Heinrich Federer
Papst und Kaiser im Dorf
Heinrich Federer

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Kapitel 7

In der dunkelnden Stube ward es nicht mehr behaglich. Das fühlte Euseb aus dem Ton und Lachen seines Pfarrers deutlich heraus. Aber auch die beiden Bölsch witterten eine Peinlichkeit voraus und wappneten sich gegenseitig mit festen Blicken. Für heute ist es wahrlich genug, dachte Corneli, soll es noch was geben, so greife ich zuerst an. Dem schlauen Mili war, es stehe zwischen zwei Winden und sollte gleichzeitig mit beiden segeln. Es will gehörig aufpassen. Nur Johannes leckte seelenruhig den neuen süssen Most aus dem Glas und wartete neugierig, was für Aufträge ihm der Pfarrer wohl geben wolle.

In dieser niedrigen Bauernstube schien es dem Pfarrer, er werde erdrückt, der gewaltige Gemeindepräsident fülle den Raum völlig aus. Nie war er ihm so gross erschienen, und doch sass Corneli neben ihm auf einem viel niedrigern Sessel und prahlte nicht und überhob sich nicht.

Die Fliegen schwankten abendlich schwer und müd’ von den Ställen her in die Stube, aber, vom Duft des süssen Trunkes gereizt, wurden sie lebhaft, sassen auf die Kelche und schwirrten um die Gesichter oder suchten die Hände und das feuchte Haar der Gäste. Corneli, weiss und kalt wie eine Leiche, liess sie ruhig über seine Stirne füsseln. Dem Pfarrer jedoch war es schon unerträglich, wenn sich eine auf seine dicken Krausen niederliess. Eine besonders aufdringliche, die ihm immer wieder gegen die kurze Nase stiess, liess er schliesslich auf dem Ärmel absitzen, dann zog er mit der hohlen Hand mächtig aus, als gälte es einem Adler, schwapp, da hab’ ich sie!

»Keine Rede,« neckte der Kaplan, »da hinüber schoss das Ungeheuer.«

»Und ich hab’s,« wiederholte Carolus und löste vorsichtig Finger um Finger. Leer war die Hand. Johannes lachte hell auf.

Da fasste Corneli ein Herz und sagte leise, aber sehr deutlich über den ganzen Tisch: »Wir haben einen Spruch, Hochwürden. Der passt zu diesem Streich und ist mir immer ein braves Motto fürs Leben gewesen:

Mit zu viel Kraft Nichts errafft. Mit zu viel G’walt Nichts erhalt. Doch mit Warten, Weil und Ruh Trägst am weitesten den Schuh.«

Eine Totenstille entstand. Carolus sah den Ammann forschend an und antwortete dann ruhig: »Aber man könnte auch so reimen:

Doch mit blosser Weil und Ruh Bist der Friedhof selber du.

Den Toten das Warten! Wir Lebendige wollen uns rühren und regen.«

»Ach, liebe Herren, das sind Sprüche. Wie man sie stellt, immer stehen sie aufrecht gleich Rädern und rollen, rollen und bleiben rund. Aber Sie, lieber Herr Pfarrer, sind sicher gekommen, um zwei Fliegen in einem Streich zu fangen, das Mili und den Hannes. Ich wett’ was drauf.«

Dabei blickte er so traulich und bescheiden auf den Pfarrer und lächelte so verschmitzt zu den Tälern: ja, um euch zwei geht’s, passt nur auf! Ihr werdet nun was hören! ... dass das kleine Gewitter sich sogleich verzog.

»Fri-do-lin!« drohte der Pfarrer zum Kaplan. Niemand verstand das Wortspiel ausser den beiden.

»Ein treuer Knecht war Fridolin,« deklamierte plötzlich Johannes. Er liebte Gedichte, wusste eine Menge auswendig und glaubte einen Witz mit dem Zitat zu machen.

Carl und Euseb mussten über diesen Einfall herzlich lachen. Versöhnung wob sich mit der Abenddämmerung still wie Samt über die seltsame Gesellschaft.

»Nun, du lauter Jüngling,« begann Carolus, »bist die erste Fliege, die ich also packen muss. Sag’, wagtest du, das Zifferblatt am Kirchturm frisch zu malen?«

Eine heillose Verblüffung trat ein. Man traute seinen Ohren nicht. Niemand hatte an eine solche Möglichkeit gedacht.

»Aber,« wandte Corneli endlich langsam und feierlich ein, »aber ...«

»Bist schwindelfrei?« fragte Carl, ohne dem Ammann zuzuhören. »Ein Gerüste gibt es ja wohl. Aber etwas lauter geht der Blick schon in die Tiefe.«

»Oh, wegen dem ...« versetzte Johannes geringschätzig.

»Warum dann also nicht?«

»Das ist doch Flachmalers Sache!« entgegnete der feine Bursche vornehm.

»Was solche Reparatur anlangt,« mengte der Ammann sich wieder ein ...

Carolus liess ihn nicht ausreden. »Ei, seht einmal, Herr Ammann, wie sich dieser Rafael schon spreizt! Da gibt es doch schöne grosse Zahlen zu malen und zu vergolden. Was für stolze Typen findet man da! Dann der Hintergrund! Das ist gar nicht so einfach, nicht wahr?« wandte er sich noch dringlicher an Corneli, um den Machthaber durchaus in seine Sache zu zwingen, »nicht wahr, Herr Ammann? Ihr selbst habt ja das frühere Blatt malen lassen. Recht gut, das hör’ ich allgemein ... Alle alten Leute sagen mir, wie es ursprünglich geglänzt habe ... Nein, Hannes, das ist gar nichts Einfaches. Die Farbe muss gut gewählt werden. Sie soll der Sonne tapfer widerstehen. Jetzt sieht man nicht mehr, wie es früher war. Kaum die Stundenziffer ist noch lesbar. Die Zehn sieht wie eine Fünf aus und die Elf wie die Eins. Nein, so ist es unhaltbar. Aber einst war’s brillant. Der Grund war hellblau, nicht, Herr Ammann?«

»Grünlichblau, aber ziemlich hell,« versetzte mit zitternder Stimme der Ammann. »Zu hell, ich wollt’s etwas dunkler haben. Es hätt’ sicher braver gehalten ... Aber zur neuen Angelegenheit habe ich als Kirchenverwaltungspräsident vor allem zu bemerken, dass ...«

»Lieber, lieber Freund Corneli,« bat der Pfarrer und wehrte mit der Hand gleichsam die hochoffizielle Behandlung ab, »lasst uns jetzt nur probeweise das Technische und Künstlerische besprechen. Dann bin ich ganz Ohr ... Auch die Zeiger müssen frisch vergoldet werden. Vielleicht passen sie überhaupt nicht mehr. In Wyla soll man zwei Finger geformt haben, weiss und schwarz, Maria und Martha ... Es soll grossen Eindruck gemacht haben ...«

»Ja, eine Fastnacht! Gehen Sie nur selber hinschauen,« bemerkte Cornelius sehr bestimmt. »Alle Verständigen schütteln den Kopf darüber.«

Jetzt knoteten sich die Aderstränge an den Schläfen des Pfarrers merklich und die kleinen, runden Ohren färbten sich dunkel.

»Hast du’s auch gesehen, Eusebi?« fragte er barsch über den Kopf des Ammanns weg. Vor Dritten duzten sich die beiden Hochwürden sonst nie. Eusebius ersah daraus, dass sein Heisssporn von Prinzipal mehr und mehr die Fassung verlor. Aber hier war ihm nicht zu helfen. Ernst sah er ihn durch die Brille an und gestand ruhig: »Gewiss, und ich kann nur bestätigen, dass es ein ganz gehöriger Schnitzer, besser gesagt, eine unwürdige Spielerei mit Heiligem ist.«

Ein Krach. Der Pfarrer hatte in der Aufregung seinen Sitz rückwärts gestossen. Dabei war das eine invalide Bein des Bischofstuhles halb aus der Zwinge geschlüpft, und der Sessel neigte sich hintenüber.

Carl schnellte energisch auf. Corneli blieb lächelnd sitzen.

»‘s ist nicht, es ist nichts,« beruhigte Cecili, huschte rasch wie eine Junge zu Boden und schlug das Knie des kranken Beines mit zwei kundigen Stössen in den eisernen Beschlag zurück. »Seht nur,« sie hob den Stuhl schief, »wie schnell das geht.« Jetzt erst sah man, welch alte, kunstvolle Schnitzarbeit an diesen Armstuhl aufgewendet war.

»Setzt Euch wieder!« bat die Frau Ammann.

»Darinnen sind schon drei Bischöfe gesessen. Aber nur dem Carl Johann Greith ist das gleiche passiert wie Ihnen,« neckte Corneli. »Nur den ganz Grossen! Wer weiss, was dieser Krach bedeutet! Cecili, notier’s vor dem Rosenkranz!«

»Und Sie, Cornelius,« versetzte der Pfarrer, dem der Scherz menschlich wohltat, »Sie sind nicht bloss ein ganz Grosser, sondern auch ein ganz Schlimmer. Das merk’ ich immer besser.« Vol Versöhnlichkeit blickte er vom Ammann zum Kaplan, hin und zurück. Er dürstete förmlich nach einem freundlichen Gegenblick. Dann rief er geduldig: »Fahret weiter, Kaplan, mit Euerem Gericht!«

»Niemand merkt von unten, was die Zeiger sein sollen. Finger, ja! Aber die Stadtzunge von Wyla, die bekanntlich die Witze nur so herausspuckt, nennt die Zeiger immer nur die grosse und die kleine Wurst.«

Über ein leises Kichern der Bölsch schlug die helle Lache des Johannes grell wie eine gelbe Flamme. Cecili wischte sich vor Spass die triefenden Augen mit dem Schürzenzipfel aus. Der Kaplan blieb trocken, das Mili rührte sich nicht. Niemand wagte den Pfarrer anzusehen.

»Auch Schüblig und Cervelat,« fügte Euseb noch trockener hinzu, »taufte man sie. Die Cervelatwurst wäre der kleine Zeiger, der Mariafinger!« ...

»Gibt das eine wurstige Zeit, von solchen Zeigern!« witzelte Johannes.

»Das klingt recht ehrerbietig,« wandte sich Corneli an den wortlosen Carl, »Cervelat und Schüblig ... grosse Wurst ... kleine Wurst ... und sollte Marias und Marthas gesegneter evangelischer Finger sein.«

»Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schrittlein!« erklärte Euseb.

»Nun, nun, macht sie nur nicht noch länger, diese Würste,« schrie Carl endlich heraus. Es zuckten seine Kinnbacken. Man sah, er musste an sich halten, um selbst nicht herauszuplatzen. Und doch, wie durfte man!

»Und das Beste von allem,« schloss Eusebi nüchtern wie Streusand, »höret wohl, besteht darin, dass der Dekan Linus Brich, ein bewährter Kunstkenner, sich mit Leib und Seele gegen den Unfug gesperrt hat. Der Streit schwebt nun vor dem Bischof. Der ganze, schöne Kirchturm ist wegen einer Lappalie lächerlich geworden. Bleibe man bei den alten, braven Zeigern! Schwarz, mit vergoldeten Zinken, das ist erprobt. Unsere Domkirche bekam nichts andres, und da war Carl Greith am Ruder.«

»Der gleiche Greith?« fragte Corneli schalkhaft und wies auf den Armstuhl.

»Derselbe,« bot Eusebi kaltblütig zurück.

»Ihr Tausendwetter Ihr,« rumpelte der Pfarrer mühsam hervor. »Wollt Ihr mich heute noch völlig totschlagen? Dann wisset wenigstens, dass mir der sehr unterrichtete und geistvolle Dr. Eugen Hobis,« er antizipierte kühn das Dr.... »von allem das Gegenteil sagte. Nur daher weiss ich’s ...«

»Was?« rief Eusebi wirklich erstaunt, »der Gemeindeschreiber von Gons? ... Ich wusste übrigens nicht, dass er seine Dissertation schon eingereicht hat. Sie beschlägt das brennende Thema, ob der Staufe, Friedrich der Zweite, seinen Weg ...«

»Im Oktober wird er sie einreichen,« beichtete Carolus, nun röter als die Abendsonne, deren blutiges Bild jetzt aus den obern Fenstern der rechten Strassenseite wohl zwanzigmal auftauchte ... »Der Dr. phil. ist ihm absolut sicher. Entschuldigt, Hochwürden!«

Dankend nickte Euseb: »Nun, Dr. Hobis ist es ja gerade, der im liberalen Organ seine Spässe über ultramontane Zeigefinger machte und den Wurstwitz durch den ganzen Kanton feilbot. Die Ultramontanen wollen sehr fromm tun, schrieb er. Sie wollen nach Tom und Jerusalem und ins tiefste Evangelium zeigen und zeigen in die Metzgerei. So was! Euer gefährliches, hübsches, schlaues Pfarrkind von Gons! ... Und was für eine fromme Rede hat er Euch bei der Installation gehalten! Wie ein Kirchenvater!«

Dem Pfarrer rieselte nun wahrhaft der Schweiss der Scham und Bedrängnis aus dem Stirnhaar. Er sah sich auf der ganzen Linie geschlagen. Und er, er hatte vom Höherbauen des Kirchturms reden wollen!

So weit mag es dir nun wohlbekommen, Hitzlig, dachte der Kaplan gelassen. Aber jetzt zerr’ ich auch ein bisschen am andern Ohr. ‘s tut gerade so not.

»Aber,« erklärte er lauter und ward nun unbestritten die Hauptperson, »nun muss ich auch offen gestehen, dass unser Zifferblatt je eher je besser renoviert werden soll. Unser neuer Pfarrer hat da vollkommen recht ... Schaut, Corneli, wir werden alt und merken beim kleinen Unterschied von gestern auf heute und von heute auf morgen nicht, was in vierzig und mehr Jahren zu alt geworden ist. Was sag’ ich zu alt? nein, faul, hässlich, beschämend wüst. Da müssen die neuen, jungen Augen kommen und es uns sagen. Dafür hat ja Gott das Junge erschaffen. Auch wir haben einst gegenüber den Frühern das Neue bedeutet. Denkt doch an Euere Stickerei! Wie sind da die alten Weber aus dem Keller wie Drohgeister aufgestanden! Also es ist immer so: die Frischen, Neuen, Jungen müssen den Alten sagen, was zu tun ist. Dann schauen wir nach, prüfen und staunen, dass wir das nicht selbst bemerkt haben. So ist’s mit unserem Zifferblatt. Übrigens viele, viele ältere Leute verspotten es längst ...«

Corneli rutschte unruhig auf seinem Gestühl hin und her.

»Aber wenigstens schlägt die Uhr noch deutlich,« sprang Cecili zu Hilfe.

»Nur die Stunde und die halbe, liebe Frau. Für uns Sklaven der Zeit sind aber auch die Viertelstunden und sogar die Minuten wichtig. Vom Funkenbühl, von der Nonnegg, von Notkersmatt, von den Bettenerwiesen, wie oft schauen unsere Dörfler nach der Uhr und möchten die Minuten lesen und sich mit der Arbeit danach genau einrichten.«

»Mag sein,« versetzte Cecili hartnäckig, »dass das Zifferblatt gegen das Tal hinauf den Pinsel braucht. Das ist die Mittagseite. Aber gegen Uzli sieht es noch frisch aus.«

»Dort spritzen Regen und Bise um so wilder dran. Ein Hochmut ist es auch dort nicht. Übrigens wär das, wie wenn der Corneli auf der rechten Seite das Haar scheren lässt, weil er da eine Wunde bekam, und auf der linken lässt er es stehen, weil er dort keine Wunde hat, Frau Cecili ...«

Johannes lachte wieder sein königlich helles, sorgloses Lachen. Es tönte fast wie süsses Vogelgezwitscher. Die Ammännin dagegen sagte sauer: »Ach, Ihr, heute verdreht Ihr einem alles!«

»Man hat auch etwa den Corneli mit dem Kirchturm verglichen und die zwei Zifferblätter mit seinen Augen,« probierte die Cecili wieder den Kampf. »Merkt Ihr, wohinaus das geht?«

»Ganz recht,« sprang Corneli seinem Gespons zu Hilfe. »An einem Auge bin ich erloschen, wie das Zifferblatt gegen Süden, am andern seh’ ich wie jenes gen Norden. Nun frag’ ich: sieht man mir nicht aus dem einen Auge genügend an, was ich will?«

»Da überseht Ihr eben einen grossen Unterschied,« mischte sich nun der Pfarrer wieder ins Gefecht, nachdem er fröhlich verschnauft und zugehört hatte. »Türme seid Ihr beide! Ihr, Herr Ammann, noch der stattlichere. Aber drehen kann sich nur der eine. Der Kirchturm bleibt für alle Leute rechts von der Kirche, und dort liegt die überwiegende Dorfschaft, mit dem blinden Auge stehen, und so viel man schreit, er hat sich noch nie gedreht ... Ihr aber, als ein gütiger Vater des Volkes,« ... eine leichte Ironie zwinkerte aus den Worten ... »kehrt Euch rechts und links, wo man Euch eben sucht.«

»Wir schwatzen wie Kinder,« fuhr nun die Ammännin drein.

»Weil Ihr solche Vergleiche bringt,« schalt Carl voll Humor.

»Ja, ja, wir haben nicht mehr die gelenke Zunge,« entschuldigte Corneli bitter, »die Jungen von heute sind uns weit über, liebe Frau! Das Maul zu, den Beutel auf, so tönt es.«

»Nein, Herr Ammann, so tönt es nicht,« bemerkte der Pfarrer sehr ernst. »Wir wollen uns ja mit Verstand und Liebe über alles aussprechen, gerade mit Euch. Wenn Ihr’s einseht und bejaht, ist’s vom ganzen Dorf bejaht.«

»Ich hab’ nichts dagegen, wenn es so mörderisch nötig sein soll,« gab Corneli zu. »Aber keinen Luxus, bitte schön, alles erst genau berechnen, sparsam sein im Auftrag, man wird fast immer beschwindelt, fast immer.«

»Hundert Franken von meinem Gehalt geb’ ich daran,« gelobte der Pfarrer erfreut. »Und ich hundert,« schloss sich der Kaplan lustig wie ein Bub an. Fragend forschte Carl nun im Antlitz des Corneli, der die Lippen tief in den Mund einsog. Cecili tat ihm ein Zeichen ums andere. Sind wir heute etwa nicht genug geschröpft worden! »Ich werde es mir noch überlegen,« sprach Cornelius nun gelassen!

»Den Beutel des Herrn Ammann haben wir heute schon einmal gemolken,« spasste der Kaplan, »Zweimal wäre ungesund.«

»Wie? was?« fragte Carolus und fühlte einen Stich ins Herz.

»Das heisst ich und das Mili zusammen. Die Milch trägt sie weg. Einundzwanzig Fünfliber.«

»Für ... für ...?« fragte Carl nervös.

»Für die lieben Patenkinder im Tälerhaus. Der Corneli schenkt ihnen den ganzen Jahreszins für die Stickmaschine!«

Cecili nickte in grossartiger Ergebenheit. »Jawohl! Herr Pfarrer.«

»Einundzwanzig Fünffränkler,« wiederholte Carolus ereifert und stellte sich dabei eine viel grössere Summe vor. »Das hätte auch uns wohlgetan. Das hätte vielleicht die beiden Zeiger bezahlt!« ...

In diesem Augenblick sah Eusebius etwas Sonderbares, Trübes im pfarrherrlichen Gesichte, das vorher so offen ausgesehen hatte, wie ein Haus mit offenen Türen und Fenstern, so dass man tief in die lichten Stuben sah. Jetzt schien es, die Läden schlössen sich halb, die Pforte knarre seltsam zu, es werde finster drinnen. Der Kaplan ahnte, dass im Pfarrer, der für seine Person nichts begehrte, dennoch ein staubiger, fast schmutziger Kampf ausgefochten werde zwischen Geld und Geld: Geld, das Glanz ausbreitet und die Ehre Gottes nach aussen laut verkündet, Geld, das in den Uhrzeigern goldig winkt, im hohen Turm gen Himmel jauchzt, in warmen Farben die Kirche ausstaffiert, die Sakristei für den Gottesdienst mit Kostbarkeiten füllt, das Geld, das unsere ewigen Dome und Stifte wie kleine Städte und die ergreifendsten Statuen schuf; und nun das andere Geld, das lautlos ins Dunkel der Armenstuben, ins Maul der Gläubiger, in die hungrigen Pfannen und Küchenteller, in die schlotterigen Kleider der Waisen fällt, nirgends leuchtet, nirgends klingt, zu allererst an den gewöhnlichsten Menschen geht und vielleicht Gottes Ehre doch besser wahrt als die köstlichsten Altäre. Ein Enthusiasmus für alles, was Gott und seine heilige Kirche betraf, ging in Carl gefährlich zusammen mit einem angebornen Hang für Schimmer, Prunk, Majestät, Grossartigkeit, für glühende Farben, für gewaltige Glocken, hohe Türme und rauschende Priesterherrlichkeit.

Rot, rot, gib Gott das schönste, das mächtigste Rot, rief es in verwirrter Gedankenfolge durch seine Sinne. Eine verwilderte Kirchenglanzfreudigkeit überkam ihn, worin wie in einem Rausch für eine Weile das Gewöhnliche, Tagtägliche und vielleicht Allernötigste unterging.

Der Kaplan kannte diese Leidenschaft Carls und verstand diesen heilig-unheiligen Zwiespalt im Pfarrer sehr wohl. Fast zurechtweisend ernst sah er Carl an. Seine Brillengläser flammten. »Sie haben es bitter nötig, diese Waisen!« flüsterte er ihm ans Ohr.

»Gewiss, gewiss, ich freue mich,« brach Carolus endlich durch. »Den Armen soll kein Rappen um der Pracht Gottes willen entgehen. Im Gegenteil,« brauste er auf, »wer gerne dem König gibt, hat auch ein Herz für den Bettler am Schemel des Königs. Man kann nicht oben kränzen und unten vermodern lassen, nein!« rief er immer heftiger, als streite er gegen eigene Zweifel und Gegenstimmen und wolle sie totschreien.

»Das ist wundervoll gesagt,« lobte Euseb ehrlich.

»Ich gebe gerne, mir liegt an Silber und Gold so viel,« erklärte Carl weiter und knipste mit den Fingern. Die Aufregung des Nachmittags bebte noch in ihm deutlich nach. »Aber wie oft geht das Almosen in bodenlose Löcher, mästet die Faulheit, mehrt den Gestank der Sünde, nimmt’s dem Tag und gibt’s der Nacht, raubt’s dem Erhabenen und wirft’s der Gemeinheit in die Zähne, o wie oft, meine Herren!«

»Jedes Wort, Herr Pfarrer,« liess sich der Ammann nun gemessen hören, »unterschreib’ ich. Nicht umsonst sagt der Volkswitz: ›Almosen Fällt durch die Hosen‹.«

»Und ich,« ertönte jetzt plötzlich eine hohe Mädchenstimme durch die ganze Stube, und das Mili stand auf und blies seine beflaumte Oberlippe empört auf, »ich habe von der Ilgenwirtin drei Flaschen alten Veltliner bekommen und zehn Franken und Butter. Hast du,« wandte sie sich richterlich an Johannes, »einen einzigen Schluck davon bekommen?«

Johannes zog geringschätzig die frostigen Lippen schief.

»Oder haben wir nur einen Rappen von dem Geld für uns genommen? Gerstensuppe und Milch haben wir morgens und abends genommen und Kartoffeln, und dem Vater, obwohl er nichts davon merkte, löffelweis den Wein eingegeben. Und ein Federkissen hab’ ich ihm für die zehn Franken gekauft, unter den Kopf, da er so müd’ lag ...«

»Aber der Anken?« spottete Johannes und spülte sich ein Schlücklein Most über die Zunge.

»Den hätt’ er in keiner Art mehr ertragen, da hab’ ich uns Küchli gemacht. Ganz blöd ist uns zuletzt vom steten Suppentrinken geworden ... Spinatküchli, ja, das hab’ ich ...«

»Ganz recht hast getan, braves du!« Gütig tätschelte der Pfarrer ihr eins über den Zopf.

»Und als wir,« rief das Mili fast mit Zorn und wich der pfarrherrlichen Hand aus, »die Küchli fertig assen, der Vater war schon tot und du liefst zum Einzug des Pfarrers, da kam das Sandmeitli, das arme, verhurschte, dem wir fast nie Fegsand abgekauft haben. Da sagt’ ich: iss mit mir, dir ist auch blöd, das sieht man. Da ass sie wacker. Und was meint Ihr? Sie kam am Abend und half mir die Leiche waschen und anziehen, und ich hatte ihr doch kein Wort gesagt. Und während der Beerdigung hat sie das Bett an die Sonne getan, ausgeklopft, gereinigt, und als ich immer wieder bat, hör’ jetzt auf, ich hab’ ja kein Geld, lachte sie und stotterte: hast mir ja Küchli gegeben. So, das ist wieder eine Arme ...« Mili stützte die Arme in die Hüften und forderte die ganze Stube heraus: »Und jetzt, was meint Ihr von den Almosen?«

Feurig stand sie da. Ihr helles Auge war dunkel geworden. Die Alten hörten sie widerstandslos an.

»Almosen ... fällt durch die Hosen ... wenn Ihr es so meint, Herr Götti, dann könnt Ihr Euere einundzwanzig Fünffränkler auch wieder haben ...«

»Aber Kind, Kind,« beruhigte Corneli, »was für einen Most haben unsere jungen Leute im Blute ...«

»Nein, Almosen fällt nicht durch die Hosen,« schrie sie überlaut.

»Wenigstens nicht durch die Röcke,« spasste Cecili. »Das glauben wir dir alle. Aber nun sei doch gescheit! So war’s ja nicht gemeint.«

»Aus dem Munde der Kinder ...« flüsterte Euseb für sich.

»Ich hab’ es aber so verstehen müssen,« sagte Mili milder und wischte sich die Augen, doch die waren trocken und flackerten wie aufgeregte Sterne im Föhn. Ihr feines Ehrgefühl gab das Öl dazu.

Alle fühlten, dass man jetzt am besten auseinander ginge. Da rief Johannes unverfroren: »So sitz’ doch ab, Mili, ‘s ist noch nicht fertig ...« und zu den Herren: »Soll ich also ans Zifferblatt?«

»Selbstverständlich, das ist abgemacht,« erklärte Carolus aufstehend.

»Wir müssen aber jedenfalls die Kirchenräte zusammenrufen,« versetzte Corneli.

»Wozu das, Ihr habt Ja gesagt, mehr braucht es nicht.«

»Doch, es braucht noch mehr,« erwiderte der Ammann ebenfalls aufstehend und sich gewaltig reckend. Eine Blässe mehr zur gewohnten Blässe trat auf sein Riesengesicht, Schwäche zitterte durch seine Stimme, als er zur Frau sagte: »Hab’ ich übrigens klar und formell Ja gesagt, Cecili?«

»Ich habe nichts gehört,« versetzte die Greisin hart.

Der Kaplan hüstelte schmerzlich. »Wir aber haben alle es so verstanden; das müsst Ihr denn doch zugeben, Corneli,« betonte er fest.

Carolus blickte verwundert auf. Seine ehrliche Seele verstand dieses Feilschen nicht.

»Und wenn auch! Es braucht mehr als so ein: Wollt Ihr? wollt Ihr nicht? am Glas Most! und mehr als meine einzelne Stimme. Es braucht noch Ordnung, Gesetzlichkeit. Wir können nichts allein machen.«

»Ein Zifferblatt! Ihr spasst!« lachte der Pfarrer zornig auf. Er sah und hörte plötzlich den Corneli der Wildbergleute und des Altersasyls. Dieses eine harte Auge wie von Horn! nein, anders, ganz anders hatte der alte Hausvater ihn angeblickt.

»Wenn ich jetzt vom ganzen Turm geredet hätte,« fuhr er gewaltig fort, »dass man diesen hässlichen Zwerg strecke ... wenigstens über die nächsten Pappeln hinausbaue, dass es wirklich ein Turm sei und nicht so ein Baumstumpf! ... aber nur vom Zifferblatt ... solche Kleinigkeit!«

»Es gibt gar keine Kleinigkeiten, Herr Pfarrer!«

»Sagt lieber, es gibt nichts Grosses mehr!«

»Ach, was soll das jetzt?« rief die dünne, hohe Kaplanenstimme hinein. »Formalitäten! Der eine hält zu viel darauf, der andre zu wenig, und beidemal leidet die gute, unschuldige Sache darunter. Das ist die Weltgeschichte, und die Dorfgeschichte! freunde, versalzen wir uns doch diesen lieben Abend nicht! Wir sind ja im Innersten doch einig.«

»Ihr habt recht, der Abend ist zu schön,« sagte Carl, von der Küchentreppe ins Freie tretend und auf die violetten und purpurnen Schatten der Dorfstrasse weisend, in die von da und dort ein gelber Stubenlampenschein flockig hinausfiel. Es ging ihm schwer aufs Herz, dass er sich soeben unklugerweise mit dem Turm verraten hatte. Er wollte einlenken.

»Wann wollt Ihr also den Rat einberufen?«

»Ganz wie’s Hochwürden passt.«

»Heut ist Donnerstag. Gut, vielleicht am Sonntag nach Vesper in der Ilge?«

»Soll geschehen.« Höflich, aber schwerfällig verneigte sich Corneli. –

»Diese Visite hat uns nicht näher gebracht, Eusebi,« unterbrach Carl das Schweigen unterwegs.

»Du bist auch gar eine Feuersbrunst neben diesem Gletscher, Carli!«

»Na, Kinder, was spitzt ihr die Ohren?« fragte der Pfarrer. Der Vergleich des Kaplans hatte ihn sogleich aufgeheitert. »Dich, Mili, hab’ ich ja ganz vergessen. Du bist die zweite Fliege.«

»O Ihr habt mich noch nicht,« neckte die Blonde.

»Willst denn nicht gern in den Pfarrhof kommen, so alle Morgen um die Sieben? und meiner Peregrina bis über Mittag helfen? Nachher wärest frei und ich gäb’ dir einen braven Taglohn.«

Mili sah den Johannes staunend an. Der nickte sofort zu.

»Aber wer soll dem Heli fädeln?«

»Kannst das nicht nachher reichlich gutmachen?«

»Und den Buben kochen?«

»Jaso!«

»Aber der Julius mit der Frau!« half Johannes.

Das Mili überblutete rot.

»Das ist der Onkel,« erklärte Johannes. »Er hat schon kurz nach dem Begräbnis des Vaters geschrieben, er komme zu uns mit seiner Nachtigall. Das wird wohl seine Frau sein. Nachtigall, wie komisch!«

»Ob er kommt?« zweifelte Euseb. »Wie oft hat er’s gemeldet. Und jedenfalls nur zu einem dummen Streich. So ein Wind- und Strassenläufer hält es doch in unserm stillen Winkel nicht drei Tage aus. Schreibt ihm lieber ab!«

»Kommt ihr zwei morgen um vier Uhr zu mir,« entschied Carl. »Dann wickeln wir alles beim Kaffee glatt vom Knäuel. Ich verlasse mich drauf, Mili. ‘s ist mir neu, das vom Onkel!«

»Wir reden nicht gern von ihm,« bekannte das Mili offen.

»Aber da hat er’s dick,« bemerkte Johannes und tupfte auf die Stirne. »Ein Spassvogel, du meine Güte!«

»Aber wegen ihm sind wir arm. Fünftausend ersparte Franken hat der gute Vater an dieses Luder verloren. O verzeiht, aber das wüste Wort hab’ ich nicht halten können.«

»Was will er dann noch bei euch holen?« fragte Eusebi.

»Er schreibt, er brauche Ruhe für die Nerven und, denkt Euch, wieder einmal ein sauberes, weiches Kopfkissen. Das halbe Haus gehöre ihm, basta! Basta hängt er an jeden Satz.«

»Lasst mich nur machen! Der soll euch nicht plagen,« gelobte Carl.

»O was mich betrifft,« wandte Johannes ein, »ich seh’ ihn ganz gern kommen. So kurzweilig wie Julius plaudert kein Mensch von Lustigern bis St. Gallen.«

»Du hast zu malen, nicht Plappermaul an Plappermaul zu hängen, Bursche, verstanden. Das heisst, wenn du ein Stümper bleiben willst, dann plappere nur! ... Ah, da geht euer Weg. Gute Nacht miteinander!«

»Das wäre ein wahres Unglück, wenn der Julius Täler käme,« seufzte der Kaplan. »Der passt in dieses Dorf wie ein Ziegenbock in die Ammannstube. Sapperlot, der ...«

Aufmerksam musterte Carl den ereiferten Eusebius. Dann aber schlug er an die Rocktasche und fragte: »Ach, du, ich hab’ noch das halbe Brevier auf dem Buckel. Hast du schon antizipiert?«

»Ja, liebe Seele.«

»Aber die Vesper und Komplet könntest mir wohl respondieren. Es geht um vieles leichter. Komm, der Mesmer hat noch nicht geschlossen.«

Sie traten in die abendliche Kirche mit ihrer feierlichen Stille und Leere. Das Abendrot floss in die westlichen Fenster, rieselte schräg über die Stühle zur Kanzel und übergoss die Taube, die dort aus weissem Stein über dem Schalldach schwebte. Der heilige Vogel glühte wie ein Pfingstfeuer.

Im hintersten Stuhl psalmierten die zwei Priester durch das zunehmende Düster. Aber dem Kaplan haspelte sich das kleinlich Erlebte in die grossen Worte: der Corneli, die Ammännin, das Zifferblatt, Fünfliber, Kirchenräte, Stickmaschine und der elegant lotterige Onkel Julius mit der grünen Velomütze. Er zupfte sich an der grossen Hakennase, wo er heillos empfindlich war. Aber es half wenig. Carl jedoch stand im Glanze Jerusalems da, hörte die Harfen und Zymbeln tönen und den Vorhang vom Allerheiligsten aufrauschen.

Welch eine saubere, reine, unschuldige Stimme, ein wahrer Glockenklang! dachte Eusebius und versank neben dem Riesen noch tiefer ins Bänklein.


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