Henry Fielding
Die Geschichte des Tom Jones / Theil III
Henry Fielding

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Sechstes Kapitel.

Ein freundschaftliches Gespräch in der Küche, das ein sehr gewöhnliches, nicht eben freundschaftliches Ende nahm.

Während sich unsere Liebenden in der Art, wie wir theilweise in dem vorhergehenden Kapitel beschrieben haben, unterhielten, bildeten sie auch den Gegenstand der Unterhaltung ihrer guten Freunde in der Küche, und zwar in doppeltem Sinne, indem sie ihnen zu gleicher Zeit Stoff zum Gespräche und Getränke zur Aufheiterung boten.

Außer dem Wirth und der Wirthin, die gelegentlich ab- und zuging, waren jetzt um das Küchenfeuer versammelt Herr Partridge, der Sergeant und der Kutscher, welcher die junge Dame mit der Kammerjungfer gefahren hatte.

Nachdem Partridge der Gesellschaft mitgetheilt, was er von dem Manne vom Berge über den Zustand erfahren hatte, in welchem Mad. Waters von Jones gefunden worden, begann der Sergeant den Theil ihrer Geschichte, welche er kannte. Er sagte, sie sei die Frau des Herrn Waters, eines Hauptmanns in seinem Regimente, und habe sich öfters bei demselben im Hauptquartiere befunden. Manche, fuhr er fort, bezweifelten es freilich, daß sie rechtmäßig in einer Kirche getraut worden wären. Mich geht das nichts an, aber ich muß gestehen, und wenn ich darauf schwören sollte, ich glaube, sie ist wenig besser, als Einer von uns. Die 129 Frau ist übrigens eine sehr gute Frau, hat die Soldaten gern und bat Manchen von der Strafe los. Der Fähndrich Northerton und sie waren in unserem letzten Quartiere sehr genau mit einander bekannt, das weiß Jeder, nur der Capitain nicht, und so lange er auch genug findet, sehe ich nicht ein, warum es ihm nicht einerlei sein sollte. Er liebt sie darum nicht weniger und würde, das bin ich überzeugt, Jeden erstechen, der etwas Schlechtes von ihr sagte; ich spreche deshalb auch durchaus nichts Schlechtes von ihr; ich wiederhole nur, was andere Leute sagen; an dem, was Alle sagen, muß freilich etwas wahr sein. – »Sehr viel, sehr viel, das kann ich versichern,« fiel Partridge ein. »Veritas prium parit.« – »Böse Nachrede, weiter nichts,« bemerkte die Frau vom Hause. »Ich bin überzeugt, sie sieht jetzt, da sie angekleidet ist, ganz wie eine vornehme Dame aus; auch benimmt sie sich ganz so; denn sie gab mir eine Guinee für die Benutzung meiner Kleider.« – »Ja, 's ist eine sehr brave Dame,« fiel der Wirth ein, »und wenn Du nicht so voreilig gewesen wärst, würdest Du nicht so mit ihr in Streit gekommen sein, wie es geschehen ist.« »Du hast gar nicht Ursache, das zu erwähnen,« antwortete sie; »ohne Dein albernes Gerede wäre nichts geschehen. Aber Du mußt Dich immer in Sachen mischen, die Dich nichts angehen.« – »Nun,« sagte er besänftigend, »was geschehen ist, kann nicht geändert werden, damit basta!« – »Ja für diesmal,« fuhr sie fort; »wirst Du Dich aber später bessern? Es ist nicht das erste Mal, daß ich um Deiner Dummheit willen leiden mußte. Ich wollte, Du hieltest im Hause immer Dein Maul und bekümmertest Dich blos um die Dinge draußen, die Dich angehen. Weißt Du noch, was vor sieben Jahren geschah?« – »Na, na, liebe Frau,« antwortete er, »rühr' alte Geschichten nicht wieder auf. Komm her, 's ist gut, und es thut 130 mir leid, was ich gethan habe.« Die Wirthin wollte eben wieder antworten, sie wurde aber durch den friedenstiftenden Sergeanten, zum großen Verdienste Partridge's, daran verhindert, der ein großer Freund von Spaß war und noch lieber solche unschädliche Zankereien förderte und anschürte, welche eher komische, als tragische Ereignisse herberführen. Der Sergeant fragte Partridge, wohin er und sein Herr reiseten. »Ich bin Niemandes Diener,« antwortete Partridge, »denn wenn ich auch in der Welt Unglück gehabt habe, so heiße ich doch »Herr,« lasse mich so nennen und schreibe mich so; so arm und gemein ich auch aussehe, so habe ich doch früher lateinischen Unterricht gegeben. Sed hei mihi! non sum quod fui.« – »Es war nicht bös' gemeint, Herr,« fiel der Sergeant ein; »wohin wollen Sie also, wenn ich so frei sein und darnach fragen darf, mit Ihrem Freunde reisen?« – »Jetzt haben Sie uns recht genannt,« sagte Partridge. »Amici sumus. Und ich sage Ihnen, mein Freund ist einer der vornehmsten Herren in dem Königreiche. (Der Wirth und die Wirthin spitzten die Ohren). Er ist der Erbe des Herrn Allworthy.« – »Was? des Herrn, der so viel Gutes in der ganzen Gegend thut?« fragte die Wirthin. – »Desselben,« antwortete Partridge. – »Nun dann wird er einmal ein unermeßliches Gut besitzen,« setzte sie hinzu. –»Ganz gewiß,« bestätigte Partridge. – »Nun ja,« fuhr sie fort, »ich sah es ihm auch gleich auf den ersten Blick an, daß er ein vornehmer Herr sein müsse; aber mein Herr Mann, der ist immer klüger, als andere Leute.« – »Ich gestehe es, liebe Frau,« entgegnete dieser, »es war ein Irrthum.« – »Ein Irrthum, freilich,« fuhr sie fort; »habe ich mich jemals so geirrt?« – »Aber wie kommt es denn,« fragte der Wirth Partridge, »daß ein solcher Herr zu Fuße im Lande umherläuft?« – »Das weiß ich nicht,« erwiederte Partridge; »große Herren haben 131 bisweilen seltsame Einfälle. Er hat ein Dutzend Pferde und Diener in Gloucester. Nichts ist ihm recht; vorigen Abend, da es sehr schwül war, wollte er sich durch einen Gang auf jenen hohen Berg abkühlen, und ich ging mit ihm, um ihm Gesellschaft zu leisten. Aber dahin bringt mich Niemand wieder; ich bin mein Lebtag nicht so sehr erschrocken. Wir trafen da den allerseltsamsten Mann.« – »Ich will mich hängen lassen, wenn es nicht der Mann vom Berge gewesen ist, wie man ihn nennt, wenn er ein Mann ist; viele Leute, das weiß ich, meinen, er sei der Teufel.« – »Ja, ja, er sieht ganz darnach aus,« entgegnete Partridge; »Sie bringen mich erst auf den rechten Gedanken. Ich glaube es jetzt auch wirklich und wahrhaftig, daß er der Teufel ist, wenn ich auch den Pferdefuß nicht gesehen habe. Vielleicht hat er die Macht, ihn zu verbergen; die bösen Geister können ja in jeder Gestalt scheinen, die ihnen gefällt.« – »Ich bitte, Herr,« fiel der Sergeant ein, »es ist nicht bös' gemeint, aber ich bitte, was für ein Mann ist der Teufel? Manche von unseren Offizieren behaupten, es gäbe gar keine solche Person, es sei blos eine Erfindung der Geistlichen, mit der sie den Leuten Angst machten; denn wenn es öffentlich bekannt würde, daß es keinen Teufel gäbe, wären die Geistlichen eben so wenig nütz, als wir Soldaten in Friedenszeiten.« – »Diese Herren Offiziere waren gewiß große Gelehrte,« meinte Partridge. – »O, mit der Gelehrsamkeit ist es nicht weit her,« antwortete der Sergeant, »sie wissen nicht halb so viel, als Sie, glaube ich. Ich für meine Person habe immer geglaubt, es müsse einen Teufel geben, was die Offiziere auch sagen, und obgleich einer davon ein Capitain ist; denn, wenn es keinen Teufel giebt, wie kann man denn Jemand zum Teufel wünschen? Auch habe ich ein Buch gelesen, in dem stand es, es gäbe einen Teufel.« – 132 »Na,« fiel der Wirth ei, »Einige von Ihren Offizieren werden sich noch zeitig genug und zu ihren Schrecken davon überzeugen, daß es einen Teufel giebt. Ich denke, sie werden ihm einige alte Zechen bezahlen müssen, die sie mir schuldig geblieben sind. Ich hatte da Einen ein halbes Jahr im Quartiere, der sich anmaßte, eines meiner besten Betten zu nehmen, ob er gleich täglich kaum acht Groschen im Hause verzehrte und seine Leute in der Küche kochen ließ, weil ich Ihnen Sonntags nicht umsonst zu essen geben wollte. Jeder gute Christ muß wünschen, daß es einen Teufel giebt, damit solche schlechte Menschen ihre Strafe erhalten.« – »Hören Sie, Herr Wirth,« fiel der Sergeant ein, »auf das Militair lasse ich nichts kommen.« – »Hol' der Teufel das Militair,« sagte der Wirth, »es hat mir genug zu schaffen gemacht.« – »Sie sind Zeugen, meine Herren,« sprach der Sergeant, »er flucht auf den König, und das ist Hochverrath.« – »Ich fluche auf den König, Sie Lump?« rief der Wirth. – »Ja, das thun Sie,« antwortete der Sergeant, »Sie verfluchen das Militair und damit verfluchen Sie den König. Es ist eins und dasselbe.« – »Entschuldigen Sie, Herr Sergeant,« fiel Partridge ein, »das ist ein non sequitur.« – »Mit Ihren ausländischen Redensarten bleiben Sie mir vom Leibe,« antwortete der Sergeant, indem er aufsprang. »Ich leide es nicht, daß man das Militair beschimpft.« – »Sie irren sich, Freund,« entgegnete Partridge; »ich wollte das Militair keineswegs beschimpfen; ich sagte blos, Ihr Schluß sei ein non sequitur.« – »Ich bin ebensowenig ein sequitur als Sie. Sie sind Alle zusammen Lumpenpack und ich will es beweisen; ich wette um 20 Pf. St. und stehe mit meiner Faust dafür ein. Da bin ich; kommen Sie her.« Diese Aufforderung brachte Partridge sogleich zum Schweigen, denn er hatte nach den fühlbaren Püffen und Schlägen 133 von den Fäusten Susannens durchaus nicht Lust, auch mit der Faust des Sergeanten Bekanntschaft zu machen. Der Kutscher aber, dem die Knochen weniger schmerzten und der mehr Lust zum Schlagen hatte, nahm den Schimpf nicht so leicht hin, von dem seiner Ansicht nach auch auf ihn ein Theil kam. Er sprang deshalb von seinem Sitze auf, trat an den Sergeanten hinan, schwur, daß er sich für einen Mann halte, der eben so viel werth sei, als einer in der Armee, und erklärte sich bereit, um eine Guinee zu boxen. Der Soldat nahm das Boxen an, mochte aber die Wette nicht halten. Beide zogen sich sogleich aus und schlugen einander, bis der Kutscher von dem Sergeanten so zugerichtet war, daß er den wenigen Athem, den er noch besaß, dazu verwenden mußte, um Pardon zu bitten.

Die junge Dame wünschte jetzt weiter zu reisen und hatte Befehl gegeben, ihren Wagen bereit zu halten; das war aber vergebens, denn der Kutscher konnte für diesen Abend sein Amt nicht verrichten. Ein alter Heide hätte diese Unfähigkeit vielleicht ebensowohl dem Gott des Trinkens, als dem Kriegsgotte zugeschrieben, denn die beiden Kämpen hatten der einen Gottheit so gut geopfert, wie der zweiten. Um es gerade herauszusagen, sie waren Beide völlig betrunken, und Partridge befand sich in keinem besseren Zustande. Was den Wirth betraf, so war das Trinken sein Handwerk, und das Getränk machte auf ihn nicht mehr Eindruck, als auf irgend ein anderes Gefäß in seinem Hause.

Die Wirthin, welche aufgefordert wurde, dem Herrn Jones und dessen Begleiterin Gesellschaft zu leisten, gab eine ausführliche Beschreibung des letzten Theils der Scene und sprach zugleich ihr großes Bedauern über die junge Dame aus, »die,« wie sie sagte, »höchst bestürzt und traurig darüber sei, ihre Reise nicht fortsetzen zu können. Sie ist ein hübsches, liebes Mädchen,« setzte sie hinzu, »und 134 ich wollte darauf wetten, sie schon früher gesehen zu haben. Meiner Meinung nach ist sie verliebt und entflieht vor ihren Verwandten. Vielleicht wartet irgend ein junger Herr auf sie, dem das Herz so schwer ist, wie ihr.«

Jones seufzte bei diesen Worten tief. Mad. Waters bemerkte dies wohl, achtete aber weiter nicht darauf, während die Wirthin im Zimmer war. Sobald jedoch diese sich entfernt hatte, konnte sie nicht umhin, ihren Argwohn auszusprechen, daß sie in seinem Herzen eine gefährliche Nebenbuhlerin zu fürchten habe. Das etwas verlegene Benehmen des Herrn Jones bei dieser Gelegenheit überzeugte sie vollständig, ohne daß er ihr eine bestimmte Antwort auf eine ihrer Fragen gab; doch war sie in ihrer Liebe nicht so selbstsüchtig, um über die Entdeckung sich gerade sehr zu betrüben. Die Schönheit des jungen Jones gefiel ihren Augen wohl, um das Herz kümmerte sie sich nicht eben sehr, da sie es nicht sehen konnte. Sie konnte an dem Tische der Liebe mit dem größten Appetite genießen, ohne sich in dem Genusse durch den Gedanken stören zu lassen, daß vielleicht schon eine andere Person von demselben Gerichte genossen habe, oder nach ihr genießen würde. Ein solches Gefühl ist minder launenhaft, vielleicht auch minder unnatürlich und selbstsüchtig, als der Wunsch jener Frauenzimmer, welche zufrieden sind, wenn sie ihre Liebhaber nicht besitzen, sobald dieselben nur keiner Anderen angehören.


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