Henry Fielding
Die Geschichte des Tom Jones / Theil III
Henry Fielding

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Zweites Kapitel.

In welchem die Wirthin dem Herrn Jones einen Besuch abstattet.

Als Jones von seinem Freunde, dem Lieutenant, Abschied genommen hatte, versuchte er seine Augen zu schließen, aber vergebens; sein Geist war zu aufgeregt, als daß er hätte schlafen können. Er verlangte also, nachdem er sich bis zum Morgen mit Gedanken an Sophien unterhalten oder vielmehr gepeiniget hatte, einige Tassen Thee, und die Wirthin nahm sich vor, bei dieser Gelegenheit selbst zu ihm zu gehen.

10 Es war das erste Mal, daß sie ihn sah oder wenigstens Notiz von ihm nahm; da aber der Lieutenant versichert hatte, er sei sicherlich ein junger vornehmer Herr, so nahm sie sich vor, ihn so artig als möglich zu behandeln, denn ihr Haus war eines von denen, in welchem man für Geld die größten Ehrenbezeugungen erhält.

Sobald sie anfing, den Thee zu bereiten, begann sie auch ein Gespräch: »es ist recht Schade,« sagte sie, »daß ein so hübscher junger Herr sich so wegwirft, um mit diesem Soldatenvolke umzugehen. Sie spielen die Herren, aber mein seliger erster Mann pflegte zu sagen, sie sollten nie vergessen, daß wir sie bezahlen. Vorige Nacht hatte ich zwanzig hier, ohne die Officiere. Soldaten mögen noch angehen, aber die Officiere! Nichts ist ihnen gut genug, und Sie hätten nur die Rechnung sehen sollen; es verlohnte sich nicht der Mühe. Ich habe viel weniger Mühe und Noth gehabt mit der Familie eines vornehmen Mannes, dem wir 10 Thaler für eine Nacht ansetzen. Dann schwören und fluchen sie, daß Einem Hören und Sehen vergeht; wo solche gottlose Menschen sind, kann es nicht gut gehen. Und Einer hat Sie so grausam behandelt; aber Sie können mir's glauben, es würde dem Menschen ganz gleichgiltig gewesen sein, wenn Sie auch in Todesgefahr gewesen wären. Sie halten auch alle zusammen wie Kletten und würden den Mörder gewiß haben entwischen lassen. Ich möchte um keinen Preis eine solche Sünde auf dem Gewissen haben. Aber es giebt noch Recht und Gerechtigkeit im Lande und wenn Sie sich an den Advokaten Small wenden wollen so werden Sie sehen, daß der ihn aus dem Lande treibt, wenn er nicht schon fort ist, denn solche Menschen sind heute da, morgen dort. Ich hoffe, Sie werden sich die Sache zur Warnung dienen lassen und zu den Ihrigen zurückkehren; sie werden in tausend Aengsten um Sie sein und wenn 11 sie erst wüßten, was geschehen ist! Du lieber Gott, ich möchte es ihnen nicht erzählen! Wir wissen, was es gegeben hat; aber wenn die Eine nicht will, so will die Andre; ein so hübscher Herr bekommt immer eine Frau. Wenn ich wie Sie wäre, ich würde um keines Mädchens willen Soldat; werden Sie nur nicht roth (das wurde Jones wirklich sehr bedeutend). Sie dachten, ich wüßte nichts von der Sache, von der Sophie?« – »Wie?« fragte Jones, indem er sich aufrichtete, »Sie kennen meine Sophie?« – »Wie sollte ich nicht?« antwortete die Wirthin; »hat sie doch gar oft in diesem Hause geschlafen.« – »Wahrscheinlich mit ihrer Tante,« meinte Jones. – »Ja, ja,« fuhr die Wirthin fort. »Ich kenne die alte Dame recht wohl. Und ein liebes junges Mädchen ist Fräulein Sophie, das muß wahr sein.« – »Ein liebes süßes Mädchen!« wiederholte Jones. »Wie konnte ich glauben, daß Sie meine Sophie gekannt?« – »Ich wollte,« sagte die Wirthin, »Sie wüßten nur halb so viel von ihr. Was würden Sie darum gegeben haben, an ihrem Bette zu sitzen? Welchen prächtigen Hals sie hat! Ihre lieben Glieder haben sich in demselben Bette ausgestreckt, in welchem Sie jetzt liegen.« – »Hier,« rief Jones, »hier hat Sophie geruhet?« – »Ja, ja, hier in demselben Bette, und ich wollte, Sie hätten sie jetzt da, und sie wünscht es wohl auch, wie ich mir denken kann, denn sie hat mit mir von Ihnen gesprochen.« – »Wie! sie erwähnte ihren armen Jones? Sie schmeicheln mir; ich kann es nicht glauben.« – »So wahr ich selig werden will, und der Teufel soll mich holen, wenn ich eine Sylbe mehr spreche als wahr ist, ich habe sie Herrn Jones erwähnen hören, aber in ganz bescheidener und artiger Weise, das muß ich gestehen, ob ich gleich wohl merkte, daß sie mehr dachte, als sie sagte.« – »Ach gute Frau,« äußerte Jones, »ich werde ihres Andenkens nimmer würdig 12 sein. Sie ist die Güte, die Freundlichkeit selbst. Warum wurde ein solcher Bösewicht, wie ich, geboren, um ihrem Herzen einen Augenblick Unruhe zu machen. Alles Leid und alles Elend, das ein böser Geist jemals ersann, um die Menschen zu quälen, würde ich ertragen, könnte ihr dadurch etwas Gutes erzeigt werden; ja die Folter selbst würde für mich keine Qual sein, wenn ich nur wüßte, daß sie glücklich sei.« – »Ich sagte ihr auch, daß Sie ein treuer Liebhaber wären,« fuhr die Wirthin fort.« – »Aber, gute Frau,« entgegnete Jones, »sagen Sie mir, wann und wo erfuhren Sie etwas von mir? Ich war noch niemals hier und erinnere mich auch nicht, Sie jemals gesehen zu haben.« – »O,« antwortete die Frau, » Sie waren noch ein ganz kleines Ding, als Sie bei dem Herrn auf meinem Schooße lagen.« – »Bei dem Herrn Allworthy?« fragte Jones; »Sie kennen also den lieben guten Mann?« – »Freilich kenne ich ihn,« entgegnete sie; »wem in der Gegend wäre er nicht bekannt?« – »Der Ruf von seiner Güte und Großmuth,« sprach Jones, »muß sich freilich weit verbreitet haben; die Größe seiner Güte aber kann nur der Himmel kennen, der ihn auf die Erde sendete als sein Bild. Die Menschen kennen solche himmlische Güte eben so wenig als sie derselben würdig sind; keiner aber ist ihrer unwürdiger als ich selbst. Ich, den er so hoch erhob, den er, wie Sie wissen werden, als armes niedriggeborenes Kind aufnahm und wie seinen eigenen Sohn behandelte, ich wagte es, ihm durch meine Thorheiten und Streiche zu mißfallen und seinen Unwillen mir zuzuziehen. Ja, ich verdiene Alles, und werde nie so undankbar sein, auch nur zu glauben, er habe mir Unrecht gethan. Nein, ich verdiene es, daß er mich aus seinem Hause verstoßen hat. Und nun, Frau Wirthin, werden Sie mich nicht tadeln, daß ich Soldat werde, besonders da 13 ich nicht mehr als dies in meiner Tasche habe.« Bei diesen Worten zog er seine Börse, in der sich sehr wenig befand und in der die Wirthin noch weniger vermuthete.

Die gute Wirthin erschrak und verwunderte sich nicht wenig über diese Erzählung. Sie antwortete kalt: es müsse freilich jeder am besten beurtheilen können, was für seine Umstände das Beste sei. »Aber,« setzte sie hinzu, »ich glaube, ich werde gerufen. Ich komme – ich komme schon. Hört denn das Volk nicht? Ich muß hinuntergehen; wenn Sie noch etwas wünschen, wird das Mädchen kommen. Ich komme ja schon!« Damit eilte sie, ohne Abschied zu nehmen, aus der Thüre hinaus. Die Leute aus den untern Ständen sind sehr geizig mit Höflichkeit, und ob sie gleich dieselbe unentgeldlich vornehmen Leuten zukommen lassen, so gebrauchen sie dergleichen doch nie gegen Leute ihres eigenen Standes, ohne Sorge zu tragen, daß sie reichliche Vergeltung dafür erhalten.


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