Henry Fielding
Die Geschichte des Tom Jones / Theil III
Henry Fielding

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Fünftes Kapitel.

Eine Apologie für alle Helden, die gute Magen haben, nebst einer Beschreibung eines Liebeskampfes.

Helden haben trotz der hohen Vorstellung, welche sie infolge von Schmeicheleien von sich selbst hegen mögen oder die die Welt sich von ihnen macht, gewiß mehr Menschliches als Göttliches an sich. Wie erhaben auch ihr Geist sein mag, ihr Körper wenigstens (bei den Meisten die Hauptsache) ist den schlimmsten Schwächen ausgesetzt und den gemeinsten Bedürfnissen der menschlichen Natur unterworfen. So muß denn auch das Essen, das nach einigen weisen Männern etwas sehr Gemeines, die philosophische Würde Benachtheiligendes ist, in gewissem Grade auch von dem größten Fürsten, Helden oder Gelehrten auf Erden verrichtet werden, ja bisweilen hat die Natur ein solches Spiel getrieben, gerade von solchen würdevollen Personen ein weit größeres Opfer in dieser Hinsicht zu verlangen, als von den niedrigsten Ständen.

Da nun kein bekannter Bewohner dieser Erde wirklich mehr ist, als ein Mensch, so braucht sich eigentlich auch Keiner zu schämen, sich dem zu unterwerfen, was die menschlichen Bedürfnisse erfordern; wenn aber die großen 123 Personen, die ich erwähnt habe, dahin streben, solche niedrige Verrichtungen für sich allein in Anspruch zu nehmen, indem sie durch Aufhäufung oder Zerstörung von Nahrungsmitteln die Andern verhindern zu wollen scheinen, auch zu essen, so werden sie sicherlich völlig verächtlich.

Nach dieser kurzen Vorrede halten wir es für keine Beeinträchtigung oder Herabsetzung unseres Helden, wenn wir seinen ungemeinen Eifer erwähnen, welchen er bei dieser Gelegenheit zu erkennen gab. Es läßt sich wirklich bezweifeln, ob Ulysses, der, nebenbei bemerkt, der beste Esser unter all' den Helden in jenem Eßgedichte, der Odyssee, gewesen zu sein scheint, jemals eine bessere Mahlzeit hielt. Drei Pfund wenigstens von dem Fleische, das früher einem Ochsen angehört hatte, erhielt die Ehre, ein Theil des Herrn Jones zu werden.

Diesen besondern Umstand zu erwähnen, hielten wir für nöthig, da er es erklärt, warum unser Held auf einige Zeit seine schöne Gefährtin vernachlässigte, die sehr wenig aß und sich in der That mit sehr verschiedenen Gedanken beschäftigte, welche von Jones unbemerkt blieben, bis er den Appetit gänzlich gestillt, den er durch ein Fasten von 24 Stunden erlangt hatte. Seine Mahlzeit war jedoch kaum beendiget, so wendete sich auch seine Aufmerksamkeit wieder anderen Gegenständen zu, und mit diesen wollen wir nun den Leser bekannt machen.

Herr Jones, von dessen persönlichen Eigenschaften wir bisher sehr wenig gesagt haben, war wirklich einer der schönsten jungen Männer in der Welt. Sein Gesicht trug, ungerechnet, daß es das Bild der Gesundheit war, die offenbarsten Zeichen der Sanftmuth und Gutmüthigkeit an sich. Diese Eigenschaften sprachen sich auf seinem Gesichte so deutlich aus, daß der Geist und das Gefühl, die in seinen Augen lagen, wenn sie auch einem genauen Beobachter 124 nicht entgehen konnten, von einem minder Aufmerksamen zu übersehen waren.

Vielleicht lag es mit daran, so wie an der sehr feinen Farbe, daß sein Gesicht eine fast unbeschreibliche Zartheit besaß, die ihm etwas Weibliches gegeben haben würde, hätte es nicht mit einem höchst männlichen Aeußern in Verbindung gestanden, das weit mehr von dem Hercules, als die erstere von dem Adonis hatte. Außerdem war er rührig, artig, heiter und gut gelaunt, so daß jede Unterhaltung, an der er Theil nahm, bald sehr lebendig wurde.

Wenn der Leser diese vielfachen Reize unseres Helden gehörig berücksichtiget und zugleich die Verpflichtungen bedenkt, die Mad. Waters gegen ihn hatte, so wird es mehr Pruderie als Aufrichtigkeit verrathen, eine schlimme Meinung von ihr zu hegen, weil sie eine sehr gute Meinung von ihm faßte.

Welcher Tadel aber auch gegen sie ausgesprochen werden mag, es ist meine Pflicht, Alles wahr zu erzählen. Mad. Waters hatte also nicht blos eine gute Meinung von unserem Helden, sondern auch eine große Zuneigung zu ihm. Um es gerade herauszusagen, sie liebte, nach der jetzt allgemein angenommenen Bedeutung dieses Wortes, nach welcher Liebe ohne Unterschied auf die wünschenswerthen Gegenstände aller unserer Leidenschaften, unseres Verlangens und unserer Sinne angewendet wird, und jenen Vorzug anzeigt, den wir einer Art Nahrung vor der andern geben.

Obgleich nun aber die Liebe zu diesen verschiedenen Gegenständen möglicher Weise in allen Fällen eine und dieselbe ist, so sind doch ihre Wirkungen, wie man zugeben muß, verschieden; denn wie sehr wir auch einen vorzüglichen Rinderbraten oder eine Flasche Burgunder, eine Rose, eine Cremoneser Geige lieben mögen, so äugeln, lächeln, 125 schmeicheln wir doch nicht, putzen uns nicht und wenden keine anderen Kunstgriffe, keine andere List an, um die Liebe des genannten Rinderbratens &c. zu gewinnen. Seufzen können wir allerdings, dies geschieht aber meist in Abwesenheit, nicht in Gegenwart des geliebten Gegenstandes.

Das Gegentheil geschieht bei der Liebe,. welche zwischen Personen einer und derselben Art, aber von verschiedenem Geschlechte wirkt. Kaum ist diese Liebe entstanden, so wird es unsere Hauptsorge, die Neigung des geliebten Gegenstandes zu erwerben. Zu welchem andern Zwecke sonst würden unsere jungen Leute in allen den Künsten unterwiesen, sich angenehm zu machen? Wenn es nicht wegen dieser Liebe geschähe, so bezweifele ich es, daß die Leute, welche sich mit dem Herausputzen der menschlichen Person beschäftigen, ihren Lebensunterhalt finden würden. Ja, jene großen Abglätter unserer Sitten, die nach Einiger Meinung das lehren, was uns hauptsächlich von der thierischen Schöpfung unterscheidet, sogar die Tanzmeister würden möglicher Weise keinen Platz in der Gesellschaft finden. Kurz, alle Anmuth, welche junge Mädchen und auch junge Männer von Andern lernen, und die vielfachen Verbesserungen und Nachhilfen, die sie mit Unterstützung des Spiegels an sich vornehmen, sind eigentlich jene von Ovid so oft erwähnten spicula et faces amoris; oder, wie man bei uns wohl auch bisweilen sagt, die ganze Artillerie der Liebe.

Sobald Mad. Waters und unser Held sich mit einander niedergesetzt hatten, begann die Erstere, diese Artillerie gegen den Letztern spielen zu lassen. Hier halten wir es aber, da wir eine Beschreibung versuchen wollen, die bisher weder in Prosa noch in Versen versucht worden ist, für zweckmäßig, den Beistand gewisser luftiger Wesen anzurufen, die uns, wir zweifeln nicht, bei dieser Gelegenheit freundlich zu Hilfe kommen werden.

126 »Sagt also, ihr Grazien, die ihr den himmlischen Aufenthalt in Seraphinens Antlitz gewählt habt, denn Ihr seid wahrhaft göttlich, immer in ihrer Gegenwart, und kennt genau alle Künste der Zauberei, sagt, welche Waffen wurden jetzt gebraucht, um das Herz des Herrn Jones zu fesseln?«

Zuerst flogen aus lieblich blauen Augen, deren funkende Kugeln Blitze sprüheten, zwei scharfe Liebesblicke, doch trafen sie zum Glück für unsern Helden nur ein großes Stück Rindfleisch, das er eben auf seinen Teller hob, und stumpften daran schadlos ihre Kraft ab. Die schöne Kriegerin bemerkte ihr Versehen und zog sofort aus ihrem schönen Busen einen tödtlichen Seufzer, einen Seufzer, den Niemand ungerührt hören konnte und der hingereicht haben würde, ein Dutzend junge Herren mit einem Male zu besiegen, einen so süßen, so weichen, so zärtlichen Seufzer, daß die einschmeichelnde Luft den Weg zu dem Herzen unseres Helden gefunden haben müßte, wäre er nicht zum Glücke durch das grobe Glucken einer Flasche Bier, die er eben ausschenkte, von seinem Ohre abgehalten worden. Sie versuchte es noch mit vielen anderen Waffen, aber der Gott des Essens (wenn es eine solche Gottheit giebt) beschützte seinen Verehrer. Die gegenwärtige Sicherheit des Herrn Jones dürfte sich indeß auch durch natürliche Mittel erklären lassen, denn wie die Liebe oft vor Hunger schützt, so kann auch möglicher Weise der Hunger in manchen Fällen gegen die Liebe schützen.

Die Schöne, die durch dieses öftere Mißlingen ihrer Versuche erbittert wurde, entschloß sich, die Waffen auf eine kurze Zeit niederzulegen; aber sie benutzte diese Zeit der Ruhe, um jedes Werkzeug des Liebeskampfes bereit zu machen, damit sie den Angriff erneuern könnte, sobald die Mahlzeit zu Ende sei.

Sobald abgedeckt war, begann sie ihre Operationen auch 127 wirklich von Neuem. Zuerst brachte sie ihr rechtes Auge von der Seite gegen Herrn Jones und warf ihm einen höchst durchdringenden Blick zu, der auch allerdings nicht ganz ohne Wirkung blieb, obgleich ein großer Theil seiner Kraft verflogen war, bevor er unsern Helden erreichte. Als die Schöne dies bemerkte, zog sie schnell ihre Augen zurück und schlug sie nieder, als thue ihr leid, was sie gethan; aber sie wollte dadurch ihn blos verleiten, minder auf seiner Hut zu sein und die Augen aufzuschlagen, durch die sie den Weg in sein Herz zu finden hoffte. Dann hob sie vorsichtig jene beiden glühenden Augen wieder, die bereits angefangen hatten, einen Eindruck auf den armen Jones zu machen, und ließ eine ganze Ladung kleiner Reize auf einmal von ihrem ganzen Gesichte in einem Lächeln los, nicht in einem Lächeln der Heiterkeit oder der Freude, sondern in einem Lächeln der Liebe, welches die meisten Frauen immer bereit haben, und das sie in den Stand setzt, zu gleicher Zeit ihre gute Laune, ihre hübschen Grübchen und ihre weißen Zähne zu zeigen.

Dieses Lächeln erhielt unser Held vollständig in die Augen, und es war so gewaltig, daß er sogleich wankte. Er errieth die Absichten des Feindes und fühlte wirklich auch den Erfolg. Es kam zu einer Unterhandlung zwischen den beiden Parteien, und dabei setzte die listige Schöne so schlau und unbemerklich ihren Angriff fort, daß sie das Herz unseres Helden fast besiegt hatte, ehe sie wieder zu feindseligen Handlungen schritt. Wenn ich die Wahrheit gestehen soll, so muß ich bekennen, daß Jones die Besatzung verrätherischer Weise übergab, ohne gehörig seine Allianz mit der schönen Sophie zu erwägen. Kurz, die Liebesunterhandlungen waren kaum zu Ende und die Dame hatte die königliche Batterie enthüllt, indem sie nachlässig das Busentuch von den Achseln fallen ließ, als das Herz des Herrn Jones völlig überwunden 128 war und die schöne Siegerin die gewöhnlichen Früchte ihres Sieges genoß.

Hier halten es die Grazien für geeignet, ihre Beschreibung zu endigen, und wir glauben, es dürfte am besten sein, auch das Kapitel zu schließen.


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