Heinrich Federer
Papst und Kaiser im Dorf
Heinrich Federer

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Kapitel 5

Indessen spielte Eusebius in der erdebenen Ammannstube, über den nussbäumenen Tisch vor den kleinen Strassenfenstern gebeugt, so dass sich sein vogelnestzerzauster Kopf wie ein Igel im altmodischen Kragen verlor, spielte mit Corneli und Cecili den berühmten schweizerischen Dreierjass. Jeder Partner musste einmal allein gegen die andern zwei fechten. Er hatte dreihundertfünfzig Punkte aufzubringen, bevor die andern ihr obligates Tausend erreichten. Da geschah denn beiderseits ein hitziges Zielrennen. Doch, wie es dem Alter und seiner komplizierten Schlauheit ansteht, spielte man äusserlich ruhig, sah durch die vielen kleinen Scheiben fast eben zur Dorfstrasse hinaus und sagte etwa mit erkünstelter Kälte: »Seht, der junge Zellwig, da kutschiert er schon selber mit dem wilden Braunen und zählt doch erst siebzehn, der Schlingel, gewiss nach Uzli für den Fabrikanten.« Aber während man so leichthin brummelte, erbebte man innerlich vor Angst, ob der Gegner wohl austrumpfen und mich in den Bettelsack jagen werde.

Die alte Cecili in ihren alten, schlappen Kleidern schlürfte etwa zur Stube hinaus, holte eine Tasse oder einen Teller und guckte bei dieser Gelegenheit dem Kaplan von hinten ins Spiel. Sie war noch voll Röte und Beweglichkeit im Gesicht, noch vernarrt wie eine frische Braut in ihren Corneli und liess nichts an ihn kommen.

Es war im Grunde recht ärgerlich, mit diesen zwei parteilichen alten Verliebten zu spielen. Auch wenn die Greisin mit dem Kaplan zusammen focht, half sie doch auf jede angängige Art dem Gemahl. An einen Matsch, wo man alle Stiche macht und den Gegner zum Betteln verurteilt, an einen solchen Triumph, so sicher er in den Karten lag, war gar nicht zu denken. Die verflixte Frau liess den Corneli immer wie aus Versehen durch ein Pförtlein entschlüpfen. Dann erboste sich Euseb jedesmal, machte Miene, die Karten auf den Tisch zu werfen, und klagte, so könne der geduldigste Engel nicht mehr spielen, das sei ja offenbarer Schwindel. Diesmal hätte es den Ammann absolut zu Boden werfen müssen. Aber jedesmal nahm er das Spiel wieder auf, wenn die Alten so herzerquickend einander anlächelten, dem Scheltenden ein Eierröhrli zuschoben, sich mit Vergesslichkeit und ihren zusammengezählten hundertsechsundsechzig Jahren entschuldigten, ja, mit bittenden Blicken gestanden: wir können einmal nicht anders! – aber die Cecili dann doch den Kopf rüstig erhob und versprach: nein, jetzt pass ich scharf auf! Corneli, Schatz, jetzt gibt es keinen Pardon mehr ...

Eine grosse, graue, weiche Katze legte sich jedesmal neben den Kaplan aufs Gestühl und strich an ihm und liess allenthalben am Frack ihr Haar. Wenn Euseb wieder einmal in hellen Ärger ausbrechen wollte, schnurrte diese Mieze so behaglich, dehnte ihr Fell so faul und warm an seinen Körper und blickte ihn bei seinen erregten Gesten aus einem dünnen Schlitz so altklug an, dass er sich oft rasch überwand, dass Wort verbiss und sich selbst als Toren verlachte. Er wollte nicht gern den Jass beginnen, ehe die Katze auf diesem Platz lag.

Wie aus stiller, schlauer Übereinkunft sprachen sie sozusagen kein Wort über Carolus Bischof.

»Drei samt Stöck!« kündete Cecili und zeigte Trumpfass, König und Ober. Sie notierte vierzig Punkte und grübelte dann lustig mit ihren kräftigen Äuglein am Corneli und Kaplan herum. »So, wer hat jetzt wohl den Bauer? ... Du schmunzelst, Corneli! ... hopla!«

»Das ist zu viel geredet, das geht nicht an,« beschwerte sich Eusebius, der allein focht und sich ganz unsicher fühlte.

»Ich schmunzle ja gar nicht,« verteidigte sich der Ammann.

»Und ich habe niemand gefragt. Ich hab’ nur so für mich Vermutungen angestellt. Schlau sein darf man denn doch noch beim Jass ... Esst von dem Wecken da!«

»Gut, gut, aber unser Meisterjasser, der Johannes Allenspach lehrt, während des Spiels dürfe man gar nichts reden oder dann nur vom Wetter und von Kalifornien ...«

»Nun wohl, das Wetter sieht nach einem Matsch aus,« neckte die Alte, indem sie zum Schein durchs Fenster über die Hausdächer blickte. »Ich weiss einen, der jetzt gerne nach Kalifornien fliehen möchte ...«

»Immer besser, immer besser!« jammerte Eusebius.

»Der Allenspach,« fuhr Corneli behaglich dazwischen, »da kommt Ihr mir gerade recht. Der redet mit seinem Gespan so eine Gaunersprache von Wind und Hagel und Nebel, dass der andere alle neun Karten haargenau kennt. Sonne heisst zum Beispiel Trumpf, heiss soll bedeuten: trumpf los!«

»Sei das, wie es wolle, aber ihr beide habt zu viel geredet,« beharrte der Kaplan und zauste das Vogelnest auf dem Kopfe auseinander. »Nun wisst ihr ja ...«

»Schau, Corneli,« wich die Frau aus, »dort kommt das Mili und der Johannes die Strasse nieder.«

»Das Eichelnell habt Ihr ja auch gewiesen, Corneli, ich kann das Spiel nur gleich niederlegen. Was soll ich mit dem Banner allein? Es ist ein Matsch, aber kein ehrlicher.«

»Ein Matsch,« jubelte die Greisin, »jetzt drauf los. Aber, Herr Kaplan, so ein Gesicht! Könnt Ihr denn wirklich nicht begreifen, dass der Corneli und ich Mann und Weib sind?«

»Beim Spiel hört das auf,« bestimmte der Kaplan mit seiner kleinsten, aber trotzigsten Stimme.

»Wie? was? und das sagt einer vom Klerus!« klagte die Frau geschickt. »und dann predigt Ihr am Sonntag wieder von einer Seele in zwei Körpern.«

»Ach was, Ihr macht jetzt alles mit dem bekannten Weiberunsinn durcheinander ...«

»Hoho, was sagt Ihr?«

»Perfekt so ist es!«

»Gut denn, wenn wir fürs Jassen uns scheiden sollen, ziviliter scheiden, der Corneli und ich, wenn’s so g’meint ist, Hochwürden ...«

»Ah bah,« machte der Kaplan, die Hand seitwärts in die Luft schlagend. »jetzt soll man spassen und lachen und da ... da,« er tupfte heftig auf sein immer noch gedecktes Spiel, »da ist der offenbare Matsch!!«

Corneli kicherte vergnüglich.

»Aber so schauet uns Alte einmal recht an, Hochwürden,« rief nun Cecili ernster, und stand in ihrer magern Länge vom Stuhl auf. »Achtziger beide. Der Corneli noch anderthalb Jahr höher verschneit als ich. Viel Zeit zum Jassen haben wir jedenfalls nicht mehr. Ihr aber, Herr Kaplan, werdet noch dutzendmal alle vier Bauern bekennen. Und da sollen wir zwei, der Corneli und ich, uns diese kurze Zeit noch sauer machen, das Spiel verderben? Ach, lieber Herr Euseb, müssen wir nicht im Gegenteil noch hurtig jede gute Gelegenheit benutzen, einander einen rechten Gefallen zu tun ... etwa den Matsch hier! ... und in die knappe Zeit noch einen Rest Liebe unterzubringen, gerade wie man jüngst, vor diesem Regen, beim Heuet pressiert und geschwitzt hat, noch vor dem Abend und Unwetter den letzten Schochen unters Dach zu schaffen. Jawohl, jetzt sollte man jede Minute vergolden und einrahmen. Nicht wahr, Corneli, dass der Kaplan den Bauer nicht hat, sondern dass du ihn hast und wir ihn jetzt gehörig abmorxen, das tut uns so wohl wie einst ein Küsslein hinter den Holunderstauden?«

»Abscheulich redest du,« tadelte er lachend.

Sie aber fuhr mit ihrer entfleischten, rauhen, roten Hand über die bleiche Wange mit einer so feinfühligen Zärtlichkeit, ihr Flämmchen und seines von Aug zu Aug schmolzen so ergreifend lieb zusammen und waren bereit, auch zusammen auf einen Hauch Gottes für diese Erde zu erlöschen; sie schienen so willig, miteinander in die Schollen des Friedhofs hinunterzusteigen und sich da steif, aber erwartungsvoll nebeneinander zu strecken, es war hier so viel Irdisches mit Ewigem und Schwächliches lieblich mit Unsterblichem vermischt, dass der Kaplan zuletzt nur verlegen hinstaunen und begütigend nicken konnte, und es gar nicht merkte, wie er alle Karten offen gegen seine Gegner hielt.

»O schau, auch kein Ass hat der Arme!« rief die Greisin, aus aller Schwärmerei klug und praktisch ins Spiel zurückkehrend, »der Matsch liegt auf der Hand.«

»Ich strecke die Waffen,« versetzte Eusebius resigniert. »Mit der Fahne allein schläft man keine Schlacht.« Da log er ein bisschen. Er hatte noch das nichtige Sieben und Acht. Aber was galten die? Er warf das gezipfelte Banner, die interessanteste, geistreichste und schönste, aber auch zarteste Karte des Jasses, als wär’s wirklich sein einiger Trumpf, ergeben auf den Schiefertisch.

Es klopfte sehr stark, wohl schon das zweite Mal, an die Stubentür.

»Aha, das Mili! Das ist sein Knöchel! Nur herein in Gottes Namen!« schrie das fröhliche Weib uns kreidete die zweihundert Punkte des Matsches zu den hundertsiebenundfünfzig des vollen Spiels zum Übrigen auf dem Schiefer. Und ohne aufzuschauen sagte sie: »So, ihr Leutchen, was fallet ihr uns da mitten in den Krieg? ... Sitzet!«

Das Mili, ein blondhaariges, aber von der Sonne oder vom eigenen Blut dunkel gebräuntes, grosses Mädchen mit wundervollen Achseln und schon recht fraulich entwickeltem Körper, zog den Johannes sofort auf die Ofenbank und rief: »Guten Abend, Her und Frau Ammann! Guten Abend, Herr Kaplan!« Johannes nickte dazu mit seinem schmalen, kalten, merkwürdig vornehmen Gesicht und lächelte zufrieden an seiner bleichen, geraden Nase hinunter.

»Ich hab’ sie doch zu mir gerufen,« erinnerte Corneli seine Frau, und aller Leichtsinn der Karten war aus seinem Antlitz verschwunden. Eine würdevolle Amtsmiene erschien ungesucht, wie von selbst, und sogar seine leise Stimme verlor alle Wärme.

»Wir können schon eine Weile Pause machen,« fuhr er fort. »Der Kaplan hat’s nötig. Nun ja, wie stehen wir denn jetzt?« fragte er das Mädchen und furchte wie vor Schwierigkeiten die Stirne.

Der verstorbene Täler war sein Patenkind und in vielem sein Schützling gewesen. Auch dem Johannes war Corneli Gevatter gestanden. An jedem Neujahr hatte der seinen Fünfliber, einen armdicken Ankenweggen und ein halbes Dutzend leinene Nastücher holen dürfen. Als der steckköpfige Täler für seinen Bruder Julius Bürgschaft leisten wollte, warnte Corneli mit aller Macht. Denn bei diesem Tunichtgut war jedes Fränklein von vornherein wie ins Wasser geworfen. Julius hatte etwas Genialisches an sich, aber er war der Unbestand in Person. Auf unkontrollierbare Weise strich er durch die Welt, ein Phantast und Faulenzer, und schwamm mit einem gewissen Instinkt durch alle Künste und Schwindeleien, ohne etwas andres als fremdes Geld zu verlieren. Verheiratet, unbeweibt, niemand wusste das recht. Selten einmal erschien er im Dorf, verschwand dann nach wenigen Tagen wieder spurlos für ebenso viele Jahre. Ob er den Tod seines viel älteren Bruders erfahren hatte, wusste niemand. Aber allgemein war die Erwartung, man werde ihn plötzlich einmal im Tälerhause seine Geige spielen hören. Diese strich er so sicher, wie er wundervoll von den Lippen pfiff. Dem Corneli war dieser Ausbund von Unordnung ein Greuel. Sowie der Täler gebürgt auf jede angängige Art dem Gemahl. An einen Matsch, wo man alle Stiche macht und den Gegner zum Betteln verurteilt, an einen solchen Triumph, so sicher er in den Karten lag, war gar nicht zu denken. Die verflixte Frau liess den Corneli immer wie aus Versehen durch ein Pförtlein entschlüpfen. Dann erboste sich Euseb jedesmal, machte Miene, die Karten auf den Tisch zu werfen, und klagte, so könne der geduldigste Engel nicht mehr spielen, das sei ja offenbarer Schwindel. Diesmal hätte es den Ammann absolut zu Boden werfen müssen. Aber jedesmal nahm er das Spiel wieder auf, wenn die Alten so herzerquickend einander anlächelten, dem Scheltenden ein Eierröhrli zuschoben, sich mit Vergesslichkeit und ihren zusammengezählten hundertsechsundsechzig Jahren entschuldigten, ja, mit bittenden Blicken gestanden: wir können einmal nicht anders! – aber die Cecili dann doch den Kopf rüstig erhob und versprach: nein, jetzt pass ich scharf auf! Corneli, Schatz, jetzt gibt es keinen Pardon mehr ...

 
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hatte, zog er sich sichtlich vom Patenkind zurück. Wirklich ging in kurzem die ganze Summe, mehr als Fünftausend in Mühsal erschwitzte Franken, an die Gläubiger des Julius verloren.

Als dann der Täler nochmals heiraten wollte und wieder eine Witwe, dazu mit zwei halbwüchsigen Kindern, dem Heli und dem Mili, warnte der Ammann ein zweites und noch strengeres Mal. Aber die Täler sind unverbesserliche Steckköpfe. Es wurde doch geheiratet. Nun überliess Corneli den Mann grollend seiner Torheit und seinem Elend. Dagegen beharrte er nun erst recht unerbittlich auf den fünf Prozent Zins, um die er einst dem Sticker eine famose Maschine geliehen hatte.

Aber so sehr er sich gegen den einstigen Liebling verhärtet hatte, in der letzten kurzen Krankheit war er dann doch in die arme Stube des Todkranken gegangen und hatte unter dem ersten Eindruck des Unglücks des hilflosen, keuchenden Mannes, der ihn nicht mehr kannte, aber furchtbar traurig anblickte, zu den Jungen gesagt: ich werd’ mich euer schon etwas annehmen ... Aber bereits auf dem Heimweg beruhigte er sich, die drei Kinder seien ja alle erwachsen und können sich leicht selbst durchschwingen. Er habe es ja auch in noch viel zarterem Alter und bei viel grösserer Verlassenheit probieren müssen. Sie sollen sticken wie die andern hablosen Lustiger. Das gebe noch immer genug Brot. Das Mili fädle den Buben und besorge den Haushalt.

Heimlich schwankte er auf und ab, ob er den Waisen den Maschinenzins für das laufende Jahr schenken wolle. Es waren hundertfünf Franken. Ab und zu, besonders, wenn er seltenerweise ein Gläschen Veltliner geleert hatte, dünkte ihn, dieses Sümmlein lasse sich leicht verschmerzen. Öfter aber, besonders wenn er nüchtern war und an den Julius und alle Steckköpfigkeiten des Verstorbenen dachte, kam es ihm wie ein ungeheures und untunliches Werk vor. Es plagte ihn förmlich, dieses halbe Ja und halbe Nein: er lud die zwei Ältesten zu sich herunter und dachte, bis dahin mit sich im Reinen zu sein. Aber er hatte noch nicht entschieden. Jetzt vor dem drängenden Augenblick wurde ihm das Herz wieder schwer. Hundertfünf Franken, einundzwanzig blitzende Fünfliber! Und was für schöne Hosen und welch eine schmucke Jacke der Johannes trägt! Vom gleichaltrigen Emil Zellwig, dem reichen, noblen, geschenkt. Das schon. Aber solche Geschenke passen nicht, er sieht darin wie ein Herrenbub aus und meint am End gar noch, ein solcher zu sein. Wenigstens sitzt er so lustig und sorglos da wie ein Millionär. Nein, nein, schenken heisst sich und andre narren. Auch das Mili sieht nicht nach Not aus. Die zwei gucken ja wie Spatzen in die Welt. Ein leiser Ärger stieg im Greis auf, der nie etwas Spatzenhaftes an sich gehabt hatte.

»Wie wir stehen,« nahm das Mädchen mit einer beherzten, langsamen, vollen Stimme den Satz auf, »ja, darum kommen wir eben. Da müsst Ihr uns raten, Herr Ammann. Wir tun nichts ohne Euch, Herr Götti.«

Hop, hop, dachte Corneli, das klebt sich schon eifrig an die Fräcke. Wart’ du! Und laut tadelte er: »Hätte nur der Verstorbene auf meine Einsprachen gehört, wäre er weise und gehorsam gewesen, so gäbe es jetzt keine bittern Fragen und Ratlosigkeiten.«

»Gott hab’ ihn selig,« fuhr Eusebius sanft dazwischen. »Der gute Marx Täler hat es auf seine Art wohl immer gut gemeint. Das richtet jetzt Gott, nicht unsereiner!«

Etwas Priesterliches überflog ihn bei diesen Worten. Seine kleinen runzeligen Hände, die noch eben die schmutzigen Jasskarten gehalten hatten, schienen nun, wie er sie gütig gegen die Brust hob, etwas Sakramentales zu verrichten. Und das ergriff auch den Corneli. Trotz seiner Knauserigkeit und seinem unerschöpflichen Geschimpfe über die heutige närrische Geldvertuerei der Armen gebrach ihm der Mut, im gleichen Tone weiterzufahren.

»Ihr werdet jetzt wohl tapfer sticken und fädeln zusammen,« meinte er freundlicher. »Auch du, Johannes! Hast bisher mehr oder weniger gefaulenzt. Nun heisst es halt unter den Sattel. Wir alle müssen’s.«

Johannes lächelte leise. Seine prachtvollen kieselgrauen alten Augen blieben voll selbstgefälliger Ruhe. Er betrachtete seine schmalen, weissen Finger, diese Faulenzerfinger, wie der Corneli meinte, diese sehr wichtigen Künstlerfinger, wie er selber ganz bestimmt wusste. Ungeniert stupfte er das Mili mit dem Ellbogen, es solle nur antworten, wenn etwas zu sagen sei; er höre zu und lächle ein wenig.

Aber das Mädchen schüttelte leise den Kopf. Es war noch nicht der rechte Augenblick zum Reden.

»Eine zweite Maschine müsste beschafft werden,« sprach der Ammann geschäftlich weiter, »ja, die muss her. Doch Narr ich, ihr habt ja keinen Platz dazu. Nein, Bursche, du gehst besser zum Zellwig in die Fabrik.«

Johannes kräuselte über das »Bursche« spassig die dünnen Lippen .

»Der ist dir ja wohlgesinnt. Dieses Feiertagskleid hast du doch vom jungen Herrchen, dem Hugo, nicht?«

Weder Röte, noch Befremden äusserte sich im Gesicht des Johannes. Er nickte: »Ja, Herr Götti, ich hab’ ihn gezeich ... porträtiert ... Es gefiel ihm ...«

»Man kennt ihn aufs Haar,« half Mili. »Sie haben das Bild eingerahmt, und es hängt jetzt in der schönen Stube. Man meint, er rufe: Auf die Seite, he, oder ich überreit’ dich! – Wisset, wie er uns oft erschreckt, wenn er auf dem Kohli reitet. Und nun ...« stupfte sie den Johannes.

»Und da schenkt er mir gleich dieses Kleid,« fügte Johannes nachlässig hinzu. »Ihm war es zu eng. Mir ist es wie angegossen.« Er spreizte die langen Beine mit den wohlgeformten Schenkeln weit in die Stube, um sein Wort zu bekräftigen.

»Aber das solltest du doch nur am Sonntag anziehen,« murrte Corneli. Die Frau bejahte mit den Augen jedes Wort ihres Gatten.

»Herr Ammann,« rückte Mili sogleich sieder schneidig vor, »Johannes hat es ja express wegen Euch angezogen. Zum Corneli gehen, sagten wir, ist fast wie Sonntag. Da schlüpft er hinein. Wenn wir zum Bischof müssten, nachten wir es auch so.«

»Du bist ein verflixtes Hexli,« antwortete der Ammann, aufs tiefste geschmeichelt. Hier war er sterblich. Wer ihn da fein packte ...! »Nun also, wenn es Euch Sonntag scheint, so sitzet zu uns und nehmt jedes ein Eierröhrli. Cecili, schenk ihnen ein Glas Most ein!« schloss er aufgeräumt und mit seinem blassen Schneelächeln.

»Gut zurückgegeben,« rief Eusebius aufmunternd zu den Alten. »Kommt her, ihr Waislein. Da, sitz zu mir, Mili!«

»Oha,« sagte das Mädchen und blies anmutig die Oberlippe mit dem goldenen Flaum auf. »Das ist ja ein Matsch, ein kompletter Matsch.« Sie wies auf die neun Karten neben dem Kaplan ... »Eichel habt Ihr doch Trumpf?«

»Was weisst du vom Jass?« spottete Corneli gutmütig. »Aber so ist’s, heute spielt schon jeder Käsehoch den Kreuzjass und den Zuger, ehe und bevor er nur die Nase recht putzen kann.«

»Aber ich reich’ Euch über die Achsel,« wehrte sich das Jüngferchen mit trockener Lebhaftigkeit. »Lasst doch einmal sehen!« Sie erhob sich und ragte wie eine blonde, junge Birke in die Höhe, sicher noch ein, zwei Zoll über die hohe Schulter des Riesen. »Und Ihr sagt Käsehoch!«

Alles lachte. Johannes bröselte an den Eierröhrli herum, sog ganz kleine Schlücke Most aus dem Glas und sah belustigt und ein wenig stolz auf sein Mili.

»Doch, doch,« machte das Mädchen und vertiefte sich eindringlicher in das Spiel, »Herr Kaplan, da habt ihr ja drei Könige und drei Ober und drei kleine Trümpfe. Und seht doch, alle vier Banner! Hundert Punkte, wenn Ihr nur einen einzigen Stich macht. Das überweisen die andern nicht. Einen Stich aber macht Ihr sicher mit einem König oder Ober. Und Ihr seid über dem Graben.« Und an den Fingern zählend sagte sie: »Drei Stich mit Trumpf, vier mit den Ass und ein oder sogar zwei Stiche bleiben ungewiss, aber einer für Euch ganz gewiss. O probiert!«

»Das mach’ du für mich, ich habe die Flinte schon weggeworfen!«

»Aber Ihr!« tadelte das Mili. »Das soll man nie ... Er gilt ja jetzt nicht mehr,« wandte sie sich beruhigend an die Alten. »Nur zum Spass wollen wir mal sehen.« Sie ordnete die neun Karten des Kaplans in ihren festen, aber schönen Händen. Plötzlich wurde sie ernst und ein bisschen weiss im tiefbraunen Gesicht. Scharf sah sie den Ammann an und sagte mit einer merkwürdigen Stimme: »Was gebt Ihr mir, wenn ich doch noch entwische? Gilt’s den heurigen Zins für die Maschine?«

Jetzt ist es da, dachte Corneli beklommen. Johannes aber überlegte, wie gescheit Mili die rechte Minute abgepasst habe.

»Die hundertfünf Franken, gilt es die?« wiederholte sie artig und mit scherzhafter Betonung.

Wie Stösse trafen diese Fragen die Bölsch. Sie schauten einander verwirrt an und keines schien dem andern raten zu können.

»Corneli, Freund,« eiferte nun aber der Kaplan, »das lasset Euch nicht von diesem unreifen Spatz bieten. So eine Hoffahrt! Das geht uns an die Ehre!«

»Und wenn du verspielst, Mili,« sagte Cecili und gab endlich dem Greis ein verstohlenes, aber klares Zeichen, sie dürften sich nicht in diese Falle begeben. Sie wusste genau, mit wie schweren Zweifeln und widerständen Corneli jetzt innerlich focht.

»Matscht Ihr mich, so komm’ ich jede Woche einmal hinunter zu Euch und putz’ Euch das Gröbste, wie ich’s in der Ilge so oft tue, die Böden, die Küche oder miste Euch den Stall aus oder flick’ Euch alles Nötige am Weisszeug, was Euere Augen nicht mehr gut wahrnehmen. Einverstanden?«

»Das ist eine Wette, die hat Saft,« reizte Eusebius. »Die Engel würden dazu in die Hände klatschen. Aber armes Mili,« klagte er mit glücklicher List, »du wirst dran glauben müssen. Die Cecili kann anders trumpfen, potztausend!«

»Wollen wir’s wagen?« fragte Corneli mit einer kühnen Entschlossenheit, wie man in ein kaltes Bad springt, da es nun schon so sein muss. Denn es war doch beschämend, vor der Keckheit eines unreifen Balgs feig das Feld zu räumen. Überdies galt Corneli, obwohl er es gar nicht war, als guter Jasser. An diesem Ruf lag ihm.

»Wie du meinst,« versetzte Cecili widerstrebend und immer noch mit Blicken verneinend.

»Aber liebe gute Frau Cecilia, habet das Herz und schlagt los,« bat Eusebius dringend. »Ihr seid doch sonst immer die Vorderste beim Matschen, und wir sind gegen Euch im Jass die reinsten Schulbuben.«

»O Eusebi«, rief die Alte errötend, »jetzt wollt Ihr mich so hintenum nehmen.«

»Gar nicht, gar nicht!« beteuerte der Kaplan und lachte sein harmlosestes Lachen. »Aber das sag’ ich Euch ohne Spass, in jedem Falle werdet Ihr gewinnen, entweder die Wochputzete des Mili oder was noch wertvoller ist, ein so gutes Werk, wie es wohl mit den unsaubern Jasskarten noch nie erspielt worden ist.«

»Wenn wir verspielen,« drohte Cecili mit halbem Ernst zum Kaplan, »dann habt Ihr das letzte Eierröhrli bei mir gegessen.«

»Fangen wir an,« gebot Corneli äusserlich gelassen. Aber seine Stimme zitterte. Ihm war, er gehe auf einer Brücke, und das mittlere Brett werde beim dritten oder eierten Schritt zusammenkrachen und er in einen heillosen Abgrund fallen. »Jetzt sorgfältig gespielt, Frau! Trumpfe los!«

Das geschah. Zuerst ward dreimal ausgetrumpft, was dem Mili behagte. Hätte man den dritten Trumpf gespart und den Feind hübsch in der Mitte behalten, so hätte es gefährlich werden können. Nun gab es also keine Trümpfe mehr und es folgten die vier Ass. Mili sass da wie eine lauernde Katze. Der vorletzte Stich, ein König, gewann auch noch. Aber nun mussten sie unabweisbar in Milis Rosenkönig werfen. Tscha, tscha, tscha hatten die Alten achtmal ausgeworfen und gestochen, dass es nur so auf den Schiefer klatschte, aber in diesem Siegeslauf die Chancen des letzten Stiches verdorben. Die alten Köpfe waren brandrot geworden, fein wie Tau lag der Schweiss über dem Antlitz des Cornelius; das Mili aber lächelte in unveränderter Blondheit, nur den Flaum der Oberlippe blies es leicht in die Höhe. Nun kam der neunte Stich, ein gegenseitiges, nutzloses Ausfragen der Augen bei den Bölsch, ein frösteliges Zaudern, ein verzweifeltes Auswerfen des Rosenunters, wie ein Donnerschlag Milis Rosenkönig darauf, ein Entsetzen, dann ein Verwerfen der Karten über den Tisch, der Matsch war abgewiesen, das Mili hatte in weniger als einer Minute hundertfünf Franken aus dem engen Beutel des Corneli gewonnen. Im Gesicht der Cecili zuckte es, als wollte sie weinen. Johannes lachte laut auf, Mili aber tat gar nicht siegreich, sondern streichelte die bebenden Hände des Ammanns und tröstete: »Seid nicht böse! Es hätte mich ja auch übel treffen können. Und hab’ ich daheim auch alle Hände voll, ich wär’ halt doch gekommen mit Putzlumpen oder Nähzeug, ich wär’ wahrhaftig jeden Montag oder Dienstag gekommen.«

»So geht es, wenn man auf Freundesräte hört!« brach endlich Cecili los und gab dem Kaplan einen verdrossenen Blick. Dieser wischte sich den Schweiss von der Stirne und schluckte und kicherte ins Nastuch hinein.

»Ihr da, wartet nur,« schimpfte die Alte weiter, »wir seifen Euch auch einmal gehörig ein.«

»Meine Verehrung, Frau Ammann, das soll mir nur recht sein. Aber straft mich mit Euern noch so zornigen Blicken, heute seid Ihr mir dennoch lieber als je und seht wie verjüngt aus. Ja, Frau, so hübsch und jung habt ihr noch nie dreingeschaut wie jetzt im Zorn, der Euch doch gar nicht ernst ist.«

»Sagt, was Ihr wollt, das vergess’ ich Euch nicht,« gelobte die Greisin.

Ganz anders Corneli. Stand er einmal vor der Tatsache, dann fand er sich ohne Hinterhältigkeit und langes Wundkratzen damit ab. »Du Wetterhexe,« knurrte er leise zum Mili, »bist jetzt satt? Soll ich dir deine Räuberei nun noch schriftlich geben? Der Kaplan ist Zeuge. Der genügt wohl.«

»Bitte, schreibt mir doch zwei, drei Worte auf! Ich trau heilig. Aber ‘s ist doch wegen der Ordnung.«

»Mich behandelt sie nur so wie Luft,« seufzte Eusebius komisch.

Dem Ammann imponierte das Mädchen je länger, je mehr. Mit Wohlgefallen ruhte sein Auge auf dem blonden Scheitel. Sobald er aber auf Johannes blickte, der doch viel unschuldiger in der Sache war, verfinsterte sich seine Stirne.

»Der schmatzt und süffelt,« brummte er, »und lässt den Zopf sorgen und fechten. Das Mili hat die Hosen an.«

»Mir ist es so ganz recht,« bestätigte Johannes, »und dieser Most, auf Ehre, schmeckt noch besser als Zellwigs italienischer Schaumwein.«

»Asti spumante,« ergänzte Eusebius.

»Hab’ noch nie welchen getrunken,« bemerkte Corneli barsch. »Asti spumante, das heisst doch schäumen und den Zapfen aus der Flasche jagen?«

»So!« bestätigte der Kaplan.

»Nun, werd’ du nur auch ein wenig lebendig,« wandte sich Corneli ziemlich schroff an den Jüngling. »Reg’ dich, schaff’, ‘s braucht nicht gerade der Hut in die Luft zu fliegen. Aber Hände und Füsse los! Kopf wach! das Blut in Fluss! An die Stickmaschine! Mit schönen, weissen Fingern und ein bisschen Geschnörkel ist nichts geleistet.« Der ganze Unmut über die verspielten einundzwanzig Fünffränkler entlud sich jetzt über diesem kühlen, schlanken Hübschli.

Aber Johannes behielt seine fröhliche Unverfrorenheit, tat kein Nicken noch Verneinen kund, merkte keinen Tadel, noch fühlte er einen Tropfen Scham, sondern schlürfte ruhig ein weiteres Schlücklein aus dem Becher. Das Mili soll fechten.

»Herr Götti,« bat das Mädchen nun wirklich, »Ihr habt gesagt Schnörkel ...« Eilig schoss sie zu einem Paketchen, das sie auf der Ofenbank liegen hatte. »So schaut doch das einmal an!« Gefühlvoll, als wär’s etwas Lebendiges, zog sie eine handbreite Stickerei heraus, eine Art Bordüre. Schneeweiss wie das feinste Sonnengewölke schwebte das Zeug aus ihrer Hand.

»Nun beachtet das Muster da drin!« ersuchte Mili. »Herr Ammann, Ihr habt die Zeichnung gesehen und sagtet selbst, Johannes solle mal so was Eigenes probieren. Da ist’s! Seht, ein Holderzweig, akkurat! Mit Bluest und Laub! Und eine Wespe fliegt davon. Aber da hatte eine Spinne immer zwischen zwei Dolden das Netz gewoben und nun ist die Wespe fast, fast hineingeschossen. Sie hatte schon den Rand gestreift und ein paar Fäden aufgerissen. Ein wenig Spinnweb hängt ihr noch an den Flügeln. So schwirrt sie fort. Und die Kreuzspinne im Schlupf, sehr ihr, wie sie in der ersten Freude aus dem Winkel krabbelt und nun stutzt und zurück will? Sagt, ist das nicht ein Spitzen für Vorhänge?«

»Famos!« entschlüpfte es Corneli rückhaltlos. »Meisterhaft!« Sein Altes Stickmeisterauge prüfte kennerhaft Faden um Faden, die offene, schleierhafte Partie und die Füllung, die Stiche, Linien und Pünktlein und das durchbrochene Gatter, hielt es gegen das Licht, gegen den Schatten und wiederholte: »Ausgezeichnet ... nein so was! so was!«

»Aber Herr Götti, Ihr sprachet noch eben von Geschnörkel ...«

»Sei still! Was verstehst du und schwatzest da, still!« verbot Corneli. »Ich sagte vor zwei Monaten, der Hannes soll seinen Einfall probieren und dem Zellwig vorlegen. Mir schien, das könne glücken. Wisset, Hochwürden,« wandte er sich lehrhaft an den Kaplan, »Zwischen einem freien Entwurf und der Maschinenvorlage ist ein himmelweiter Unterschied. Das eine kann prächtig scheinen und das andere doch ganz nichtssagend ausfallen. Da braucht es einen alten, erfahrenen Blick. Aber hier trifft’s einmal glorios zusammen. Brav, Göttibub, das ist nun doch was anderes als die zwei Hände am Triumphbogen ... füll’ ihm das Glas nochmal, Cecili! ... und noch verkehrt aufgehängt. Schau, Bürschlein, für unsere Industrie hast du eine begnadete Hand. Ein famoser Musterzeichner kannst werden ...«

»Musterzeichner!« Wieder kräuselte Johannes seine fischkalte Lippe und lächelte für sich hin.

»Aber gerade darum darfst nicht schon zu vornehm tun, sondern gleich an die Maschine und selbst sticken! So lernst ihren Schnauf und Willen kennen, was ihr passt und wider den Strich geht, und danach zeichnest du und erfindest uns Stickmuster, dass den Herren in St. Gallen die Augen überlaufen. Und recht viel Neues hinein, nicht bloss diese Wespe da ... übrigens, eine fleissige Biene hätte mir viel besser gefallen! ... nicht bloss das, sondern du spinnst unser liebes Toggenburg, seine Hügel und Häuslein, unsre Geissen und Alphüttlein, kurzum unsere Seele hinein ...«

Ganz eifrig und langatmig war Corneli, der bündige, diesmal geworden. Ein wenig müde neigte er sein Patriarchenhaupt leicht nach alter Gewohnheit auf die rechte Achsel.

Johannes ward weder dunkel, noch bleich bei dieser seltenen Lobesfanfare eines nüchternen, scheltenden Greises. Er verstand das von der Seele nicht und betrachtete fast verliebt seine Fingerspitzen. Dann fuhr er mit der Rechten über die Schieferplatte, als erschaffe er einen Haufen Figuren. Es quecksilberte ordentlich in ihm. Schliesslich ergriff er die Jasskreide, schob die Karten weg, musterte mutwillig das Profil des Corneli und fing plötzlich zu zeichnen an. Langsam entstand das prachtvolle Antlitz mit den langen, dünnen Strähnen, wie sie frauenhaft an den Ohren hinunterflossen. Sorglich, sachte, sachte zog Johannes Linie um Linie, aber sicher und genau. Nur Cecili, die alles sah, merkte auf, wollte zuerst die Nase auswischen, wartete noch, staunte, fing an zu bewundern und bald immer tiefer sich in dieses blasse Genie und sein Werk zu vergaffen als wie in einen Zauber. ‘Herrgott, guckt mal,’ wollte sie rufen. »Pst,« machte der Jüngling und spitzte voll Eifer seine bläulichen Lippen.

Indessen verteidigte das unnachgiebige Mili seinen vergötterten Johannes.

»Die Hände am Bogen?« tat sie erstaunt. »Die waren recht gut getroffen. Ich musste ihm herhalten, so etwa!« Sie ahmte die damalige Haltung nach. »Und haarscharf, so hat er’s gegeben.«

»Das wollt’ auch ich gerad’ sagen,« bemerkte der Kaplan, »es ist exakt. Und auch der Engel über der Kirchentür ist nicht übel geraten. Woher hat er den genommen? Hat das Mili etwa da auch als Modell herhalten müssen?«

»Ach, Hochwürden!« schmollte die Jungfer. »Den hat er aus einem alten Kalender. Er klaubt und spioniert aus allem etwas. Und das Stickmuster hat er auch in hinter dem Haus gefunden, wo unser Holunder wächst. Es hat da unsinnig viele Wespen.« Dass Heli eigentlich diese Dinge der Natur sah und erst dem Johannes mundgerecht machte, verschluckte sie.

»Ein wenig dem Heli an der Maschine beistehen, das mag er ja,« begütigte Euseb gelinde gegen den Ammann. »Aber sich nicht der Maschine verschreiben! Die Maschine tötet den Künstler. Er soll ausserhalb von Pedal und Manual bleiben, frei beobachten, üben, studieren, unablässig zeichnen und vielleicht eine Zeichnerschule in St. Gallen besuchen ...«

»Hoho, Ihr geht gerade hoch hinaus ... Setzt ihm nur keine Mücken in den Kopf!« bat Corneli. »Einstweilen findet er bei uns genug zu lernen und zu lehren. Ich lernte mich selber lesen und schreiben. Unter dem Kopfkissen hatte ich nachts das Schnupftuch, weil ich vom nassen Webkeller tagsüber den Schnupfen bekam; aber neben dem Nastuch lag meine Schiefertafel und ein Griffel, und mit dem gleichen Lumpen hab’ ich die Nase und meine Fehler von der Tafel geputzt. Dann probiert’ ich ein Artikelchen ins Bezirksblatt. Es betraf einen voreiligen Baumschlag in einem unreifen Tannenwäldchen. Nur weil die Gemeindekasse Hunger hatte. Es traf. Aber noch schrieb ich etwa hinter mit einem d und vorder mit einem t. Aber die Schiefertafel in der Nacht hat mich bald kuriert. Dreissigmal schrieb ich die Korrektur, und noch im Traume sah ich ein Hinter mit einem ausgerupften d durch die Luft fliegen. So setzt’ ich nun grössere Aufsätze ins konservative Hauptorgan. Kein Lehrer hat mir geholfen und doch wurd’ es recht. Viel kann man ganz selbst! Und behält dabei sein Eigenes. Keine Bank rutscht es ab ... Johannes, alles was recht ist, meinethalb! Aber jetzt bild’ dich so recht im Stillen und für dich, such’ und schau’ andern nichts ab, sondern der Natur und den guten Büchern, gib dich selbst, sei es auch mit hundert Fehlern. Die sind Nebensachen und fallen einmal wie dürres Laub vom soliden Holz ...«

Alle horchten ehrerbietig dem Alten zu; alle fühlten, dass da fast ein Jahrhundert mit seiner Erfahrung rede. Nur der, den es anging, schien den Kern der Ermahnung nicht zu sehen.

»Keine Angst!« versprach Johannes wohlgelaunt, »ich lauf’ Euch nicht fort. Noch etliche solche Stickmuster will ich erfinden, ‘s ist recht kurzweilig. Dann aber mal ich der Totzbarbara das Bild mit dem Esel, sobald ich die Farben hab’. Und der Pfarrer soll gesagt haben, er hätt’ mir Arbeit für drei Jahre, denkt!«

Spöttisch schüttelte Corneli den Kopf. »Will er etwa den Turm anstreichen? Mach’ du nur keine dummen Sprünge mit! Bleib’ bei den Mustern! Das Figürliche, glaub’ mir, passt dir nicht. Zu solchem braucht es eine dicke Phantasie. Ihr Täler habt ein zu dünnes, nüchternes Blut ... Der Julius ja, ... Reden wir nicht davon!«

»Wartet erst,« bat Johannes sorglos.

»Ja, lieber Corneli,« wünschte auch Eusebius zutraulich, »warten wir! Das Egidibild soll die Probe sein, was Euer Göttibub kann. Dabei ist er ja für die Stickerei nicht verloren.«

»Aber das da,« rief nun doch die Cecili fast widerwillig ins Geplauder, und zeigte auf den Schiefer, »das ist mein Seel’ mehr als ein Stickmuster. Da guck dich an, Schatz! So bist! Mit zehn langsamen Strichen hat er dich auf die Platte gekreidet. Schöner nützte nicht!«

»Ei, ei,« lachte Corneli und errötete leicht, obwohl er längst etwas gerochen hatte, »du Tausendsfeger! Soll ich das sein? Sogar das Wärzlein unterm Ohr hat er nicht ausgelassen. Je, je, je!«

Alle bogen sich über den Tisch, das Mili stolzierte mit ihrem blonden Kopf in die Höhe und nickte: da seht, so einer ist er, alles kann er! Doch plötzlich tunkte Johannes den Daumen in seinen Most und strich kreuz und quer das Greisenhaupt aus.

»Oh,« scholl es bedauernd und empört. »Dummer! du!« Die Cecili hieb ihm eine ums Ohr.

»So was mach’ ich in fünf Minuten wieder« rühmte Johannes und lächelte allen mit seinen kleinen, verkitteten, schneeweissen Zähnen und den frostigen, aber blitzendklaren Augen eine stille Entschuldigung ins Gesicht. Es war, als narre er die Menschen und wisse es nicht einmal.

»Sofort zeichnest du das wieder her,« befahl die Cecili und langte einen Zweifränkler aus der Tasche. »Sofort!«

»Still gehalten,« bat Johannes nun, aber zum Kaplan, »still doch,« bat er nochmals dringender mit seiner leisen, kleinen, in der Kehle etwas rauhen Stimme. Und langsam, langsam, indem er dafür die Augen vogelschnell vom Original zum Bild hin und her flattern liess und mit dem kleinen Finger ab und zu etwas auswischte, erstand das genaue Kaplanenhaupt mit der grossen Henkelnase, dem langen, dünnen Gelehrtenmund, den abstehenden Ohren und dem verstraussten Vogelnest auf dem in der Mitte abgeplatteten Schädel.

Alle sahen mit fiebriger Neugier diesem zögernden, aber so sichern Schleifen der Kreide und diesem noch nie erlauschten Lebendigwerden auf dem schwarzen Steine zu. Cecili verhielt ihr Gewohnheitshüsteln vor Angst, sie blase damit den ganzen Zauber weg.

»Nein, aber so ein Haken soll meine Nase ...«

»Akkurat so,« marterte Cecili boshaft, »so einen Kirschenhaggen ... um Früchte von fremden Bäumen herunterzuholen ...«

»Und die Ohren! Grösser als der übrige Kopf?« beschwerte sich Euseb.

»Nur ruhig! Ihr predigt und redet ja so gern von den Tieren, die solche Ohren haben.« Dabei liess sie unversehens das Silber wieder in ihren Sack fallen.

»Du Erzschlingen,« eiferte der Kaplan, »ich gebe reumütig zu, das bin ich. Aber nun schnell den Schwamm darüber! Da hast einen Fünffränkler. Jetzt kauf’ gutes Papier und weiches Blei und fang’ an, unser Dorf abzuzeichnen. Mit dem Corneli und dem Pfarrer beginnst ... die zahlen gut! ... Dann steigst hinunter vom Goldstück zum Silber und zum Nickel des Hundertjosefs, des armen Narren ... Unser Pfarrer aber ...«

»Euer Liebden zu Befehl, da bin ich ...« erscholl ein machtvoller Bass von der geöffneten Stubentüre, und im tiefen Rot der Abendsonne, das die Küche füllte, grüsste das purpurne Gesicht des Carolus Bischof in die Stube herein. »Gott grüss’ Euch, muntere Leute alle miteinander!«


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