Henry Fielding
Die Geschichte des Tom Jones / Theil III
Henry Fielding

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Zweites Kapitel.

Enthält ein sehr überraschendes Abenteuer, das dem Herrn Jones auf seinem Spaziergange mit dem Manne vom Berge zustieß.

Aurora öffnete ihr Fenster, d. h. der Tag brach an, als Jones mit dem Fremden hinausging und den Mazardberg bestieg. Kaum hatten sie den Gipfel desselben erreicht, als sich eine der schönsten Aussichten in der Welt vor ihnen entfaltete, die wir den Lesern auch vorstellen könnten, wenn uns nicht zwei Gründe entgegenständen; erstens verzweifeln wir daran, diejenigen, welche jene Gegend gesehen haben, zur Bewunderung unserer Beschreibung zu bringen, und zweitens glauben wir nicht, daß die, welche sie nicht sahen, nach einer Beschreibung sich eine Vorstellung davon machen können.

106 Jones stand einige Minuten unbeweglich da und blickte nach Süden, weshalb der Alte fragte, was er so aufmerksam betrachte. »Ach, Herr,« antwortete er mit einem Seufzer, »ich versuchte den Weg zu verfolgen, der mich hierher gebracht hat. Guter Gott, wie weit liegt Gloucester von uns! Und welch' weiter Raum muß mich von meiner Heimath trennen!«

Ja, ja, junger Herr, fiel der Andere ein, und Ihrem Seufzer nach von dem, was Sie mehr lieben, als Ihre Heimath, wenn ich mich nicht irre. Das, nach dem Sie blicken, ist nicht zu erkennen, und doch sehen Sie, wie ich glaube, mit Vergnügen in jener Richtung hin.

Jones antwortete mit einem Seufzer: »Sie haben, alter Freund, die Gefühle Ihrer Jugend nicht vergessen. Meine Gedanken waren allerdings mit dem beschäftiget, was Sie vermutheten.«

Sie gingen dann weiter nach jenem Theile des Berges, der nach Nordwesten sieht und einen weitgedehnten Wald überragt. Kaum waren sie hier angekommen, als sie in der Ferne das laute Schreien einer weiblichen Person hörten, das aus dem Walde unten heraufzudringen schien. Jones horchte einen Augenblick, dann lief er, ohne ein Wort zu seinem Begleiter zu sagen (die Sache schien sehr dringend zu sein), den Berg hinunter und eilte, ohne im Geringsten an seine eigene Sicherheit zu denken, gerade nach dem Dickichte hin, von dem die Stimme herzukommen schien.

Er war nicht weit in den Wald hineingekommen, als sich ihm ein höchst ungewöhnlicher schrecklicher Anblick darbot; eine völlig entkleidete Frauensperson befand sich nämlich in den Händen eines Bösewichtes, der ihr sein Knieband um den Hals gelegt hatte und sie daran auf einen Baum hinaufzuziehen suchte. Jones fragte nicht erst lange, sondern fiel sogleich den Kerl an und brauchte seinen eichenen Stock 107 so wirksam, daß er den Uebelthäter niederstreckte, ehe derselbe sich wehren konnte, ja selbst ehe er wußte, daß er angegriffen werde; auch stellte er seine Schläge nicht ein, bis das Frauenzimmer selbst bat, aufzuhören.

Die Arme sank sodann vor Jones auf ihre Kniee nieder und dankte ihm tausendmal für ihre Rettung. Er hob sie sogleich auf und sagte, er freue sich sehr über den Zufall, der ihn ihr zu Hilfe gesendet habe, wo sie sonst wahrscheinlich keine hätte finden können, so daß ihn der Himmel zum glücklichen Werkzeuge ihrer Rettung auserkoren haben müsse. »Ja,« entgegnete sie, »ich könnte Sie fast für einen guten Engel halten, und Sie gleichen auch wirklich in meinen Augen mehr einem Engel, als einem Menschen.« Jones war allerdings ein schöner Mann, und wenn eine schöne Figur, eine angenehme Gesichtsbildung, Jugend, Gesundheit, Kraft, Muth und Gutmüthigkeit einen Menschen einem Engel gleichmachen können, so glich Jones gewiß einem solchen.

Die befreite Gefangene dagegen hatte nicht eben viel von einem Engel; sie schien wenigstens in dem mittlern Alter zu stehen und in ihrem Gesichte war nicht viel von Schönheit zu entdecken; da ihr aber die Kleidungsstücke am oberen Theile des Körpers ganz abgerissen waren, so zogen ihre schön geformten und außerordentlich weißen Brüste die Blicke ihres Befreiers an. So standen sie eine Zeit lang einander schweigend gegenüber und blickten einander an, bis der Kerl am Boden sich wieder zu regen anfing, weshalb Jones das Knieband nahm, das zu einem andern Zwecke hatte dienen sollen, und ihm damit die Hände auf dem Rücken zusammenband. Er sah ihm jetzt auch zum ersten Male in das Gesicht und erkannte zu seiner großen Verwunderung, sowie wahrscheinlich mit nicht geringerer Genugthuung den Fähndrich Northerton. Dieser hatte seinen früheren Gegner auch nicht vergessen, und erkannte denselben, sobald er wieder zu sich kam.

108 Jones half ihm auf die Beine, sah ihm dann fest in das Gesicht und sagte: »Sie glaubten wohl, mir in dieser Welt niemals wieder zu begegnen, und ich gestehe, daß auch ich nicht erwartete, Sie hier zu finden. Das Schicksal hat uns indeß noch einmal zusammengeführt und mir Genugthuung für die Beleidigung gegeben, die ich erhielt, ohne es selbst zu wissen.«

»Es verräth allerdings einen Mann von Ehre,« entgegnete Northerton, »sich dadurch Genugthuung zu verschaffen, daß man einen Gegner von hinten zu Boden schlägt. Ich kann Ihnen hier nicht Genugthuung geben, da ich keinen Degen habe, wenn Sie aber wirklich ein Ehrenmann sein wollen, so lassen Sie uns dahin gehen, wo ich mir eine Waffe verschaffen kann, und ich werde thun, was einem Manne von Ehre ziemt.«

»Ziemt es einem Schurken, der Sie sind,« fiel Jones ein, »das Wort Ehre in den Mund zu nehmen? Doch ich will meine Zeit nicht durch Streiten mit Ihnen verschwenden. Sie sind jetzt der Justiz Genugthuung schuldig und sie soll dieselbe haben.« Dann wendete er sich an die Frau und fragte sie, ob sie in der Nähe wohne, oder, wenn dies nicht der Fall sei, ob sie ein Haus in der Nachbarschaft kenne, wo sie anständige Kleidung sich verschaffen könne, um sich zu einem Friedensrichter zu begeben.

Sie entgegnete, daß sie in dieser Gegend völlig fremd sei, und Jones fuhr darauf fort, er habe einen Freund in der Nähe, der ihnen wohl Auskunft geben könne. Er wunderte sich eigentlich, daß der Mann vom Berge ihm nicht helfe. Dieser hatte sich aber, als unser Held sich entfernt, niedergesetzt, und ob er gleich ein Gewehr in der Hand hielt, ruhig und geduldig auf den Ausgang des Abenteuers gewartet.

Jones trat aus dem Walde heraus und stieg schnell zu 109 dem Alten hinauf, der ihm rieth, die Frau nach Upton zu bringen, als der nächsten Stadt, wo er ihr alle Bequemlichkeiten und Bedürfnisse würde verschaffen können. Jones ließ sich darauf den Weg zeigen, nahm Abschied von dem Manne vom Berge, ersuchte denselben, Partridge ihm nachzusenden und kehrte schnell in den Wald zurück.

Als unser Held sich entfernte, um bei seinem Freunde Erkundigung einzuziehen, war er der Meinung gewesen, der Bösewicht könne der armen Frau kein Leid zufügen, da ihm doch die Hände auf dem Rücken zusammengebunden. Außerdem wußte er, daß er einen Hilferuf immer hören müßte. Er hatte ferner dem Uebelthäter erklärt, er würde sogleich schwere Rache an ihm üben, wenn er versuche, irgend etwas Unrechtes zu unternehmen. Jones vergaß aber, daß, wenn auch Northertons Hände gebunden, doch die Füße desselben frei waren; auch hatte er ihm nicht verboten, von diesen Gebrauch zu machen, wie es ihm beliebe. Northerton hatte nichts versprochen, und meinte also, er könne sich entfernen, ohne sein Ehrenwort zu verletzen. Er brauchte also ohne Umstände seine Beine und entfernte sich durch den Wald hindurch, der seine Flucht begünstigte. Die Frau, deren Augen wohl mehr nach ihrem Befreier gewendet, achtete auf die Flucht des Verbrechers nicht und versuchte deshalb auch nicht, sie zu verhindern.

Jones fand also die Frau bei seiner Rückkehr allein. Er würde wohl versucht haben, Northerton wieder zu finden, aber sie wollte nicht zugeben, daß er ihn suche, sondern bat ihn, er möge sie nach der Stadt begleiten, nach welcher der Mann vom Berge sie gewiesen. »Die Flucht des Bösewichts,« sagte sie, »beunruhiget mich nicht, denn die Philosophie und das Christenthum predigen uns, Beleidigungen zu verzeihen. Dagegen thut es mir sehr leid, daß ich Ihnen Störung verursache, und ich sollte mich wirklich schämen, 110 Sie anzusehen, da ich so ganz entblößt bin. Müßte ich nicht Ihren Schutz wünschen, so möcht' ich wohl allein gehen.«

Jones bot ihr seinen Rock an, aber sie weigerte sich, ich weiß nicht, aus welchen Gründen, bestimmt, von dem freundlichen Anerbieten Gebrauch zu machen. Er ersuchte sie also, die Ursachen ihrer Verlegenheit zu vergessen; »ich habe, als ich Sie beschützte, weiter nichts als meine Pflicht gethan, und um Ihre Schamhaftigkeit zu schonen, werde ich immer vor Ihnen gehen, denn erstens möchte ich nicht, daß meine Augen Sie beleidigten, und zweitens kann ich nicht dafür bürgen, ob ich so vielen Reizen, als ich erblicke, zu widerstehen vermag.«

So gingen unser Held und die befreiete Schöne, wie in alter Zeit Orpheus und Eurydice gingen, indeß mußte Jones doch sich häufig umkehren, weil die Schöne oftmals seine Hilfe in Anspruch nahm, wenn ich auch nicht behaupten will, daß sie es absichtlich that. Auch war er glücklicher als Orpheus, denn er brachte seine Begleiterin, oder vielmehr Nachfolgerin, sicher in die berühmte Stadt Upton.


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