Heinrich Federer
Papst und Kaiser im Dorf
Heinrich Federer

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Kapitel 29

In dieses Chaos gebot ein wohlbekannter mächtiger Bass plötzlich: »Liebe Leute, machet Platz! Im Namen Gottes, was geschieht denn da?« Mit langen Schritten marschierte Carolus in den Trubel, riss die blauen Augen auf und würgte am Verstehen. Ihm war, er sei aus allen seligen Himmeln gefallen. Weit wichen die Dörfler auseinander. Wie sah ihr Seelsorger aus, übernächtigt, ohne Hut, das Haar voll Tannadeln, den Stecken zerschält, bis hoch hinauf von Kot überspritzt, im wüsten, zerfetzten Regenmantel. Hat er entfliehen wollen und trieben ihn Sturm und Gottes Zwang zurück vor diese Verurteilung? Da war er jedenfalls, der Urheber aller dieser Plagen.

Mit einem Gemurmel des tiefsten Unwillens empfing ihn der Haufen.

Der Pfarrer äugte in diesen Regen von Steinen, Scheitern und Werkzeug, in dieses höllische Getobe empor, und einen Moment musste er sich breitsohlig auf beiden gewaltigen genagelten Schuhen Numero 48 verspreizen, um den Stand vor dem Andrang des Blutes nicht zu verlieren.

Hat er geträumt die Wochen bis heute? Da wird ja sein Werk, seiner Tage Schweiss und Fröhlichkeit bübisch zerstört. Wo ist der Forni? Wo ist noch Überlegung da oben? Wie entsetzlich arbeiten sie. Das sind nicht Regierende, das sind Regierte, sie müssen, sie können nicht anders, sie stehen unter höherer Macht. So grausig es scheint, es sind Gottes ureigene Hände, die da oben wirken. Dennoch, ich liebe, ich küsse diese deine Hände, ich ergebe mich drein, o Gott! geht es ihm ergreifend durchs Herz ... Aber er fühlt in dieser Minute etwas wie einen Bruch langsam, langsam durch seinen Körper, noch mehr durch sein ganzes Wesen gehen. Etwas hat sich gespalten, ist geborsten vom Fuss bis zum Wirbel, ähnlich wie durch lebendes Holz ein feiner Riss von zu unterst bis zu oberst geht, wenn ein plötzlicher scharfer Axthieb in die Herzmitte gezückt hat.

Neugierig, böse, verwundert, schadenfroh, auch mitleidig da und dort blickte alles auf Carolus, wie er gebannt dastand, bis unter das Haar erbleichte und wie verzaubert in den Greuel dort oben sah, wo plötzlich zwei Beine in die Luft hinauszappelten, aber noch rasch hereingezerrt wurden. Da endlich öffnete er seine violette Lippe und rief: »Kann denn niemand den armen Menschen dort oben helfen? Sie morden sich ja selbst!«

Das hatte man nicht erwartet.

»Wo ist der Ammann? Ich bitte sehr, Corneli möge kommen.«

»In der Kirche. Holt ihn aus der Kirche,« schrie man.

Da legte sich eine Hand auf Carls Arm. Sigi stand mit fieberig leuchtenden Augen da. Wie Smaragde blickten sie. Schmuck, das Haar dunkel aufleuchtend, mit schneeweissen Manschetten und blanken Schuhen stand er und sagte ruhig zum Pfarrer: »Einen Augenblick Geduld, ich renne hinauf.«

Das war schneller gesagt als getan. Aber der behende Bursche mit seinen elastischen Muskeln wand sich wie eine Katze empor. Es stob von staubiger Luft die dunkeln Treppen herunter und grölte furchtbar zu Häupten. Aber atemlos schlüpfte er höher und höher und begegnete dem bewusstlos heruntergetragenen Forni. »Attenzione!« keuchten die Italiener. Was Attenzione? Jetzt tu’ ich einmal etwas Famoses. Er schwang sich über die Glocken empor und sprang plötzlich wie ein gezücktes Schwert in die Raserei dieser Menschen, die mit jedem Wurf und Krach toller wurden, lachten, sangen und geiferten.

»Was macht ihr Esel?« zischte Sigi sie an, und das Pagodendach der Oberlippe schwellte auf und färbte sich blau, während seine Finger zu zittern begannen. Er hielt beide Hände an den Mund und schrie so laut, dass man es unten hörte: »Ihr sägt euch ja den Ast ab, auf dem ihr sitzt, in ein paar Minuten fliegt ihr hinunter.«

»Was geht das dich an, du Cheib, du Pfarrerssöhnlein, du Stölzling! Warte, wir wollen dir einmal deine hübschen Höslein striegeln!«

Aber Sigi sprang zornweiss bis zum Rande der Bretter hinaus, von unten sahen ihn alle, und sagte: »Schimpft, prahlt, aber morgen wollt ihr doch auch noch leben, oder? Seht da unten! Der Corneli ... er winkt ... der Polizist! Wollt ihr gleich aufhören oder noch heut’ ins Zuchthaus, he? ... Ihr lacht euch ja selber aus!« ... Mit einem unwiderstehlichen Spott funkelte er sie an.

Die Worte Corneli, Zuchthaus taten einen Augenblick ihre Wirkung. Aber der Rausch war zu mächtig und überflutete ihre Versuche zu überlegen. – »Was macht uns der Balg weis?« wütete Lienhard, einen Knüppel in der Hand. »So ein Büblein will ich schon zum Schweigen bringen.«

Er näherte sich vorsichtig zum Sigi hinaus. Dieser wich zurück, so weit er noch konnte, immer bleicher das Gesicht, immer fahler das Kindsmäulchen. Dann aber stand er still, raffte seine ganze Seele zusammen und kommandierte: »Zurück! Oder ...!« Mit der einen Hand umkrampfte er einen Balken, mit der andern schnellte er einen Revolver aus der Brust und zielte dem Verfolger mit gezogenem Lauf geradwegs aufs Herz. Aber die zwei grünen Funken im Auge Sigis loderten jetzt furchtbarer als jeder noch so tödliche Funken, der in der Waffe schlummern mochte. »Zurück!« schrie er heiser ... Schaum trat über die Lippen ... »Eins, zwei ... ich schiesse ... dr ...«

Das war zu reell. Lienhard stellte rasch Schuh für Schuh hinter sich, die andern horchten, duckten sich, krochen gegen die Mauern. Es wurde auf einmal still. Nur der Sargmacher stand ruhig neben dem Turmloch und schaute zu. Da sah er, wie dem Sigi plötzlich der Revolver entfiel, er kreideweiss ward, die Augen verdrehte, das Knie einbog und den Griff der Stange mit einem unartikulierten Laut losliess. Matthias sprang hinaus, aber schon war der Junge über den Rand geglitten und schoss wie ein gestürzter schöner Engel ins Leere hinunter. Oben und unten ein entsetzlicher Schrei, das Aufschlagen eines weichen Körpers, und am Fenster der Ilge eine Mutter, die aufs Gesimse klettern und hinunterspringen wollte. Eine tödliche Stille entstand. Auf einmal waren alle Leidenschaften zu Eis erstarrt.

»Tragt den jungen Mann weg,« tönte jetzt Cornelis Stimme unendlich beruhigend. Der Ammann war zur Leiche getreten und überprüfte den Toten aufmerksam. Nie sagte er einem Menschen unter dreissig Jahren Mann. Alle spürten die Ehre dieses Wortes ergreifend.

»Ich war in der Kirche, wusste nichts, hätte auch nichts verhindern können,« fuhr er dünn und hart fort. »Gott weiss die ... den Schuldigen!«

Alle, alle schauten wie unter einem inneren Befehl zum Pfarrer, der gegenüber stand, steif, ohne Hut, verdreckt und zerfetzt, fast wie ein gewaltiger Bettler oder Übeltäter, aber nicht imstande, sich vom Fleck zu bewegen. Als ihn die hundert Augen so schwer grüssten, senkte er das Haupt.

»Im Namen der Gerechtigkeit gebiete ich,« schloss Corneli feierlich, »dass alle Arbeiter dort oben, die gefrevelt haben, mit Handschellen ins Spritzenhaus gelegt werden, bis die Bezirksmannschaft da ist. Aber diesem jungen Mann wollen wir übermorgen ein stattliches Begräbnis geben. Er hat grosse Unehre und Untat verhütet. Ich bitte alle, in die Kirche zu kommen und mit mir fünf Vaterunser für seine etwas stürmische Seele zu beten.«

Alles ging mit Corneli. Der Ammann war Pfarrer. Carolus stand da wie versteinert. Eben trug man den Forni ins Pfarrhaus.

Endlich ermannte sich Carl, trat durchs Hauptportal in die Kirche, schritt durch das Volk zum Chor, zog an den Stufen den Mantel aus und wandte sich im schimmernden Priesterrock mit dem Sakrament gegen das Volk. Und auf einmal erfuhren alle, dass der Pfarrer in dieser furchtbaren Nacht jedenfalls weit, vielleicht nach Rindeln, zu einem Sterbenden gegangen und eben heimgekehrt war. Sie sahen ihn plötzlich, wie er überhaupt hundertmal so ging und kam, zu jeder Zeit, auf jeden Ruf, an jedes Bett. Ein merkwürdiges Gefühl rieselte durch dieses arme, geplagte, seiner Sinne nicht mehr mächtige Volk.

Der Pfarrer hob das Allerheiligste hoch und segnete seine untreuen Pfarrkinder mit rührender Innigkeit. Er wusste, es geschah zum letzten Mal.

In der Sakristei zog Eusebius gerade sein Messkleid aus. Er wusste alles durch den Mesmer. Ein Auge voll Erbarmung traf den Prinzipal, während dieser sich in schwarze Seide warf, um die Totenmesse für den lieben Verunglückten zu lesen, von dem er beinahe noch glaubte, es sei bloss einer von Sigis Spässen, dass er nicht mehr lebe, witzle und die Brauen zu einem voreilig tiefsinnigen Spruch in die Stirne hinan zacke. Nach der Messe sagten sich die priesterlichen Freunde kein anderes Wort als: »Salve, Frater, Lebewohl, Bruder!« und im Tone dieser zwei Worte lag mehr als nur die Ahnung, sich nie mehr in Lustigern zu sehen. Es tönte wie in eine nahe Ewigkeit hinein. –

Cornelius ordnete mit knabenhafter Frische das Nötige. Das erste Verhör wurde abgenommen und mit Ausnahme des Matthias, der vielen trotz seiner Wortlosigkeit als der Unheimlichste von der Bande erschien, nach dem Hauptort in Haft gebracht. Um den Turm ward eine Schutzwache aufgestellt, das kantonale Bauamt telegraphisch hergerufen, und mit dieser Depesche schnellte eine andere durch die singenden Drähte über die Toggenburgerwiesen zum Hauptort, flog in die bischöfliche Kanzlei und sprach: »Ich nehme unverzüglich und dankbar die Beichtigerstelle an, reise morgen früh hin und halte mich zur Verantwortung gehorsam bereit. Carolus Bischof.«

Den ganzen Tag beschäftigte sich der Pfarrer mit seinen Papieren und Büchern. Zwar das Pfarramtliche glänzte in sauberster Ordnung, so dass man nur die Deckel zu öffnen brauchte. Auch der Hausrat und sogar die Bibliothek schuf Carl keine Sorge. Das würden die Fuhrleute schon recht ordnen. Er wollte auch nirgends Abschiedsbesuche machen. Seine Seele machte freilich Tausende. Aber bis weit über Mitternacht sass er am Pult und rechnete und zählte und schrieb, die nassäugige, todtraurige Peregrina hart neben sich, deren weisse Haaresfülle in wilder Verzweiflung auseinanderflatterte. Sie strickte ihm noch an einem Paar Socken, weil es oben im Klösterlein so kalte Gänge und Zimmer habe und die armen Nonnen so spärlich heizen.

Carl füllte Bogen auf Bogen mit einem sonnenklaren Bericht, was er von jeder Hand zur präzisen Zeit an Franken und Rappen für die Kasse ohne Kontrolle erhalten habe, was und wozu davon verausgabt wurde, was somit übrigbleibe. Es waren mit dem zurückgesandten Geld aus Zürich aufs letzte Kupfer genau, was er in Lustigern empfangen hatte. Diese Summe lag also noch unverletzt in der Kasse. Der kleine Verlust wegen Schül und der grosse am Turm bis heute war durch Mariannens grossmütige Summe, die Eusebius ebenso grossmütig aus seinem Säckel verdoppelte, nicht nur ersetzt, sondern es blieben noch beinahe fünftausend Franken Guthaben, um entweder den alten Turm herzustellen oder das Werk fortzusetzen. Für letztern Fall verpflichteten sich Eusebius und Carolus gemeinsam, die von Forni berechneten weitern Kosten von achttausend Franken entweder aus Eigenem oder durch freiwillige Spenden aufzubringen. Carl hatte den düstern Nachsatz hinzugeschrieben: Eventuell bürgt für den ganzen Rest meine Lebensversicherung im Betrage von fünfzehntausend Franken.

Er wollte noch ein Abschiedswort an seine Pfarrkinder schreiben, aber war zu müde und schlief auf dem Lehnstuhl wie vergangene Nacht ein. Um vier Uhr früh feierte er am Ambrosiusaltar ohne Glockenklang die letzte hiesige Messe.

Niemand war da als Peregrina und zwei gescheite ahnungsvolle Mädchenseelen, die schlau durch die Sakristei hereingedrungen: Mili und Lorli. Sie empfingen den Segen und küssten dem verehrten Hirten die Hand, aber blieben stumm, bis Carl das Mili bat, zu sagen, was es sichtlich auf dem Herzen trage.

»Nie,« bekannte sie nun leise, »habe ich geglaubt, Sigis Weib werden zu dürfen, und dennoch hab’ ich’s immer unendlich gehofft. Sie allein, Herr Pfarrer, wussten die Wahrheit,« fuhr die Jungfer mit ihrem erbleichten Antlitz und ihrem vom Schrecken noch immer starren Blicke fort. »Ich muss dem Johannes die Mutter und Schwester sein, so ist es.«

»Und du wirst bei diesem Opfer glücklich werden. Ich werde es bald auch,« bemerkte Carl sanft. – Und nach einer Weile fügte er bei: »Grüsse mir den Ammann Corneli und sag’ ihm, dass ich als sein stiller Freund weggehe. Schau mir ins Gesicht, sehe ich etwa anders aus? Und dem Johannes sag’: dass mir gestern die Augen aufgingen und ich zum ersten Mal seine Bilder recht gesehen und keine Seele gefunden habe. Sag’ ihm, wir zwei seien auf dem Holzweg gewesen und müssten jetzt absoluti anders marschieren. Er solle nach Herzenslust zeichnen und malen, aber sein Brot und seine Hausehre soll er nach dem Rate seines Pater mit Musterzeichnen verdienen. Und das Lorli da! das gute! Bald wird es Hochzeit feiern. Brennt also doch noch ein helles Kerzlein unter so vielen Totenlichtern. Die nicht reden, noch hören, fahren doch am sichersten.« – Seine Stimme hatte etwas Feierliches, Flüsterndes, Gedrängtes wie eines Sterbenden, der seinen letzten Willen bekundet.

Dann wandte er sich nochmals zum Mili und bat: »Nimm dich, du grosse starke Frau, der Siria an! Sie kommt sicher einmal hier zur Ruhe. So eine Liebe kann nicht in Unruhe verderben. – Da nimm, ‘s ist wenig, etwas Erspartes,« sagte er leise, »das schicke ihnen!«

Dann setzte sich Carl im Pfarrhaus ans Pult und schrieb folgenden kurzen Abschied:

»Meine Schäflein, euer Hirte geht weg. Er hat euch hüten wollen in allen Treuen, aber hat sich selbst zu wenig gehütet. Verzeiht ihm, was zu verzeihen, entschuldigt, was zu entschuldigen ist, und richtet nicht zu hart, wo er unrecht hat. Mit Liebe gehe ich weg. Alle lieb’ ich euch mehr als je, und ich bitte dringlich, dass ihr auch mir noch einen Rest euerer Liebe schenkt. Ich kann einen solchen Schutzengel gut brauen, sei es hier, sei es dort.

Meine Bücher und Rechnungen liegen offen. Seht nach, ob ein Rappen fehlt!

Und wenn ihr bald einen neuen sanften und klugen Hirten habt und im Sonnenschein an seinem Stabe schreitet, so vergesst, ich bitt’ euch um Gottes Erbarmen willen, vergesst den andern so wenig sanften und so wenig klugen, aber gewiss nie bösen Hirten nicht ganz, sondern schickt ihm ein starkes, warmes Toggenburgergebet in seine Dunkelheit nach! Gott segne eure Kinder! Lebet wohl in unserm Herrn Jesus Christus, bei dem wir uns eins mit dem Kusse des Friedens wieder grüssen wollen.«

Nach diesen bittersüssen Zeilen ersuchte ihn Marianne zum zehnten Mal, doch eine Tasse Milchkaffee zu nehmen. Er sei ja bleich wie ein Leintuch und habe eiskalte Hände.

Ihr zulieb, aber mit innerem Widerwillen nahm er ein weniges. »Es ist Zeit,« sagte er dann hastig, »bald öffnen die Frühaufsteher von Lustigern die Fenster. Ich brauche keinen Begleiter bis zum Batzener Bahnhof. Diese Reisetasche, Stock und Schirm trag’ ich ganz bequem. Der Eusebi verzeih’, dass ich als kleiner Lügner weggehe. Er meint, ich wandere erst um die Sechse aus. Was soll ich dem Greis eine Stunde Schlaf stehlen?«

Er blickte noch vom Küchenfenster über den Friedhof und schien die Gräber seines kurzen Jahres zu zählen und auch diesen Toten Ade zu sagen. »Vierzig müssen es sein,« meinte er, »und ich bekomme nur neununddreissig.« – »Es sind neununddreissig, Hochwürden, nicht vierzig, glaub’ ich,« wandte Marianne ein. Sie wusste es sehr sicher. »Nicht vierzig?« fragte er wie verwirrt. »Und immer meinte ich diese runde Zahl.«

Nun musste er auch von der Tante, dieser furchtsam liebenden, weichen, alten Mutter seiner Pfarrjahre, Abschied nehmen. »Du gehst nun, sobald es Tag läutet, mit den Pfarrhausschlüsseln zum Mesmer und bittest ihn, dich zum Kaplan zu begleiten als Zeugen, dass ich ihm nach bischöflichem Wunsch das verwaiste Amt übergeben habe.«

»Aber wie soll ich ... hier ... ohne Euch ... ohne ...« endlich brach das Blut durch – »ohne dich, lieber, liebster Carli ...?«

»O Tantchen,« scherzte er, »deine Kammer im Kaplanenhaus ist schon bereitet. Schön bekommst du’s dort, viel schöner als beim ewig lärmenden Carli, Clamor dem Zweiten!« – Er musste lachen. – »Ihr zwei, du und der Haselnusskopf, helft einander kochen und ein bisschen die Leute verhecheln und ...«

»O, Hochwürden spassen noch ...«

»Und dann aber wieder tröstlich beten und Gutes tun. Und die Nonnen auf dem Berg sind nicht aus Stein. Ab und zu ein Besüchlein ist schon gestattet. Du musst mir doch noch von den Lustigern,« sagte er, gegen alle seine Überzeugung lächelnd, »ein paar lustige brave Stücklein erzählen ... aber jetzt muss ich weg, es naht den Fünfen. Bei Nacht und Nebel, so will es der Brief. Schon bin ich unfolgsam.«

Eine Überraschung gab es an der Hauspforte. Da wartete der Matthias und erbot sich ohne weiteres, dem Pfarrer das Gepäck bis zur Station zu tragen. »Weit!« sagte er, »und mühsam!« und zeigte mit dem Arm übers Dorf und die ferne Schlucht zu den jenseitigen Batzener Höhen. Von Dort war Carolus fast genau vor einem Jahre in die Pfarrei gekommen. Jetzt floh er sozusagen.

Nun, der redet und stört ja nicht, dachte Carl und gab ihm seine Habseligkeiten.

Sie gingen still und jedes Geräusch vermeidend die von der Nacht feuchten Wege, an den weissverhängten Dorffenstern vorbei. Von der Ilgenstube, wo Sigi aufgebahrt lag, sah man Kerzenlichter in die Scheiben spielen. Carl schlug schweratmend ein Kreuz. Dann führte ihr Umweg sie an der Kammerseite des Ammannhauses vorbei. Auch da waren die Fenster noch dicht verhängt. Eine schier unbezwingliche Lust wandelte den Pfarrer an, ans Fenster zu klopfen und zu rufen: »Freund Corneli, alter, guter, harter Mann, der du mir gestern, wo mich die Not von allen Seiten überschwemmt hat, nicht einen Blick gegönnt hast, gönne mir jetzt – ich weiche ja! – wenigstens ein christliches: Guten Morgen! . . oder vielleicht besser ... Guten Abend! Es sieht bei mir viel abendlicher aus als bei dir ...«

Aber Matthias macht Pst! und drängte vorwärts. Und Carl dachte: recht so, vorwärts, nicht gar noch sentimental werden!

Man kam an der Villa Zellwigs vorbei. Wahrhaft, dort standen schon Vater und Sohn vor dem Stall und sattelten ein Pferd. Sie bemerkten Carl, stutzten, zogen sogleich tief die Mützen und blieben mit geneigten Köpfen fast ehrfürchtig stehen. Diese taktvolle Art von Zweien, die nie seine Schäflein gewesen und die doch auch Augen und Ohren und ein Urteil über ihn gehabt, zwangen Carl die erste Träne aus den Augen.

Jetzt aber sprang Hugo in seinem aufgebäumten, weissblonden Haar und seiner schlanken, ritterlichen Jungmännlichkeit herzu und fragte voll Anstand: »Darf ich den Herrn Pfarrer vielleicht zur Station Batzig fahren? Der Einspänner ist sogleich angespannt!« – Als er die Tränen Carls, seine verzogene Lippe und sein Kopfschütteln sah, machte er eine tiefe Verbeugung und zog sich schweigend zurück.

Man erreichte den Notkershügel. Weihnachten, Mond und Sterne, jener Schreiner, Türme ... und meine brutale Auslegung, mein Turmfieber.

Aber gleich wandte er sich auf die obere Seite der Strasse zu Matthias’ Waldhütte. Wahrhaft, da sind sie wieder, sechs Bretter, alle schwarz angestrichen. Ein Gruseln überlief Carl. »Für den Sigi?« fragte er beklommen.

Mit seinem schwärzlichen Lächeln sagte Matthias kurz: »Hat schon seinen!« – »Wozu dann« forderte Carl und bebte vor der Antwort. – »Man weiss doch nie, was bis Abend geschieht. Da sorg’ ich vor,« erklärte Matthias. »Der Sebast macht nun keine Särge mehr ... alle ich ... alle!«

»Hast du an mich gedacht?«

Der grosse vierschrötige Kerl grinste und zeigte die breiten weissen Zähne.

Fast fürchtete es Carl mit diesem Menschen neben ihm. Sie stiegen das Tobel hinunter. Carl erinnerte sich von Schritt zu Schritt an jedes Wort mit den Gonser Ratsherren. Unter der Brücke tobte die Thur mit den geschwollenen schmutzigen Gebirgswassern vorbei. Die Lücke, wo einer das Bein brechen konnte, gab es noch. Dann ging es steil jenseits empor. »Es pressiert,« warnte der schattige Kamerad, als wär’s der Tod selber. »Der Zug fährt vor Sechs ab.«

Carl keuchte empor. Das Herz tat ihm weh. Er musste den Kragen aufknöpfen und spürte eine bleierne Mattigkeit vom Kopf durch den Körper hinunter in die Riesenschuhe rieseln. Er schwitzte und fror dennoch. Als man aus der Schlucht gestiegen, musste er immer wieder, so sehr er sich vor dem Kameraden schämte, zurückblicken, wo auf der jenseitigen fernen Terrasse Lustigern im grauen Morgen lag, und den Kirchturm mit dem Gerüste betrachten. Wie eine Ruine sah er von hier aus oder wie ein Gespenst oder eine Sage. Carl konnte es kaum mehr glauben, dass er dort drüben je gewesen und mit der Sache zu tun gehabt hatte. Eine sonderbare Gleichgültigkeit, schier Bewusstlosigkeit umfing ihn.

»Rasch, rasch,« rief Matthias. »Da pfeift die Lokomotive schon zur Abfahrt.« – Wie der mich wegjagt, in die Ferne, in den Tod! dachte Carl und verdoppelte sein Rennen. Er fühlte seine Füsse und ungeheuerlichen Schuhe nicht mehr. Jetzt war ihm, es gehe von selbst, wie eine Maschine, die nicht er, sondern ein Fremder bewegt.

Alles war ihm in diesem Augenblick entsetzlich gleichgültig, das Laufen, das Zuspätkommen, die Ermattung, Lustigern im Rücken, das Bergkloster vor sich, der schattige Mann an seiner Seite, Leben, sterben, alles. Er sah nichts mehr und dachte nichts mehr als: Friede, o Gott, dein Friede!

Das wegen seiner Langsamkeit berühmte Bähnlein, vom Volk als Der gute Hirt, das Bügeleisen, die schlafende Schnecke verspottet, hatte sich schon in Bewegung gesetzt. Als es den riesigen Mann daherstürmen sah, stoppte es mit der Gutmütigkeit solcher Landbähnchen. Man winkte dem Pfarrer, nur nicht zu springen. Er verstand es umgekehrt, raste heran, klomm die zwei eisernen Tritte empor, nahm vom Fenster aus die Tasche in Empfang, warf sich auf den Sitz, dankte und nickte dem Matthias noch einmal und schloss die Augen. Friede, Friede am Berg ... oben ...

Aber noch war Matthias mit seinem Fünfliber Trinkgeld nicht zehn Schritte weg, so stoppte die Eisenbahn nach zehn, fünfzehn Radrunden wieder. Jemand hatte die Notbremse gezogen. Die wenigen Reisenden steckten die Köpfe aus den Fenstern. Carls Abteil öffnete sich, man schrie heraus, fuchtelte mit den Armen und winkte Hilfe herbei. Der Bahnhofvorstand kam. Träger wurden geholt. Carl war am Herzschlag verschieden.

Vier Männer trugen den gewaltigen Toten aus dem Wagen und legten ihn vorläufig, bis man wusste, wo dieser Ruhelose sein Grab habe, ins Wartezimmer erster Klasse und schloss dort ab. Da noch kein Telegraphenbüro offen stand, trug Matthias in ruhigem Schritt die Botschaft selbst nach Lustigern. Es ward ein schreckhaftes Erwachen und Aufstehen, als Nachbar zu Nachbar die Kunde herübertrug. Viele sagten noch lange nachher, wie sie bei diesem Bericht gefroren hätten und am liebsten unter die warme Decke zurückgekrochen wären. Und wenn es an jenem Tage wieder klopfte, meinten sie, der Tote stehe selber vor der Türe.

Und so kam es, dass die Lustiger den Pfarrer Carl Bischof zum zweiten Mal ins Dorf holten.

Als der riesenhafte Sarg am Egidihaus ankam, fingen die Schulkinder ein unermessliches Weinen an.

Cornelius stand bolzgerade und hart neben Eusebi wie beim Einzug des Pfarrers. Er sagte zornig zu den Lehrern: »So lasst sie doch nicht so unvernünftig schreien!« – Aber es zuckte und würgte etwas in ihm, was, ach so gern, wie diese jungen rücksichtslosen Kehlen in die Welt hinausgeschrien hätte: Versöhnung, Freundschaft, Friede. Friede einer andern Welt!

Dem funktionierenden Eusebi in seinen Priesterkleidern merkte man die Rührung am wenigsten an. Ein Historiker kann sich trocken und nüchtern geben wie altes Papier, aber der Text darinnen ist oft der leidenschaftlichste. – Der Kaplan segnete die Leiche ein, warf ihr die Schollen ins Grab nach wie gestern dem Sigi. Er hielt keine Leichenrede. Der Tote hatte selbst gesprochen: Seid jetzt zufrieden mit mir. Ich war euch im Wege. Nun bin ich nicht bloss aus Lustigern, ich bin aus der Welt gegangen. Betet für mich und seid wieder gut!

Nach dem Begräbnis wartete Cornelius an der Friedhofstiege auf Eusebi, wechselte mit ihm ein paar kühle Worte und sagte dann mit einem Versuch zu spassen: »Wann spielen wir den nächsten Jass?«

»Den, lieber Corneli, spielt mit dem dort,« sagte Eusebius ernst und deutete bum Grabe Carls. »Ich für mich habe ausgejasst.« – Der Kaplan wusste, dass der Ammann mit jener Frage nur seine Gefühle meistern wollte. Aber er konnte trotzdem nicht anders antworten.

Als ein frischer, morgenrötlicher Kaplan eingerückt und die beiden alten Jungfern Marianne und Peregrina, die sich wie Milchschwestern verstanden, in Eugens Altersasyl mit roten Vorhängen, Kissen und Pantoffeln prächtig untergebracht waren, zog eines Morgens in der gleichen menschenleeren Frühe Eusebius allein mit Stock und Seitentasche zur Station Batzig und fuhr ins Kloster Heiligberg, wo er noch an die zwanzig Jahre – er ist als hoher Neunziger gestorben, man lebt gesund unter Mutter Historia – als der kühle, kluge Gewissensrat der siebenunddreissig Klosterfrauen waltete, von ihnen über alles verehrt und verhätschelt. Solange Marianne und Peregrina lebten, erschien er ab und zu für ein warmes Plauderstündchen. Daran zehrten die Jungfern Köchinnen dann viele Wochen lang. Bei dieser Gelegenheit besuchte er dann auch die Gräber zu Lustigern und nahm bei Corneli und Cecili den Imbiss, und da war es, wo er sich einmal zu einem Jass verführen liess. Ein einziges Mal! Und er hat ihn zur Strafe auch gründlich verloren. Um drei Franken gerupft, verliess er das Haus und sah noch lange die rotbackige selige Cecili vom Fenster aus lachen.

Als er starb, lagen noch viele unvollendete historische Untersuchungen auf dem Tischchen an seinem Kopfende. Aber die grösste historische Untersuchung, an der die Menschheit seit ihrem ersten Lallen laboriert, hatte nun auch er gelöst, das unsterbliche Rätsel des Sterbens.


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