Henry Fielding
Die Geschichte des Tom Jones / Theil III
Henry Fielding

 << zurück weiter >> 

Erstes Kapitel.

Belehrungen, die mit Nutzen von modernen Kritikern gelesen werden dürften.

Es ist unmöglich, lieber Leser, zu wissen, was für eine Person Du bist. Du kannst die menschliche Natur so genau kennen, wie Shakespeare, aber auch nicht klüger sein, als Einige der Herausgeber desselben. Sollte das Letztere der Fall sein, so halten wir es für zweckmäßig, ehe wir mit einander weiter gehen, Dir einige nützliche Ermahnungen zu geben, damit Du uns nicht auf so plumpe Weise mißverstehest und falsch deutest, wie Einige der genannten Herausgeber ihren Dichter mißverstanden und falsch gedeutet haben.

Zuerst also fordern wir Dich auf, irgend eines der Ereignisse in dieser unserer Geschichte nicht zu voreilig für unpassend, zur Hauptsache nicht gehörig zu erklären, weil Du nicht sogleich begreifen kannst, in welcher Weise ein solches Ereigniß doch für die Hauptsache wesentlich sein kann. Das vorliegende Werk kann für eine große Schöpfung angesehen werden, und es dürfte deshalb von Seiten eines kleinen Reptils von einem Kritiker höchst anmaßende Albernheit 142 sein, irgend einen Theil davon tadeln zu wollen, ohne zu wissen, wie das Ganze zusammenhängt, und ehe er zu dem Ende gelangt. Die Metapher, die wir hier gebraucht haben, ist, wie wir gestehen müssen, für den vorliegenden Fall eine viel zu große, aber es giebt keine andere, welche den Unterschied zwischen einem Schriftsteller vom ersten Range und einem Kritiker vom letzten genügend bezeichnet.

Eine andere Warnung, die wir Dir geben möchten, gutes Reptil, ist die, keine zu große Aehnlichkeit zwischen gewissen hier auftretenden Personen herauszufinden, wie z. B. zwischen der Wirthin im siebenten und jener im neunten Buche. Du mußt wissen, Freund, daß es gewisse charakteristische Kennzeichen gibt, die sich bei den meisten Personen eines Standes und eines Gewerbes finden. Ein Talent eines guten Schriftstellers ist es, diese charakteristischen Kennzeichen zu bewahren und sie doch zu gleicher Zeit verschieden wirken zu lassen. Ein anderes zeigt sich bei der Andeutung der feinen Unterschiede zwischen zwei Personen, die durch ein gleiches Laster oder eine gleiche Thorheit beherrscht werden. Wie dieses letztere Talent sich bei sehr wenigen Schriftstellern findet, so erkennen es auch wenige Leser.

Ferner müssen wir Dich ermahnen, würdiger Freund (denn vielleicht ist Dein Herz besser, als Dein Kopf), einen Charakter nicht schlecht zu nennen, weil er kein ganz guter ist. Wenn Dir solche Muster von Vollkommenheit gefallen, so gibt es Bücher genug, die Dich darin zufrieden stellen werden; da wir aber in unserem ganzen Leben keine einzige solche Person getroffen haben, so mochten wir auch in dem vorliegenden Werke keine auftreten lassen. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, ich bezweifele es ein wenig, ob jemals ein Mensch zu diesem höchsten Grade der Vortrefflichkeit gelangte, sowie, ob jemals ein Ungeheuer lebte, das schlecht genug war, um Juvenals

143 —   —   nulla virtute redemptum
A vitiis

zu rechtfertigen. Ich sehe auch die guten Absichten nicht ein, welche erreicht werden könnten, wenn man solche Personen von engelgleicher Vollkommenheit oder von teuflischer Schlechtigkeit schildert, da der Mensch schwerlich irgend einen guten Gebrauch von solchen Mustern machen wird.

Wenn nur so viel Gutes in einem Charakter liegt, daß es die Bewunderung und die Liebe eines gutgesinnten Herzens erregt, so werden jene kleinen Flecken, quas humana parum cavit natura, eher unser Mitleid, als unseren Abscheu erregen. Nichts kann in der That von größerem moralischen Nutzen sein, als die Unvollkommenheiten, die wir an solchen Beispielen sehen, da sie überraschend und mehr geeignet sind, Eindruck auf uns zu machen, als die Fehler der lasterhaftesten, schlechtesten Personen. Die Schwächen und Fehler der Menschen, in denen zu gleicher Zeit viel Gutes liegt, werden durch die Tugenden mehr hervorgehoben, so daß ihre Häßlichkeit greller hervortritt. Finden wir nun, daß die schlimmen Folgen solcher Laster bei unseren Lieblingscharakteren nicht ausbleiben, so lernen wir dieselben nicht blos zu unserem eigenen Vortheil vermeiden, sondern sie auch hassen wegen des Unheils, das sie bereits angerichtet haben.

Nachdem ich Dir, lieber Freund, diese wenigen guten Lehren gegeben habe, wollen wir, wenn es Dir gefällig ist, in unserer Geschichte weiter gehen.


 << zurück weiter >>