Henry Fielding
Die Geschichte des Tom Jones / Theil III
Henry Fielding

 << zurück weiter >> 

Viertes Kapitel.

Die Ankunft eines Kriegsmannes macht den Feindseligkeiten ein Ende und führt zu dem Abschlusse eines festen und dauernden Friedens zwischen allen Parteien.

Um diese Zeit kam ein Sergeant mit einigen Soldaten an, die einen Deserteur transportirten. Der Sergeant fragte sogleich nach der ersten Magistratsperson in der Stadt und erhielt von dem Wirthe die Antwort, daß er dies sei; darauf verlangte er seine Quartierbillets nebst einem Kruge Bier, klagte über die Kälte und streckte sich vor dem Feuer in der Küche aus.

Jones tröstete in diesem Augenblicke die arme Dame, die an einem Tische in der Küche saß, ihren Kopf auf ihren Arm stützte und ihr Unglück bejammerte. Damit aber meine schönen Leserinnen wegen eines besondern Umstandes nicht in Besorgniß sein mögen, halte ich es für zweckmäßig, zu erklären, daß sie sich, ehe sie das Zimmer oben verließ, mit einem Kissenüberzuge, den sie dort gefunden, verhüllt hatte, und ihre Schamhaftigkeit also durch die Gegenwart so vieler Männer in der Küche nicht verletzt wurde.

118 Einer der Soldaten trat nach einiger Zeit zu dem Sergeanten und flüsterte ihm etwas in das Ohr, worauf derselbe die Dame forschend ansah, als dies geschehen, zu ihr ging und sagte: »ich bitte um Verzeihung, Madame, aber ich irre mich gewiß nicht, Sie können keine andere sein, als die Frau des Capitain Waters.«

Die arme Frau, die in ihrer Noth auf die Anwesenden wenig geachtet hatte, sah nun ihrerseits den Sergeanten an, erinnerte sich auch desselben, nannte seinen Namen und antwortete sodann, sie sei allerdings die unglückliche Person, die er in ihr vermuthe, setzte aber hinzu: »ich wundere mich, daß man mich in diesem Anzuge erkennt.« Darauf entgegnete der Sergeant, er sei sehr verwundert, die Dame in einem solchen Zustande zu erblicken, und müsse fürchten, daß ihr irgend ein Unglück begegnet sei. – »Ein Unglück ist mir allerdings begegnet,« sagte sie, »und ich bin dem Herrn da (auf Jones deutend) sehr verbunden; ohne seine Hilfe würde ich nicht mehr unter den Lebendigen sein.« – »Was der Herr Euch gethan hat,« fiel der Sergeant ein, »der Capitain wird es ihm vergelten. Wenn ich Ihnen einen Dienst erzeigen kann, so haben Sie nur zu befehlen, und ich werde mich glücklich schätzen, Ihnen dienen zu können. Jeder in einer solchen Lage wird sich gratuliren können, denn der Capitain wird es gewiß vergelten.«

Die Wirthin, welche auf der Treppe das, was zwischen dem Sergeanten und Mad. Waters vorkam, mit angehört hatte, kam schnell herunter, eilte sogleich auf sie zu, bat sie um Verzeihung wegen des Geschehenen und ersuchte sie, alles dem Umstande zuzuschreiben, daß sie nicht gewußt habe, wer sie sei. »Wie sollte ich mir haben einbilden können, eine Dame von Ihrem Stande würde in einem solchen Aufzuge erscheinen? Hätte ich es nur ahnen können, so würde ich lieber meine Zunge verbrannt, als das gesagt 119 haben, was ich sagte. Ich hoffe, Madame, Sie nehmen ein Kleid von mir an, bis Sie eigene Kleidungsstücke erhalten können.«

»Schweigen Sie,« antwortete Mad. Waters; »wie können Sie glauben, daß ich irgend etwas beachte, was von den Lippen so gemeiner Menschen kommt? Aber es wundert mich, daß Sie glauben können, ich würde nach dem, was vorgefallen ist, etwas von Ihren Habseligkeiten annehmen.«

Hier schlug sich Jones in's Mittel und ersuchte Mad. Waters, der Wirthin zu verzeihen und das angebotene Kleid anzunehmen; »denn ich muß gestehen,« sagte er, »unser Aussehen, als wir hereintraten, war wohl etwas verdächtig, und ich bin überzeugt, daß die gute Frau alles, was sie that, nur in Rücksicht auf den guten Ruf ihres Hauses that.«

»Ja, ganz gewiß,« entgegnete sie; »der Herr spricht wie ein Ehrenmann und er ist es sicherlich auch. Glauben Sie, mein Haus hat einen so guten Ruf, als irgend eines an der Straße und wird von vornehmen Leuten besucht. Hätte ich, wie gesagt, gewußt, daß die Dame eine vornehme Dame ist, ich würde mir lieber die Finger verbrannt, als sie beleidiget haben. Sie werden mir es nicht verdenken, daß ich da, wo vornehme Leute einkehren und ihr Geld verzehren, kein Lumpenpack dulde, das überall, wo es sich aufhält, mehr Ungeziefer, als Geld sitzen läßt. Solches Volk erregt niemals mein Mitleid, und es ist auch ganz thöricht, mitleidig zu sein; wenn unsere Obrigkeit thäte, was sie thun sollte, wären alle nichtsnützigen Armen längst schon aus dem Lande hinausgepeitscht, und das wäre das Beste für Alle. Sie, es thut mir herzlich leid, hat gewiß ein Unglück betroffen, und wenn Madame mir die Ehre erzeigen wollen, meine Kleider zu tragen, bis Sie eigene erhalten können, so stehen Ihnen meine allerbesten zu Diensten.«

120 Ich will es unentschieden lassen, ob die Kälte, oder das Zureden Jones, mehr über Mad. Waters vermochten; genug, sie ließ sich durch diese Rede der Wirthin besänftigen und ging mit derselben fort, um sich anständig zu kleiden.

Der Wirth wollte ebenfalls eine Anrede an Jones beginnen, er wurde aber sogleich von dem jungen Manne unterbrochen, der ihm herzlich die Hand schüttelte und ihm gänzliche Verzeihung zusicherte, indem er sagte: »Wenn Sie zufrieden gestellt sind, mein würdiger Freund, ich bin's,« und in einem Sinne hatte der Wirth alle Ursache, zufrieden zu sein, denn er hatte eine Tracht Prügel erhalten, während Jones kaum einen Schlag gefühlt.

Partridge, der diese ganze Zeit über beschäftiget gewesen war, seine blutende Nase an dem Brunnen zu waschen, erschien in der Küche, als eben Jones und der Wirth einander die Hände schüttelten. Da er ganz friedlich gesinnt war, so sagte ihm dieses Zeichen der Versöhnung gar sehr zu, und obgleich sein Gesicht manche Spuren von Susanna's Faust und noch mehr von ihren Nägeln an sich trug, so begnügte er sich doch lieber mit dem Ausgange des letzten Kampfes, als daß er versucht hätte, einen bessern herbeizuführen.

Die heroische Susanne war ebenfalls mit ihrem Siege wohl zufrieden, ob er ihr gleich ein blaues Auge gekostet, das sie von Partridge bei dem ersten Angriffe erhalten hatte. Zwischen Beiden wurde also ein Bündniß geschlossen, und dieselben Hände, welche die Kriegswerkzeuge gewesen waren, wurden die Vermittler des Friedens.

So war die vollkommene Ruhe wieder hergestellt, und er Sergeant gab seine Zufriedenheit damit zu erkennen, ob es gleich seinem Stande entgegen war. »Das ist recht, das ist freundschaftlich,« sagte er, »Gott verdamm' mich, ich kann es nicht leiden, wenn zwei mit einander grollen, 121 nachdem sie einen Strauß mit einander gehabt haben. Die einzige Art, wie Freunde einen Streit, den sie mit einander haben, auf freundschaftliche Weise tilgen können, ist entweder mit der Faust, mit dem Degen, oder dem Pistole, je nachdem es ihnen gefällt; dann aber muß es genug sein; ich für meinen Theil, Gott verdamm' mich, habe meinen Freund niemals lieber, als wenn ich mich mit ihm schlage. Nachzutragen ist Französisch, nicht Englisch.«

Dann schlug er ein Trankopfer vor als einen nothwendigen Theil der Ceremonie bei allen Verträgen solcher Art. Vielleicht schließt der Leser daraus, er sei in der alten Geschichte wohl erfahren gewesen; ich will es aber nicht behaupten, obwohl es wahrscheinlich ist, da er keinen Gewährsmann anführte. Jedenfalls gründete sich seine Meinung auf eine sehr gute Autorität, denn er betheuerte sie mit vielen kräftigen Flüchen.

Jones hatte kaum von dem Vorschlage gehört, als er auch mit dem gelehrten Sergeanten einstimmte und eine Bowle oder vielmehr einen großen Krug mit der Flüssigkeit bestellte, deren man sich bei solchen Gelegenheiten bedient, und dann die Ceremonie begann. Er legte seine rechte Hand in die des Wirthes, ergriff die Bowle mit der linken, sprach die gewöhnlichen Worte und goß etwas von dem Inhalte aus, worauf alle andere Anwesende diesem Beispiele folgten. Es ist nicht eben nöthig, die ganze Förmlichkeit genau zu beschreiben, da sie bekannt genug ist. Die Hauptverschiedenheit von der Ceremonie der Alten lag darin, daß Jeder aus der Gesellschaft den Trank in die Kehle goß und daß der Sergeant, der als Priester fungirte, zuletzt trank. Er behielt jedoch, glaube ich, darin die alte Form bei, daß er das Meiste genoß und daß er allein nichts zu den Kosten beitrug.

Die guten Leute stellten sich nun um das Küchenfeuer, wo die gute Laune unbeschränkt zu herrschen schien. Partridge 122 vergaß nicht blos seine schmachvolle Niederlage, sondern wurde bald außerordentlich spaßhaft. Wir müssen indeß die angenehme Gesellschaft eine Zeit lang verlassen und Jones in das Zimmer der Mad. Waters begleiten, wo die Mahlzeit, die er bestellt hatte, auf dem Tische stand. Es gehörte freilich auch keine große Mühe zur Vorrichtung, da sie schon drei Tage alt war und nur gewärmt zu werden brauchte.


 << zurück weiter >>