Heinrich Federer
Papst und Kaiser im Dorf
Heinrich Federer

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Kapitel 9

Der Ilgensohn Sigi Quäler langweilte sich zum ersten Mal in seinem Dorf. Früher hatte er die Waldhügel nach Pilzen und Eichhörnchen auf und ab gepirscht, war dem Fluss durchs Tobel an den abenteuerlichsten Stellen nachgerannt, hatte an waghalsigen Stellen Eichelhähernester ausgenommen, war mit der Flinte verstohlen den Hasen oder Mardern auf die Spur gegangen oder er hatte sich als beliebter hübscher Junge mit frechem Geplauder in die Fenster der ebenen Sticklokale gesetzt und recht grüne, wilde Politik mit den Insassen verzapft. Am Abend war er dann zu den paar Stammgästen in der Wirtsstube gerückt und hatte mit ihnen gejasst und den alten, reifen Gesprächen wie ein Alter zugehört. Alles hatte den reichen, lebhaften Herrenbub trotz einer gewissen vornehmen Anmassung ... oder vielleicht gerade deswegen, denn wunderbarer ist das demokratische Gemüt in seinen Rätseln als der ganze Sternenhimmel ... hatte ihn gern gehabt, gehätschelt, verehrt und sogar die Bergbauern, die sonst steif wie Buchenscheiter sind, probierten die Mütze zu lüpfen, wenn er ein Weilchen so klug mit ihnen geredet und sie dabei mit seinen gletschergrünen und gletschertiefen Augen so gross angeschaut hatte, »als wollte er mich lebendigen Leibes anzünden und verbrennen«, wie der Mesmer sagte.

Und Sigi selber war verliebt gewesen in jeden Fleck dieses Hügellandes, in jedes alte Gemäuer, in jeden Brombeerstrauch, aus dem eine Eidechse schlüpfte und woran eine schwarze Frucht hing, in jedes Steingeblöck, worein sich das grüne Flusswasser verlor; Gedichte, Musik, eine flotte Zeichnung und besonders eine tüchtige Beredsamkeit, vom Bauer oder vom Regierungsrat, hatten ihn vor einem Jahre noch förmlich begeistern können, so dass der alte Ilgenwirt, ein ruhiger, lässiger Mann, zu seinem schnellen, aber undenklich zahmen Frauchen oft spöttisch sagte: man merkt, dass dein Grossvater einst Kandidat für einen Grossratsessel war. Der Glanz geht dem Bub noch heut nach ...

Nein, von Langeweile allein oder mit andern hatte der tolle Junge nichts gewusst. Die lernen unsere gescheiten Landkinder regelmässig in der überkurzweiligen Stadt!

Im letzten Winter begann Sigi das Universitätsleben. Er schrieb sich für juristische, sozialökonomische und historische Fächer ein. Lange hatte er an Chemie gedacht. Daheim trieb er immer laboratorische Abenteuer mit Kläpfen, Gestänken und schmutzigen Resten in den Retorten. Aber das historische Blut der Quäler überwog. Der Grossonkel hatte eine Chronik des Tales, ein Pfarrer Quäler sogar ein Schauspiel über den berüchtigten Bruderstreit der Grafen von Toggenburg verfasst und Titus Quäler, ein ganz Früher, hatte über berühmte Durchreisende des Thurtales eine ganze Beige blauer Hefte vollgeschrieben, um derentwillen Sigi, der diese Schätze hütete, mit Sekretär Hobis von Gons in Verkehr geraten war. Sigi selbst hatten einst Hannibal und Scipio, Sulla und Marius, dann Belisar und Totila und zuletzt die Fehden zwischen den Äbten und den toggenburgischen Untertanen mächtig beschäftigt. Er hatte nur eine jüngere, schwachsinnige Schwester, durfte einst ein stattliches Vermögen erben und dachte auf nichts als jetzt recht wie ein Prinz zu leben und zu lernen und später einmal wie ein König in einem engern oder weitern Kreise mit seiner Gescheitheit, seinem Geld, seiner abenteuerlichen Schönheit und seinem wunderlichen Gemisch von Gut und Böse zu regieren.

Nie war es ihm langweilig gewesen. Konnte er sich nicht in den tausend schönen Streifereien über Land und Waldhügel ersättigen, weil es regnete, regnete die endlosen, eintönigen Landregen des Sommers mit zehn Regenbogen an allen Himmelsrändern und zehn neuen katzengrauen Güssen, so dass die Luft wie nach einer ungeheuern Menschheitswäsche schmeckte und die Wolken wie aufgehängte, schwertriefende Hemden und Laken dieser Riesenfamilie fast die Erde streiften, dann hockte Sigi vergnügt wie eine Ofenkatze in die Fensternische seines Dachstübleins, von wo er Kirchturm, Pfarrhof, Kaplanei, Gärten, wasserschwere Birnbäume und durch die Pfützen platschende Menschen sah, während er einen Band Weltgeschichte auf den Knien, ein Glas frischen Most auf dem Tischchen und seinen geduldigen Pudel Wehleid unter den Füssen hatte und das Gefühl in sich nährte, dass jene Menschen dort unten in der Nässe durchaus so frieren und verdreckt werden müssen, solche erlesene Bürschchen aber wie er und vielleicht der Zellwig durchaus so bequem von der Höhe zuschauen, gelben Obstsaft schlürfen, sich ins Rückpolster lehnen und Dinge studieren dürfen, von denen jene andern nicht einmal eine Ahnung hätten. Für solche Menschen denken, das ist unser Amt, für uns schwitzen das ihrige, so! Dann lächelte er etwa, kommandierte: ruhig! dem Hund, der sich unter seiner Sohle unwohl fühlte, und besah sich in der Scheibe, ob er wirklich ein so zartes, rötlich überhauchtes Weibergesicht und einen solchen Kindsmund, aber solche Satansaugen habe, wie ihm der Johannes gesagt hatte. Er sprach dann sehr ausgeprägt und laut das Wort Barbar und Despota in den Fensterflügel hinein und betrachtete dabei das weiche Spiel seiner Lippen. Sobald er nämlich sprach, hob und bog sich die Oberlippe wie der Rand eines chinesischen Pagodendaches eigensinnig heraus; die kleinen, vom Rauchen gelben, dicht verkeilten Zähne glänzten raubtierhaft hervor, die Zungenspitze schlüpfte wie bei einem Schlänglein feuerrot bei jedem längern Worte heraus. Sie war zu lang, stiess kindlich an und konnte das sch nie recht aussprechen. Die Nase war gegen die Mitte ein wenig eingeknickt, und die Nasenlöcher standen seitlich und waren immer steif offen. Das gab dem Sigi ein fremdartig verwegenes Gepräge. In diesem hübschen Gehaben betrachtete er sich, gratulierte sich zu allen Besonderheiten, vor allem zu den Phosphoraugen, und las dann in der Geschichte so eigentümlich weiter, als ob er dieser blonde Sulla oder der blaugeäugte Oktav August wäre, er mit den seitlich gesperrten, schnaubenden Nasenlöchern und dem lebendigen Fell unter den Füssen.

Im Bösen und Guten, bisher hatte Sigi sich nie gelangweilt.

Auch in diesen regnerischen Sommerferien probierte er es mit der alten Gemütlichkeit seines Taubenschlages, wie die Mutter, Adlernestes, wie er sein hohes Kämmerlein taufte. Aber es gelang nicht mehr.

Er langweilte sich einmal, weil er das bunte, geräuschvolle Vielerlei nicht mehr um sich wogen fühlte, besonders jene künstliche laute Farbigkeit, womit die kleine Grossstadt seine Sinne fast besessen gemacht hatte. Denn seine ungeheure Sensibilität begann immer mit Farben. Hier im spinnwebgrauen Stüblein zog er dann als blasse Erinnerungen die seidenen Socken von verschiedenen weinroten Farben und die vielen Krawatten mit durchstickten gedämpften Gold- und Silberblumen auf violettem Grunde, wie sie gerade Mode geworden, aus der Schublade hervor und weidete sich daran.

Aber noch viel mehr langweilte er sich, weil es plötzlich nichts mehr von dem zu tun gab, woran er sich in Zürich die letzten neun Monate zuerst nur wie an eine neue farbige Schönheit, dann aber auch als an sehr fassliche Genüsse gewöhnt hatte. Er gab sich als vollendeter Egoist dabei nie unmässig aus, achtete peinlich auf Gesundheit und äussere Sauberkeit, aber hatte gar kein Gewissen, ob der andere Teil dabei viel oder wenig, ob er sich ganz verliere.

Erst vier Tage war er daheim und lauerte bereits ununterbrochen, ob wohl das Dorf, das er unter solchen Gesichtspunkten noch nie betrachtet hatte, denn auch gar nichts von den bewussten Annehmlichkeiten biete. Nicht das Plumpsackige, das auch hier etwa vorkam, dass ein Knecht der Melkmagd im Dunkel des Stalles nachstellt, sie wollüstig an den roten Schnurrbart presst, nicht dieses Klotzige wollte er, sondern hübsche, runde Gesichtlein auf der Strasse sehen, Artigkeiten schwatzen, mitsammen gehen, an einem verschwiegenen Plätzchen zusammensitzen, Arm in Arm ihrem Geplauder lauschen, es sozusagen wie Schneeglöcklein und Veilchen, aber nach und nach auch wie heftigere, gewürzte Nelken oder Blutröschen von den Lippen pflücken und immer wissen, ich darf diese Wange an die meine drücken, darf Küsse befehlen und geben, zehn, hundert, und sie ist glücklich und ich bin ihr meisterloser Meister; aber ich will das gescheitelte Haar nicht in Unordnung bringen, die Manschetten nicht beschmutzen, die Hosenfalte schmuck behalten ... kurz es ist fast etwas wie den Hund unter der Sohle warm und brav besitzen, nur gescheiter, schöner, sozusagen menschlicher! ... Freilich, mit dummen, wenn auch hübschen Mädchen verleidete es Sigi in der ersten Minute, er blies sie gleich wie eine Fliege von sich.

Wie schnell war er erfahren! Ach wie suchten diese städtischen Honigbienen seine Lippe, sahen in ihm mehr als einen der vielen städtischen Zierbengel, einen vornehmen Landjunker. Und wie er alle und jede mit seinen grossen Phosphoraugen bändigte und drangsalierte! Aber bald regierte diese billige Gelegenheit auch ihn. Bald konnte er es ebensowenig einen Tag ohne eine Mädchenlippe als ohne eine Zigarette aushalten. Er schwankte nur, was er von beidem eher missen könnte, je nach der Stimmung einmal das Mädchen, einmal die Zigarette. Beides schliesslich schien zum gleichen Zwecke da: rasch angezündet und mit ein paar duftigen Zügen gekostet und weggeworfen ... nein, vielleicht auch fertig geraucht und zu Asche verbrannt zu werden. Zuerst zitterte er noch, wenn er den Vergleich völlig zu Ende dachte. Später verglich er gar nicht mehr.

Nach kurzer Zeit bekam sein weiches Kindermäulchen eine bläuliche, verwaschene Lippe, seine Zähne schwärzten sich und in die wilde, kühne Schönheit seiner Augen mischte sich ein leiser fleckiger Zug von Gemeinheit, der beim Lachen oder im Zorne jedem kenntlich wurde.

Welch ein armes Dorf! dachte er nun oft, wo er selber unbewusst immer ärmer wurde. Dass ich das bis heute nicht merkte! Diese groben Kartoffelgesichter, diese Bauernschönheit so rauh wie ihre Schuhe und Strümpfe! Dazu nun noch dieser strenge Pfarrer, der wie ein neues Messer ins Dorfleben fährt und am letzten Sonntag so glühend gegen das Tanzen gepredigt hat!

Es gab, so weit er in diesen vier Tagen spähen mochte, ein paar schwache Ausnahmen. Aber das waren Jungfern, zu denen keine Gelegenheit führte, die schon verlobt waren oder zum vorneherein sich vor jedem Spiel wie vor dem Teufel bekreuzen würden. Die Schwester des Zellwig war hübsch, aber noch gar zu klein und mit dieser angesehenen Fabrikantenfamilie durfte auch Junker Sigismund nicht spassen. Der gleichaltrige, schon im väterlichen Geschäft wirkende Hugo Zellwig war ein zu gefährlicher Bursche, als Freund oder als Feind, wie’s kam. – O wie langweilig, und erst hat der August recht begonnen.

Das Mili hatte er als armes Geschöpflein früher, wenn es seiner Mutter beim Waschen und Putzen aushalf, nie beachtet. Jetzt sah er es mehrfach von weitem und staunte, was für eine gut gewachsene Person dieses Ding geworden sei, mit etwas zu steilen Achseln, aber einem vergnüglichen Hals, auf dem sich der blonde Kopf so melodisch hin und her neigte wie ein Windröschen. Und ihr Schritt, so leicht und bestimmt, wie er ihn von seinem Adlernest nun öfter bis zur Pfarrhoftüre verfolgt hatte, gefiel ihm ausnehmend. Vom Gesicht hatte er weder eine schlimme, noch eine angenehme Erinnerung. Er fieberte geradezu, es in der Nähe zu mustern, und irgendein Instinkt sagte ihm voraus, dass es sich lohnen werde. Darum hatte er sich aufdringlich zum schwarzen Kaffee ins Pfarrstüblein geladen.

Aber so manches Tässlein er schöpfte, immer war es die alte, haarzerzauste, seufzende Peregrina, die ihm die Sahne reichte. Das Mili blieb unsichtbar.

Carolus erklärte, dass die Beichtstühle aus dem Chor ins Kirchenschiff gehörten. Sie seien die rettenden Ankerplätze und Häfen für die herumgeschwemmte und ertrinkende Menschheit. Sie gehören ins Volk, nicht in die Ruhe des Chores, an dessen Stufen alle Brandung verebben müsse. Prachtvoll erklärte er das, auch sei es geradezu ein Gesetz der Kirche. Der Kaplan, der mitten im Vortrag hereingekommen war und auch sein Tässchen erhalten hatte, nickte ein fleissiges, aber schalkhaftes Ja dazu.

»Nun habe ich in der Sitzung der Kirchenräte bei Euch in der Ilge,« der Pfarrer wandte sich an Sigi und behandelte den Jüngling wohltuend wichtig, »nicht bloss die Renovation des Zifferblattes, sondern auch diese kleine Umstellung im Gotteshaus beantragt. Der Corneli sagte ungern Ja zum ersten, und ein steinhartes Nein zum zweiten. Und die Hasen von Räten stimmten mit. Ich blitzte, donnerte, hagelte, es nützte nichts. Warten wir! Nach und nach werden die Herren schon klüger. Einstweilen mach’ ich’s ohne sie. Ja, freilich, Bruder Fri ... do ... lin ... ohne sie. Die zwei alten Beichthäuschen und zwei neue kommen ins Schiff. Gutes Holz und einen geschickten Zimmermann hab’ ich schon ...« Herausfordernd sah er die drei Gäste an. Johannes gähnte.

»Peregrina, tut dem Pfarrer noch einen Zucker ins Schwarze,« spasste Eusebi.

»O du heimlicher, süsser Widersacher!« zürnte Carl, »salze du ein wenig dein Fleisch und Blut, das tät mehr not.«

»Ach, Bruder,« widersprach der kleine, flinke Greis, »gesalzen sind wir alle übergenug. Die andere Würze, die andere ... die Liebe ...«

Von seiner dürren, heisern Lippe flog dieses schönste irdische Wort ohne Klang und Fülle auf. Aber es war von sich aus so stark, dass jeder der drei Zuhörer eine gewisse Unruhe empfand. Es kam an den Pfarrer und dieser sagte: »Weg, du bist hier Schwäche!« Es trat zu Sigi und dieser schauderte leise und sprach: »Weg! Du willst nur meine Kurzweil zerstören ...« Vor Johannes aber stand es wie vor einem Schneemann. Ich kenne dich nicht, erklärte der Blasse, lass mich doch in Ruhe diesen Kirsch austrinken!

Sigi horchte auf jeden Tritt im Gange, auf jedes Türengeräusch, aber der blonde Zopf zeigte sich nicht. Da wurde er im stillen wütend über diese Hockerei. Was sind das für strenge Häuser, diese Pfarrhöfe, was ist das für eine herbe, allzu männliche Luft, mit Schnupftabak, Weihrauch und Weihwasser, wie kann ein frisches Blut nur Priester werden! Nein, nein, hinaus, das ist nicht meine Luft ... Eine sonderbare Art von Mitleid für das arme Mili rührte ihn. Als er aus dem kühlen Gemäuer wieder in die Nachmittagssonne hinauskam, schüttelte er sich wie erfroren.

Da traf es sich, dass er Johannes eines Abends vom Turme nach Hause begleitete und auf dem Bänklein vor der Türe das Mili traf. Einfach, aber blank in seinem blaugetüpfelten Sommerkleide sass es da und besserte einen Strumpf aus. Die letzte Sonne fiel über die Dächer und Dolden schräg ans Haus und berührte den glatten Scheitel der Jungfer, dass er wie rotes Gold flammte. Wie ein eng anliegender, oval zu den Ohren geschweifter, blitzender Kopfhelm leuchtete dieses glatte Haar. Eine Jeanne d’Arc, halb Bäuerin, halb Heldin, schoss es durch seinen phantastischen Kopf. Ruhig stand das Mädchen auf und grüsste gemütlich. Der Helm zerfloss in nichts. Sigi bemerkte sogleich, dass dafür etwas anderes, eine süsse, liebe Ordnung auf diesem Gesichte glänze. Diese kleinen, braunen, tiefen Augen, die wie zwei Lampen gleich hoch hingen, gleich viel Öl hatten und gleich hell leuchteten, diese glatte Stirne, durch die aber bei jeder Sorglichkeit kleine Schlänglein von Linien zuckten, das etwas spitze Näschen, der spatzenflinke Mund, wobei die Oberlippe wirklich in der Mitte wie ein Vogelschnabel sich in die untere Lippe hackte, besonders wenn das Mili scharf wurde, dann der silberige Seidenflaum ringsum, die gesunde, saftige, fast südländische Bräune des ganzen Gesichtes und dabei doch eine Klarheit, ja, Durchsichtigkeit des ganzen Wesens, als ob es immer Morgen wäre und immer ein erfrischender Wind über das Dirnlein bliese, nein, das war auch für einen, der sich auf städtischen Fluren verköstigt hatte, eine verlockende Weide.

Sigi hatte das Mädchen gewiss drei Jahre nicht mehr in der Nähe gesehen und auch jetzt sah er es noch nicht recht, da er mit Johannes heftig über die Farben stritt, weil jener dozierte, jede sei gleich schön, während Sigi das ins Violette spielende Weinrot über alles pries und überhaupt Johannes nur einen halben Maler schalt, wenn er in den Farben nur Farben und nicht Seelen sehe, ja, ganz verschiedene Wesen voll Leidenschaften, Gesichtern und Zaubern.

Sie setzten sich rechts und links zum Mili und erst jetzt, da das Jüngferchen mitredete, fiel der Zauber dieses Mädchens wie ein Himmel über Sigi.

»Sag’ du, ob ich nicht recht habe, Milmili,« sprach er es mit dem Schulmädchennamen traulich an und liess seine Augen rund und voll über ihren Scheitel aufgehen.

Aber ungeblendet und mit einer Stimme, deren Trockenheit ihn sofort etwas missvergnügt machte, belehrte Mili, sie hätten beide unrecht. Nicht alle Farben seien gleich prächtig, aber die vom Sigi gehöre jedenfalls nicht zu den schönern.

Gott, dachte Sigi allen Ernstes, wenn ihr dieses Weinrot auch am besten gefiele, ich wette unsere beiden hübschen Köpfe, dass wir wie ein Herz zusammengepasst hätten, sicher wie ein Herz oder doch wie ein grosses Vergnügen ...

Dieses Weinrot-Violett sei ein Etwas und ein Nichts, ein Zwitter. Ihr aber gefalle am besten das richtige Rot und noch mehr das richtige Blau. Dieses sei etwas Offenes, Ehrliches, Einfaches. Da könne man sich nicht verstecken und nicht missfärbig heucheln. Drum sei ja auch der Himmel so, der liebe, redliche Himmel über uns.

Diese Rede gefiel ihm gar nicht, er hörte heimliche Angriffe heraus. Daneben erquickte ihn doch, wie gescheit sie redete. Ja, ja dachte er, man merkt wohl, dass ihre Mutter keine Lustigerin, sondern eine ziemlich feine Frau von der Stadt war. Wie könnte das Mili sonst so hübsch sein? Freilich der Johannes ist auch hübsch! Dieser Tälerklüngel ...

»Und Grün?« fragte er, allen Phosphor seiner Augen in einem Schuss ausströmend.

Mili hielt diesen Blitz aus, ohne mit einem Lid zu zucken. Grün, o ja, das gefalle ihr. Grüne Wiesen, grüne Tannen, feiner grüner Salat oder Spinat! ... Aber dann gebe es ein Grün, das sogleich falsch werde, das mit Blau oder Gelb konspiriere, ein Schmutzfinkgrün, das liebe sie gar nicht. Entweder grün oder gar nicht grün!

»Donnerwetter, du redest ja so sicher wie eine Muttergottes.«

»Aber, Sigi!« wehrte das Mädchen.

»Was versteht ihr zwei wohl von den Farben?« fiel nun Johannes wie ein nachsichtiger Meister ein. »Ich hab’ Hunger, Mili, und da, schau, ist noch einer!«

Barfuss und hemdärmlig stand der Heli mit seinem breiten, geduldigen Gesicht und seiner Quetschnase in der Haustüre und lachte alle gütig an. Seine kleinen, braven Augen waren entzündet, auf seiner Stirne stand nichts als Fleiss geschrieben. Er schwitzte immer ein wenig. »Kann man essen?« fragte er, »sonst lad’ ich noch zehn, zwölf Gänge ab.«

»Jetzt verluft ein wenig!« gebot das Mili. »Sei doch nicht wie eine bare Maschine!«

»Lass ihn doch, wenn’s ihn freut,« meinte Johannes gefühllos. Dann merkte er erst das heimliche Winken des Heli und folgte ihm ins Haus.

»Ah, er will ihm das neue Muster zeigen,« erklärte Mili leise aber wichtig, mit der Oberlippe aufblasend. »Willst du’s auch sehen?«

»Das neue Muster,« wiederholte Sigi mechanisch und ganz verloren in dieses neue, so durchaus neue Persönchen.

»Johannes hat es für Vorhänge erfunden. Das heisst,« flüsterte sie, »eigentlich hat der Heli ihm die Idee gegeben.«

»Was ist denn das für eine Idee?« fragte Sigi und versuchte das Mädchen mit einem Blick auf die Bank zurückzuzwingen.

»Hop, ich muss zur Pfanne. Die Milch!« widersetzte sich das Mili und entschlüpfte wie ein Aal durch die dunkle Türe ins Haus. Nicht minder gelenk eilte ihr Sigi nach. Indes sie das Feuer aufstocherte und im Widerschein dunkel aufglühte wie eine Zigeunerin, dann den Kaffee absott, drei Ohrlappentassen auf den Tisch stellte und das schneeweisse Toggenburgerbrot auflegte, liess er sie wie ein wachsamer Kater mit keinem Auge los. Jetzt beim Zappeln und Schwänzeln um Tisch und Herd, sagte er sich, sie ist lustig und glänzend wie ein Goldfisch, aber gottlob nicht so dumm! ...

In allem Hantieren beschrieb sie das Muster: ein Vogelnest, Spätzlein, den Schnabel weit aufstreckend, fern die davonfliegende, futtersuchende Mutter und ein Mückentanz ringsum, ganz toll und froh, weil die mörderische Spätzin weg ist. Und die Insekten machen sich lustig über die aufgesperrten Schnäbelchen, blöd und hilflos schauen die Vögelchen in diesen Plaggeisterhumor hinein ... Zugleich lärmte Mili leise mit Löffeln und Tellern, stiess ihn jeden Augenblick, da er überall nahe trat und hinderlich war, mit rücksichtslosen Stüpfen aus dem Weg, und bei jedem Puff kitzelte und brannte es den armen Sigi vom Scheitel bis zur Zehe, je länger, je mehr. Sein Blut schwoll und sott wie die duftige Kaffeebrühe, die das hübsche Geschöpf nun durch den Sack in die Kanne goss.

Er verlor zum ersten Mal seine Sicherheit und schwatzte dummes Zeug.

»Drei Tassen nur! Sei barmherzig und gib mir auch eine!«

»Wenn die Milch reicht,« versprach das Mili. Sie schenkte ein, zuerst dem Heli, dann dem Johannes ... »Der Rest dir und mir!«

Dir und mir! Er wollte nur das hören, nicht das vom Rest. Dir und mir! Herrgott, wie das tönt!

Er staunte, als sie nun Käse und Brot und heisse Kartoffeln, sowie hartgesottene Eier, aber nur zwei, je eins für Heli und Johannes, und kalte süsse Zwetschgen auftischte. Das Geschirr war sauber, aber abgenützt und zerkratzt. »Wir sind gar nicht so arm,« kam sie ihm rasch zuvor. »Der Zellwig zahlt dem Johannes für jede gute Zeichnung, die ins Sticktuch passt, sechzig Franken. Der Hugo holt sie, und wenn er sagt, das sei gut, so sagt’s auch sein Vater und zahlt es bar.«

»Hierher kommt der Hugo?« fragte Sigi mit stiller Empörung.

»Und sitzt, wo du sitzest, und nimmt mit uns das Nachtessen ... aber auch ohne Ei!«

»Und ich wusste nichts davon,« brauste Sigi auf und schob das Pagodendächlein empor, »und langweile mich abends entsetzlich und werde nie eingeladen ... und sitz heut zum ersten Mal da, weil ich mich frech selber eingeladen habe. Meitli, das ist wüst von dir!«

Verwundert betrachtete das Mili den Zornigen ... Sie glaubte, er spasse. Wunderschön war er, wie ein schimpfender Engel, wenn nicht so grünes Feuer aus den Augen schwefelte.

»Nein doch, was hast du für ein grünes Licht im Auge! Zum Fürchten!«

»Und der Hugo hat wohl goldgelbes zum ... Sich-verlie ...«

»Ich weiss nicht einmal, ob er graue oder braune Augen hat,« sagte sie hell auflachend und strich ihm mit einem Wisch übers wachsgelbe Haar. Diesmal vergass er, mit dem kleinen Finger die zerstörte Scheitel wieder zu schlichten.

»Das weisst du wirklich nicht?« rief er aufatmend.

»Was hast du,« begann sie und merkte auf, »was gehen mich eure Augen an? Habt ihr Streit miteinander?«

»Nichts, gar nichts,« antwortete er mit ganz gewöhnlicher Stimme, aber innerlich wütend. Er fühlte sich schwer in seinen Rechten verkürzt. Ihm fiel ein, dass niemand zur Zeit der Not so viel Trost, in aller Abendheimlichkeit niemand so manchen Korb mit Brot, Mehl, Butter, Käse ins Tälerhaus getragen habe wie seine Mutter. Doch solches zu erwähnen, dazu war er selbst noch im Zorne viel zu nobel. Aber das andre!

»Hast du vergessen, dass wir eigentlich Verwandte sind?« fragte er gelassen und wollte, um seine Aufregung zu verbergen, bereits zum Käse greifen. »Schäl’ mir die Kartoffeln da,« befahl er und sah seine rötlichen, schlanken Fingerspitzen an. »Sie sind mir zu heiss!«

»Keine Minute vor den andern kriegst du was,« entschied das Mili und zog ihm kurzweg den Teller weg.

»Du bist ja der reinste Kommandierteufel geworden,« spottete er. »Gehorchen sie dir denn?« fragte Sigi und wies in den Gang hinaus, wo Schuhlärm die Kellertreppe herauftönte.

»Hier befiehlt niemand und darum muss auch niemand gehorchen.« Sie fühlte nicht, was Grossartiges sie da in aller Einfachheit sagte, aber der geistvolle Ilgensohn spürte es sogleich.

»Das scheint mir unmöglich,« entgegnete Sigi und mass die schöne Hexe mit misstrauischen Blicken. »Du warst doch schon so ein verflixter Regent in der Schule. Aber den Zopf hab’ ich dir doch ein paarmal um die Ohren geschlagen. Verzeih,« verbesserte er sofort, indem er jene Schulkinder-Abenteuer jetzt als unpassend und roh empfand. »Jetzt tät’ ich’s nicht mehr.«

»Hoffentlich,« gab das Mili belustigt zurück. »Aber wie sind wir denn eigentlich verwandt? Ich nahm an, allerwenigstens im fünften Grad, sonst marschierst du mir sofort da hinaus.« Scherzend wies sie zur Schwelle. Dabei lachte sie in all ihrer südlichen Bräune, wozu das blonde Haar so merkwürdig kontrastierte, so dass Sigi immer dachte: deutsches Korn und welsche Oliven oder Orangen. Die hat ihre Ahnen sicher um Rom herum gehabt.

»Aber auch nicht zu stark verwandt, verstanden!« Er sah sie mit verzehrenden Blicken an, fühlte dabei alle Dummheit seines Schwatzens und machte einen dürftigen Versuch zu spassen.

»Keine Gefahr!«

»So verwandt, dass man sich noch heiraten könnte, ohne nach Rom telegraphieren zu müssen.«

Jetzt zog Mili die blaugewürfelte Schürze übers Gesicht und lachte die herzlichsten Schollen hinein. Sie wischte sich den leichten Schweiss oder Küchendunst von den Wangen und sagte dann: »Der Papst würde mir nie erlauben, so einen zu heiraten, wie du einer bist ... so einen ... so gescheit ...«

»Ist das ein Ehehindernis?«

»Langsam, langsam ... so gescheit fürs Schlimme,« das Jüngferchen wollte scherzen, aber kam, ohne es zu wollen, in Ernst ... »So gefährlich, sagt man ... so gottlos ... sonntags zur Messe immer ausserhalb der Kirchentüre stehen und vor dem Segen davonlaufen ... so einen, ja, ja, man weiss allerlei ... Zürich liegt nicht am Ende der Welt ...«

»Aber Mili,« wehrte sich Sigi. Zum ersten Mal hörte er frech einen Verdacht über sein Studentenleben laut werden. Der Vater kümmerte sich um nichts als um das Geschäft, die Mutter wusste nichts, der Pfarrer runzelte leicht die Stirne, diese aber schrie es keck heraus.

»Ich sah nichts ... ich untersuch’ nichts ...« rief sie hell und heiter und zog die Schürze wieder straff übers Knie. »Aber der Heilige Vater zu Rom liesse mich niemals mit so einem ... so einem grünäugigen, eidechsenäugigen ...«

»Lieber Himmel,« jammerte er mit komischer Untröstlichkeit, »was kann ich für meine Augen. Gott hat sie mir gegeben. Dank sei ihm! ... Nun hör’: dein Grossvater, der Lunzi Rack und der Schwiegervater meiner Mutter, der Simon Rack, der die Tobelbrücke ausgebessert hat, sind Brüder gewesen. Jetzt möge Rom entscheiden, wie man diese Verwandtschaft heisst. Ich fang’ unterweil mit Käse und Kartoffeln an ... Da, schäl’ mir doch die!«

Mili nahm die schönste aufgesprungene Kartoffel und verschnitt sie dem fernen Vetter in den geblumten Teller, säbelte feine Käseschnefelchen dazwischen und sagte ohne jegliche Untertänigkeit: »Nun Kaffee dazu, das schmeckt!«

»Und ein Ei bekomm’ ich nicht?«

»Nein, feiner Vetter, das gibt’s nur für die Brüder. Die haben nicht gefaulenzt.«

»Und den schlechtesten Teller gibst mir überdrein, schau da! Gespalten und zernagt, als ob du einst zu wenig zu essen gehabt hättest!«

Diesmal wollte sie böse werden. Aber da rumpelte der Heli herein. Und sie erwiderte nur: »Du hast exakt den Teller, den du verdienst.«

Sigi verbeugte sich: »Im Käfig muss man’s nehmen, wie’s kommt.«

»Aber wenn der Käfig gewünscht wurde ...«

Sigi biss sich auf die zu lange und diesmal zu ungeschickte Zunge.

»Was habt ihr vom Käfig?« fragte Heli und fing gleich an, geräuschvoll zu essen und Käse und Kartoffeln mit den Fingern zu packen.

»Ach, Dummheiten schwatzt der Sigi wie immer,« beschwerte sich das Mili.

»Nein,« fuhr Heli fort und sah mit seinen kleinen, tiefen Augen irgendwo ins Küchendunkel, »nein, das mit dem Käfig ist keine Dummheit. Schau, Meitli, wenn ich so sitz’ und schaff’ in der Kellerstube und nachsinn’, was man alles von draussen hereinnehmen könnt’, Bäum’ und Hütt’ und Hühnergeier und Eichhorn und Geissen und noch viel, viel mehr ... nur wie, wie? Das ist die Frage! ... Und wenn ich’s so hereinspinn’ und die Sonne dazu und die Sterne und sogar den Viertels- und Halbmond ... und noch viel mehr, ich kann’s nicht sagen ... da ist mir, der Keller sei der schönste Käfig, viel schöner als die Freiheit draussen, wo man ertrinkt und dann gar nichts hat ... Und einfach, ich möcht’ gar nicht mehr hinaus ... Aber woher hast diesen Käse, das ist verdammt guter!«

»Werd’ mir nur nicht so ein Sonderling wie der junge Wildberger,« warnte Mili.

»Und ich hingegen möcht’ hinein und wieder hinaus und nochmals hinein, weiss der Teufel,« phantasierte Sigi.

Johannes trat jetzt herein. Er hatte sich umgezogen. Trüge er so hübsch geschnittene, englische Kleider wie Sigi, er machte mit seinem blassen, kühlen, sorglosen Gesicht und den langen Beinen eine noch aristokratischere Figur als selbst dieser Galan von einem Sigi.

Jetzt bemerkte Heli, da er sein Ei aufklopfen wollte, dass der Gast keines habe. Gutmütig reicht er ihm das seinige: »Nimm nur, ich esse mich an den Kartoffeln satt.«

»Halt!« wehrte das Mili mit schneidigem Blick. »Das geht nicht, das issest du!«

»Dulden, dulden,« deklamierte Sigi. Johannes lachte mutwillig. Er hatte sein Ei schon gegessen.

Da schob Heli seines verstohlen dem Bruder zu. Mili sah es mit schief gehängten Lampen und leichtem Aufplustern des Lippenflaumes, aber sagte doch nichts, und Johannes ass mit glücklicher Selbstverständlichkeit auch das zweite Ei. Sigi drohte dem Mili mit dem Finger: »Zehn Minuten sitz’ ich hier und schon sind zehnmal zehn Ungerechtigkeiten über mich hingegangen.«

»Und wollt ihr denn gar nichts Neues wissen?« fragte nun Johannes. »Etwas ganz Munteres ist geschehen. Das kann noch krachen.«

»Was? wie? heraus!«

Gestern Nachmittag, erzählte der Maler gemütlich, seien die Kirchentüren, die tagüber doch immer offen stehen, von innen verriegelt worden und Zimmerleute und Maurer hätten darin mächtig gelärmt. Bis Mitternacht! Für heute sei nur eine Frühmesse in allem Hergottsdunkel verkündet gewesen, und gleich wieder seien die Portale gesperrt worden. Gegen Mittag sei dann der Corneli langsam, langsam und blässer als eine Leiche mit dem Dorfweibel zur Kirche hinaufgeschritten und habe mächtig ans Tor geklopft. Kein Einlass, auch im Pfarrhof nicht! Da habe er ein Pergament aus der Tasche gezogen, der Weibel ein Kerzlein angezündet und so sei das Blatt an die Türe gesiegelt worden mit dem Kirchenratsstempel. Johannes habe die paar Worte gelesen: »Im Namen der Kirchgenossenschaft, wegen ungesetzlichen, eigenmächtigen Handlungen am Kirchengut, ohne Zustimmung des Rates, klagen wir beim Bischof. Cornelius Bölsch, Präsident.«

Dann sei der Ammann majestätisch, ohne ein Wort zu reden, das Dorf hinunter heimgekehrt. Der Weibel habe ihn ehrfurchtsvoll bis zur Haustüre begleitet, wo Cecili mit harten, nassen Augen ihn am Arm ergriffen und über die drei Stufen hinaufgeführt habe. Aus den Dorffenstern hätten die Leute geguckt wie bei einem nahenden Gewitter ...

Das Mili faltete die Hände zusammen wie beim Beten.

Und nun sei vor zwei Stunden eine Depesche aus der bischöflichen Pfalz im Pfarrhof angelangt: »Unternehmung womöglich sistieren. Hochwürden werden morgen um zehn Uhr vormittags präzis in der bischöflichen Kanzlei erwartet.«

Johannes gab das vom Munde wie frisches, Lustiges Wasser. Das Mili ward immer trauriger. Der Kaplan hatte am vorletzten Sonntag auf seine einfache Art gepredigt, dass wir uns oft und oft im Tage fragen sollten: wo ist Christus? Das sei eine prachtvolle Wegweisung. Denn das Gewissen antworte sofort, ob Christus im Moment bei mir oder ferne sei. Und nun, so oft sie von den Zwisten der beiden verehrten Männer hörte, stach sie immer diese Frage: wo ist Christus? Er musste doch beim Pfarrer sein, das unbedingt! Der Pfarrer ist ja der besondere Diener des Herrn. Aber wie? Unglaublich, wenn Christus nicht auch beim Ammann wäre, der zwar oft hart und harzig sein kann, aber doch so kindlich betet, so eifrig zur Messe geht, so oft einen schelmischen Blick Güte und Liebe aus dem felsigen Kopf hervorschimmern lässt; der sein steifes, altes, übermüdes Bein noch innig zum Rosenkranzgebet beugt, die Evangelien eines jeden Sonntags auswendig weiss! Wo ist Christus? Kann er an beiden Orten sein? Ach Gott, wie ist das?

Heli hörte so halb und halb zu, ass und gähnte dazwischen. Sigi aber sann schadenfroh: ja, lieber Pfaff, es tanzt auch mir nicht alles nach der Pfeife, nicht einmal dieser grüne, schwache Schnitz da; und du willst das ganze Lustigern und seinen ehrsamen Tat und gar noch den gewaltigen Ammann am Bändel drehen! Und wieder dachte er, sowie er nur einen Blick auf das frische Mädchen, diesen grünen Apfelschnitz warf: ach, diese kühlen, blutlosen, kirchenpolitischen Sachen, es rauscht wie alte Buchblätter, aber gibt nicht Schatten noch Frische. Leben, Leben! Der Kuss von einer solchen Lippe ist mehr wert als alle kanonischen Dispute. So ein weiches, rundes Kinn in die hohle Hand zu nehmen und den kleinen, feinen Puls durch alle Finger zu spüren, das geht über alle Belehnung mit Inful und Stab ...

In dieser Nacht, die einen runden, ausgereiften, zitronengelben Mond über den Ilggarten niederlachen liess und den kleinen Springbrunnen und die Dachspeier am Pfarrhof, aber namentlich die einsamen Stundenziffern am Turm zu flüssigem Gold umzauberte, in dieser schönen, schweigsamen Dorfnacht, wo nur etwa in einem nahen Stall das unruhige Mutterkalb sich an der Krippe rieb oder ein Pferdehuf im Rosspferch auf den Strohboden schlug, in dieser Nacht schlief Sigi miserabel. Er zog die Vorhänge zu, dass der Mond nicht hereinspotte. Er las in Carlyles französischer Revolution, dann wieder in Kleists Penthesilea, warf die Bücher auf den Boden und sagte sich dutzendmal, da geschehe etwas Neues in ihm, ward zornig darüber und freute sich doch, schmiedete Pläne, wie man das Mili ins Ilgenhaus bekommen könnte, streckte dann die gesunden, faulen Glieder und zog sie wieder wollüstig zusammen, schwitzte, warf die Decken weg, kehrte sich zur Wand und zählte eintönig eins ... zwei ... drei ... vier ... um nur endlich einzuschlafen, da es vom Turme schon die zweite Stunde nach Mitternacht aufs Ilgendach niederdonnerte ... fünf ... sechs ... fünf ... sieben ... sieb ... lieben ... lieben ... sechs ... Sie ... sil ... mili ...

Ach was, es ging einfach nicht. Er sprang wieder aus dem Bett und wäre am liebsten ins Freie und den Hügel hinauf geabenteuert. Aber das philisterhafte Dorf! Ein Spaziergänger nachts um die zwei! Wenn das eine Schlafmütze sähe! So schlüpfte er nur in einen alten Wintermantel, setzte sich ans Fenster und bemerkte nun erst recht verblüfft, dass drüben im Pfarrzimmer auch noch die Lampe durch die Vorhänge leuchte. Dann und wann fuhr ein grosser, unbestimmter Schatten vorbei.

Das tat ihm wohl und ohne noch etwas zu merken, nickte er im Lehnstuhl ein, das unheimliche Gesicht geradeswegs in den vollen Mond gerichtet. Das Antlitz in seiner unruhigen Schönheit sah aus wie ein Feld, in dem sich eine Schlacht entsponnen hat, nun eine Kampfpause eintrat und niemand weiss, wie es endet.


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