Henry Fielding
Die Geschichte des Tom Jones / Theil III
Henry Fielding

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Erstes Kapitel.

Ueber die, welche Geschichten, wie die vorliegende, schreiben, und die, welche dergleichen nicht schreiben dürfen.

Unter andern Zwecken, um deretwillen ich diese verschiedenen einleitenden Kapitel einführte, war auch der, daß sie eine Art Zeichen oder Stempel sein sollten, nach dem selbst ein unachtsamer Leser das, was in dieser Art von Geschichtschreibung wahr und ächt ist, von dem Falschen und Nachgeahmten unterscheiden könnte. Ein solcher Stempel scheint wirklich in der Kürze nöthig zu werden, da die günstige Aufnahme, welche einige Schriftsteller mit Werken dieser Art bei dem Publicum gefunden haben, andere wohl veranlassen dürfte, auch solche zu verfassen, so daß eine Masse alberner Novellen und ungeheuerlicher Romane zu Tage kommen würde zum Nachtheile der Buchhändler und zum Verderben der Moralität der Leser.

Ich will nun zwar keineswegs behaupten, daß das größte Verdienst solcher historischer Erzählungen jemals in diesen einleitenden Kapiteln liegen könnte; aber jene Theile, welche blos Erzählung enthalten, reizen doch die Feder der 103 Nachahmer mehr als jene, welche Beobachtungen und Reflexionen bieten.

Es gehört gewiß ein seltenes Talent dazu, gute Erzählungen zu erfinden und sie gut vorzutragen, und doch hält man Beides für sehr leicht; denn wer weiter nichts schreiben kann, glaubt doch einen Roman schreiben zu können. Daher schreibt sich denn auch die Verachtung, mit welcher diese Art Werke meist angesehen werden.

Um nun in Zukunft solchen Mißbrauch, der mit der Zeit, mit Papier und Tinte und mit der Druckfreiheit getrieben wird, einigermaßen zu verhindern, will ich hier einige der Eigenschaften anführen, welche Derjenige nothwendig besitzen muß, der einen solchen historischen Roman schreiben will.

Die erste ist Geist, den, wie Horaz sagt, kein Studium zu ersetzen vermag. Unter Geist verstehe ich aber die Fähigkeit, alle Dinge, die wir zu erreichen vermögen und kennen, zu durchdringen und ihre wesentliche Verschiedenheit zu ergründen. Diese Fähigkeit ist keine andere, als das Erfindungs- oder das Urtheilsvermögen, und beide zusammen nennen wir Geist, da wir diese Gaben der Natur mit auf die Welt bringen. Manche sind in Bezug auf dieselben in große Irrthümer verfallen, denn unter Erfindung versteht man meist die Fähigkeit zu schaffen, auf welche allerdings die meisten Romanschriftsteller Anspruch zu haben scheinen, während Erfindung eigentlich weiter nichts bedeutet, als Entdeckung, Ausfindigmachung, oder ein schnelles und scharfsinniges Erkennen des wahren Wesens aller Gegenstände, die wir betrachten. Dieß kann ohne Urtheilskraft nicht oder nur selten bestehen.

So selten nun auch diese beiden Eigenschaften in einem Menschen vereiniget sind, so reichen sie doch zu unserem Zwecke allein nicht hin, ohne einen guten Theil von Gelehrsamkeit. Hier könnte ich wiederum Horaz und viele Andere, 104 wenn es nöthig wäre, als Autorität anführen, um zu beweisen, daß Werkzeuge einem Arbeiter nichts nützen, wenn sie nicht durch die Kunst geschärft werden, oder wenn es ihm an Material fehlt, das er damit bearbeiten kann. Alles dies gewährt die Gelehrsamkeit, denn die Natur kann uns nur die Fähigkeit, oder, wie ich ausdrückte, die Werkzeuge zu unserer Beschäftigung geben; die Gelehrsamkeit muß sie für den Gebrauch vorrichten, bei dem Gebrauche als Lehrerin dienen und häufig das Material herbeischaffen. Eine vollkommne Kenntniß der Geschichte und schönen Literatur ist hier durchaus nothwendig, und ohne dieselbe als Schriftsteller in diesem Fache auftreten zu wollen, wäre eben so thöricht und vergeblich, als wenn man versuchte, ein Haus ohne Holz und Mörtel und Steine zu bauen.

Eine andere Art Kenntniß kann dagegen wiederum die Gelehrsamkeit nicht geben; sie ist vielmehr blos durch Umgang mit Menschen zu erlangen. Dieser ist so nothwendig zum Verständniß der Charactere der Menschen, daß derselbe Niemandem mehr abgeht, als jenen gelehrten Pedanten, die ihr Leben ausschließlich in Schulen und unter Büchern verbracht haben, denn wie trefflich auch die menschliche Natur von Schriftstellern beschrieben worden sein mag, das wahre practische System kann doch blos in der Welt selbst erlernt werden.

Der Umgang mit der Welt, den ein Romanschriftsteller zu pflegen hat, muß allgemein sein, d. h. er muß sich auf jeden Rang und Stand der Menschen ausdehnen; denn wer das vornehme Leben kennt, weiß darum noch nichts von dem niedern und umgekehrt. Obgleich man vielleicht glaubt, die Kenntniß eines dieser Stände befähige wenigstens zur Schilderung desselben, so ist dies doch nicht ganz begründet, denn die Thorheiten jedes Standes erläutern einander.

Alle diese bisher erwähnten Eigenschaften reichen noch 105 immer nicht aus; der Romanschriftsteller muß auch das, was man unter einem guten Herzen versteht, und Gefühl besitzen. Der Schriftsteller, der mich zum Weinen bringt, sagt Horaz, muß vorher selbst geweint haben. Und es kann in der That Niemand Noth und Leid gut schildern, wer es bei der Beschreibung nicht mit empfindet. Ich zweifele nicht im mindesten daran, daß die rührendsten Scenen mit Thränen in den Augen geschrieben worden sind. Ebenso ist es mit dem Lächerlichen. Ich bin überzeugt, daß ich meinen Leser niemals zu herzlichem Lachen nöthige, als da, wo ich vor ihm gelacht habe, er müßte dann, statt mit mir, über mich lachen. Dies ist vielleicht auch bei einigen Stellen in diesem Kapitel der Fall gewesen, und um nicht wieder dazu Veranlassung zu geben, schließe ich.


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