Heinrich Federer
Papst und Kaiser im Dorf
Heinrich Federer

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Kapitel 24

Als Carl ins Krankenzimmer trat, war Sigi gerade zu sich gekommen und schaute mit feuchten, verwunderten Augen Vater und Mutter und den Pfarrer auf der Schwelle an. Stirnrunzelnd suchte er sich zu besinnen, wieso er halb entkleidet, mit aufgerissenem Kragen und Hemd auf dem Bette liege und wieso man mit so ergriffenen Mienen um ihn stehe. Endlich irrte ein schwaches Lächeln über seine eingeknickte, wachsweisse Nase nieder. Sein Haar war nass, und grosse, dunkle Blutflecken besudelten die Ärmel und ein weisses Tuch, womit man ihm den Schaum vom Munde gewischt hatte. »Wasser!« befahl er leise.

Dann fing er an, sich zu genieren, die Brauen zu zacken und zu schelten, dass man solch ein Wesen mache, wo es doch so etwas Gewöhnliches sei, und sogar den Pfarrer rufe, als ob er ad inferiores verreise. Er habe hierfür das Billett noch nicht gelöst. Man solle jetzt hinausgehen, er wolle schlafen. Er klingle dann schon. So ein Anfall, bah, so etwas Gewöhnliches.

»So etwas Gewöhnliches?« widersprach der Vater, während die Mutter schon gehorsam zur Zimmertür huschte. »Du hast ausgesehen wie ein Toter und bist vielleicht auch nicht weit davon weg gewesen. Der Doktor Grendel wird nun kommen.«

»Auch das noch!« seufzte Sigi, indes die hellrötliche Farbe, die sein Antlitz sonst wie mit zartem Weinglanz belebte, rasch zurückkehrte.

»Sag’, hast du den Anfall in Zürich auch schon gehabt?« fragte Viktor.

»Ja, ja, ein-, zweimal ... doch was soll das? Lasst mich jetzt schlafen. Mein Kopf ist so stumpf und müd, als hätte man damit eine Stunde gekegelt. Geht! Sie entschuldigen, Herr Pfarrer. Ich bedanke mich dann persönlich bei Ihnen.« Damit wandte er sich rücksichtslos gegen die Wand.

Der Pfarrer war nicht gemeint, auf solche Art zu retirieren. Aber die Eltern winkten ihn flehentlich mit sich in die Vorkammer hinaus.

»Wir meinten, er sterbe uns unter den Händen,« entschuldigte Viktor.

»Was war es denn eigentlich?« fragte Carolus. »Eine Ohnmacht? ein Herzkrampf? eine Magenöde, wie?«

Frau Ida weinte ins Schnupftuch. Zornig von ihr wegblickend, antwortete der Wirt, es sei etwas viel Schlimmeres, das fallende Weh, Epilepsie.

Aber wieso denn jetzt erst? Ob sie’s verheimlicht hätten?

Wie man wolle. Sigi habe als Kind darunter gelitten. Durch ihre Schuld! In einer unbewachten Stunde sei das Büblein einmal aufs Fenstergesimse geklettert und gleich rückwärts auf den Hinterkopf in die Stube zurückgefallen. Von da an kamen die Anfälle. Man habe dann durch Bäder und Diät und Luftkur das unheimliche Ding spurlos weggebracht. Sigi wisse nicht einmal davon. Leider! Denn sie hätten es ihm vielleicht später doch sagen sollen, weil der Arzt erklärte, Sigi müsse bis über die Entwicklungsjahre hinaus sehr behutsam leben. Erst mit zwei-, dreiundzwanzig Jahren, mit dem Bart, habe Dr. Grendel gespasst, höre die Gefahr des Rückfalles absolut auf. Aber Sigi sei so stark und tüchtig geworden, dass sie leider alle Bedenklichkeit fallen liessen. Sie meinten es ja gut. Würden sie ihm die Sache verraten haben, so hätte immer eine Drohung über dem Buben gehangen, und auch der Arzt wagte nicht, fürs Schweigen oder Reden zu entscheiden. Je nach dem Naturell hätte die Preisgabe des Geheimnisses den Burschen erst recht melancholisch machen und zu Anfällen disponieren können. Aber strenger hätten sie sein sollen. Alkohol habe der Arzt streng untersagt und fast so entschieden auch das Rauchen. Sie aber liessen den Sigi sorglos paffen und am Weinglas läppeln, und auch andere Störungen in seinem Wesen wie rasches Zürnen und Wüten, leidenschaftliches Kommandieren und eine gewisse aufregende Gier nach Mädchenverkehr hätten sie zu spät und daher nicht mehr wirksam bekämpft. Nie dachten sie an eine so grauenhafte Möglichkeit wie die heutige.

Dem Wirte ward heiss wie bei einer Beichte. Es war ja auch wahrhaft ein Sündenbekenntnis, das spürte er; und mit den Fehlern des Sohnes gestand er deutlich genug die eignen. Um so lieber fügte er nun hinzu, dass es letzten Winter auffallend besser geworden sei. Sigi habe sich ruhiger betragen; besonders die Schürzenjägerei habe in Zürich stark nachgelassen. Dagegen süffelte und tobakte er immer noch zu heftig. Auch habe er geradezu unvernünftig studiert, sei nie vor zwei oder drei Uhr zu Bett gegangen und habe so etwas wie Musik, oder wie man das heisse, getrieben. Ganze Nächte sei er von der Bude weggeblieben, in Geheimzirkeln, wo man Tote reden lasse, Wunder vormache, etwas von Seele wie Watte zeige und das Gehirn verstöre. Wenn er dann rasch heimkam, habe er fast nichts erzählt, sei schläfrig gewesen und habe sich gern ins Zimmer eingeriegelt. Nur in der Fastnacht sei er plötzlich wie ein umgekehrter Handschuh geworden und habe nichts als Witze und Schabernack verübt. Bei dem altmodischen Fest lebte er förmlich auf. – Alle drei Personen guckten sich hier vielwissend an. Wieso nun dieses Entsetzliche? Sie brächten nichts aus dem Jungen heraus. Der Pfarrer möge es versuchen. Und wenn es dienlich schiene, möge er den Sigi auch über sein fallendes Weh aufklären und die Eltern von Herzen entschuldigen.

Aber Carolus bekam nichts als Höflichkeiten zu schmecken und ging fast unwillig weg. Der Arzt verordnete Brom, verbot alles Gewürzte und jegliche Spirituosen und mahnte, nichts zu unterlassen, was das Gemüt des Kranken beruhigen könne.

Mili war betroffen, dass Sigi daheim sei und nichts von sich hören lasse. An jenem altmodischen Abend waren sie beide wie berauscht auseinander gegangen. Sie hatten sich weder einen Schwur, noch auch nur die Hand gegeben, gerade wie zwei Menschen neben einem jungen Rosenbäumchen stehen, die ersten blutroten Kelche sich öffnen sehen und in der heitern Gewissheit, es blühe nun von selbst herrlich weiter, ohne jede Sorge rechts und links von ihrem süssen Geheimnis davonspringen.

Dann kamen die Stunden der Ernüchterung. Nicht als ob Mili noch hätte zweifeln mögen, dass sie beide zueinander gehören. Solche Bedenken lagen nicht in ihrer Art, und zu allmächtig war der Unterschied zwischen dem, was sie für Johannes gefühlt und was sie jetzt für Sigi so brennend empfand. Aber mit dieser Leidenschaft für Sigi ging ein sonderbares wachsendes Mitleid für Johannes Hand in Hand. Das Schwesterliche und Mütterliche in ihr regte sich stärker. Ihr war, er habe niemand auf der Welt als sie; wenn sie mit Sigi gehe, lasse sie ihn ganz fallen. Als die schlechten Zeugnisse von Zürich kamen und viele den Kopf schüttelten und selbst der Pfarrer einen Augenblick am Maler zweifelte und ihn kaum für ein neues Stipendium anzumelden wagte, da stellte sie das glühende Bild Sigis mit aller Anstrengung hinter den armen Milchbruder und suchte diesem die paar Tage Aufenthalt recht herzlich zu widmen. Johannes malte das Ambrosiusbild über der Kirchentüre. Er freilich war gar nicht niedergeschlagen und strich die Farben voll Kraft auf die Mauer. Und eines gelang sicher vollkommen: ein geradezu musikalisches Zusammenspiel der grauen, braunen, weissen und roten Töne. Immer stand ein Grüpplein Neugieriger unten am Gerüste und trug das Lob des jungen Meisters weit herum, obwohl es zwischen den Stangen und bergenden Segeltüchern eigentlich nichts als Farbenkleckse erwischte. Carolus und Johannes wurden dabei immer zufriedener. Aber gerade diese blinde Zufriedenheit des Johannes tat dem gescheiten Mili weh. Abschreiben ist doch keine Kunst, und wenn der Kopist auf den Inhalt der Kopie stolz wird, dann macht er sich lächerlich. Sie ging auch zum Portal und schaute dem Maler zu. Aber ihre Seele war nun so warm und fürs wahre Gefühl so empfindlich, dass der prachtvolle Farbenrausch sie nicht betäubte, sondern ihr erst recht die Armut der Gesichter und menschlichen Bewegungen, den Mangel an heissem, innerem Nachempfinden bewies. Selbst die Kunst will den Johannes verlassen, dachte sie. Was bleibt ihm dann noch, wenn auch die Schwester geht? Darf sie das? Ja? Nein? ...

Und in ihrer Art hatte sie ihn doch auch gern. Er blieb sich immer gleich, hübsch, fröhlich, kühl und eigner Herr! Man gewöhnte sich so lieb und leicht an sein Wesen. Wir früher kochte sie ihm, rüstete sein Bett, wusch seine Hemden und bürstete seine Hosen und links und rechts wandte er sich mit der alten unverfrorenen Zutraulichkeit an sie. Mili hiess es links, Mili rechts, Mili vorn und hinten. Köstlich vertraut war ihr diese stete Musik; es fehlte ihr etwas, wenn es dieses Rufen und Bitten und Befehlen und hundertfältige Sorgen in alle Kleinigkeiten nicht mehr gäbe. Es war eine Art Regieren, und sie regierte gerne. Zufriedenheit kam dann über sie. Ihr braunes Gesicht nahm Mutterfarbe an.

Aber wenn sie an Sigi dachte, strömte mehr als Zufriedenheit, schoss eine Sonnenflut von Glück über sie. Zufrieden war sie dann nicht mehr, o nein, im Gegenteil, ungeduldig, hitzig, begehrlich, es fehlte ihr dann allenthalben etwas. Die Liebe scheint das mit sich zu bringen. –

Und doch wagte sie nicht weiterzudenken, was nun folge, ob Sigi bald schriebe oder selber käme. Sie wünschte, es bliebe noch lange so und doch wieder, es geschähe je eher je lieber etwas Gutes. So konnte es jedenfalls nicht bleiben.

Und nun war er da und kam nicht. Das marterte sie. Aber am dritten Tag, nach allerlei Vertuschen, bekam sie klaren Bescheid, was in der Ilge vorgegangen sei und wie Sigi an schwerem Kopfweh immer noch darniederliege. Sie hatte eben das Tälerpaar zur Station nach Uzli begleitet und sich von der treuen, ihr tief ans Herz gewachsenen Freundin fast nicht losmachen können. Als sie, über das unklare Schicksal der Siria ihr eigenes vergessend, auf dem Rückweg vor dem Portal stillstand und zum Johannes hinaufgrüsste, da winkte Bas’ Ida vom Ilgenfenster sie ins Gasthaus und erzählte ihr alles vom Sigi noch genauer als damals dem Pfarrer, weinte, schlug sich wie eine Verbrecherin an die Brust und ächzte: niemand, gar niemand kann es ihm sagen.

Und aufs Innerste erbebend erklärte Mili leise, sie schon, sie wolle es ihm sagen.

»Und würdest du ihn auch so heiraten, so? Einen Fallsüchtigen? ... Überdenk das! Würdest du?«

»Ich glaube ja, wenn er noch will,« kam es zitternd aus ihrem Munde. Aber jetzt blies sie gewaltig den Flaum auf; denn ein so schweres Wort war ihr noch nie entfahren.

»O du süsses heiliges Kind du, wahrhaftig mein Seelentrost,« schrie die Frau. »So geh gleich zu ihm und red’ ihn an. Aber nimm zuerst ein Süppchen. Gerade ist angerichtet. Derweil meld’ ich dich.«

Aber Mili bat noch um ein Stiefelchen alten Veltliner. Dann erst wagte sie es.

Sigi lag im Lehrstuhl. Er hatte den Eisbeutel vom Nacken geworfen, lächelte seltsam und bot ihr eine so schwache Hand, als würden gleich die Finger daran abfallen.

»Was ist denn mit dir?« jagte sie schweratmend.

»Kaputt!« Er blickte sie ununterbrochen an.

»Sigi,« bat sie und fuhr ihm über die Hand, »rede wie ein Christ und mach’s nicht schlimmer, als es ist.«

»Du weisst doch, dass man mit solchen Geschichten ein verlorener Mensch ist. Ein Epileptiker ist schlimmer als ein Toter!«

»Wie’s gekommen, dir sozusagen angeblasen, so scheint mir, kann’s auch wieder gehen.«

»Das ist nicht angeblasen. Das steckte schon lange, lange da drin.« Er betupfte die Stirne.

»Wir haben nie etwas gemerkt, Sigi.«

»Ich schon. Das heisst, früher auch nicht. Aber jetzt, nach diesen ... Vorfällen, ist mir doch allerlei erklärlich, sogar aus der Schulzeit.«

»Du spinnst,« scherzte sie.

»Ich wurde immer so schnell zornig beim Spiel in der Pause. Dann war mir wohl. Im Zorn war mir, ich sehe besser, höre besser, fliege beinah und verstehe einen Haufen Sachen, die ich vorher nicht begriff. Aber nach einiger Zeit in der Bank ward mir plötzlich heiss und schwindelig, und die Hände nach innen wurden ganz nass. Dann konnt’ ich nicht mehr aufpassen. Und solches hat sich oft wiederholt, wenn ich mich sonst in etwas übertrat. Zum Beispiel bin ich oft vom Wasser die Tobelwand hinauf geklettert, wo nicht einmal ein Eichhörnchen probiert hätte. Und zu oberst, wo’s überhing, war’s mir am leichtesten zumut. Jedes Gras und Steinchen konnt’ ich zählen, so klar sah ich. Wenn ich dann wieder unten an der Thur im Sichern stand und nicht mehr dran dachte, fing’s plötzlich an, da hinter den Ohren zu musizieren und zu brennen, und ich musste mich auf den Rücken legen, so drehte sich alles um mich herum. Damals hab’ ich’s nicht geachtet. Jetzt fällt es mir sozusagen wie Schuppen von den Augen. Das war schon Epilepsie.

Aber soll ich dir eigentlich solches vorschwatzen? Sag’, warum bist du hereingekommen? Hab’ ich dich etwa gerufen?« Ein böser grüner Schimmer blitzte plötzlich auf.

»Hoho, Sigi, wenn du mich fortjagst, geh’ ich sogleich,« spasste sie halbierst. »Aber ich meinte, wir hätten vieles miteinander zu plaudern. Wir ...« sie stockte, es machte ihr Mühe, »wir ... am Abend beim Jakoberhops ... mir ist ...«

»Das war Fastnacht, jetzt ist Karwoche,« sagte Sigi.

Nun wurde Mili böse. Wozu dieses Versteckensspiel miteinander? Ist jetzt die Zeit zu solchem, gerade jetzt?

»Höre, Sigi, Fastnacht, Fasten, Ostern, ich bin das Mili, das du jetzt gut kennst, vor- und nachher. Und nun frag’ ich, bist du etwa nicht mehr der gleiche wie damals, als du mich über deinen Kopf geschwungen hast? Bist du nicht mehr der gleiche Sigi?«

Er krümmte die Brauen, leckte an den Zähnen, schnob aus den gesperrten Nasenlöchern und sagte endlich mühsam: »Nein, ich bin ein andrer, ein Siecher, ein Unheilbarer, ein ekelhafter Tropf. Was plagst mich noch? Seh’ ich etwa nicht, dass du so schön und gesund bist wie schon immer, nein, noch schöner, noch viel schöner. Zum Teufel, geh! Was hab’ ich Narr da noch zu schwatzen ...« Er verzog das Gesicht und wandte sich ab.

Jetzt verstand sie. Einen Augenblick sah sie ihn traurig und unschlüssig an. Aber ihr gesunder Sinn siegte sogleich. Sie bog sich über ihn, sagte kein Wort, nahm nur seinen erhitzten Kopf und drückte ihn voll unsagbarer Einfachheit an ihre Wange. So taten einst die vom Land, wenn sie liebten, aber noch die wunderbare Keuschheit vor dem ersten Kusse nicht brechen mochten.

Aber Sigi kannte diese heilige Scheu nicht. Überströmend von jähem Glück suchte er ihren Mund, ihre Augen, ach, jeden warmen Fleck des geliebten Gesichtes, bis sie sich ihm entwand und drohte: »Seien wir vernünftig, Sigi, lass, es schadet! Nur jetzt keine Exzesse, sagt Doktor Grendel.«

»Nein,« presste er voll seligem Eigensinn zwischen den Zähnen hervor und wollte sie nochmals erhaschen, »jetzt werde ich gesund. Gib her, einen Kuss darfst zu mir wenigstens schenken, das ist keine Sünde.«

»Bist du dann zufrieden?«

»Wie noch nie.«

»Da!«

Als hätten sie beide zu viel Wein getrunken, sahen sie einander mit glänzenden Augen an. Dann begann Sigi wieder: »Das warst du mir übrigens schuldig. Du hast mich krank gemacht ... du am meisten ...«

»Sigi!«

»Höre mich fertig. Ich habe dir von meinen Müdigkeiten und vom Schwindel erzählt und wie ich dann oft mich ganz stumpf fühlte wie ein verbogener Nagel. Aber in den obern Klassen und am Gymnasium verlor sich das so total, dass ich’s für immer vergessen hätte ohne die neuerliche Geschichte. Ich rauche wohl viel und süffle ein bisschen, aber in einem Rausch hat man mich noch nie gesehen, du etwa ausgenommen.«

»Ich ... Ach, schweig doch!« lachte sie und verhielt ihm den Mund.

Flink packte er diese Hand, legte sie auf sein Herz und sagte: »Zähl selber, ob das nicht Rausch ist! Ta-ta-ta, tatata! Hörst du?«

»Aber wieso?«

»Dann kam die Hochschule und das Poussieren, wie man unter Studenten sagt. Und jetzt, wo ich mich mit den Mädchen herumtrieb, für zwei Tage vernarrte, für zwei Wochen verärgerte und die ganze Zeit toll und voll aufregte, da kam es wieder. Und als ich mich dann, ich Armer, in dich verliebte, und du so heillos gleichgültig, ja widerhaarig tatest, und ich mich im Wein und Tabak und bei allen möglichen Stadtbesen darob rächen wollte, da ward es stärker. Ich dachte, es komme vom Rauchen und steckte es auf. Aber mir ward kein bisschen besser. Da rauchte und trank ich erst recht drauf los.«

»Und die Mädchen?« flehte Mili; schmerzlich schnäbelte sie die Oberlippe in die untere. »Diese ... diese Mädchen?«

Er errötete dunkel und senkte den Kopf.

»Sag’, was bekomm’ ich für einen Mann, was für ... Schau’ mir in die Augen, Sigi ...«

Mühsam lächelnd hob er das Gesicht zu ihr. »Ich soll beichten?« lispelte er und wechselte die Farbe. »Gut, wenn du ...«

»Nein, nein, nein, nein, schweig! Ich will nichts hören. So wie du bist, hab’ ich dich. Aber bleib jetzt gut, Sigi, jetzt gehörst du mir. Jetzt darfst du nichts, nichts mehr weggeben an ... Nicht wahr? Ach wir hätten ja sonst kein Glück, und unsere Liebe wäre wie Regenwasser. Sigi, Sigi,« beschwor sie und umklammerte seinen Arm, »sonst liefe ich noch in dieser Minute weg und wollt’ dich nie mehr sehen.«

»Wegen dir,« begann Sigi wieder, »denn das musst du jetzt fertig hören, ja, wegen dir, weil ich dich nicht bekam, darum bin ich immer tiefer in den Dreck geraten. Und als ich zu Weihnachten kam und so übel empfangen wurde, wo ich doch wusste, dass du dich selbst täuschest, wenn du dir einredest, den Johannes zu lieben ... das war ja Geschwisterliebe oder so eine Art kameradschaftliches Zusammenkleben, nichts anderes ... ja, als du so hart warst und ich so schimpfte und log und davonsprang, das gab mir den Bogen. Da übertrieb ich alles, das Studieren, Tanzen, Trinken und die Mädchenjagd, und ward doch nie froh und satt und nahm Anläufe zur Askese, denke, zur Abtötung, las die Mystiker, die nur von der Liebe zu Gott schwärmen, und ging, da ich dich trotz allem nicht vergessen konnte, in Spiritisten- und Okkultistenstuben, wo man dunkel macht und tischklopft und Geister zitiert und sich antworten lässt: liebt sie mich oder liebt sie mich nicht? und doch den Schwindel mit Händen greift. Und da bekam ich den zweiten Anfall; den ersten gleich zu Weihnachten. Aber schau, das Schwindeln nützt doch einmal. So ein Medium sagte mir: tanze mit ihr an der Fastnacht und hebe sie vom Boden auf, dann ist sie unrettbar dein. – Ich lachte. Tanzen mit dir, in Lustigern! Welch eine Fabel! Und da liegt die Einladung vom Pfarrer, wie ich in meine Bude komme, auf dem Tisch! – Das andere weisst du. Nun hab’ ich allen Radau aufgegeben, vielleicht nur zu hitzig studiert und freilich auch immer Angst gehabt: ja schön, aber das Mili hat dir doch mit keiner Silbe was versprochen; vielleicht träumst du ... Und ich zitterte, wenn ich dachte, ich käme heim und du wolltest von nichts wissen. Ich wollte schreiben, früher heimkommen, aber wagte es nicht. Einmal ging ich ins Schwurgericht. Die Geschworenen waren schon lange abgetreten und jeden Augenblick musste jetzt die Türe aufgehen und das Kollegium mit dem Urteil Schuldig oder Frei zurückkommen. Ich sah den Angeklagten. Er war keine Sekunde still, schwitzte, rieb die Hände, fuhr sich ins Haar, schloss und öffnete die Augen und zuckte bei jedem Schuhtritt zusammen. So war ich. So sass ich in der Bahn, so schlich ich ins Dorf, ins Zimmer hier, und da kam der dritte Anfall. Es konnte ja gar nicht anders sein. Jetzt komm, küss mich noch einmal, küss mir alle, alle weitern Anfälle weg, küss mich an Leib und Seel’ gesund, du gesundestes, liebstes Menschlein auf der ganzen Welt.«


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