Henry Fielding
Die Geschichte des Tom Jones / Theil III
Henry Fielding

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Fünftes Kapitel.

Ein Gespräch zwischen Jones und dem Barbier.

Das erwähnte Gespräch fand statt, während Jones in dem finstern Loche aß und zum Theil noch, als er den Barbier in dem Gastzimmer erwartete. Sobald es zu Ende war, erschien Herr Benjamin, wie bereits erwähnt, und wurde von Jones freundlich aufgefordert, Platz zu nehmen. Jones schenkte ein Glas voll, trank des Barbiers Gesundheit und nannte denselben dabei doctissimus tonsorum.« – »Ago tibi gratias, domine,« entgegnete der Barbier, der dann Jones fest anblickte und sehr ernsthaft, mit scheinbarer Ueberraschung sagte, als erinnere er sich eines Gesichtes, das er schon einmal gesehen: »Darf ich mir die Freiheit nehmen und fragen, ob Sie nicht Herr Jones heißen?« Jones bestätigte dies. »Proh Deûm atque hominum fidem!« fuhr darauf der Barbier fort; »wie sich's in der Welt seltsam trifft! Herr Jones, ich bin Ihr gehorsamer Diener; Sie kennen mich nicht, wie es scheint, und es ist auch nicht zu verwundern, da Sie mich nur einmal gesehen haben und damals noch sehr jung waren. Wie geht es dem guten Herrn Allworthy? Wie befindet sich ille optimus 23 omnium patronus?« – »Sie scheinen mich wirklich zu kennen,« entgegnete Jones, »während ich nicht so glücklich bin, mich Ihrer zu erinnern.« – »Das wundert mich nicht,« sagte Benjamin; »das aber, daß ich Sie nicht früher erkannte, denn Sie haben sich durchaus nicht verändert. Und darf ich, ohne zudringlich zu erscheinen, fragen, wohin Sie reisen?« – »Schenken Sie sich ein, Herr Barbier,« antwortete Jones, »und fragen Sie nicht weiter.« – »Ich wollte Sie nicht belästigen,« entschuldigte sich Benjamin; »ich hoffe, Sie halten mich nicht für einen Mann von zudringlicher Neugierde, denn dies ist ein Fehler den mir Niemand zur Last legen kann; aber ich bitte um Verzeihung, denn wenn ein Herr wie Sie ohne Diener reis't, kann man gleich annehmen, er wünsche, wie wir zu sagen pflegen, in casu incognito zu sein und vielleicht hätte ich nicht einmal Ihren Namen erwähnen sollen.« – »Ich gestehe,« sagte Jones, »ich erwartete es nicht, hier in der Gegend so bekannt zu sein als ich es wirklich bin, wie ich finde; aus besondern Gründen würde ich Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie meinen Namen gegen Niemanden äußern wollten, bis ich fort bin.« – »Pauca verba,« fuhr der Barbier fort, »und ich wünschte, Sie wären außer mir Niemanden bekannt hier; denn manche Leute haben Zungen; aber ich versichere, ich kann ein Geheimniß für mich behalten. Selbst meine Feinde müssen mir diese Tugend zugestehen.« – »Sie ist eigentlich nicht die charakteristische Ihres Standes, Herr Barbier,« antwortete Jones. – »Ach, Herr,« meinte Benjamin, »non si male nunc et olim sic erit Ich wurde nicht zu einem Barbier geboren oder erzogen, versichere ich Sie. Ich habe den größten Theil meiner Zeit unter gebildeten Leuten verbracht und dürfte also wohl etwas von guter Lebensart verstehen. Wenn Sie mich Ihres Vertrauens für so würdig gehalten 24 hätten wie andere Leute, so würde ich Ihnen bewiesen haben, daß ich ein Geheimniß besser zu bewahren weiß. Ich hätte Ihren Namen nicht in einer Küche herabgewürdiget, wie es andere Leute gethan haben, welche nicht blos öffentlich erzählten, was Sie ihnen von Ihrer Veruneinigung mit dem Herrn Allworthy anvertrauten, sondern überdies Dinge hinzusetzten, die, wie ich gewiß weiß, Lügen sind.« – »Sie überraschen mich sehr,« entgegnete Jones. – »Auf mein Wort, werther Herr,« fuhr Benjamin fort, »was ich sage, ist die Wahrheit und ich brauche nicht hinzuzusetzen, daß ich die Wirthin meine. Ich hoffe zuversichtlich, daß die Erzählung der Frau falsch ist, denn ich fühle hohe Achtung für Sie, wahrhaftig ich fühle sie, und habe sie immer gefühlt, seit Sie sich so gutmüthig gegen den Schwarzen Georg zeigten, was in der ganzen Umgegend allgemein besprochen wurde und worüber ich mehrere Briefe erhalten habe. Jedermann liebte sie darum, wahrhaftig. Sie werden mir also verzeihen, denn nur aus wirklicher Theilnahme erlaubte ich mir die Fragen; ich bin gar nicht neugierig, gar nicht zudringlich, aber ich liebe die Gutmüthigkeit und daher schreibt sich die amoris abundantia erga te

Der Unglückliche schenkt jeder Freundschaftsversicherung gern und willig Glauben und man darf sich deshalb nicht wundern, daß Jones, der nicht blos unglücklich, sondern auch sehr offenherzig war, die Betheurungen Benjamin's bereitwillig glaubte und denselben in sein Herz schloß. Die lateinischen Brocken, die Benjamin am schicklichen Orte anbrachte, schienen, wenn sie auch nicht von eben großer Gelehrsamkeit zeigten, in dem Manne eine mehr als gewöhnliche Barbier-Bildung zu verrathen, deren Zeugniß auch sein Benehmen überhaupt war. Jones glaubte demnach an die Wahrheit dessen, was jener in Bezug auf seine Herkunft und Erziehung sagte, und sprach endlich nach 25 vielen Bitten: »Da Sie, lieber Freund, von meinen Angelegenheiten so viel gehört haben und die Wahrheit wissen zu wollen scheinen, so will ich Ihnen alles erzählen, falls Sie die Geduld haben, mich anzuhören.« – »Geduld!« rief Benjamin; »Geduld werde ich haben und wäre die Geschichte auch noch so lang und ich bin Ihnen sehr verbunden wegen der Ehre, die Sie mir erzeigen.«

Jones fing nun an, erzählte seine ganze Geschichte, vergaß nur einen oder ein Paar Umstände, nämlich alles was an dem Tage geschehen, da er mit Thwackum gekämpft und schloß mit der Erklärung, er habe die Absicht gehabt, zu Schiffe zu gehen, bis der Aufstand im Norden ihn auf einen andern Entschluß und an den Ort gebracht habe, wo er sich eben befinde.

Der kleine Benjamin, der ganz Ohr war, unterbrach die Erzählung nicht einmal, nach Beendigung derselben konnte er sich aber nicht enthalten, die Bemerkung zu machen, die Feinde des Herrn Jones müßten noch etwas erfunden und dem Herrn Allworthy hinterbracht haben, sonst hätte ein so guter Mann Einen, den er so zärtlich geliebt, sicherlich nicht auf solche Weise verstoßen. Jones antwortete darauf, er zweifele auch nicht, daß man solche hinterlistige Tücke angewendet habe, um ihn zu verderben.

Und gewiß Jedermann hätte dieselbe Bemerkung, wie der Barbier, machen müssen, der von Jones keinen einzigen Umstand erfahren hatte, um dessentwillen er verurtheilt worden, denn seine Handlungen erschienen jetzt nicht in dem nachtheiligen Lichte, in welchem sie dem Herrn Allworthy vorgestellt worden waren; auch konnte er jene mannichfaltigen falschen Beschuldigungen nicht erwähnen, die man Allworthy hinterbracht hatte, weil ihm selbst nichts davon bekannt war. Ferner hatte er, wie wir bereits bemerkten, 26 manche wichtige Thatsachen in seiner jetzigen Erzählung übergangen.

Jones wollte keineswegs die Wahrheit verbergen oder verunstalten; eben so wenig lag es in seinem Willen, daß ein Tadel auf den Herrn Allworthy fallen sollte, weil er ihn bestraft hatte; es trat der gewöhnliche Fall ein; ein Mensch mag noch so redlich sein, so wird der Bericht von seinem Leben unwillkührlich sich so günstig gestalten, daß seine Fehler gereiniget über seine Lippen gehen und, wie gut durchgeseihete trübe Flüssigkeiten, das Schlechte zurücklassen. Wenn auch die Sachen selbst zu Tage kommen, so werden doch die Beweggründe, die Umstände und Folgen so verschieden sein, je nachdem der Mensch selbst seine Geschichte oder der Gegner dieselbe erzählt, daß die Thatsachen kaum für dieselben zu erkennen sind.

Obgleich der Barbier begierig die Erzählung angehört hatte, so war er doch noch nicht befriediget. Noch gab es einen Umstand, über den er gar gern nähere Auskunft gehabt hätte. Jones hatte seine Liebe erwähnt und daß er der Nebenbuhler Blifil's gewesen, sorgfältig aber den Namen der jungen Dame verschwiegen. Endlich, nach einiger Zögerung und vielen Hms! ersuchte ihn der Barbier, doch auch den Namen der Dame zu nennen, welche die Hauptursache seines ganzen Unglücks zu sein scheine. Jones besann sich einen Augenblick, dann sagte er: »Da ich Ihnen einmal so viel anvertraut habe und, wie ich fürchte, ihr Name bei dieser Gelegenheit nur zu bald bekannt geworden ist, so will ich denselben vor Ihnen nicht verschweigen. Es ist Sophie Western.«

»Proh Deûm atque hominum fidem! Der alte Western hat eine erwachsene Tochter?« – »Ja wohl,« fiel Jones ein, »ein Mädchen, dem in dieser Welt nichts gleich kommt. Kein Auge sah etwas so Schönes, aber die Schönheit ist 27 ihr geringster Vorzug. Sie besitzt so viel Verstand und ein so gutes Herz! Ach, ich könnte sie ewig rühmen und würde doch die eine Hälfte ihrer Vorzüge und Tugenden verschweigen müssen!« – »Western hat eine erwachsene Tochter?« wiederholte der Barbier; »ich kann mich noch der Zeit erinnern, da der Vater ein Knabe war. Oh tempus edax rerum!«

Da der Wein ausgetrunken war, so wollte der Barbier noch eine Flasche bringen lassen, aber Jones weigerte sich entschlossen und sagte, er habe bereits mehr getrunken als er sollte und er werde sich lieber in sein Zimmer begeben, wo er gern lesen möchte, wenn er sich ein Buch verschaffen könnte. »Ein Buch!« rief Benjamin; »was für ein Buch wünschen Sie, ein lateinisches oder ein englisches? Ich besitze einige vortreffliche Bücher in beiden Sprachen, z. B. Erasmi Colloquia, Ovid de Tristibus, Gradus ad Parnassum, den sechsten Band von Pope's Homer, den dritten des Spectator, den zweiten von Echard's Roman History, Robinson Crusoe, Thomas a Kempis und zwei Bände von Tom Brown's Werken.«

»Die letztern kenne ich noch nicht und Sie würden mir einen Gefallen erzeigen, wenn Sie mir einen Band davon leihen wollten.« Der Barbier versicherte, er würde sich sehr dabei unterhalten; er halte den Verfasser für einen der geistreichsten Männer, welche England hervorgebracht habe. Dann ging er in seine nicht weit entfernte Wohnung und kam gleich darauf zurück. Nachdem ihm Jones die strengste Verschwiegenheit anempfohlen und der Barbier geschworen hatte, das Geheimniß zu bewahren, trennten sie sich; der Barbier ging nach Hause und Jones begab sich in sein Zimmer.


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