Henry Fielding
Die Geschichte des Tom Jones / Theil III
Henry Fielding

 << zurück weiter >> 

144 Zweites Kapitel.

Enthält die Ankunft eines Irländers, sowie sehr ungewöhnliche Abenteuer, welche in dem Wirthshause eintreten.

Jetzt hüpft der kleine zitternde Hase, den die Furcht vor allen seinen zahlreichen Feinden, namentlich vor dem listigen, grausamen und fleischfressenden Thiere, dem Menschen, den ganzen Tag über in dem Verstecke gebannt gehalten hat, lustig und wohlgemuth über die grünen Waldwege; jetzt heult auf irgend einem hohlen Baume die Eule, der heisere Cantor der Nacht, Töne hervor, welche wohl die Ohren irgend eines modernen Musikkenners entzücken könnten; jetzt malt die Phantasie dem halbtrunkenen Tölpel, wenn er über den Gottesacker nach Hause taumelt, schreckliche Gespenster vor; jetzt wachen Diebe und Bösewichte, während ehrliche Wächter schlafen, mit einem Worte, es war Mitternacht, und die Gesellschaft in dem Wirthshause, sowohl Diejenigen, welche in dieser Geschichte bereits erwähnt worden sind, als einige Andere, die am Abende ankamen, lag im Bette. Nur Susanne, die Magd, war noch beschäftiget, da sie die Küche scheuern mußte, ehe sie in die Arme des zärtlichen harrenden Stallknechtes sank.

So standen die Sachen in dem Wirthshause, als ein Herr daselbst ankam. Er sprang sogleich vom Pferde, trat zu Susannen und fragte sie, fast athemlos vor Hast und Eifer, ob eine Dame im Hause sei. Susanne erschrak nicht wenig, was bei dieser späten Nachtzeit und dem Wesen des Mannes, der wild um sich blickte, gar nicht zu verwundern war. Sie zögerte deshalb, ehe sie eine Antwort gab, worauf der Mann mit doppeltem Eifer sie beschwor, ihm die Wahrheit zu sagen, und zugleich erklärte, er habe seine Frau 145 verloren und suche dieselbe. »An zwei bis drei Orten war ich nahe daran, sie zu erwischen; sie war nur leider jedesmal eben fort, als ich ankam. Wenn sie in dem Hause ist, so führe mich im Dunkel zu ihr und zeige sie mir; ist sie aber schon wieder fort, so sage mir, welchen Weg sie einschlug, damit ich sie einhole, und Du sollst die Reichste unter allen Armen im Lande werden.« Er zog eine Hand voll Goldstücke aus der Tasche, welche wohl Personen von größerer Standhaftigkeit als das arme Mädchen zu weit Schlimmerem verführt haben würden.

Susanne zweifelte nach dem, was sie von Mad. Waters gehört hatte, nicht im Geringsten, daß dieselbe Diejenige sei, welche der rechtmäßige Besitzer verfolge, und da sie daraus den Schluß zog, sie würde niemals Geld auf redlichere Weise verdienen können, als wenn sie eine Frau dem Manne derselben wiedergebe, so bedachte sie sich nicht lange weiter, sondern versicherte den Frager, die Frau, welche er suche, befinde sich allerdings in dem Hause, und ließ sich (durch große Versprechungen und eine Daraufgabe) vermögen, den Mann in das Schlafzimmer der Mad. Waters zu führen.

Es ist ein in der gebildeten Welt längst schon bestehender und zwar auf triftigen Gründen ruhender Brauch, daß ein Mann in das Zimmer seiner Frau, ohne vorher anzuklopfen, nicht eintreten darf. Der Leser, welcher die Welt einigermaßen kennt, braucht auf die mancherlei vorzüglichen Vortheile dieses Gebrauches nicht erst aufmerksam gemacht zu werden, denn die Frau gewinnt dadurch Zeit, sich in gehörigen Stand zu versetzen oder irgend einen unangenehmen Gegenstand wegzuschaffen; es gibt ja einige Lagen, in welchen zartfühlende Frauen von ihren Männern nicht überrascht werden möchten.

Es gibt überhaupt unter dem gebildeten Theile der Menschen einige Ceremonien, die dem ungeübten Verstande 146 vielleicht als bloße Förmlichkeiten erscheinen, deren Zweckmäßigkeit von Schärferblickenden aber recht wohl erkannt wird, und es wäre ein Glück gewesen, wenn der obenerwähnte Gebrauch in dem eben erzählten Falle von dem Fremden beobachtet worden wäre. Er klopfte allerdings an der Thüre an, aber nicht so schonend und leise, wie es bei solchen Gelegenheiten gebräuchlich ist. Er donnerte vielmehr, als er die Thüre verschlossen fand, mit solcher Heftigkeit daran, daß das Schloß augenblicklich nachgab, die Thüre aufsprang und er der Länge lang in das Zimmer hineinfiel.

Kaum hatte er sich wieder auf die Beine geholfen, als aus dem Bette ebenfalls auf die Beine – mit Schaam und Bedauern erzählen wir weiter – unser Held selbst sprang, welcher den Mann mit drohender Stimme fragte, wer er sei und wie er sich unterstehen könnte, sein Zimmer auf solche beleidigende Weise zu erbrechen.

Anfangs glaubte der Fremde, er sei fehl gegangen, und er wollte eben um Entschuldigung bitten und sich entfernen, als er mit einem Male, da der Mond hell schien, ein Corsett, ein Frauenkleid, Unterröcke, Häubchen, Bänder, Strümpfe, Kniebänder, Schuhe &c. bemerkte, welche auf dem Boden umherlagen. Diese Gegenstände regten die natürliche Eifersucht seines Temperamentes an und brachten ihn dermaßen in Zorn, daß er gar nicht zu sprechen vermochte, sondern, ohne Jones eine Antwort zu geben, an das Bett zu treten suchte.

Jones stellte sich ihm in den Weg und es kam zu einem heftigen Wortwechsel, der bald in Thätlichkeiten von beiden Seiten ausartete. Mad. Waters (wir müssen gestehen, daß sie sich in demselben Bette befand), die wahrscheinlich aus dem Schlafe geweckt wurde, fing an, als sie zwei Männer in ihrem Schlafzimmer einander schlagen sah, laut zu schreien: »Mörder! Räuber!«

147 Neben dem Zimmer der Dame lag der Körper eines Irländers, der zu spät in dem Wirthshause angekommen war, als daß er noch hätte erwähnt werden können. Der Irländer war ein sogenannter Cavalier, der jüngere Sohn einer guten Familie, der, weil er in der Heimath kein Vermögen hatte, in die Fremde gehen mußte, um sich dergleichen zu suchen. Er war deshalb auf dem Wege nach Bath, um sein Glück beim Spiele und bei den Frauen zu versuchen.

Der junge Herr lag im Bette und las einen Roman, weil ihm ein Freund gesagt hatte, er würde sich den Damen nie wirksamer empfehlen können, als wenn er seinen Verstand ausbilde und gute Bücher lese. Kaum hörte er den gewaltigen Lärm in dem Nebenzimmer, als er aus dem Bette aufsprang, seinen Degen in die eine, das Licht in die andere Hand nahm und so in Mad. Waters' Zimmer erschien.

Wenn der Anblick noch eines Mannes im Hemde anfangs die Schamhaftigkeit der Dame noch mehr verletzte, so trug derselbe doch auch sogleich dazu bei, ihre Angst zu mildern; denn der irische Cavalier war kaum in das Zimmer getreten, als er ausrief: »Herr Fitzpatrick, was zum Teufel bedeutet denn das?« Der Andere antwortete darauf: »Ach, Herr Macklachlan! Ich bin erfreut, Sie hier zu sehen. – Dieser Mensch da hat meine Frau verführt; er lag bei ihr im Bette.« – »Welche Frau?« rief Macklachlan; »kenne ich nicht Mad. Fitzpatrick sehr wohl und sehe ich nicht, daß die Dame, bei welcher der hier im Hemde stehende Herr im Bette gelegen hat, sie nicht ist?«

Fitzpatrick, der jetzt sowohl an dem Aussehen der Dame, als an ihrer Stimme, die er wohl auch in größerer Entfernung hätte unterscheiden können, anerkannte, daß er sich geirrt habe, bat die Dame sehr artig um Verzeihung, wendete sich dann auch an Jones und sagte: »Bemerken Sie 148 sich, daß ich Sie nicht um Verzeihung bitte, denn Sie haben mich geschlagen, und Sie werden mir sogleich blutige Rechenschaft dafür geben müssen.«

Jones behandelte diese Drohung sehr verächtlich und Herr Macklachlan antwortete: »Wahrhaftig, Fitzpatrick, Sie sollten sich schämen, die Leute zu dieser Stunde in der Nacht zu stören; wenn nicht Alle in dem Wirthshause schliefen, würden Sie dieselben geweckt haben, wie mich. Der Herr da hat Sie ganz recht behandelt. Wahrhaftig, ob ich gleich keine Frau habe, so würde ich Sie doch erwürgt haben, wenn Sie dieselbe so behandelt hätten.«

Jones war um den Ruf seiner Dame so besorgt, daß er wirklich nicht wußte, was er thun oder sagen sollte; die Frauen aber wissen, wie die Erfahrung häufig schon gelehrt hat, schneller als die Männer etwas zu ersinnen. Sie erinnerte sich, daß ihr Zimmer mit dem des Herrn Jones in Verbindung stand, und antwortete, indem sie sich auf seine Ehre und auf ihre eigene Keckheit verließ: »Ich weiß nicht, was Sie wollen! Ich bin die Frau Keines von Ihnen. Hilfe! Räuber! Mörder! Sie wollen mir Gewalt anthun!« In diesem Augenblicke erschien die Wirthin in dem Zimmer, Mad. Waters sprach sich alsbald bitter aus, und sagte: sie habe geglaubt, in einem anständigen Hause und nicht in einem Hurenhause zu sein; da wären aber diese Männer in ihr Zimmer gedrungen, um ihre Ehre, wenn nicht gar ihr Leben anzutasten, die ihr beide gleich theuer wären.

Die Wirthin fing jetzt eben so laut zu schreien an, als die arme Frau im Bette vorher geschrien hatte. Sie jammerte, es sei um sie geschehen und der Ruf ihres Hauses, der bisher so fleckenlos gewesen, auf immer dahin. Dann wendete sie sich an die Herren und rief: »Was, in des Teufels Namen, soll denn diese Störung in dem Zimmer der Dame bedeuten?« Fitzpatrick, der den Kopf hängen 149 ließ, entgegnete, er habe sich geirrt und bitte herzlich um Verzeihung, worauf er sich mit seinem Landsmanne entfernte. Jones, der zu klug war, als daß er den Wink, welchen ihm seine Schöne gegeben, nicht hätte benutzen sollen, behauptete keck, er sei ihr zu Hilfe geeilt, sobald er gehört, daß man ihre Thüre einschlage, da er nichts Anderes habe glauben können, als daß man sie berauben wolle. Dies habe er zum Glücke abgewendet, wenn es beabsichtiget worden sei. – »In meinem Hause ist niemals ein Raub begangen worden, so lange es mir gehört,« jammerte die Wirthin; »ich nehme keine Räuber und Diebe auf, das merken Sie sich. Nur ehrliche gute Leute sind in meinem Hause willkommen, und, ich danke meinem Schöpfer, ich hatte immer genug solche Gäste, so viel als ich nur beherbergen konnte. Hier wohnte Lord . . .,« und dann zählte sie eine endlose Menge von Namen und Titeln auf.

Jones, der sie eine Zeit lang geduldig anhörte, unterbrach sie endlich, indem er sich bei Mad. Waters entschuldigte, im Hemde vor ihr erschienen zu sein, und versicherte, nichts als die Besorgniß um ihre Sicherheit habe ihn verbögen können, so zu handeln. Der Leser mag sich die Antwort der Dame denken, so wie ihr ganzes Benehmen zu Ende dieses Auftrittes, wenn er berücksichtiget, daß sie sich wie eine höchst verschämte Frau stellte, welche durch die Anwesenheit von drei fremden Männern in ihrem Zimmer aus dem Schlafe geweckt worden. Diese Rolle hatte sie zu spielen unternommen, und sie führte dieselbe auch wirklich so gut durch, daß keine Schauspielerin in oder außer der Bühne sie übertroffen haben würde.

Daraus können wir denn wohl auch einen Schluß ziehen, um zu beweisen, wie ganz natürlich die Tugend dem schönen Geschlechte ist; denn ob es gleich unter Zehntausenden nicht Eine gibt, die eine gute Schauspielerin werden könnte, und 150 ob wir gleich selbst unter diesen selten zwei eine und dieselbe Rolle gut spielen sehen, so vermögen doch Alle die Rolle der Tugend vortrefflich zu spielen, sie mögen dieselbe wirklich besitzen, oder nicht.

Als die Männer sich entfernt hatten, erholte sich Mad. Waters von ihrer Furcht wie von ihrem Aerger und sprach weit freundlicher mit der Dame, welche sich wegen des Rufes ihres Hauses nicht so leicht beruhigte. Endlich wurde sie von der Dame ersucht, sie ruhen zu lassen, da sie sich sehne, den übrigen Theil der Nacht ruhig zu schlafen. Die Wirthin entfernte sich darauf mit vielen Knixen.


 << zurück weiter >>