Henry Fielding
Die Geschichte des Tom Jones / Theil III
Henry Fielding

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Viertes Kapitel.

In welchem einer der liebenswürdigsten Barbiere auftritt, welche die Geschichte kennt, den Barbier von Bagdad und selbst den in Don Quixote nicht ausgenommen.

Es hatte fünf Uhr geschlagen, als Jones aus einem Schlafe von sieben Stunden so gestärkt, so vollkommen gesund und heiter erwachte, daß er sich vornahm aufzustehen und sich anzukleiden. Er öffnete zu diesem Zwecke seinen Mantelsack und nahm weiße Wäsche und einen Anzug heraus. Vorher fuhr er jedoch in einen Schlafrock und er ging in demselben in die Küche hinunter, um sich etwas für den Appetit zu bestellen, der sich ungestüm kund gab.

Da er die Wirthin selbst traf, so fragte er sie sehr artig, was er zu essen bekommen könnte. »Zu essen!« wiederholte sie; »es ist jetzt gar keine Essenszeit. Vorräthig haben wir nichts und das Feuer ist fast ausgegangen.« – »Zu essen muß ich etwas haben; was, ist mir ganz gleichgiltig, denn in meinem Leben bin ich nicht so hungrig gewesen.« – »Da stehet noch etwas Rindfleisch mit Möhren; dieses können Sie haben.« – »Wenn nichts Besseres zu haben ist, bin ich zufrieden; lassen Sie aber das Fleisch ausbraten.« Dazu erklärte die Wirthin sich bereit und sie setzte dann lächelnd hinzu, sie freue sich, ihn wieder so wohl auf zu sehen. Die gewinnende Freundlichkeit unseres Helden war 18 fast unwiderstehlich; übrigens war sie im Grunde keine hartherzige Frau. Sie liebte nur das Geld so sehr, daß sie alles haßte, was wie Armuth aussah

Jones kehrte in sein Zimmer zurück, um sich anzukleiden, während man ihm seine Mahlzeit zubereitete. Wie er verlangt hatte, fand sich ein Barbier bei ihm ein.

Dieser Barbier, der als der kleine Benjamin bekannt war, stak voll Humor, Witz und drolliger Einfälle, die ihm freilich oft kleine Unannehmlichkeiten einbrachten, wie Ohrfeigen, Tritte an den Hintern, Beinbrüche &c. Nicht jeder versteht einen Spaß, und die, welche Spaß verstehen, wollen häufig nicht der Gegenstand desselben sein. Der Witz war jedoch bei ihm ein unverbesserliches Laster, und ob er gleich oftmals dafür hatte büßen müssen, so konnte er doch keinen Einfall bei sich behalten, die Personen, die Zeit und der Ort mochten sein, welche sie wollten.

Er hatte außerdem noch viele andere Eigenthümlichkeiten an sich, die ich nicht besonders erwähnen will, da sie der Leser bei näherer Bekanntschaft mit diesem außerordentlichen Menschen leicht selbst erkennen wird.

Da Jones sehr bald angekleidet sein wollte und zwar eines Umstandes wegen, der sich leicht errathen läßt, so meinte er, der Barbier nehme sich mit dem Schaumschlagen zu viele Zeit und forderte ihn darum auf, sich etwas zu beeilen. Darauf antwortete der andere sehr ernst, wie er denn niemals seine Gesichtsmuskeln verzog: »Festina lente, ist ein Sprichwort, das ich lange vorher lernte, ehe ich ein Rasirmesser in die Hand nahm.« – »Sie sind ja ein Gelehrter, mein Freund,« entgegnete Jones. – »Ein armer,« erwiederte der Barbier, »non omnia possumus omnes.« – »Noch etwas!« sprach Jones; »ich glaube gar Sie machen selbst Verse.« – »Entschuldigen Sie,« antwortete der Barbier, »non tanti me dignor honore.« Dann fuhr 19 er in seiner Arbeit fort und sagte dabei, »seit ich mich mit dem Schaumschlagen beschäftige, habe ich nie mehr als zwei Gründe für das Rasiren entdecken können, den einen nämlich, einen Bart zu bekommen, und den andern, einen Bart los zu werden. Ich vermuthe, es ist noch nicht lange her, daß Sie sich aus dem erstern Grunde rasirten. Sie haben wirklich viel Glück dabei gehabt, und man könnte wohl von Ihrem Barte sagen, er sei tondenti gravior.« – »Sie scheinen ein sehr komischer Mensch zu sein,« fiel Jones ein. – »Da verkennen Sie mich gewaltig,« antwortete der Barbier; »ich beschäftige mich zu viel mit dem Studium der Philosophie; hinc illae lacrymae; das ist mein Unglück. Zu große Gelehrsamkeit ist mein Verderben gewesen.« – »Wahrhaftig,« fuhr Jones fort, »Sie besitzen, ich muß gestehen, größere Gelehrsamkeit, als man gewöhnlich in Ihrem Stande findet; wie dieselbe Ihnen aber verderblich gewesen sein soll, kann ich nicht begreifen.« – »Ach, lieber Herr,« antwortete der Barbier, »mein Vater enterbte mich darum. Er war ein Tanzmeister und weil ich lesen konnte, ehe ich zu tanzen verstand, faßte er eine Abneigung gegen mich und gab alles, was er hatte, seinen andern Kindern. Wollen Sie auch an den Backen . . ach! ich bitte um Verzeihung, ich glaube, da ist ein hiatus in manuscriptis. Ich hörte, Sie wollten in den Krieg gehen, es war aber, wie ich finde, ein Irrthum.« – »Woraus schließen Sie das?« fragte Jones. – »Ich halte Sie für zu klug, als daß Sie einen zerbrochenen Schädel dahin tragen; das hieße Wasser in das Meer gießen.«

»Wahrhaftig,« rief Jones, »Du bist ein närrischer Kauz und Dein Humor gefällt mir ausnehmend; Du würdest mir einen großen Gefallen erzeigen, wenn Du nach Tische zu mir kommen und ein Glas mit mir leeren wolltest. Ich möchte genauer mit Dir bekannt werden.«

20 »Ach, lieber Herr,« antwortete der Barbier, »ich kann Ihnen einen zwanzigmal größern Gefallen thun, wenn Sie ihn annehmen wollen.« – »Und da wäre?« fragte Jones. – »Ich will eine Flasche mit Ihnen leeren, wenn es Ihnen beliebt; mir geht die Gutmüthigkeit über alles, und wie Sie die Entdeckung gemacht haben, daß ich ein komischer Kerl sei, so will ich mich nicht auf Physiognomie verstehen, wenn Sie nicht einer der gutmüthigsten Herren in der Welt sind.« Jones ging nun nett gekleidet die Treppe hinunter und der schöne Adonis war vielleicht nicht liebenswürdiger; dennoch hatte er keine Reize für die Wirthin, denn wie diese gute Frau ihrer Persönlichkeit nach gar keine Aehnlichkeit mit Venus hatte, so glich sie dieser auch im Geschmacke nicht. Für Aennchen, das Hausmädchen, wäre es ein Glück gewesen, hätte sie mit den Augen ihrer Herrin gesehen, denn dieses Mädchen verliebte sich binnen fünf Minuten so heftig in ihn, daß ihre Leidenschaft ihr später manchen Seufzer kostete. Das Mädchen war sehr hübsch und auch sehr spröde, denn sie hatte bereits manche Anträge zurückgewiesen; die schönen feurigen Augen unseres Helden thaueten aber in einem Augenblicke die Eisrinde von ihrem Herzen ab.

Als Jones wieder in der Küche erschien, war noch nicht gedeckt für ihn; auch sah er noch keine Anstalt dazu, da sich alles, selbst das Feuer auf dem Herde, noch in demselben Zustande wie vorher befand. Diese getäuschte Erwartung würde manchen philosophischen Gleichmuth in Hitze gebracht haben; auf Jones brachte sie diese Wirkung nicht hervor. Er beschwerte sich nur sehr gelinde gegen die Wirthin und sagte, er wolle das Fleisch kalt essen, da es so schwer zu sein scheine, dasselbe aufzubraten. Die Frau mochte jetzt Mitleid, Scham oder sonst etwas fühlen, genug, sie schalt ihre Leute darum, daß sie die Befehle nicht 21 vollzogen, die sie ihnen gegeben, hieß sie dann decken und ging in allem Ernst an die Bereitung des Essens, das sie denn auch bald zu Stande brachte.

Man führte ihn in die sogenannte Sonne, die so hieß wie lucus a non lucendo denn die Sonne schien schwerlich jemals hinein. Es war das schlechteste Zimmer im Hause. Jones fühlte indeß so gewaltigen Hunger, daß ihm alles recht war; erst als er seinen Appetit gestillt hatte, befahl er dem Kellner, eine Flasche Wein in ein besseres Zimmer zu tragen und schmollte etwas darüber, daß man ihn in ein so finsteres Loch gewiesen habe.

Nachdem der Kellner die Befehle vollzogen hatte, fand sich bald darauf der Barbier ein, der ihn nicht so lange würde haben warten lassen, hätte er nicht in der Küche auf die Wirthin gehört, welche mehrern um sie herumstehenden Personen eben die Geschichte des armen Jones erzählte, die sie zum Theil von diesem selbst gehört hatte, zum Theil erfand, denn sie sagte, er sei ein armer Waisenknabe, den Herr Allworthy in sein Haus genommen habe, wo er erzogen, aber jetzt fortgejagt worden sei, weil er allerhand schlechte Streiche begangen, besonders aber weil er sich in die junge Dame im Hause verliebt, vielleicht auch weil er dieses bestohlen habe; wie sei er sonst wohl zu dem wenigen Gelde gekommen, das er besitze. – »Ein Diener des Herrn Allworthy!« fragte der Barbier; »wie heißt er?« – »Er sagte mir selbst, er heiße Jones,« antwortete sie; »vielleicht hat er sich aber einen falschen Namen beigelegt. Ja, und er sagte mir auch, der Herr habe ihn gehalten wie seinen eigenen Sohn, ob er ihn gleich nun fortgeschickt.« – »Wenn er Ihnen sagte, er heiße Jones, so hat er Ihnen die Wahrheit gesagt, Frau Wirthin,« bemerkte der Barbier darauf; »denn ich habe Verwandte in jener Gegend, und manche Leute sagen gar, er sei des Herrn eigener 22 Sohn.« – »Warum führt er dann den Namen seines Vaters nicht?« – »Das kann ich nicht sagen,« meinte der Barbier; »gar mancher Sohn heißt nicht wie sein wahrer Vater.« – »Hm,« entgegnete die Wirthin, »wenn ich hätte glauben können, er sei vornehmer Leute Kind, wenn auch nur ein Fallkind, so würde ich ihn doch anders behandelt haben; denn manche solche Fallkinder sind große Männer geworden, und mein Seliger sagte immer, man dürfe keinen Gast vernachlässigen, der aus vornehmer Familie sei.«


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