Heinrich Federer
Papst und Kaiser im Dorf
Heinrich Federer

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Kapitel 8

Einige Wochen später malte Johannes hoch über den Hausdächern, auf schwankendem Gerüste, den Lustigern ihre Tageszeiten vom Morgen bis zum Abend und durchs Dunkel der Nacht an den Kirchturm. Es hätte arg bemüht, das mächtige alte Blech von den zahllosen rostigen Nägeln, Schrauben und Haften zu lösen, womit eine solide Urgrossväterzeit das Zifferblatt als das Auge des Turmes unzertrennlich mit dem Leib aus Stein und Gebälke hatte verwachsen lassen. Überdies zog Johannes, sicher mit Fuss und Blick, gerade diesen luftigen und herrischen Arbeitsplatz jeder bequemen Hantierung im Pfarrsaal weit vor.

Der Pfarrer nannte ihn spassig den Augenarzt des Kirchturms und sass manches Weilchen hinter dem Künstler im sichern Turm. Es war für den Riesen nicht leicht, das schmale Leiterchen zwischen den Glocken zu ersteigen und sich durch eine enge Bodenluke zum Uhrgehäuse emporzuschwingen. Die Hitze in diesem Sparrenwerk drückte wie in einem Dörrofen, das Blut stieg dem Seelsorger dunkel bis unters Haar, und der Schwindel kitzelte ihn an den Beinen herauf, wenn sein Blick durch das Fenster in die Tiefe fiel. Man sah die Leute stillstehen und heraufzeigen. Ilgenwirts Sigi – er hiess eigentlich Sigismund – der gerade in den Ferien daheim war, sass mit dem Operngucker auf dem Gesimse seines Dachstübleins, rauchte Zigarette auf Zigarette, las in einem wilden Buche, funkelte dann wieder mit seinen erbarmungslosen grünen Augen gelangweilt in die Höhe, ob es denn noch nicht krache und irgendwas, der Maler oder die Farbentöpfe amüsant in die Tiefe purzelten. Sobald der Pfarrer weg war, wollte er ein Weilchen zum Maler hinauf.

Er musste und musste immer wieder emporblicken und sich vorstellen, wie es wäre, wenn er dort oben hinge, ausglitte und niedersauste. Ein süssunheimliches Gruseln packte ihn. Er schloss die grünen Augen, um es deutlicher zu erleben und ihm war dunkel, er habe es schon einmal erlebt.

Ab und zu schlüpfte zwischen den Vorhängen beim Pfarrhof der klargescheitelte, blonde Kopf des Mili hervor und schoss einen leuchtenden Blick zum ... Bruder? ... das war Johannes nicht ... zum Kameraden? ... Schützling? ... Freund? ... ach was, zu ihrem Johannes empor. Ihr Herz hatte zum ersten Mal in ihrem Leben auf eine ganz neue Art geklopft, als Johannes auf das Brett hinaustrat und dabei alles einen Moment schwankte und der Jüngling rasch mit der Hand nach dem Seil langte, so dass im ersten Augenblick diese sehr gewöhnliche Sache den Untenstehenden wie eine ungewöhnliche Gefahr erschien. Was war denn dieses Herzklopfen? Sie fragte sich und nun wurde plötzlich etwa bisher Selbstverständliches im hellen Mädchen zu einem wonne- und wehvollen Rätsel.

So oft sie nun den Torhang lüpfte, so oft lächelte auch der hübsche Sigi herüber. In seinem unheimlichen Kopfe gingen schon merkwürdige Ferienpläne durcheinander.

Es war ein tiefes Samtbraun, womit die Blechscheibe des Zifferblattes grundiert ward. Der Kreisbogen aber, in den die Zahlen nicht mehr gemalt, sondern als massive vergoldete Nickelstücke hineingeschraubt wurden, war kohlenschwarz. Der Schlosser hatte alles Nötige hierzu hergerichtet. Carl wünschte noch einige verzierende Füllungen. Aber Johannes weigerte sich. Es verwirre und mindere die Helligkeit der Stundenziffern.

Carl hörte es trotz des Windes, der lau, aber heftig um die Ecken pfiff, jedesmal genau, wenn Johannes wieder eine Zahl aus dem Korbe nahm, aufstand und mit starken Schrauben die gewaltige Ziffer ins Blatt hineinzwang. Von unten wie ein Kinderspielzeug, sahen diese Zahlen in der Nähe wie geharnischte Knappen aus, blitzend von Kühnheit und Durst nach Sonne. So schien es wenigstens dem Pfarrer. Aber Sigi hatte geholfen, die Ziffern auszupacken, und geistreich böse, wie er war, seine kleinen, braunen, nassen Zähne gebleckt und gesagt: wenn die wüssten, dass sie da oben nur zum Stillesein und Dulden verdammt wären, bis sie von der Sonne und allen frechen Augen ausgesogen sind, oh, sie glänzten nicht mehr so leichtsinnig. Und er lachte ein dunkles, unschönes Lachen und dachte an Menschliches-Unmenschliches, das er schon erlebt hatte. »Wie redest wieder einmal?« schalt die Mutter, heimlich stolz über dieses gescheite Zeug, das sie nicht verstand. »Hast es aus den Büchern? Das sind Zahlen und wollen nichts und sollen nichts als einfach gezählt werden.«

»Oder Menschen, Mütterchen! Mädchen! ja, hübsche, arme, feilgebotene Mädchen!«

»Wüster du!« Sie schlug ihm so scharf über den glatten, hübsch gescheitelten braunen Kopf, dass er verblüfft aufschaute und eine helle Wut seine Augen schlangenhaft grün färbte. Aber die Disziplin in der Ilge war zu stramm. Der Jüngling wurde plötzlich wie matt, fasste die schlagende Hand und lispelte: »Mutter, wenn du alles sähest, was ich in der Stadt sehen muss.« Dann zog er ein Taschenspiegelchen hervor und strich den Scheitel mit gewandtem Finger wieder zurecht.

»Was hast jetzt für eine Stunde?« fragte indessen oben Carl.

»Die Eins! Die braucht am wenigsten Schrauben.«

Und am wenigsten Sorgen, dachte Carl. Nachts schläft der Christ, wenn sie tönt, und mittags schlägt er das Kreuz über den gestillten Hunger, liest das Amtsblatt oder nickt eine halbe Stunde ein.

»Und jetzt?«

»Die Acht!« versetzte Johannes ungeduldig. Was kümmern doch den drolligen Mann diese Ziffern! Ist doch eine Stunde wie die andre!

»Die Acht,« murmelte der Pfarrer. »Das ist nun etwas ganz andres. Da fängt die Morgenarbeit an, das Schreiben, studieren und Sorgen fürs Dorf. Und das Läuten am Haus und das Türklopfen und das Herr Pfarrer hier und Herr Pfarrer dort, oft wegen einem Mückenstich, während ich im selben Moment von sieben Seelen nichts weiss, die zugrunde gehen ... Aber dann abends um die acht ist ... Ruhe? Ja, schön! Im Haus wird es still, nicht im Kopf. Endlich kann ich ans Schwierigste gehen, ans Rechnen und Planen, wie’s vorwärts soll trotz Radschuh und hinkenden Räten und eigner Feigheit ... und dann das Gebet, das kopf- und herzwaschende Gebet ...«

»Die Zwölf,« schrie Johannes von aussen nun aus freien Stücken. Er war erfreut, dass er schon an der letzten und grössten Stunde angelangt war.

Carolus schoss auf. Das ist die Reife, die Vollendung. Sollt’ es wenigstens sein. Das ewige Gericht entscheidet. Vorbei Schlimmes und Holdes, fertig! Sieh zu, wie du aussiehst! ... Unwillkürlich fiel Carls Auge schräg durchs untere Fenster übers Chordach zum Friedhof nieder. Wie müd’ lag er da, wie stumm! Das schlief aus aller kleinen Zeit in die grosse Ewigkeit hinüber, tausendlippig, tausendpulsig, und doch nun fertig, jeder auf seine Art, in der Güte oder im Zorne des Himmels. Jedes Kreuz, jeder Stein, ja, jede Blume auf dem Grabe kam ihm vor wie ein Finger, ein Pst! an einem dunkeln, stummen Munde. Dieser Mund würde sich noch so gern zu einem Worte, zu einem einzigen Worte öffnen, das alles gutmachen könnte. Aber der Finger warnt: still! Dein Geschwätz, dein Prahlen, dein Fragen, dein Predigen ist fertig. Jetzt redet ein anderer mit dir. Stille! Punktum! ...

Wenn sie jetzt erwachten, diese alten Lustigerschläfer, für eine einzige Stunde erwachten und herausstiegen, was täten sie wohl?

Die schweren, fetten Augendeckel fielen ihm schläfrig zu, und da war es Carl zwischen Traum und halbem Wachen wahrhaft, als sähe er an Rosenbäumchen und Taxus vorbei etwas Graues, Hastiges huschen, zur Kirche, zum Pfarrhof, zur Schule, zum Ammannhause, aber nein, vor allem in die eigenen Häuser. Er hört sie Schimpfe zurücknehmen, Schuldscheine zerreissen, kniend wegen Sünden um Verzeihung bitten, Titel und Gelder zum Fenster hinauswerfen und schreien: nicht Nebensächliches, nur das Wichtige, nur das Wichtige. O wie haben wir uns dumm in kleinen, hübschen Nichtigkeiten verloren! Zur Hauptsache, zum Wichtigsten, zu Gott! Die Gnade ist kurz.

»Und das Zifferblatt?« fragt Carl hinunter, »Ihr Kenner der Dinge, ist das wichtig?«

Aber niemand schaut zu ihm hinauf. Niemand hört ihn. Was frag’ ich da noch lange? gab er sich selbst voll innerster Überzeugung die Antwort. Ja, das Zifferblatt da, mit der furchtbaren Zwölf, o das ist äusserst wichtig. Mit dem lässt sich nicht spassen.

Und das Zierwerk, das da hineingepinselt sein soll? fragt er weiter ... Zier ... Zier ... Haupt ... Nebensa ...

»Herr Pfarrer, Herr Pfarrer!« Johannes stieg gebückt herein, um zu sehen, warum ihm Carl nicht mehr Bescheid gebe. Er hatte durchs Loch gejubelt: fertig! »Kommen Sie ans Gesimse! Da unten stehen die Leute bienenschwarz. Der Student hat mir geklatscht und eine Zigarette durch die Luft geboten ... der Typ!«

Aber der Pfarrer lehnte den schwarzen Strubelkopf an das Uhrgehäuse und war eingenickt. Der eintönige laue Wind, die drückende Luft, die durch alle Ritzen flimmernde Sonne und sein eigenes Grübeln hatten das zuwege gebracht.

»Herr Pfarrer, so kommen Sie doch,« rief Johannes kühl lächelnd. »Die Zahlen stehen fix wie die Sterne am Himmel.«

Carl ward sofort wach, genierte sich aber heillos vor dem unverfrorenen Burschen, wie er da ein Bein zum Loch hinaus in die Luft streckte und ihn beinahe schäbig anblickte.

»So, das wär’ überlegt,« rief er, als hätte er nur so für sich etwas bedacht, »du musst mir halt doch etwas Blumiges ins Viereck malen.«

»Kommen Sie erst und schauen Sie, wie das rund herum blitzt. Eine Sünde wär’s fast, noch mit einem Finger dran zu rühren.«

»Ich will’s von unten anschauen, ‘s ist ohnehin fast Mittag ... Oder wart’, doch ... oh ... oh ...«

Der Pfarrer fuhr jäh zusammen und griff nach einem Balken. Hart an seinem Kopf hatte es gerasselt und gekrächzt und wie mit einem ungeheuren Hammer geschlagen. Und sofort fiel ein Klöppel auf die grosse Glocke. Er merkte es durch den Bretterboden hindurch, so zitterte alles Gebäu. Es summte und toste heillos zwölfmal! Dann krachte der ganze Glockenstuhl, die eine Glocke geriet langsam ins Schwingen, der ganze Turm wurde lebendig, man läutete Mittag.

Carl musste sich wieder setzen und, den Finger im Ohr, warten, bis der Turm seine ungeheure Zunge wieder schweigen hiess. Ihm war, Leib und Seele schwängen mit. Dabei ward ihm fast schwindelig. Zweimal probierte er den englischen Gruss zu beten, wie er zu diesem Zeichen passt, aber er kam nicht über das erste Ave hinaus.

Noch lange toste das Metall in seinem Innern fort. »Wollen wir jetzt?« fragte Johannes. »Die Schule ist aus. Alle Kinder gucken herauf.«

Probieren geht über Studieren, dachte Carl und tastete sich zum Mauerloch. Er kannte seine Schwäche, die es ihm nie erlaubt hatte, mit den andern Knaben in die Kirschbäume zu steigen oder bei Neubauten Ziegel über die Leiter zu reichen und dabei Wurst und Wecken zu verdienen. Aber hier war es gleichsam seine Pflicht. Er musste zeigen, dass er mit diesem Turm auf eine besondere Art verbunden sei, dass sie zusammengehören, dass er ein Recht auf den Turm und sein Schicksal habe. Er musste sich dem Volke da oben zeigen.

»Stehen sie jetzt mit dem linken Fuss aufs Gerüst hinaus, den rechten behalten Sie noch auf der Mauer ... so hier! ... Stehen Sie ab ... Halten Sie sich da an der Tanne, das gibt Halt ... Herunter den Schuh,« rief Johannes ungeduldig, »‘s ist ganz sicher. Alle Räte dürften hier stehen und der Corneli dreimal dazu.«

Der Name Corneli stupfte den Pfarrer vorwärts. Mit einer unglaublichen Selbstüberwindung bückte sich Carl, rutschte langsam hinaus, sah die leere, lautere Landschaft heraufgähnen, blickte weg, musste schaudernd wieder hinsehen, fasste mit beiden Händen den geschälten, weissen Tannenstamm, der in Armhöhe am Gerüst hinauslief, dann war es genug. Es luftete und kitzelte ihm die Hosen hinauf, drehte sich alles ringsum; Bäume, Häuser, Strässchen, Menschen unten, das zog sich wie ein Netz auseinander, ging wieder zusammen und sank dann tiefer und tiefer in namenlose Abgründe. Grünes, Blaues, Rotes flimmerte ins Auge ...

»Was machen Sie? Da hinauf müssen Sie schauen ... die Zahlen ... goldig ...« hörte er noch wie verschwimmend unter Wasser von ferne den Johannes sagen. Dann sank er am Gemäuer nieder, totenblass, mit den Zähnen klirrend und die Augen voll Nacht. »Weg, weg!« stammelte er wie ein Kind.

Nun erst erlosch der Spass des Johannes. Das wurde ja ernst. Was hat er? Will der gewaltige Mann da oben sterben? Genau so fing es beim Vater an.

Er packte den Pfarrer am Oberkörper, dass er nicht hintenüber in die Bresche falle, und wischte ihm das Gesicht, das plötzlich mit einem dicken, kalten Schweiss belegt war, mit einem saubern Taschentuch ab. So hatte es Mili dem Vater damals auch gemacht.

Aber schon kehrte die Lebensröte ins Gesicht des Priesters zurück. Er hob den Arm, nestelte am Kragen und sagte noch wie im Schlaf: »Nein, so eine Schwäche; alles Blut fiel mir aufs Herz ...« Dann öffnete er die Augen und erschrak, da er noch immer mit einem Beine ausserhalb des Turmes halb sass, halb lag.

Doch Johannes lächelte schon wieder und meinte: »Herr Pfarrer, das war ja wie eine Ohnmacht. Jetzt blicken Sie nicht mehr hinunter, schnell das Bein über, so, hinein! – da sind wir!«

Sie standen wieder auf festem Boden. Dem Pfarrer zitterten noch die Beine. Und das ist, spottete er sich leise aus, der viel zu niedrige Turm.

Unten hatte man halb und halb vermutet, dass oben auf dem Gerüste etwas passiert sei. Doch nur der Sigi mit seinem Opernglas hatte genau bemerkt, dass der Pfarrer an der Mauer zusammengesunken war. »’s ist nichts,« sagte er dem Mesmer, »bleibt nur. Ich hüpfe hinauf. Der Johannes hat mir gewinkt.« Die Zigarette zwischen den Lippen glitt er wie eine Katze stiegenauf, begegnete aber den beiden schon auf halbem Wege.

»Ich wollte mich gerne nützlich machen,« sagte er, den Pfarrer ehrerbietig grüssend. »Aber da komm’ ich zu spät!«

»O es ist nichts!« dankte Carolus. »Die Hitze! Sonst bekomm’ ich Nasenbluten und das hilft. Aber diesmal schlug es mir aufs Herz oder was weiss ich ... ‘s ist nicht der Rede wert. Aber ich danke für die gute Meinung.«

Der flotte Gasthofsohn, im eleganten städtischen Anzug, mit den grünen, wimperlosen Augen, sah den Sprecher mit feinem Spott an, und als Johannes nochmals hinaufkletterte, um die Farbentöpfe in den Schatten zu stellen, erlaubte sich der Witzbold zu sagen: »Es hat verlautet, Hochwürden wollen den Turm fünf oder sechs Stockwerke höher bauen.«

Der Pfarrer schwieg. Ein andrer Hobis, dachte er grimmig. Er mochte und konnte jetzt nicht fechten. Sigi sog leise an der Zigarette und spie zu einem Turmfensterchen hinaus. Strafend sah ihn Carolus an. Da unten steht doch viel Volk, sagte dieser Blick.

»Volk!« sagte nun aber laut und schmähend der Jüngling und warf eine geradezu königliche Hand von sich, »Volk, was ist das?« Bei dieser Geste fuhr die Hand durch einen dünnen Sonnenstrahl, und mächtig blitzte ein gelber, beschildeter Ring ins Turmdunkel hinein.

Sauberes Bürschchen, besorgte der Pfarrer für sich, siebzehn-, allerhöchstens achtzehnjährig und blaguiert schon mit einem dicken Siegelring. Unsere »bessere« Jugend!

»Sie, Herr Pfarrer,« begann der Jüngling wieder, »sind doch eigentlich auch eine Art Herrschernatur. Aber anders als der Corneli.«

Erstaunt sah Carl auf. Diese Dreistigkeit hatte etwas Imponierendes.

»Aber was ist nun wahr,« bat der Elegante mit melodischer Eindringlichkeit und sprühte Feuer aus den grünen Augen; »ist das Volk für die Herren da, damit sie an diesem Probierlumpen ihren Blödsinn oder ihr Genie versuchen? ... Oder aber ist der Herr für das Volk da, damit es einen Popanz hat, dem es heute Butter und Konfitüren anstreichen und morgen faule Eier anschmeissen kann? Oder gehören beide zusammen, wissen Sie, wie das ein alter Gymnasiumswitz den Konsul Manlius oder Spurius so artig mit den Gliedern des Leibes beweisen lässt? Mir scheint, das ist alles Schwindel. Jeder soll sich ein bisschen zum Herrn erziehen, wo er sich stärker als andere fühlt, und jeder ein bisschen zum Knecht, wo er sich schwächer weiss, und alles geht von selbst ...«

»Für diese Philosophie, guter Junge, habe ich momentan einen zu leeren Magen,« foppte der Pfarrer. »Lass mich zuerst einen Teller voll Mehlsuppe essen, bevor ich an dieses Ragout gehe.«

Sigi biss sich mit den zwei braunen Schaufelzähnen in die Unterlippe. Das »guter Junge« ärgerte ihn ungeheuer.

»Dann gesegneten Appetit zum dicken Brei und dem aufrecht stehenden Löffel darinnen, Herr Pfarrer,« sagte er, »entschuldigen Sie mich, bitte! Wir wurden jüngst in der Matura gerade über die französische Revolution examiniert und über die Ludwige vor- und die Napoleone nachher. Und da, geben Sie es nur zu, weicht einem aller Boden unter den Füssen.«

»Solche Dinge musst du mit dem Kaplan verhandeln. Der weiss dir auf alles Bescheid. Ich begnüge mich mit der kleinen Geschichte von einem Dorftag zum andern, so zwischen Kirche und Pfarrhaus.«

»So schmal!« spottete Sigi ungläubig.

»Oder so breit! Wie du willst! ‘s ist doch noch genug Historie daran.«

»Aber diese Historie hätte vorhin, Hochwürden verzeihen, da oben ein schlimmes Ende nehmen können. Mit dem Gucker da hab’ ich alles gesehen. Der Turm, dieser Baumstumpf, haben Sie ihn nicht so getauft? ist dennoch zu hoch für Sie, Herr Pfarrer.«

»Wieso?«

»Wenn Sie doch schon auf Zifferblatthöhe Schwindel und Ohnmachten kriegen!«

»Ich habe einen Fehler begangen, doch einen Fehler nur gegen mich! Aber du begehst jetzt Tausende, weil dür Tausende. Wir beide haben vergessen, wozu die Türme eigentlich da sind.«

»So, jetzt hab’ ich Sie endlich am rechten Zipfel. ‘s ist das Haargleiche wie mit den Herren. Sind die Türme zum Herabschauen oder zum Hinaufschauen da?«

»Zum Hinaufschauen, und das habe ich vergessen! Ich muss dir danken. Du hast mich nolens volens wieder auf die rechte Spur gebracht. Denn gescheit bist du, aber ob immer fürs Gute?« – Sie traten inzwischen zum Turmpförtchen hinaus. Hier begann der Friedhof mit einigen Gräbern der Pfarrer.

»Argumente,« forderte Sigi und gähnte in die Sonne.

»Von hundert Lustigern sind noch nicht drei in den Turm gestiegen. Aber das volle Hundert schaut tagtäglich ungezählte Male am Turm empor.«

»Das lässt sich hören,« sagte grossartig der Jüngling, spie graziös über einen Grabhügel und warf den Zigarettenrest nach.

»Bursche!« donnerte ihn der Pfarrer an, »Respekt vor den Toten!« Schwer legte er seine Pratze auf die Achsel des Jungen.

Sigi entwand sich mit einer eleganten Wendung, staunte den Pfarrer mit gekünstelter Harmlosigkeit an und sagte: »Da regnet es, da hagelt und schneit es darauf nieder, sogar Katzen und Hunde kommen dran, was ist nun da Besonderes? Haben Sie zu Ihren Zeiten noch keine Chemie studiert? Das da,« er fuhr mit dem Arm über das weite Gräberfeld, »das ist alles Chemie, ganz einfach Chemie. Ich kann Ihnen die Formel auf den Daumennagel schreiben.«

Carolus schaute ernst und fast schmerzlich den Prahlhans an. »Und die Auferstehung, Knabe, und die Ewigkeit? und Gott? Ist das auch Chemie? Wahrscheinlich hast du auch da eine Formel, die auf den kleinen Fingernagel geht.«

»Das habe ich nicht gesagt,« wehrte Sigi ab. Der Student fing an, vor Carls Schlagfertigkeit Respekt zu bekommen.

»Wenn du aber praktische Chemie studieren willst, so geh’ einmal in euern Weinkeller. Ich und alle Kirchenräte tranken am Sonntag bei euch eine Chemie, die uns Kopfweh machte. Die Flaschen schworen freilich, das Gesöff komme aus dem Markgrafenland. Wir aber rochen die Trauben des Laboratoriums.«

»Ausgezeichnet,« lachte leise und aufrichtig Sigi. »Das haben Sie Famos zurückgegeben. Aber nun garantier’ ich Ihnen, Sie sollen bei uns nur noch Messwein, bischöflichen Messwein trinken.«

»Das ist ein Typ, Herr Pfarrer, he?« sagte Johannes, der eben aus dem Turme kam. »Mit ist, ich trinke scharfen Most, wenn ich dem Student zuhöre.« Er tat, als sähe er nicht, wie hinter dem Fenster das Naschen und Bäschen Mili vergnügt winkte. Sehr gut beobachtete das unser Sigi.

»Herr Pfarrer, nichts für ungut,« schloss Sigi. »Sie haben jetzt eine Idee von mir wie von einem, der immer auf Stelzen geht. Nicht wahr, so? Bitte, laden Sie mich heut zum schwarzen Kaffee ein. Ich komme barfuss und mit Asche auf dem Haupt, wenn Sie wollen. Aber bitte, ich möchte heute so gerne ein halbes Stündchen mit Ihnen plaudern. Ihnen kann man alles sagen, alles ... Darf ich kommen um die Eins? ... barfuss?«

Der Pfarrer musste wider Willen lachen und nickte: »Komm nur! Und du auch, Hannes!«


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