besen fallen. Sie überließ die Züchtigung Jones' ihrem Manne und fiel dagegen mit der äußersten Wuth über den armen Teufel her, der sich bis dahin nur durch den Ausruf bemerklich gemacht hatte: »Wollt Ihr meinen Freund umbringen?«

Obgleich nicht kampflustig, wollte doch Partridge nicht stillstehen, als sein Freund angegriffen war, auch mißfiel ihm der Theil des Kampfes nicht, der ihm zu Theil wurde. Er gab also der Wirthin die Schläge zurück, sobald er sie erhalten hatte, der Kampf wurde nun von allen Seiten hartnäckig fortgesetzt, und es schien zweifelhaft zu sein, 115 auf welche Seite sich Fortuna neigen würde, als die unbekleidete Dame, die oben auf der Treppe das Gespräch mit angehört hatte, welches dem Gefechte vorausgegangen war, plötzlich herunterkam und ohne auf die Ungleichheit von zwei Personen gegen eine Rücksicht zu nehmen, über die arme Frau herfiel, die sich mit Partridge boxte, welcher große Held nun nicht etwa abließ, sondern seine Wuth vielmehr verdoppelte, als er sah, daß er Succurs erhalten.

Der Sieg hätte nun den Reisenden zufallen müssen (denn die tapfersten Truppen müssen der Ueberzahl weichen), wäre nicht glücklicher Weise Susanne, das Stubenmädchen, ihrer Gebieterin zu Hilfe gekommen. Diese Susanne war ein Mädchen mit so tüchtigen Fäusten, als irgend eine im Lande, und sie würde vielleicht die berühmte Thalestris selbst oder irgend eine der Amazonen, der Unterthanen derselben, besiegt haben. Wie ihre Arme ganz dazu geeignet waren, einem Feinde sehr nachdrückliche Streiche zu versetzen, so konnte ihr Gesicht manche Schläge empfangen, ohne gerade großen Nachtheil zu erleiden, da die Nase bereits platt auf das Gesicht gedrückt war; ihre Lippen waren so dick, daß sie durch kein Aufschwellen entstellt werden konnten, und überdies so hart, daß eine Faust kaum einen Eindruck auf dieselben zu machen vermochte. Endlich standen ihre Backenknochen so heraus, als habe sie die Natur dazu bestimmt, zwei Bastionen zum Schutze der Augen in solchen Kämpfen zu sein, für die sie ganz geschaffen zu sein schien und für welche sie eine besondere Vorliebe besaß.

Das schöne Wesen betrat den Kampfplatz und trat sogleich auf den Flügel, wo ihre Herrin einen so ungleichen Strauß gegen eine ihres Geschlechtes bestand. Sie forderte Partridge zum Zweikampfe heraus; er nahm die Ausforderung an und es begann zwischen ihnen ein höchst erbitterter Kampf.

116 Nachdem so die Kriegshunde losgelassen waren, fingen sie an, ihre blutigen Lippen zu lecken; die Victoria schwebte auf goldenem Fittig über ihnen; Fortuna nahm ihre Wagschaalen zur Hand und begann das Geschick des Tom Jones, seiner Gefährtin und Partridge's gegen den Wirth, die Wirthin und die Magd abzuwägen; sie hielten sich in völliger Gleichheit, als plötzlich ein gutmüthiger Zufall dem blutigen Streite ein Ende machte. Dieser Zufall war die Ankunft einer vierspännigen Kutsche. Der Wirth und die Wirthin zogen sich alsbald aus dem Kampfe zurück, und erlangten es auf ihre Bitten, daß ihre Gegner dasselbe thaten; nur Susanne war nicht so freundlich gegen Partridge, denn die amazonenhafte Schöne hatte ihren Gegner niedergeworfen und bearbeitete ihn eben lustig mit beiden Fäusten, ohne auf seine Bitte, die Feindseligkeiten einzustellen, oder auf das laute Geschrei: »Mörder!« das er ausstieß, zu hören.

Jones hatte kaum den Wirth losgelassen, als er seinem besiegten Begleiter zu Hilfe eilte, den er mit Mühe dem wuthigen Stubenmädchen entriß. Partridge bemerkte seine Befreiung nicht einmal sogleich, denn er lag der ganzen Länge nach am Boden und hielt die Hände vor das Gesicht; auch hörte er nicht auf, laut zu schreien, bis Jones ihn nöthigte, aufzusehen und zu bemerken, daß der Kampf zu Ende sei.

Der Wirth, der keine sichtbare Verletzung erhalten hatte, und die Wirthin, die ihr ansehnlich zerkratztes Gesicht mit dem Taschentuche verhüllte, eilten an die Thüre der Kutsche entgegen, aus welcher eine junge Dame mit ihrer Dienerin stieg. Diese führte die Wirthin ohne Umstände in das Zimmer, in welches Jones zuerst seine schöne Beute gebracht hatte, da es das beste im Hause war. Dahin mußten sie wieder über den Kampfplatz gehen, was sie mit der größten Eile thaten, wobei sie ihre Gesichter mit den Tüchern verhüllten, um nicht gesehen zu werden.

117 Die Vorsicht war ganz unnöthig, denn die arme unglückliche Helena, die Ursache dieses Blutvergießens, war selbst ausschließlich damit beschäftiget, ihr Gesicht zu verbergen, und Jones hatte vollauf zu thun, um Partridge von der Wuth Susannens zu befreien. Als dies endlich glücklich geschehen war, ging der arme Teufel sogleich an den Brunnen, um sein Gesicht abzuwaschen und den Blutstrom zu stillen, der durch die unsanfte Berührung Susannens aus seiner Nase gelockt worden war.


 << zurück weiter >>