Henry Fielding
Die Geschichte des Tom Jones / Theil III
Henry Fielding

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Drittes Kapitel.

Der Wundarzt tritt zum zweitenmale auf.

Ehe wir weiter gehen, damit die Leser nicht irrigerweise glauben, die Wirthin habe mehr gewußt, oder sich wundern, daß ihr so viel bekannt gewesen, wird es nöthig sein ihm anzuzeigen, daß der Lieutenant ihr erzählt hatte, der Name Sophie sei die Veranlassung zu dem Streite gewesen. Woher sie das übrige wußte, wird der Leser aus der vorhergegangenen Scene abgenommen haben. Sie besaß allerdings neben ihren guten Eigenschaften eine große Portion Neugierde und ließ gutwillig Niemanden aus ihrem Hause, bevor sie ihn über seine Familie und alle seine Angelegenheiten gehörig ausgefragt hatte.

14 Kaum hatte sie sich entfernt, als Jones, statt über ihr Benehmen nachzudenken, seine Gedanken auf den reizenden Umstand lenkte, daß er sich in demselben Bette befinde, das seine theure Sophie umfaßt hatte. Dieser Umstand weckte tausend zärtliche Gedanken, bei denen wir uns länger aufhalten würden, wenn wir nicht darauf Rücksicht nähmen, daß solcher Liebhaber wenige unter unsern Lesern sein werden. In diesem Zustand fand ihn der Wundarzt, als derselbe erschien, um ihm die Wunde zu verbinden. Sobald der Doctor bei der Untersuchung fand, daß der Puls unregelmäßig war, und sodann hörte, der Patient habe nicht geschlafen, erklärte er, derselbe sei in großer Gefahr, ja er fürchte, es möchte ein Fieber eintreten. Dies wollte er durch Aderlassen abwenden, aber Jones gab seine Zustimmung dazu nicht und erklärte bestimmt, er würde nicht mehr Blut hergeben. »Und, Doctor,« setzte er hinzu, »wenn Sie nur so gut sein wollen, meinen Kopf zu verbinden, so zweifle ich nicht, daß in einem oder einem Paar Tagen alles wieder gut ist.«

»Ich wollte,« entgegnete der Wundarzt, »ich könnte Ihnen die Versicherung geben, daß Sie in einem oder einem Paar Monaten wohl sein werden. Aber von solchen Contusionen erholen sich die Leute nicht so schnell wieder. Uebrigens lasse ich mir von meinen Patienten keine Vorschriften machen und ich bestehe auf einer Blutentziehung vor dem Verbinden.«

Jones beharrte fest auf der Weigerung und der Doctor gab endlich nach, erklärte indeß zugleich, er nehme die Verantwortlichkeit wegen der etwaigen schlimmen Folgen nicht auf sich, und hoffe, der Herr werde ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen und anerkennen, daß er ihm das Gegentheil gerathen, was der Patient bereitwillig versprach. Der Doctor kehrte darauf in die Küche zurück, wo er sich 15 gegen die Wirthin bitter über das ungehörige Benehmen seines Patienten beschwerte, der sich keine Ader öffnen lassen wolle, ob er gleich das Fieber habe.

»Das Freßfieber wird er haben,« entgegnete die Wirthin, »denn er hat diesen Morgen zum Frühstücke übermäßig gegessen.«

– »Wohl möglich,« meinte der Doctor, »es ist mir schon vorgekommen, daß Leute in völligem Fieber aßen; auch läßt sich das leicht erklären, weil die Säure, die durch den Fieberstoff erzeugt wird, die Nerven des Zwerchfells reizt und dadurch ein Verlangen veranlaßt, das nicht leicht von der gewöhnlichen Eßlust zu unterscheiden ist. Aber die Nahrungsmittel werden nicht in Chylus verwandelt, zerfressen vielmehr die Gefäßöffnungen und erhöhen und verschlimmern dadurch die Fiebersymptome. Mit dem Manne oben steht es sehr schlimm und wenn ihm kein Blut abgelassen wird, wird er, fürchte ich, sterben.«

»Jedermann muß irgend einmal sterben,« antwortete die gute Frau; »das ist meine Sache nicht. Ich hoffe, Doctor, Sie werden nicht verlangen, daß ich ihn halte, während Sie ihm zur Ader lassen. Aber ein Wort! Ehe Sie sich zu viel Mühe geben, erkundigen Sie sich, wenn ich Ihnen rathen darf, wer Sie bezahlt.«

– »Bezahlt!« wiederholte der Doctor, indem er die Augen weit aufriß; »behandele ich denn nicht einen vornehmen jungen Mann?«

»Ich hielt ihn auch dafür,« entgegnete die Wirthin, »aber, wie mein Seliger zu sagen pflegte, es ist nicht alles Gold, was glänzt. Er ist ein Erzlump, versichere ich Sie. Lassen Sie sich aber nichts merken, daß ich etwas davon gegen Sie erwähnt; meiner Meinung nach sollten Geschäftsleute einander solche Dinge immer mittheilen.«

16 – »Und ich habe mir von einem solchen Menschen Vorschriften machen lassen?« rief der Doctor höchlich erzürnt. »Ich soll meine Handlungsweise von Einem tadeln lassen, der mich nicht bezahlt? Es freut mich, daß ich diese Entdeckung noch zeitig genug gemacht habe. Jetzt wollen wir einmal sehen, ob er sich eine Ader schlagen lassen will oder nicht.« Er ging sogleich die Treppe wieder hinauf, riß die Thür des Zimmers heftig auf, erweckte den armen Jones aus dem tiefen Schlafe, in den er gesunken, und was noch schlimmer war, aus einem süßen Traume von Sophien.

»Wollen Sie sich nun eine Ader schlagen lassen oder nicht?« rief der Doctor wüthend.

– »Ich habe Ihnen meinen Willen bereits erklärt,« antwortete Jones, »und wünsche sehr, Sie hätten auf meine Antwort geachtet, denn Sie haben mich aus dem süßesten Schlafe geweckt, den ich in meinem Leben gehabt habe.«

»Ja, ja,« antwortete der Doctor, »mancher Mensch hat sein Leben verschlafen. Der Schlaf ist nicht immer gut, ebenso wenig als Essen; jetzt frage ich Sie zum letzten Male, wollen Sie sich eine Ader öffnen lassen oder nicht?«

– »Und ich antworte zum letzten Male, daß ich keine Lust dazu habe,« antwortete Jones.

– »Dann mag ich von Ihnen nichts mehr wissen und ersuche Sie, mich für die Mühe zu bezahlen, die ich mit Ihnen bereits gehabt habe. Zwei Wege à 1 Rthlr. 16 Gr., zwei Verbände à 1 Rthlr. 16 Gr. und eine halbe Krone für den Aderlaß.«

»Ich will nicht hoffen, daß Sie mich in diesem Zustande verlassen,« entgegnete Jones.

»Das werde ich allerdings,« sagte der Andere. – »Dann haben Sie schändlich an mir gehandelt und ich bezahle Ihnen keinen Pfennig,« fuhr Jones fort. – »Auch gut,« 17 erwiederte der Arzt, »der erste Verlust ist der beste. Das dachte auch die Wirthin, daß sie wegen solcher Landstreicher zu mir schickte!« Mit diesen Worten lief er schnell aus dem Zimmer hinaus, sein Patient dagegen wendete sich auf die andre Seite und schlief bald wieder ein. Sein Traum freilich war dahin.


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