Henry Fielding
Die Geschichte des Tom Jones / Theil III
Henry Fielding

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Viertes Kapitel.

Unfehlbare Geheimmittel, sich allgemeine Mißachtung und allgemeinen Haß zuzuziehen.

Kaum hatte die Dame sich zur Ruhe begeben, als die Dienerin derselben wieder in der Küche erschien. um sich einige der leckern Speisen auszubitten, welche ihre Gebieterin nicht annehmen wollte.

Die Gesellschaft erwies ihr bei ihrem Eintritte dieselbe Achtung, welche sie der Gebieterin gezollt hatte, sie stand auf; das Mädchen aber ahmte sie nicht nach, indem sie vergaß, die Leute aufzufordern, wieder Platz zu nehmen. Dies wäre freilich auch kaum möglich gewesen, denn sie stellte ihren Stuhl so, daß sie fast das ganze Feuer für sich allein einnahm. Dann befahl sie sogleich, ein Hühnchen zu 158 braten und erklärte, wenn es in einer Viertelstunde nicht bereit sei, werde sie keine Minute länger darauf warten. Obgleich nun aber das Hühnchen noch im Hühnerstalle saß und die verschiedenen Ceremonien des Einfangens, Abschlachtens und Rupfens nöthig waren, ehe es auf den Rost gebracht werden konnte, so würde es die Wirthin dennoch unternommen haben, alles dies in der angegebenen Zeit zu thun; da aber das Mädchen sich unglücklicher Weise hinter den Coulissen befand, so hätte sie den Betrug mit ansehen müssen; die arme Frau sah sich deshalb zu dem Geständnisse genöthiget, sie habe kein Hühnchen im Hause; »dagegen,« setzte sie hinzu, »kann ich Ihnen Alles, was Sie von Schöps zu haben wünschen, sogleich von dem Fleischer holen lassen.«

»Denken Sie denn,« fiel das Mädchen ein, »ich hätte einen Magen wie ein Pferd, und könnte Abends Schöpsenfleisch essen? Die Leute, die Wirthshäuser halten, bilden sich doch immer ein, andere Leute wären nicht mehr und nicht besser als sie. Ich erwarte, in dieser schlechten Kneipe gar nichts zu bekommen. Ich wundere mich, daß meine Dame hier geblieben ist. Wahrscheinlich kehren nur Handwerksleute und Bauern da ein.« Die Wirthin wurde über diesen Schimpf, den man ihrem Hause anthat, über und über roth; sie unterdrückte jedoch ihren Zorn und begnügte sich mit der Antwort: »Gott sei Dank, mein Haus wird von sehr angesehenen Leuten besucht.«

»Reden Sie nichts von angesehenen Leuten,« entgegnete die Andere. »Ich glaube, ich verstehe mich besser auf angesehene Leute als Personen, wie Sie. Es fällt mir indeß nicht ein, mich mit Ihnen zu streiten, sagen Sie also ohne weitere Umschweife, was ich zum Abendessen erhalten kann; denn wenn ich auch kein Pferdefleisch esse, so bin ich doch sehr hungerig.«

– »Ich maß gestehen,« antwortete die Wirthin, »daß 159 ich nichts im Hause habe, als ein Stück kaltes Rindfleisch, das der Bediente eines Herrn und der Postillon beinahe aufgegessen haben.«

»Frau!« rief da die Abigail (so wollen wir sie der Kürze wegen nennen), »ich beschwöre Sie, machen Sie mich nicht krank. Und wenn ich einen Monat gefastet hätte, könnte ich von dem nicht essen, was solche Finger berührt haben. Ist gar nichts Reinliches und Eßbares in dem schrecklichen Neste zu haben?«

– »Was meinen Sie zu Eier und Schinken?« fragte die Wirthin.

»Sind Ihre Eier frisch gelegt? Wissen Sie gewiß, daß sie erst heute gelegt wurden? Und den Schinken schneiden Sie ganz dünn und zierlich; denn ich kann nichts Plumpes essen. Machen Sie Ihre Sache gut, wenn es möglich ist, und bilden Sie sich nicht ein, Sie hätten eine Pachterfrau oder dergleichen vor sich.«

Die Wirthin fing an, ihr Messer zu handhaben, die Andere aber unterbrach sie mit den Worten: »Gute Frau, ich muß Sie bitten, daß Sie erst Ihre Hände waschen, denn ich bin außerordentlich ekel und von der Wiege an gewöhnt, Alles nett und zierlich zu haben.«

Die Wirthin, die mit Mühe an sich hielt, begann nun die nothwendigen Vorbereitungen, denn Susanne wurde gänzlich verworfen, und zwar auf eine so verächtliche Weise, daß es dem armen Mädchen eben so schwer wurde, nicht mit den Fäusten darein zu schlagen, wie der Wirthin, die Zunge im Zaume zu halten. Dies Letztere that Susanne nicht ganz, denn sie murmelte mehrmals vor sich hin: »Nun was Sie ist, sind wir auch,« und andere ähnliche Redensarten.

Während das Abendessen zubereitet wurde, fing Abigail an zu klagen, daß sie kein Feuer in dem Speisezimmer habe 160 anzünden lassen, setzte aber hinzu, nun sei es zu spät. »Indeß,« fuhr sie fort, »die Neuheit empfiehlt die Küche, denn ich glaube, ich habe mein Leben lang noch in keiner gegessen.« Dann wendete sie sich an die Postillone und fragte dieselben, warum sie nicht bei den Pferden im Stalle wären. »Wenn ich mein ärmliches Gericht hier verzehren soll, Madame,« sagte sie zu der Wirthin, »so bitte ich, die Küche zu räumen, damit nicht alles gemeine Volk um mich hersteht. Sie,« setzte sie zu Partridge gewendet hinzu, » sehen ziemlich anständig aus und können sitzen bleiben, wenn es Ihnen beliebt, denn ich will Niemanden vertreiben, als das gemeine Volk.«

»Ja, ja,« antwortete Partridge, »ich bin ein anständiger Mann, das versichere ich Sie, lasse mich auch nicht stören. Non semper vox casualis est verbo nominativus.« Diese lateinischen Worte hielt sie für eine Beleidigung und sie antwortete deshalb: »Sie können ein anständiger Mann sein, aber Sie betragen sich nicht als solcher, da Sie Lateinisch mit einer Dame sprechen.« Partridge gab eine artige Antwort und schloß von Neuem mit lateinischen Brocken. Da rümpfte sie das Näschen, begnügte sich aber, ihn spöttisch einen großen Gelehrten zu nennen.

Da das Abendessen jetzt auf dem Tische stand, so ließ es sich Abigail, für eine so verwöhnte Person, vortrefflich schmecken. Während sie eine zweite Portion bereiten ließ, sagte sie zu der Wirthin: »Ihr Haus wird also von sehr vornehmen Personen besucht?«

Die Wirthin bejahete dies und setzte hinzu: »Es befinden sich auch heute mehrere angesehene und vornehme Leute darin, z. B. der junge Herr Allworthy.«

»Wer ist dieser junge Herr Allworthy?« fragte Abigail.

– »Wer soll er sein,« antwortete Partridge, »als der Sohn und Erbe des großen Squire Allworthy in Somersetshire.«

161 »Sie erzählen mir da wirklich seltsame Neuigkeiten, denn ich kenne den Herrn Allworthy aus Somersetshire recht wohl und weiß, daß er keinen Sohn hat.«

Die Wirthin horchte auf und Partridge machte ein etwas verlegenes Gesicht. Nach kurzer Zögerung aber antwortete er: »es ist allerdings wahr, daß nicht Jedermann weiß, daß er des Squire Allworthy Sohn ist, denn der Squire war mit der Mutter seines Sohnes niemals verheirathet; aber sein Sohn ist der junge Herr gewiß und beerben wird er ihn auch, so gewiß er Jones heißt.« Bei diesem Namen ließ Abigail den Schinken fallen, den sie eben zum Munde führen wollte, und rief: »Sie überraschen mich, Herr! Ist es möglich, daß Herr Jones in diesem Augenblicke hier im Hause wäre?« – »Quare non?« antwortete Partridge, »es ist möglich und sogar wahr.«

Abigail verzehrte schnell was sie noch auf ihrem Teller hatte und begab sich dann zu ihrer Herrin zurück, mit der sie das Gespräch hatte, welches man in dem nächsten Kapitel lesen kann.


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