Heinrich Federer
Papst und Kaiser im Dorf
Heinrich Federer

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Kapitel 16

Die Wirtschaft zum Löwen stand an der einsamsten Grenze der Pfarrei, unter Tannen, in einem Hohlweg, der zur Thurbrücke hinunterführte. In alten Zeiten war da sicher manches Abenteuer geschehen, der Ort passte wunderbar dazu. Dieser Löwe hatte manchen mit leisem Knurren, manchen mit Gebrüll zwischen die Pratzen genommen. Aber das grösste Abenteuer erlebte das Raubtier an jenem nebelnassen Sonntagabend im November, da Pfarrer Carolus, den Haselstock in der Faust, durch die gefrorenen Wiesen, am Ranft des Tobels entlang, in den Rücken des Gasthauses schritt, von tiefem Dunkel und den alten Tannen fast bis zur Hintertüre geborgen.

Schon blinzelten die Küchen- und Treppenhauslichter durch den Nebel, und Carl meinte einen Duft von Bratwürsten und frischem Most bis hierher zu spüren. Ein dumpfes Getöse, ähnlich dem der Wasser in der Schlucht, aber nicht so kühl und ruhesam, hatte er längst wahrgenommen. Dazwischen etwa einen Jauchzer oder Pfiff, einen Geigenton zum rasch geöffneten und wieder zugeschmissenen Fenster hinaus, ein Gekrach von Fäusten auf tannene Tische, das Klirren fallender Gläser und vor allem ein Stampfen von Stiefeln, ein taktmässiges, unermessliches Stampfen, wie von einem tausendfüssigen Ungeheuer. Carolus fasste den Knotenstock fester und grub die Schaufeln in die Unterlippe. Seine Locken sträubten sich lustig. Er blühte förmlich auf. Da gab es einmal einen gesunden, starken Männerkampf, Stirne gegen Stirne, Gewalt gegen Gewalt. Wie er das von Gons her kannte! Und wie das alte, ferne, schattige Trotzdorf am Bergsee ihn mit allen seinen Grobheiten in diesem Augenblick anheimelte! Von wo man gerne fortgeht, schrieb ihm einer damals, dorthin ginge man am liebsten wieder zurück.

Jetzt, dreissig Schritte vom Löwen, löst sich etwas Kleines von der ungewissen Masse des Gehöftes, kommt geräuschlos näher, wird gross, ein Tier, jawohl, ein zottiger Bernhardiner, hoch wie ein Kalb. Er bellt nicht, er springt nicht, er kommt nur, kommt, immer etwas eiliger, aber Pfote auf Pfote, bis auf sechs Schritt. Er ist der einzige Getreue des Hauses. Ein unerbittlicher! Das merkt Carolus sofort. Hier gibt es keinen Ausweg, hier muss ein erster Strauss auf Tod und Leben ausgefochten werden. Denn es ist Nacht, er selbst kommt von hinten, wie ein Dieb. Der Hund ist gescheit, er merkt vielleicht noch viel mehr: dass ein Stürmer kommt, der das Haus erobern und unterjochen will.

Sechs Schritt, jetzt steht das Ungetüm still. Es hat einen dicken bemähnten Hals und zottiges Winterhaar um die Ohren. Wie ein Löwe. Nun knurrt es leise, tut noch zwei Schritte, Carl sieht, wie es die Lefzen auseinanderreisst und die Zähne fletscht. Wie Glaskugeln rollen die Augen hervor. Jetzt, Carl!

Wie ein Blitz schnellt der Riese vor und lässt den steinharten Knopf seines Steckens dem Hund auf die Nase quetschen. So machen es die Gonser, wenn die Stiere drohen. Der Schmerz ist furchtbar, die Augen überlaufen, das Gesicht schwindet, es schwindelt den Getroffenen, und der Angreifer gewinnt Zeit zu fliehen, oder den Kampf mit Vorteil zu beenden.

Einen Moment schien die Dogge starr, wieder sauste der Knauf nieder, aber jetzt bog der Hund doch den Kopf, der kolossale Hieb traf ins Leere und schlug den Ausholenden so ins Übergewicht, dass er in die Knie sank. Im gleichen Augenblick fiel es warm und wild über Carl und überschlug ihn beinahe. Bis jetzt war es Notwehr gewesen, nun aber wurde Carl grimmig. Rauflust überkam ihn, und bevor die Hundezähne einhacken konnten, hatte Carl mit beiden Händen furchtbar in die Gurgel des wütenden Tieres gegriffen und würgte und klemmte und schraubte so eisern zu, dass der Bestie die Füsse schlaff zusammenklappten und die Zunge weit zum Rachen heraushing. Blut trat ihr in die totbittern, schönen, treuen Augen, sie keuchte unendlich, suchte mit den Vordertatzen die harten Hände von der Kehle wegzukratzen und die ganze mächtige Figur wurde so schlapp und locker, dass Carl aufstehen, den Hals mit einer Hand loslassen und einen flinken Fausthieb auf die Stirne des Opfers zielen konnte. Geifer und Blut floss aus dem Maul, die Augen fielen auseinander, der Gewaltshund war niedergestreckt.

Das war kein übles Vorspiel, dachte Carl, schnaufte sich ein bisschen aus und sah nach, ob die Dogge wirklich tot sei. O ja, die Beine wurden schon steif. Schad’ um das edle Tier; es starb unschuldig für die Schuldigen dort. Wartet nur! Er putzte sich den Schmutz, so gut es ging, von Gesicht und Rock, glättete den verrümpften Kragen und schritt noch mutiger als vorher zur Hintertüre hinein. Es summte da wie in einem Bienenkorb.

»Peterli!« schrie eine Kellnerin von oben. »Kommt das Fässchen bald? Hüp, hüp!«

Du wirst schon Augen machen, lachte der Pfarrer treppauf, was da für ein Peterli kommt und was für ein Fass er euch vor die Füsse rollt. Mit unwiderstehlicher Kraft und Schnelligkeit gewann er die Vorlaube, achtete nicht auf die versteinerten Gesichter des Gesindes, schon zwei, drei verblüffte Jünglinge einfach mit dem Ellbogen von der offenen Saaltüre und sah nun, die Arme an die Pfosten gesperrt und die ganze Schwelle füllend, wie ein Goliath in den wolkigen, wilden Tumult.

Er hatte gedacht, es würde ihn eine Art Wut erfassen und er würde beinahe, wie Christus einst im Tempel, mit dem Stecken dreinschlagen. Aber nachdem er sein Auge an diesen tabakumnebelten Knäuel von Menschen gewöhnt und einzelne Personen daraus erkannt hatte, wie sie sich maschinenhaft, von einem törichten Trieb bewegt, plump und linkisch, mit leeren Augen uns tropfenden Gesichtern, in einer komischen, blödsinnigen Feierlichkeit, so ganz gegen die Elemente ihres Leibes und gewohnten Gehabens, im Saale herumwälzten, da dünkte ihn das Ganze so komisch, dass er laut aufgelacht hätte, wenn es nicht zugleich so erschreckend bemitleidenswert aussähe. Sieh, sieh, da ist auch die Lehrersfrau von Schwarzenboden, dort am Wandtisch schaut der Ilgenwirt zu, da streift der älteste Spätzlibub mit einer Unbekannten an ihm vorbei. Sie sind alle blind und erkennen ihn nicht. Der Dorfschreiber ist da, die Frau vom Spezereigeschäft, der er vor vier Wochen bei der Grippe die Sterbesakramente gespendet und die zehnmal im kranken Tag gelobt hatte, sie möchte, falls sie noch gesund würde, am liebsten stehenden Fusses ins Kloster gehen ... stehenden Fusses! Sticker Körnli, die Burliese, der alte Schmied und seine Tochter Karolina wackeln herum, der flotte Hugo Zellwig mit dem Goldflaum auf der Oberlippe und den kleinen, lustigen »protestantischen« Augen. Ist’s möglich, jetzt walzt der Kassierer des Kirchenrats an ihm vorbei, eine Kellnerin im Arme, und die gleiche fade feierliche Wichtigkeit auf der Nase, als wäre man auf dem Wege zum Heldentod oder zu einer Thronbesteigung. So ein alter Narr! Und der Bub da? Wahrhaft ein Unterrichtskind von der Bettener Mühle! Und sie kleben in Schweiss und Dummheit zusammen, ihre Lippen rauchen, ihre Nerven brennen, und ist doch alles kein Ernst, und der grobe sinnliche Fleischklumpen dreht sich, dreht sich und weiss weder warum, noch wie lächerlich er aussieht.

Und das soll eine so himmlischhöllische Versuchung sein! Dieses läppische, ewig gleiche, übelriechende Rundum und immer Rundum!

Nein, da konnte man nicht ergrimmen, da konnte man nur Mitleid und fast ein wenig Spott empfinden.

Die Geige, die über dem Haufen kommandierte, schien etwas Edleres als die Tänzer im Sinne zu haben. Es gab da hübsche Notenläufe und fröhliche Melodien. Das musikalische Ohr Carls fühlte das sofort. Es war, als wollte sie den Menschenklüngel da behender und geschmeidiger machen, zu feinern Schritten und vornehmeren Schwüngen erziehen, von Wucht und Schwere lösen, ihnen etwas Beflügeltes, fast Körperloses geben. Fürwahr, der Geiger dachte nicht so gemein, wie die Leute hier es verstanden. Aber was will er? Sie trugen grobe Schuhe und schwere Röcke, hatten dicke Knie und vom Sticken ein steifes Sitzleder, sie waren ein Volk, rauhknochig, von breiten Hüften und langsamen Hälsen.

Nichts als Gewichte vom Werktag und Müdigkeiten und Zinsschulden und mancher Hausverdruss hingen an ihnen. Die Kniebeugungen in der Kirche und das Falten der Hände und das Handgelenk beim Sticken und den Unterschenkel beim Pedaltreten, das verstanden sie gut, übten sie flott, ja, man kann sagen elegant. Aber beim Tanzen kam das nicht in Frage, hier tappten sie wie ratlose Säcke herum und die lockendste Geige konnte ihnen keinen Muskel elastischer machen. Merkten sie das denn nicht selbst auch? Klang ihnen das Geigen nicht wie Spotten und Auslachen ins Ohr? Es müsste doch! Die Hansnarren!

Aus dem Dampf und Geschrei hörte man nun ab und zu einen schwachen Ruf: Der Pfarrer! ... Wo? ... Wer spasst da? ... Aufgepasst, der Pfarrer! ... Ein, zwei Paare hielten an, aber der Hauptwirbel tummelte sich immer noch blind und wild am schwarzen Riesen im Türrahmen vorbei und merkte nichts.

Doch nun hob der Pfarrer den Stock hoch, mit dem er den Hund gebändigt hatte, und schlug damit laut den Takt. Eins, zwei, drei ... eins, zwei, drei! rollte seine Stimme wie Donner in den Lärm. Eins, zwei, drei! ... eins, zwei, drei! kommandierte er und beschleunigte das Tempo von Ziffer zu Ziffer ... Schneller! Das ist nichts! Noch schneller! ... grollte es. Und diese Fleischmaschine gehorchte blindlings, wahrhaft, drehte sich, drehte sich wie eine Spule immer flinker gegen das Ende zu. Die Geige wurde jetzt von der Masse mitgerissen, sie wusste selbst nicht wie. Alle gehorchten sie wie willenlose Hunde dem Stecken an der Türe. Da lag denn doch in der Wiese ein anderer charaktervoller Hund! ...

»Eins, zwei, drei ... eilends, eilends, Leute!« donnerte der Pfarrer. »Es pressiert! Die Zeit ist kurz ... eins, zwei, drei ... eins, zwei, drei ... so laufet doch ... sonst sind der Tod und unser Herrgott doch noch schneller und nehmen euch am Wisch, verstanden.«

Jetzt brach die Geige ab, die Masse zitterte in halbem Drehschwindel noch ein wenig hin und her, bröckelte auseinander, stand blöde da, riss die Augen auf und fühlte es kalt bis in die Haare steigen.

»Verstanden, ihr tanzt ganz schlecht, ihr habt keine leichten Sohlen, es geht nicht schnell genug, der Tod ist schneller und der Herrgott schon gar, und sie überholen euch lachend, ihr armen, dummen ABC-Tänzer!« Und er schaute sie mit vollen Augen an und weidete sich an ihrer grenzenlosen Haltlosigkeit.

»Ich sagt’ es ja längst,« rief es jetzt aus der Saalecke, wo der Schül mit glänzenden Schnauzzipfeln auf einem Tischchen stand und mit der Geige fuchtelte, »das heisst nicht Tanzen, das ist kein Fluss der Glieder; wie Öl soll’s rinnen! Hier karrt es wie Steine über das Kies. Man muss sie erst dazu erziehen. Aber Geduld, Herr Pfarrer, ich und meine Geige zusammen bringen es schon fertig.« Er küsste das braune Instrument auf den Bauch und dann den Bogen und sah dabei aus wie ein Harlekin.

Er war der einzige, der die Situation nicht begriff. Alle andern verstanden den blutigen Scherz ihres Pfarrers nun sehr wohl. Sogar die ältern Männer an den Wandtischen, die nur bei ihrem Bier oder Most zugeschaut hatten, selbst der witzige Ilgenwirt und der Jasser Allenspach, der Hinker, wussten nicht, wo mit ihren Augen absitzen. Sie flatterten wie ruhelose Vögel herum.

Die Tanzleute jedoch standen da wie bei einem Verbrechen ertappt, das zugleich lächerlich war. Sie standen da wie genagelt und gewannen einfach keine Haltung. Der ritterliche Hugo Zellwig, dieser kecke, junge Protestant, den der Tadel am wenigsten traf, da er ja kein Schäflein Carolus’ war, sagte laut: »Ja, das war eine grosse Dummheit von uns allen!« und schob sich hinaus.

»Schweigt Ihr da hinten!« gebot indessen Carolus herrisch zum Schül. »Ihr seid mir der rechte Erzieher, mit Euern Räuschen, Schuldboten, Betteleien und anderem Sudel. Das Beste wäre, Ihr schlüget Euere Geige tot und würfet sie neben den andern Kadaver, der hinter dem Hause liegt!«

Totenstille ward. Nur klopfte allen das Herz überlaut. Ein Kadaver? hinterm Haus? Was gibt es noch?

»Und ihr alle, schämt euch vor eurer armen, nackten Seele, dass ihr da bei Nacht und Nebel wie Schelme zusammenkommt und euch von einem solchen Erzieher an der Nase herumführen lasset! Das ist eine Schule fürwahr, und ein Schulmeister!«

Man starrte Löcher in den Boden, trat von einem Bein aufs andere und hüstelte ein bisschen. Eine Jungfer fing an zu schluchzen.

»Lasset doch, liebe Kinder,« fuhr Carl schonlicher fort, »die Stadtleute tanzen, die Luftibusse, die Eleganten, und lasset sie dann auch einst recht elegant sterben! Ich glaube, wir verstehen lieber nicht dieses dumme Biegen und Beugen, aber liegen dann recht ungebogen in den Sarg und marschieren solid in die Ewigkeit hinüber. Der Schül dort mag sorgen, wie er hinübertänzelt. Wir sind Soldaten des Herrn und marschieren! In eine ernste Sache tänzelt man nicht, man marschiert!«

»Zum Zeitvertreib!« brockte nun der Ilgenwirt spassig ein, um seine Unabhängigkeit doch irgendwie zu markieren.

»Auch durchs Leben können wir nicht tänzeln,« fuhr Carl fort; »ein Narr, wer’s probiert! Als Kinder ja, aber jetzt tragt Ihr doch keine Kinderschuhe mehr, Herr Gemeinderat und Wirt zur Ilge!«

Alles dachte an die Plattfüsse des Quälers, und ein Sönnlein von Erleichterung wollte über der dumpfen Gesellschaft aufgehen, das zarte, leichte, rasche Toggenburger Sönnchen, noch genauer: Untertoggenburgersönnchen voll Helle und Humor.

»Meine Schuhe haben damit nichts zu schaffen,« trotzte der Simon Quäler ungeschickt und schob die Füsse unter die Bank; und nun wurden die Augen der Leute schon lustiger.

»Freilich, Eure Schuhe und alle unsere Schuhe! Unsere Stuben sind zu eng, unsere Bohlenböden zu knorrig zum Tanzen. Und unsere Toggenburgererde erst! Dura terra hat schon der alte Klosterchronist gesagt. Die ist so recht für grobe Schuhe, für Schaufel und Hacke, Pflug und Egge, aber nicht für Tanzsohlen gemacht. Und unser Leben ist streng, der Werktag schwer. Mit Zentnern geht man in den Sonntag. Da heisst es ruhen, nicht bis über Mitternacht mit Händen und Füssen für nichts als die Sünde und die Müdigkeit arbeiten und nachher blauen Montag machen. Zeitvertreib, sagt einer und merkt nicht, dass man damit nicht bloss die Zeit, sondern auch das Geld, die Gesundheit und Ruhe und Frieden vertreibt. Und wohlgemerkt: diese Zeit ist nicht vertrieben! Sie kommt einmal zurück wie eine Klägerin, steht böse vor euch, lässt sich nicht wegdrängen und vergiftet euch Leben und Sterben und Seligkeit.«

»Aber die Alten, die Frommen, haben doch auch getanzt,« rief eine kecke Frau, der das halbe Scherzen schon wieder den Leichtsinn zurückgab.

»Jawohl, unsere Alten, die Grossväter und Grossmütter,« brummelte man bescheiden. »Weiss der Gestrenge das nicht?«

»Wisst ihr, wie die getanzt haben? O damals war man noch klar im Schädel und man hätte über eine solche Wursterei ...«

»Hoho ... He! ... Herr Pfarrer!«

»Wursterei, ich wiederhole es, denn nichts anderes sah ich, als ich herzutrat, als alles zusammengeballt in einen Klumpen, und der drehte sich, rot und dick und wurstig ...«

»So wüst?« fragte eine weibliche Lippe beinahe schelmisch.

»Wie ich’s gar nicht sagen kann. Aber die Alten wussten noch, was artig ist. Ich will’s euch einmal auf Bildern zeigen, wie die tanzten. Es war eine Kunst, ein Spiel, ein Gemälde sozusagen und nichts als Würde und niedlicher Humor darin. Wir können es einmal in der Fastnacht spielen, es geht für ein Theater.«

Alles horchte. In der Tat, wie arg hatte man es vorhin getrieben. Die Weiblichkeit vor allem schämte sich. Sie erinnerte sich an die alten Trachten, die feierlich-steifen Figuren und wie der Jüngling vor der Jungfrau wie der Mond vor der Sonne geknickst, sie schüchtern umkreist und demütig an den Fingerspitzen zuletzt in der Runde geführt habe.

»Seit drei Monaten haben wir die wütende Epidemie im Dorf. Statt vier, fünf Personen, wie’s der Natur entspräche, musste ich sechzehn liebe Menschen in den Friedhof schaufeln. Glaubt ihr, die würden diesen Tingeltangel begreifen. Sie schüttelten die Ewigkeit aus den Augen und sagten: ja, aber Bruder, Schwester, Vetter, Base, was treibt ihr da? Wenn ihr gesehen hättet, was wir sahen!

Und wie viele meinten, als es über die vierzig Grad hinausging, es komme zum Sterben. Denen hätte ich nicht vom Tanze reden mögen. Aber heute seh’ ich ein paar solcher Vergesslicher da! Könnt ihr so schnell vergessen? Aber ich weiss einen, der nie vergisst!«

Man duckte sich wieder zusammen. Die Nonne in spe war nirgends zu sehen. Kein Widerwort wurde mehr laut.

»Ich bitt’ als wahrer Freund, tut euch und mir und unserer lieben Heimatwürde das nicht mehr zu leid. Geht jetzt heim! Ich will denken, ihr seiet wie die Kinder von Hameln gewesen. Der Rattenfänger dort habe es euch mit seinem Spiel angetan und ihr seiet wie Kinder ohne Arg und Falsch ihm nachgerannt. So will ich denken und Gott danken, dass ich noch zeitig dazukam, bevor der Verderber euch ganz betört und ins Elend gestossen hat, wie jener von Hameln. Ich gehe und glaube an euch, meine Lieben!«

Und im Gang wandte er sich nochmals um und rief: »Saget dem Löwenwirt, dass ich seine Dogge hinterm Haus erschlagen hab’. Ohne Spass, sie wollt’ mir an die Gurgel. Er soll mir die Rechnung schicken. Ich zahl’ ihm den vollen Schaden. ‘s war ein schönes, treues Tier. Aber saget ihm auch,« Carl wandte sich mehr in den Gang nach den offenen Küchen- und Kammertüren, wohinter der Wirt ja gewiss irgendwo zuhörte, »saget ihm weiter, dass er mir auch den Löwen seines Hausschildes lebendig entgegenschicken kann, ich bin der Hirte und weiche vor keinem Tier und keinem Menschen, wenn es dem Schutz meiner lieben Herde gilt! Das saget ihm. Und, bitte, kommt bald nach! Gute Nacht, liebe Leute!«

Die folgenden Tage herrschte eine ungewöhnliche Stille im Dorf, wennschon man vor den Wahlen stand. Carl legte es als demütige Folge seines Sieges aus, und wirklich blickten die Jungfern eingezogener, die Frauen stiller drein, und am nächsten Samstag war sein Beichtstuhl mehr als sonst von Menschen umlagert, die sich das Gewissen erleichtern wollten. Männer freilich sah er wenige. Sie schienen ihm auch in der Strasse auszuweichen. Sie genierten sich jedenfalls. Die Kirchgemeinde war wegen Unpässlichkeit Cornelis auf acht Tage hinausgeschoben. Carl sah das ungern. Der Eindruck seines glorreichen Streiches im Löwen zu Schwarzenboden würde so immer schwächer. Und gerade von diesem Streich hoffte er das Allergünstigste für die strittigen Wahlen.

Aber Pfarrer Carl Bischof war ein Held, ein Arbeiter, ein Organisator, aber kein Psychologe. Gerade das Gegenteil musste kommen. Als die Mannschaft an jenem Tanzabend nüchtern wurde, schämte sie sich, so widerstandslos geschlagen zu sein. Sie musste dem Pfarrer völlig recht geben, gewiss. Aber unrecht zu haben kränkt. Und wenn man einem das Unrecht noch so meisterlich zeigt, fast wie einem Kinde sein besudeltes Hemd! Sie sind doch Männer, selbständige Leute. Carl ist ihr Pfarrer, aber nicht ihr Herr. Der widerspenstige Geist, den die Toggenburger durch ihre ganze Geschichte gegen herrschaftliches Schalten fröhlich bewiesen, wurde auch in Lustigern munter.

Ja, der Pfarrer hatte leider recht. Aber für seine Kandidatur in den Rat und für das Hinausbugsieren des greisen Corneli konnte man ganz anderer Meinung sein. Da konnte er ebensogut unrecht haben. Jedenfalls lag es in ihrer Macht, Carl ins Unrecht zu versetzen, indem man die alten Räte alle wieder wählte und den Pfarrer so wegstimmte. Ja, das musste man auch. Er durfte nicht zwei Siege feiern, er würde zu mächtig. Eine Niederlage an der Kirchgemeinde würde seiner vollblütigen Herrschaftlichkeit gerade einen heilsamen Aderlass geben. Die Jungen also, auf die sich Carls Hoffnungen am meisten stützten, beschlossen abends von Stube zu Stube untereinander, für die nächste Amtsdauer noch einmal die Stimme den Alten zu geben. Die schlagen wenigstens keine Doggen tot und überrumpeln keine fröhliche Sonntagsgesellschaft und kapiteln sie nicht auf Tod und Leben ab. Sie husten und schnupfen und verbreiten Langeweile, aber sind am Ende doch leichter zu ertragen als ein gar zu kurzweiliger Pfarrer mit seinem famosen Taktstock.

Unter den Männern wiegelten besonders der Schül und der Ilgenwirt gegen den Pfarrer auf. Carolus sei ein Freudenverderber für Jung und Alt. Tanzen dürfe man, aber nur nach seiner Pfeife. Das übrige sei Todsünde. Und doch gebe es kein Kantonsgesetz, das den Tanz am Sonntagabend in geschlossener Gesellschaft verbiete. Der Carl Bischof fabriziere willkürlich solche Gesetze. Jetzt sitze er erst ein halbes Jahr im Dorf und habe schon alles drunter und drüber gebracht. Ein rechter Regierhafen! Den müsse man am nächsten Sonntag stramm an beiden Ohren nehmen und gehörig schütteln, bis sie kupferrot seien und es für ein paar Jährchen bleiben.

Nochmals eine Woche musste die Versammlung verschoben werden, da Corneli an einem starken Husten litt und leichtes Fieber hatte. Den Pfarrer ärgerte es, dass man so viel Rücksicht nahm. Es gab doch einen Vizepräsidenten. Auch die Frauen in den Stuben verdross dieses Hinausschleppen. Es sei kein Friede mehr, bevor die Abstimmung geschehen. Die eigenen Geschwister verzanken und verkratzen sich als Carolinger und Cornelianer. Zumal die gewissenhafte Frau Ida in her Ilge und Mili und Siria im Tälerhause quälten sich sehr. Sie bewunderten den Pfarrer, wünschten seine Wahl und dachten doch in einem hintersten Unterschlupf ihrer Seele, es wäre besser, Carl kümmerte sich um die weltlichen Sorgen und Ämter nicht und liesse den alten Corneli die letzten Tage friedlich in seinen Amtssesseln verbringen.

Es traf sich nun, dass der Ambrosiustag, dieses Glanzstück im kirchlichen und weltlichen Lustigernjahr, auf einen Samstag, gerade dem Wahlsonntag vor die Füsse fiel. Das war schade. Das Fest hatte nun nicht die schöne, fromme Unbefangenheit anderer Jahre. Die Politik entheiligte es ein bisschen. Es kamen auch wenige Nachbarsgeistliche. Man entschuldigte sich mit dem Samstag vor dem Marienfest. Der Festprediger freilich, jener lockige, junge Anselm mit »dem rechten Stil« erschien in einem so frischen, angriffigen Wesen, als wollte er die kühnsten Taten des heiligen Ambrosius übertrumpfen. Als er erfuhr, um was es sich morgen handle, summte er wie eine Hummel um den Studiertisch des Pfarrers herum. Dieser hatte eben ein Postpaket aus Zürich geöffnet. »Sie da, Anselm, was Lustigernkraft kann,« prahlte er; »das wäre ein Gedanke in deine Predigt. Der Johannes ist doch ein Tausendsassa. Wie der Bischof den Kaiser von der Kirchtür zurückweist, schau, da!«

»Prächtig! von Rubens!«

»Nein, von Johannes Täler,« korrigierte Carl stramm.

»Er hat den grossen Rubens studiert,« lenkte Anselm ein; »da tat er recht, es gibt nichts Besseres.«

»Rubens, ein Zürcher? etwa Professor an der Gewerbeschule?«

»Nein, nein, der ist längst tot. Und darum darf man sich ruhig an so einen alten Meister halten ... Aber hast du den Hergenröther? Gib her! Ich will die Szene mal nachlesen. Das könnte durch die Kirche blitzen, wenn ich dieses gewaltige Duo erzählte.«

»Blitze und donnere nur,« ermunterte Carl. »Wir brauchen eine grosse Luftreinigung.«

Aber es blitzte nicht und donnerte nicht.

Anselm predigte gut, freilich mit etwas zu viel Adjektiven und multiplizierten Kraftwörtern. Er sagte nicht Licht, sondern Glanzlicht, Rabenschwarzdunkel, nicht Dunkel, Strahlensonne, nicht Sonne, und so verlor die Sprache von selbst ein bisschen ihre Ursprünglichkeit und ehrliche Kraft, ähnlich wie ein Gipfel an Höhe einbüsst, wenn eine ganze Kette von ebenso hohen Spitzen in ununterbrochener Linie vorwärtsläuft. Aber seine Stimme war feurig, sein Satz hatte etwas quellend Saftiges, man horchte gerne zu.

Er zeichnete die Liebe zur Kirche breit und rauschend wie den Bischofsmantel des Kirchenvaters. Das gefiel. Dann zerrte er den Staat herbei, ein dünnes, knochiges, giftiges Männchen, das mit langen Fingerknochen in diesen Purpurmantel hineinzupft. Das gefiel weniger. Denn man lebte doch in diesem Staat, und war er nicht heilig und oft etwas lax, man konnte doch leben, katholisch leben und sterben und sogar, wie der Corneli, dabei noch ein Geldsack werden. Nun mahnte der Prediger, als stände ein Nero vor der Türe, sich gegen den verfolgungssüchtigen, christuslosen Staat geharnischt zu halten, und er erzählte mit dramatischen Gebärden, wie Theodosius, der gewaltige Kaiser, als er am Sonntag zum Gottesdienst wollte, von Ambrosius mit göttlicher Gewalt am Portal abgewiesen wurde, weil er mit blutigen Händen und unbussfertiger Seele eintreten wolle. Er liess ihn nicht ein. Er stiess ihn zurück. Er verriegelte die Türe.

Bei diesem Satz blickte alles nach Corneli, der im Kirchenpräsidentenstuhl sass und steif und hoch mit seinem Schneegesicht aus allen Sitzenden emporragte. Alles dachte an jene Minute, wo der alte Magistrat umsonst an der Kirchtüre gepocht hatte. Aber niemand dachte an einen gerechten Vergleich. Im Gegenteil, alle fühlten, wie dieser stürmische Redner unrecht tue, wenn er mit jener alten Episode an Cornelius erinnern wolle, an Cornelius, dem man die Türe vor der Nase zugeriegelt, nur um den Eigensinn mit den Beichtstühlen im Innern ungestört zu vollenden. Und diese Kleinigkeit will man mit der Tat des Ambrosius vergleichen! Den Carolus, versteckt hinter der Türe, mit dem Bischof von Mailand, wie er mit offener Stimme, aber voll Erbarmung zugleich dem grossen Kaiser und grossen Sünder sagt: erst reinige dich und tue Busse, dann komme!

Gerade das Gegenteil von dem, was der Prediger in besten Treuen wollte, ward erreicht: Der ungeheure Widerspruch zwischen den beiden verriegelten Kirchenportalen reizte und machte zornig. Alle Köpfe wandten sich nach dem Ammann, der noch um einen Gedanken blasser wurde und sich schwindelnd in die Stuhlwand zurücklehnte. Aber sofort setzte er sich wieder schroff auf. Denn sein gesundes Falkenauge bemerkte sogleich, dass in keinem der hundert Blicke blosse Neugier oder gar Vorwurf und Verurteilung lag, sondern alle schienen ihm gleichsam zu sagen: Mut, Ammann, wir wissen genau, wie es steht. Ambrosius ist unser heiliger Patron und du bist unser etwas karger und zurückhaltender, aber eben doch wohlgelittener und respektabler Gemeinde- und Kirchenpräsident, Amen.

Von diesem Moment an wusste Corneli, dass seine Sache morgen gut stand, und bei den gewaltigen Schlussworten der Predigt, dass doch jeder Zuhörer vor allem ans höhere Gut der Kirche denke, wenn er mit erhobener Rechter oder dem Stimmzettel seine Bürgerpflichten erfülle, wussten die meisten Männer bereits, welches grosse C sie auf ihr Papierchen schreiben würden.

Und doch hatte Anselm es so gut und fromm gemeint und so schön gesagt! Er hatte mit der Unschuld, der fröhlichen, draufgängerischen Unschuld der Tauben, aber nicht zugleich mit der evangelischen Klugheit der Schlangen geredet.

Die Geistlichen freilich hatten die grossäugige Erregung des Volkes und sein Hälsedrehen nach dem Corneli im klerikalsten Sinne aufgefasst, und beim Festessen erhob sich der Dekan Rütener, ein fast blinder und tauber, aber doppelt aufmerksamer Greis, und gratulierte dem neuen Ambrosius, der morgen den Theodosius vom wichtigen Präsidentenposten weisen werde. Er höre nicht gut und sehe nicht gut, aber es läute ihm in den Ohren und summe ihm durch den Kopf: Vivat Carolus, Pfarrer und Kirchenpräsident!


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