Heinrich Federer
Papst und Kaiser im Dorf
Heinrich Federer

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Kapitel 12

Pfarrer Bischof begab sich noch bis zur Abfahrt des Zuges in ein Schuhgeschäft. Niemand bediente ihn, bis er ungeduldig mit dem Stock auf den Ladentisch schlug. »Wir haben drei Gehilfinnen krank,« entschuldigte sich der greise Chef und eilte vom Pult herbei. »Die halbe Stadt hat diese Modekrankheit, die spanische Grippe oder wie sie heisst.« – »In der Pfalz habe ich nichts bemerkt,« entgegnete Carl. – »O, dort ist noch gesunde Klosterluft,« verwies der Greis lächelnd. »Aber das Modeding wird auch die schwarzen Herren dort finden und auch Ihre Dörfer, Herr Pfarrer. Das braucht nicht Tür und Schloss. – Also Schuhe wollen Sie, rauhe, knorrige Pastorationsschuhe sagen Sie.« – Er mass die Sohle. »Gott, achtundvierzig! Sie haben einen Riesenfuss. Hier sind nur zwei mit diesem Mass. Probieren Sie dieses Paar.«

Es ging mit Ach und Krach und dem Troste, das Leder dehne sich beim Gebrauch noch erheblich aus. »Gut,« meinte Carl. »Dann schicken Sie mir das alte Paar nach Lustigern, ich übe mich gleich im neuen.« – Der Alte lächelte immer und schüttelte den Kopf. »Was haben Sie?« fragte Carl. – »Nichts, nichts, ich meine nur, Menschen mit einem solchen Schuh und Schritt müssen besser aufpassen als alle andern.« – »Wieso das?« – »Sie haben eine zu grosse Spanne von Fuss zu Fuss. Gesetzt, es kommt ein Abgrund. Wir andern brauchen drei Schritte und können noch beim ersten und zweiten zurückweichen. Sie haben nur einen und sind unrettbar geliefert. Sehen Sie, der grosse Schuh ist gefährlich.«

Von da eilte Carl noch rasch ins katholische Vereinshaus, um Messwein zu bestellen. Er betrachtete die Schuhe. Sie dünkten ihn gross und schleppend und jeder Schritt damit ward ihm schwer. Im Vereinshaus stiess er auf eine Schar Geistlicher, die eben Regiunkelsitzung gehalten hatten und ihn noch ein Weilchen zum Dasitzen zwangen.

Er bestellte Tee, denn ihn plagte nur Durst, obwohl er noch nichts Festes und Solides genossen hatte. Doch bald lebte er auf, sei es vom Getränke, sei es davon, dass ein Pfarrer erzählte, er habe jetzt die Kirche fertig renoviert. Dreissigtausend Franken! Die ganze Pfarrei juble Baron. Ein anderer baute eine Lourdeskapelle, ein dritter war eben Kirchenratspräsident geworden, und ein junger Witzbold erzählte, wie er die alte Maschine seiner Kirchenverwaltung an der Gemeinde in ihrem alten Rost und Geiz öffentlich blamiert habe, so dass er jetzt in allem freie Hand erhalte. Der graue, gemütliche Dekan Bächtig freilich fächelte heillos verschmitzt, klopfte dem Carl auf die Achsel und sagte: »Diese Sieger! Man müsste nur wissen, wie oft sie sich vorher besiegt sahen! Und vielleicht ist das, wovon sie sprechen, ihre grösste Niederlage. Unschuldiger Mittagschwatz!«

Aber Carl verstand ihn nicht, sondern klopfte auf den Tisch und sagte: »Und ich habe einen Turm, niedrig wie ein Baumstumpf, aber darf nicht bauen, auch wenn ich ihn selbst bezahlte.«

»Muss denn gebaut sein?« fragte sanft der Dekan.

Doch jener junge Witzbold fragte: »Wie hoch ist er denn, dein Turm?«

»Fünfundzwanzig Meter bis zum Helm und der ist wie ein zusammengedrückter Filzhut; alles in allem fünfunddreissig Meter!«

»Und fünfunddreissig Meter hohe Dummheit und Schwäche,« rief der Junge. »Verzeihung, es ist nicht auf dich gemünzt. Du lupfst ja den Turm.«

»Jawohl, ich lupfe ihn!«

»Es hängt alles vom Pfarrer ab,« rief jener wieder, obwohl nun mehrere Geistliche den Vorlauten ernster ansahen und fast ein bisschen skeptisch belächelten. »Bist du selbst ein Turm, dann wird es auch dein Kirchturm. Bist du hingegen nur so ein Weidenstumpf, so eine Trauerweide, dann bleibt auch der Turm am Boden. So ist’s!«

Dieser hübsche, gelockte, frische Pfarrer warf Funken in Carls Asche. Es fing da wieder an zu glühen. Er hätte ihm gerne noch länger gelauscht. Aber die Abfahrt rückte heran.

»Pfarrer Anselm, du könntest mir am Ambrositag die Festpredigt halten. Du hast den rechten Stil, merk’ ich.«

»Hand darauf, ich komm’ gerne und streue Gluten, so viel du willst.«

Da sagte der Dekan leise und ernst: »Und Feuersbrünste, kannst du die auch löschen?«

Von all dem hörte Carl nichts. Er sah nur, wie Anselm Spacht auf einmal nicht mehr lachte, aber sich feierlich vor den Dekan stellte und sagte: »Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu senden, was will ich anders, als dass es brenne!«

»Bravo!« rief Carl; »es gilt also, auf Ambrosi!« und schlüpfte aus der Türe. Er hörte nicht, wie ein Hündlein hinter ihm lief und bellte. Der Dekan hatte nämlich noch viel ernster geantwortet: »Es fragt sich nur, ob es Licht vom Licht oder nur ein Strohfeuer ist, wie man solche für ein paar Batzen oder Leidenschaften gleich ein Dutzend haben kann. Hochwürdige Herren Confratres, auf die nächste Sitzung gebe ich gerade dieses Thema ‘Licht vom Licht im pastoralen Leben.«

Eine dicke, schwere Hitze lag über Stadt und Land. In der Bahn und auf der Lustiger Talstrasse fühlte Carl eine heillose Schläfrigkeit. Schloss er einmal das Auge, so fuhren ihm gleich ein Schwarm zerfetzter Bilder durch den Kopf. Er war so müde und schwer, als wäre sein Schädel mit Steinen gefüllt. Hat man mir die Grippe schon angehängt? fragte er sich. Es wird wohl die Aufregung und Unruhe der letzten achtundvierzig Stunden sein. – Aber im Pfarrhof angelangt, klapperten ihm die Zähne, er musste zu Bette und in der Nacht gingen die Fieber auf 40 Grad zu, und Carl redete schon ein arges Durcheinander.

Zum Glück hatte die ratlose Peregrina das Mili über Nacht behalten. Dieses beherzte Jüngferchen legte nun kalte Umschlägt ins Genick und auf die Stirne, und jedesmal dampfte das Tuch beim Umwechseln. Gegen Mitternacht rief man noch den Kaplan mit Marianne zu Hilfe. Die Frauen flüsterten im Gange an der offenen Kammertüre, während Eusebi umsonst bei Carl ein kluges Wort zu bekommen suchte. »Es ist nichts als ein heftiges Grippefieber,« tröstete er die Weiber. »So ein Temperament packt es gleich massiv an. Ihr könnt euch nicht an sein Gerede halten. Es bricht da Fremdes und Eigenes kunterbunt heraus. Aber vielleicht sollte man doch den Arzt ...«

»Nichts da von Arzt!« rief nun merkwürdigerweise der Patient. Er verstand alles, aber beim Erwidern gelang ihm selten das Rechte. Jetzt aber sass er schroff auf. »In die Kissen, in die Kissen,« bat Mili, sprang herzu und zwang den Gewaltigen mit ihren starken Armen nieder. Die Marianne stupfte die Pfarrköchin. »Seht, alles kann die grüne Hexe! Wer die einmal kriegt, potz!«

Aber Peregrina betete und bebte. »Er stirbt mir, er stirbt mir gewiss. Alles tut er wie ein Gewitter. So geht er mir weg ... Ich weiss es. Das hatte er nie, so ein Fieber und Irrereden.«

»Gans, dumme du!« lärmte Carl wieder. »Geht doch alle ins Bett. Was habt ihr mit mir! Wer geht da zur Türe hinaus? Kein Bein verlass’ das Haus! Das gäb’ ein Geschrei: Der Pfarrer krank! Ich les’ morgen die Messe wie sonst.«

»Niemand weiss etwas,« beruhigte der Kaplan. »Ist dir morgen noch schlecht, so bleibst du eben im Bett wie andere Menschen, punktum!«

Punktum? Fragend sah Carolus auf den Confrater und wollte lächeln: o dein Punktum! Aber gleich verwirrte sich wieder sein Denken.

Eine Weile schien der Fiebernde einzunicken. Dann langte er plötzlich mit den Händen empor wie an einem Stamm und stieg, so hoch er konnte, und reckte noch die Fingerspitzen: »So hoch, so hoch!«

Von da an redete er völlig irre. Immer kehrte der Turm durch alles Phantasieren wieder. »O wie schön, wie ganz schön!« staunte er der Zimmerdecke entgegen. Er sah seinen erträumten hohen Kirchturm.

»Saget nichts davon, ja nichts!« bat Eusebi die Weiber. »Es gäbe einen schönen Lärm im Dorf. Aber wir, die wir wissen, was dem Pfarrer dieser Turm ist, wir wollen ihm die Freude lassen. Ja, wir wollen ihm auch Hoffnung dazu machen.« Und er trat ans Bett und sagte: »Carl, das sind schöne mögliche Sachen, nur pressiert es nicht so.«

»Es pressiert. Ich muss bald fort. Der Corneli jagt mich, oder den Bischof, ja, ja ... Morgen fangen wir an ... Es kostet nichts ... also!«

Ach, wie erbarmungswürdig der gewaltige Mann keuchte, plapperte, sich hin und her wälzte, schrie, bat, zürnte und von Gluten dampfte! Welche Schatten über ihn fielen, wenn er klagte. Aber beim einzigen Worte Turm, o wie hellte sich das Antlitz auf, wie flammten in seliger Kindlichkeit die blauen Augen, welcher Friede zog dann über den ganzen Mann. Gewiss, er hatte täglich vom Turm geredet, mit der Tante und mit Eusebius. Aber dass dieser Plan so tief ins Innerste sich verwurzelt habe, fast auf Leben und Tod, das hatten sie beide nicht geahnt. Waren denn Turmuhr und Beichtstühle nur Proben und Vorwände für dieses Hauptwerk gewesen? Da kommt er vom Bischof, dachte Eusebi, gewiss mit einer scharfen Rüge, und denkt gleich an neue und grössere Wagnisse. Der Unverbesserliche!

Langsam rannen die schwarzen Stunden. Die Fieber stiegen bis auf volle 40 Grad. Es könnte Typhus sein oder Gehirnhautentzündung, mein Gott! besorgte der Kaplan. Sobald es dämmert, muss das Mili nach Uzli zum Arzt.

»Hast du etwas Ungutes gegessen oder getrunken, schlechtes Wasser etwa?« fragte er in eine stille Pause hinein.

»Wasser, ja, am Brunnen, schmutziges ... pfui doch ... und Tee ... und, ach, nicht kalt, nicht heiss, nicht rot, nicht schwarz, nicht violett, o pfui, wie farblos ... nichts als Charakterlosigkeiten muss ich trinken, ja, so ... Charakterlosigkeiten ... aber der Turm, der haut euch zu Boden ... das ist ein Mann ... helft mir! ... o so helfet doch ... Die blasen mit allem Wind drein. Steh fest, du Charakter!«

»Carl! Carl!«

»Was Carl, Carl! Das ist nichts. Willst du oder willst du nicht? Das ist Carl, Carl!« Er schnaufte wild auf, riss die Umschläge von sich, hob sich auf die Ellbogen und schaute im Halbrund umher ... »Dann kann ich ja gehen ... Was soll man da pfuschen? ... Gebt acht, o gebt acht, haltet, haltet ihn ... auf allen vier Seiten ... Wie die blasen! Was für Backen! So ein Wind ... haltet ihn! ... ach, Kartenhaus ...!« Carl fiel schwer zurück, schweissübertropft, und das Mili wickelte ihn wieder treulich in die nassen Tücher.

Eusebius stand am Bettfuss, umkrampfte den Holzknopf und rang mit sich. Nein, hier ist nicht zu schwindeln. Ja oder Nein! Diesem Starken soll man ein starkes Unterfangen gestatten. Schaden tut es keinem, freuen wird es viele, ihn macht es erst zum frohen, schaffensseligen Pfarrer. Das ist mehr wert als Geld und ein bisschen Gemurr. Also denn!

Er trat an den Pfarrer und sagte fest: »Höre, Carl, jetzt, hier in deiner Kammer, bilden wir den Anfang zu einem Turmfonds. Ich gebe zweihundert, meine Marianne zweihundert Franken, verstehst du was? So fängt der Stein an zu wachsen.«

Carl bemühte sich, still aufzuhorchen. Euseb fasste ihn an der Hand.

»Dann sammeln wir in alter Ruhe weitere Gelder, vielleicht machen wir eine Lotterie. Und ist die Summe hübsch im Sack, so fängst du den Bau an. Also der Turm kommt, ich bin dabei.«

Carl lauschte, lauschte, bewegte ohnmächtig die brandige Lippe und schien zu verstehen. Die Augen hielt er zu.

»Der Turm kommt. Aber jetzt ruhig! Geduld! Schweigen! Rom ist auch nicht an einem Tag gebaut worden. Ein Baum wird umso grösser, je stiller er wachsen kann. Verstehst du?«

Er bog sich tiefer zum Erkrankten. Ei, ei, der atmete regelmässig und schien ordentlich eingeschlummert.

Man trat in den Gang hinaus, setzte sich auf die Bank und nun sagte das Mili: »Ich gebe auch jede Woche fünfzig Rappen an den Turm!«

Peregrina, das wusste man, hatte keine Kupfermünze Eigenes. Trotzdem galt sie als Mitglied der Turmfondsgesellschaft, so wie diese eben in unheimlicher Nacht und Fieberphantasie begründet worden war, und alle vier Verschworenen reichten sich wichtig die Hände. Der Turm, sagten sie, rettet dem Pfarrer das Leben, das sieht man; wie er gleich ruhig ward! Aber er rettet ihn nicht bloss heut nacht, nein, von einem Tag zum andern, Turm und Pfarrer sind eins, leben und sterben zusammen.

Am Morgen erwachte Carl erst spät. Er hatte weder das Messgeläute, noch die Hausschelle, noch den Arzt von Uzli gehört. Er erinnerte sich an nichts, wollte nach Gewohnheit aufspringen, aber fühlte sich nun wie ein Bleiklotz so schwer in die Matratze vergraben.

Nun erst dämmerte es in ihm auf, er sei todelend gestern nachmittag bei der grössten Schwüle heimgekehrt, sozusagen ins Bett gefallen, in heillose Hitzen geraten und erst jetzt wie aus einem Rausche ernüchtert. Er wusste gar nichts von den Reden in der Nacht, war fieberfrei, und der Doktor verlangte bloss, dass er sich noch zwei, drei Tage im Bette pflege, da es nichts als die vulkanische Lösung einer Nervenüberreizung gewesen sei und jetzt naturgemäss eine grosse Ermattung auf eine solche Entladung folge.

Ein wenig blass und im Knie bebend trat der Pfarrer nach drei Tagen wieder in der Kirche auf. Er schien magerer und gelassener geworden. Hoch und steif fand er den Corneli an seinem Platz. Auch die Beichtstühle standen an ihrer erzwungenen Stelle, aber trotzdem schien Corneli nicht besiegt, eher fester als je in die Höhe zu ragen und eine gewisse stille Genugtuung auf seinem kalten Gesicht zu tragen.

Es herrschte nun eine sonderbare Ruhe im Dorfe. Es war nicht die Ruhe der am Abend behaglich auf dem Knie gefalteten Hände und nicht die Ruhe eines schönen Amen, so war’s recht, Gott sei Dank! Es war vielmehr die Ruhe des Zweifels, der nicht zu reden wagt, die Ruhe des Argwohns, der wie eine Katze auf die nächste Gelegenheit lauert, die Ruhe der Unentschiedenheit, der schwankenden Achseln, des bedächtigen Zuwartens. Der Corneli war unversöhnlich beleidigt, der Pfarrer hatte einen Verweis geholt, das wusste man. Von da würde es leis oder laut in Gegnerschaft weitergehen, und einmal müsste man Sich für den Weissen oder den Roten entscheiden. Einstweilen war es besser, die Sache von Fall zu Fall zu begleiten. Aber ohne es sich zu gestehen, hatten eigentlich die meisten im Herzen schon entschieden. Die Alten standen heimlich dem Ammann näher. Sie verkörperten mit ihm zusammen das Dorf, seine konservative Tradition und scheuten jeden kleinen oder grossen Wechsel. Selbst im Pfarrer sahen sie etwas Fremdes, sobald er nicht das sakramentale Amt übte. Dann, jawohl, dann war er ihnen der nächste; sonst der Fremdesten einer.

Das jüngere Geschlecht hielt eher zu Carl. Er predigte zwar gegen den Tanz, das tat der Corneli auch. Aber nie hatte der Ammann ein Fässlein Bier ins Lohwäldchen rollen und den Jünglingen zum Trunk Kurzweil mit Gedichten, Musik und Rätseln bieten lassen, wie Carl an seinem Geburtstag. Er war noch jung, fühlte noch mit, heizte noch Aug’ und Wort mit Begeisterung, das gefiel. Er denkt an Verschönerung und Verbesserung. Sie, die junge Generation, langweilt sich vor der Altbackenheit des Dorfes und Dorflebens, vor diesem Einerlei von Kindsbeinen an, vor diesem Wiederkäuen des Daseins von Jahr zu Jahr. Etwas Frisches, Neues! Ein lustiger Blitz, ein fröhlicher Knall, ein Verluften und Ausfegen der Rumpelkammer. Mit den Prachtziffern oben am Turm fing der Pfarrer an. Seine Augen leuchten. Da ist noch viel zu erwarten.

Ohne irgendein neues Ereignis ging diese heimliche Scheidung durchs Dorf und grub sich in solcher fast unbewusster Zweiteiligkeit immer tiefer durch die Stuben und Kammern der Lustiger ein. Aber es geschah so formlos, dass man kaum laut Partei ergriff, den Hut vor beiden Riesen gleich tief zog, auf ihre Fragen gleich rasch mit einem Ja antwortete und, wiewohl man einen Strauss schon aus Langeweile und Leichtsinn herbeiwünschte, dennoch nicht weiter zu grübeln wagte, ob man dann auch tapfer die Folgen rechts oder links auf sich nehmen wolle. Eine gewisse Zweideutigkeit und Falschheit, um es nirgends zu verderben, griff im Völklein hässlich um sich.

Indessen schien jener Anfall des Pfarrers doch mehr als nur ein vulkanisches Fieber gewesen zu sein. Nicht bloss gewann Carl seine kräftige Beweglichkeit nur langsam und mit kleinen Schritten zurück, als hätte er schwerkrank gelegen, sondern in den nächsten Tagen packte es da und dort einen Lustiger mit Kopfweh, Schwindel, Rückenbrennen und hohen Fiebern. Die Grippe war augenscheinlich da, und lose Zungen tuschelten, niemand anders als der Pfarrer habe sie aus der Stadt gebracht. Selber habe er sie nur leicht bekommen und hurtig abgeschüttelt. Aber diese Seuche werde mit jedem Frass wilder und jedes weitere Opfer leide schwerer. In der Tat ging es bei keinem einzigen mit einer Fiebernacht ab; sondern es entwickelte sich eine Halsentzündung oder ein Brustkatarrh oder gar eine merkwürdig leise Lungenentzündung, wobei der arme Patient mit Mühe nach Luft schnappte. Erst waren es nur sechs, sieben Kranke. Aber nach vierzehn Tagen fieberte und hustete das gute Drittel des Dorfes. Und immer noch stieg die Seuche höher und höher wie eine trübe, zornige Flut. Das ganze Toggenburg seufzte in Not.

Pfarrer und Kaplan warfen sich als beherzte Schwimmer in diesen Greuel, Eusebius etwas vorsichtig, etwas leise, aber durchaus furchtlos; Carolus dagegen, je mehr er sich zurückgewann, mit grossen Schwüngen, laut und lustig. Sein Besuch wog den Kranken zehn Kaplane auf. Eusebi amtierte gewiss ganz korrekt. Aber er war trocken, seine Stimme farblos und dürr, er wusste keine Bauernspässe. Der Duft der gelehrten Bücher, dieser unpopuläre Duft, umschwebte und isolierte ihn ein bisschen. Carolus dagegen plauderte saftig, lachte die Leutchen schon halb gesund, erzählte prachtvoll, begeisterte, riss hin und betete mit ungeheurer Wucht; die Kranken behaupteten, sie spürten kein Übel, solange er in der Kammer weilte. Der Dorfschneider Naz, ein gelenkes Phantasiemännchen, erklärte: beim Kaplan sei das Beten und Zusprechen wie ein Wind im Herbstlaub, es rausche dürr wie Papier, aber es rausche. Hingegen beim Pfarrer fahre es ins volle Sommerlaub und rausche wie zehn Orgeln so lebendig und so grossartig. Aber er wolle weiter nichts gesagt haben. Es spiele ja der nämliche Wind so dorten wie hiergegen.

Einige ältere Personen überstanden die Seuche nicht und starben. So der Paul Huber zu unterst im Dorf. Als Carl mit Kreuz und Ministranten den Sarg beim Gehöft abholte und dabei an Cornelis zugeriegelten Stubenfensterchen vorbeischritt, dachte er: wie arg der alte Schelm sich absperrt. Hat er Angst? Ja, wenn die Grippe so recht schwer in seine Achtzig tappte, das streckte ihn ... Ein Grausen überlief Carl, und er eilte rascher, indem er den Riesen gereckt und gestreckt, wie’s nur Gevatter Tod leistet, über den Schragen geworfen sah, nun auch das starke, rechte Auge gebrochen. Es schauderte ihn und doch musste er mit einer gewissen Wollust immer wieder zu dieser Vorstellung zurückkehren. Geradezu etwas wie Enttäuschung erfasste ihn, als er am Huberhaus über alle Leidleute hoch hinaus den gleichen Corneli wie eine stämmige Silberpappel ragen sah und behäbig trocken die Vaterunser mitbeten hörte. O der stirbt nie! entfuhr es Carl. Aber sofort entsetzte er sich vor sich selbst und ward stille.

Vor dem Sarge und den Verwandten des Toten, den weissen Nastüchern, die man zum Schein in der Hand hielt und der schlecht versteckten Ungeduld, zu erben, und vor einem einzigen harmlosen, aber erschreckten Büblein, das noch nie einen Menschen in einer schwarzen Kiste gesehen und nun furchtbar aufschrie: »Lasst ihn heraus, o lasst ihn heraus! Ich hab’ die Maikäfer auch wieder ausgegraben ...« und vor dem Lachgeriesel, das, ähnlich wie die Morgensonne durchs Baumlaub, jetzt durch alle die schwarzen Gewänder und steifen Gesichter spukte, vor all dem und davon unbetroffen nahm Carl die schwarze Stola ab, legte sie dem Kaplan um, reichte ihm das Buch und bat: »Mach’s du, der Tote war ja noch dein Firmpate!« Und er liess den Kaplan die herrlichen Gebete sprechen, da er seine Zunge soeben beschmutzt hatte, und antwortete mit den Knaben dienerhaft bescheiden und unterwürfig die vielen Amen.

Bei jedem Psalm ward er im Herzen froher, und es drängte ihn geradezu, augenblicklich etwas recht Gutes zu tun. Ich will den Corneli nach dem Requiem zum Frühstück einladen und will ihm in aller Herzlichkeit sagen, dass ich aus freiwilligen Beiträgen eine Kasse eröffne für kirchliche Notwendigkeiten, Notwendigkeiten der Pfarrei im weitesten Sinne. Nicht einen Turmfonds! Den hat ja der Eusebi gestiftet, aber der Verschmitzte sagt nichts mehr davon. Es reut ihn. Die Peregrina verriet’s. Nein, in diese namenlose Kasse soll alles wohltätige und wohlgemeinte für die Kirche fliessen. Der Pfarrer weiss am besten, wie’s von da weiter tropft in Aufwendungen für Altäre, Gemeinde, den Friedhof oder ... den Turm. Aber alles freiwillig! Kein Nickel aus der Kirchgemeindskasse. Der Brave da im Sarg hat zweihundertfünfzig Franken gespendet. An seinem Grabe sei’s verkündet und werbe Jünger! – Ich werde dem Corneli zeigen, dass er die Kirchensteuer an der Novembergemeinde hinuntersetzen und die Zinsen der Kirchenkapitalien zum Fonds schlagen kann, dass ich für alles sorge. Aber dass er nun ein Stümpfchen Vertrauen zu mir habe! Er mag immer kommen und mir in die Truhe gucken. Ich will doch nichts verschlechtern, ich will nur verbessern ... Und vom Turm red’ ich nicht zu ihm. Ich kann warten, bis der Corneli so lange schläft wie der Mann hier. Seinen Feierabend will ich ehren. Aber mehr leisten wär’ Sünde und Unehre dazu.

Und in all dem heilig-unheiligen Denken stieg vor der Orgelempore her der gewaltige Choral nieder: De decet hymnus, Deus, in Sion ... dir, o Gott, gebührt Preis! ad te omnis caro veniet ... zu dir kehrt alles Fleisch zurück! ... Und süss sangen zwei hohe Mädchenstimmen immer wieder in alles Totengebrause und Unterweltsdunkel ihre Lichthoffnungen, ihre Frühlingsgedanken hinein und glaubten sie kindlich, indem sie immer wieder vom ewigen Richter klingelhell jubelten: quia pius es! Weil Gott so gut ist, so lieb, so gnädig! Quia pius es!

Ach, was plagten sich andere mit Türmen von Stein und mit Geldkassen voll Sorgen! Lux aeterna! Ewiges Licht, danach tanzten diese Schmetterlingsseelen und sahen das goldene Tor offen und den Engelvater voll Glanz, und Lächeln unterm Diamantenbogen mit winkenden Armen: Quia pius est.

Hätten der Pfarrer oder der Ammann etwas von diesem erdlosen reinen Kindersinn gehabt, es wäre zum Frieden nicht zu spät gewesen. So aber antwortete Corneli auf die freundliche Einladung Carls neben dem frischen Grabe mit einem kalten, höflichen: »Danke, ich kann nicht annehmen!« –

Als sich Carl auch an diesem Tage mit Krankenbesuchen, Beten und Trösten und kleinen Almosen ordentlich abgehetzt und dabei das schroffe Nein Cornelis fast vergessen hatte, sass er endlich gegen neun Uhr abends in einer glücklichen Müdigkeit im Studierstüblein, zog den grünen Schleier über die Lampe, schlug ein Bein über das andere, horchte dem gleichmässigen dunkeln Gesprudel des Wiesenbächleins zu, das zwischen ihm und dem Kaplangarten floss und bis in die Stube hinein klingelte und überschlug nach behaglicher Gewohnheit ein bisschen, was getan sei und was morgen bevorstehe, indem er die Augen halb schloss und mit dem Schlüsselbund spielte, der an der Armlehne des Stuhles hing. Die schwersten Patienten der Grippe hatten die Krisis überstanden, Sponsalien gab es morgen und eine Kindstaufe, die Predigt übermorgen hielt der Kaplan, ach, gelehrt, langweilig, ein bisschen krächzend, er hört sie schon voraus, aber gut gemeint und ängstlich auswendig gelernt. Der gute Eusebi! Da erzählten jüngst zwei Nachbarspfarrer sauer wie Salatköpfe ihre liebe Not mit den jungen Kaplänen. Dem einen, wahrhaftig, graute das Haar vor Verdruss schon ums Ohr. Vor lauter Gutmachenwollen und Bessermachenwollen gibt es da heillose Konflikte und Unkraut über Unkraut schiesst, wo Brot wachsen könnte. Nein, ich bin mit dem Eusebi glücklich. Auf der Kanzel ist er schwach, aber in seiner Bücherkammer, unter seinen Brillengläsern und seinem Tabakduft wird mir der schwerste Schnauf wieder vogelleicht. Jetzt sitzt er sicher über Pastors neuem Band der ...

Klirr-ing-klirrling! schrillte es durch den Gang. Wer zerrt so? Er hört das Mili und die Peregrina zum Gangfenster laufen, den Draht ziehen, rasche Schritte zu seiner Türe kommen und in diesem Moment, er weiss nicht wie, schiesst es ihm durch den Kopf: Da meldet sich der Hausvater vom Altersasyl, ich wette ... Ist er denn noch nicht geheilt? Von Tag zu Tag geh’s besser, sagte man. Wunderbar war’s und wie ein Wunder ist’s ... Herein!

Zwei pochende Fingerknöchel, die Türe aufgesperrt, das fahle, aber frohe Gesicht des Dr. phil., Carl wundert sich gar nicht. Ja, gerade das musste diesen Abend kommen!

»Er schickt nach mir? Er will? Er ...« drängte der Pfarrer und grübelte mit dem Blick fragend in der senkrechten Runzel des jungen Eugen Dott.

»Ist eben gestorben!« versetzte Herr Dott mit bleichem, aber strahlendem Gesicht.

»Gestorben?« Carl setzte sich schwer in den Stuhl zurück und rutschte auch Eugen einen Sessel nahe. Aber dieser stand aufgeregt und leuchtend da und trat hin und her vor Bewegung.

»Gestorben!« wiederholte der Pfarrer; »und war am Gesundwerden.«

»Jetzt ist er’s geworden, Herr Pfarrer, ganz gesund!«

»Erzählt,« bat Carl, indem er das fahle Gesicht musterte und es darinnen seltsam flackern sah. »Aber wisst, es martert mich, dass ich nie mehr herüber kam. Immer nahm ich mir’s vor. Aber da gab es Nöten über Nöten und jetzt diese Epidemie und ... und ...«

»Er hat Sie sehr, sehr erwartet!«

»Aber ja ... eigentlich gehörte er ... ja auch nicht ... zu meinen ... Schäflein,« würgte Carl heraus.

»Oh!«

»Man hat mich schon einmal einen Wilderer auf Seelen geschimpft. Der Bischof gab mir einen Wink. Freilich hier ...«

»Er hat Sie innig gerufen. O er hatte Sie gerne. Wie sollte er nicht Ihr Schäflein gewesen sein. Gibt es denn da ein Zeichen mit Stempel und Schere?«

»Lassen wir das, mir war er wie ein Bruder damals.«

»Er sprach auch nie anders von Ihnen als vom schönen, starken Bruder.«

Bewegt und beschämt senkte Carl ein wenig den Kopf. »Erzählet, ich bitte. Es ging ihm doch viel besser, nicht?«

»Ja, das war wie eine Suggestion. Sobald Sie weggingen, glaubte mein Vater an die Gesundheit und fühlte sich von Stunde zu Stunde besser. Aber das Wasser stieg trotzdem. Da war nichts zu machen ... ah, hört, man läutet.«

»Schon wieder! ‘s ist etwas Unruhiges in der heutigen Welt. Die stillste Hausschelle bekommt den Rappel ... Aber dann stand der Herr Hausvater sogar auf?«

»Das nicht, aber er wurde merkwürdig ruhig und zufrieden im Bett. Er lächelte immer. Mich dünkte, es stecke eine kindliche Schlauheit in diesem Lächeln, wie etwa das Schelmenwort: wenn ihr wüsstet, was ich alles könnte! sofort aufgehen, sofort wie ein Gesunder marschieren und agieren könnt’ ich. Ich hab’s in der Hand. Aber ich will nicht. Ich warte noch. Mein schöner, starker Bruder heisst mich dann schon das Rechte tun. Jetzt ist das Rechte, still in der Mitte des Bettes zu liegen, die Hände gefaltet, gegen das Licht hinaus schauen, denken, wie lieb alles ist, alles, alles, weil ganz warm vom lieben Gott, und wie wir alle ein Fleisch und Bein sind und uns nicht weh tun sollen ...«

»Hat Ihr Vater so Wunderbares gesagt?« fragte Carl.

»Oft im Schweigen sprach er’s aus, ich verstand es nicht anders. Aber er hat auch davon laut geredet. Er fragte nach den letzten Leuten im Hause, bat mich täglich, alle beim Frühstück zu grüssen ...«

Es klopfte. Peregrina flüsterte etwas von Mili und Frau Wirtin Quäler. Der Sigi frage.

»Komm nur herein, Sigismund, du darfst das auch hören. Mittlerweil’ rüstet sich das Mili.«

»Es darf kommen?«

»Es soll sogar!«

»Das ist meiner Mutter der grösste Trost. Doktor Ammann fürchtet Lungenkomplikationen.« Sigi setzte sich und nickte höflich zum Dr. phil. hinüber.

»Alle beim Frühstück grüssen musstet Ihr?« setzte Carl wieder an.

»Und nicht mit meinen Worten. Er schrieb mir alles genau vor: Du neigst dich vor den ehrwürdigen Greisen, vor den ehrwürdigen Greisen, sagte er, und sprichst recht höflich: Der Vater lässt euch herzlich grüssen, nicht wie ein Vater seine Kinder, nein, wie ein Kind seine Eltern grüsst. Er wird halb selber kommen und es nachholen, was er an Gruss und Liebe so viele Jahre hat fehlen lassen. Ihr seid seine Lehrer und Meister. Von euch nimmt er alles an ... Das musste ich sagen. Die Alten verstanden mich nicht. Sie mussten lachen. Ist er kindisch geworden, hiess es. So redet ein Narr. Ich musst’ ihm das erzählen. Und dann lächelte er wie ein Kind und sagte, sie werden es schon erfahren, welch ein Narr ich geworden bin, ein Narr Gottes und ein Narr der Liebe. Ach, was für eine Liebe hat mir dieser Pfarrer in die Brust hineingebrannt! ...«

Sigi horchte. Er war dunkelrot vor Hitze, und eine wilde Erregung wegen dem Mili durchflutete ihn. Er würde es jetzt bei Nacht ganz allein zur Ilge führen. Es sind fünfzig Schritte, wenig. Aber wie unverhofft viel dünkt es ihn. Und dann riegelt er es mit dem mächtigen Schlüssel, an dem er beständig heruntertastet, ins eigene Haus, schläft unter dem gleichen Dach mit ihm, hat es stundenlang nah, kann ihm auflauern, Fallen stellen und sein Jägerglück und Jägergenie an ihm erproben. Aber er will vorsichtig sein. Ein grosser Respekt hält ihn zurück, es wie die Mädchen der Zürcherstrassen zu betrachten. Tag und Nacht muss er an es denken. Sein Bild plagt ihn. Aber es plagt ihn eher zum Niederknien als zum Niederknien lassen. Er denkt viel Unreines, aber kann es nicht fertig denken. Immer bricht durch den Schmutz dieses klare, durchsichtig reine und tapfere Antlitz hervor, lächelt, grüsst und zwingt zu einer sonderbaren Ehrerbietigkeit.

Indem es so drängt und hastet in ihm, fällt das Wort Liebe vom Munde des Eugen Dott so feierlich ins Zimmer, dass er aufschreckt.

»Oft, wenn ich ins Zimmer trat, waren seine Augen feucht. Er hatte geweint. In allen siebzig Jahren sah ihn vordem kein Mensch mit einem nassen Auge. Tut dir etwas weh? fragte ich. Weh und wohl! gab er zurück. Dass ich so ein Holz war, so ein dürrer Stecken, das macht mir schwer. Aber da kam er und sah mich an und das alte Scheit fängt noch an zu knospen ... Ganz wie Frühling ist mir. Er sah mich an und ...«

»Hm, hm, ach ... nicht so,« flehte Carl tiefbedrückt und senkte das Haupt noch tiefer ... »Ich war es nicht, o Gott, ich leider nicht!«

»Und sah mich an und riss mir das Aug’ auf, und das Herz und den Himmel, riss mir alles auf ...«

»Stille, seid stille!«

»Riss mir alles auf, was ich verriegelt hatte, und zeigte mir das eine und alles, die Liebe, o Gott, die Liebe!«

Aufgestört aus seiner Sinnlichkeit horchte Sigi. Immer wieder dröhnte das grosse Wort an sein Ohr. Was meint er damit? Was erzählt er? Aufreissen! Liebe, Liebe! Wie singt und klingt die Luft davon. Kenn’ ich das? Fühl’ ich’s gar? So wie jetzt war’s mir ja auch noch nie!

»Herr Pfarrer, er erstickte fast, er ward blau und purpurn beim Husten, er nahm noch vier Löffel Griessschleim im Tag und wurde doch immer lustiger und lieber dabei. Es geht rasch mit der Besserung, sagte er dankbar. Wenn ich ganz gesund bin, mir ist, ich flieg’ dann vor Glück und bau’ da ein Nest und dort ein Nest; wo nur ein Odemlein lebt, will ich wärmen und lieben. Ich will nicht zu Fuss gehen, das dauerte zu lange, ich will fliegen, der Liebe nachfliegen, schauen, wo sie daheim ist und wie ihr Vater heisst ... Und er lag da, ich sag’ Ihnen, so schwer, als wär’ er tief ins Bett hinunter gewachsen, und konnte keinen Arm mehr heben. Und dennoch hüpften seine Augen wie Sonnenfunken herum, als gehörten sie zu keiner Erd- und Leibesschwere mehr, und er sagte voll Glauben: schau, da sitz’ ich wie ein Vogel auf dem Ast. Ein Lüftchen, ein Ruf, ein heller, früher Morgen und ich schweb’ dir davon und leer ist der Ast und du kannst mich dort suchen, wo die Liebe daheim ist. Sei gut und lass alles, was ich habe, den Alten im Haus. Was brauchst du anderes, als zu lieben und geliebt zu sein? Mehr kannst du nicht geben und nicht nehmen.«

»Es ist ein Wunder!« rief Carl und wischte sich das Auge. »Wir Unwürdige ...« er klopfte an die Brust. So erzählte Eugen Dott. Er kam von der noch warmen Leiche, vom letzten Blick und Vogelsang seines Vaters; er hatte diesen lächelnden Tod wirklich wie einen Lerchenflug von der Erde sonnenwärts soeben miterlebt, und da riss es ihn mit glühenden Worten in ein Schildern voll Pracht und Leuchten. Diesen knorrigen, lieblosen Alten hatte die Gnade berührt. Eugen stellte sich das weder katholisch noch reformiert vor, sondern einfach als eine ausserordentliche Tat der Liebe, die noch Steine lebendig macht und diesmal, statt einen Kiesel, seinen Vater für ihre Wunder erlesen hatte. Während er berichtend im Zimmer hin und her sprang, liess Carl den Kopf immer tiefer sinken und Sigi ihn immer höher heben. Es musizierte so schön in seinem Ohr: Was brauchst du anderes als zu lieben und geliebt zu sein? Mehr kannst du nicht geben und nicht nehmen. – Er bezog es auf sich, aber fühlte zugleich, dass die beiden Männer, deren Gesichter wie dunkle Sonnen glühten, noch einen viel höhern Bezug hierfür kannten und ihn schauderte vor diesem Unbekannten. Denn er war zu tief veranlagt, um nicht das Wehen grösserer Leidenschaften als seiner kleinen selbstsüchtigen ahnen und heimlich verehren zu können.

Plötzlich fasste der stürmische Erzähler den Pfarrer heftig an beiden Achseln, brannte ihm mit den Augen ins Gesicht und rief: »Jetzt sagen Sie mir, was war was, was Sie an meinem Vater taten? War es eine Suggestion? War es eine heilige Priesterschlauheit? Oder war es Ihr wunderbarer Glaube? Sagen Sie mir, ist was Natur oder Gott? Sagen Sie schnell! schnell!«

Es war, als kämpfe er mit Carl und wolle ihn niederzwingen. Draussen sang das Bächlein, schliefen die Zwetschgenbäume und liessen etwa eine überreife Frucht ins Gras fallen, das Dorf ruhte aus, der Kaplan las alte Historien mit der Doppelbrille auf der Nase, einige Kranke stöhnten im Fieber, aber die Giebel ihrer Häuser hoben sich beruhigend in die leise Mondluft, und alle Fenster tranken vom gelben Gestirn, so viel sie nur konnten, in die Kammern hinein. Nur das Pfarrstübchen war heiss und von seelischen Gewittern geladen wie eine Pulverkammer.

»Mässigt Euch,« rief Carl und wehrte den Mann wie einen Baumast von sich, der wieder und wieder auf ihn zurückschnellen wird.

»Ich muss es wissen,« drängte jener. »Darum bin ich noch nachts über den Hügel gelaufen. Mein Vater liegt wie verklärt im Bett. Gibt es mehr als Natur, Herr Pfarrer, gibt es mehr? Habt Ihr’s, saget doch!« Und wieder fasste er ihn an.

Sigi schwitzten die Hände vor Eifer zu schauen und zu hören. Was für eine Welt hatten die da! Welche Augen! Welche Worte! Was Grosses! Nicht wie ordinäre Menschen mehr, etwas wie Erzengel und Ewigkeitshelden ...

»Freund,« keuchte Carl und erhob sich, »ja, es gibt viel mehr. Fraget den, der das Rot erfunden hat. Von ihm kommt alles, das Licht und Leben, das Eisschmelzen und Blühen des Hagsteckens und die Wärme und die Liebe. O hätten wir alle nur mehr Aug’ und Ohr und Lippe, es ... es ... ja, es aufzuküssen, in die Seele hineinzuküssen, dieses viele Herrliche! Aber was macht Ihr? Nein doch ... nein, seid vernünftig!«

Der schöne, freie Mann mit dem Doktorhut und der Philosophenfurche zur Nase hinunter kniete wie ein Kind vor dem Pfarrer ab, hielt sich an seine Knie und bat: »Darf ich wiederkommen, lasset mich wiederkommen! Wie ein Kind bettle ich Euch an, Vater;« und er rutschte mit, da Carl peinlich berührt wegschreiten wollte. Es war äusserlich schier komisch anzusehen und wirkte doch auf alle drei erschütternd. Fast wäre Sigi vom Stuhl geglitten, um mitzuknien und mitzubetteln. Unzweifelhaft ging Gott mit lautem Schritt in diesem Augenblick durch das Stüblein.

Langsam richtete Carl den Mann an sich auf, drückte ihn halb und halb an seine Brust und sagte lächelnd gegen Sigi: »Es gibt eben doch mehr als nur Chemie.«

Sigi sah auf. Seine Blicke glühten. Er bejahte mit einem schönen, mutigen Kopfnicken und zeigte etwa Feuchtes, Glitzriges in den Augen. Er wischte es nicht ab. Er schien stolz darauf.

»Kommt nur, sooft Ihr wollt, wir haben uns über das Rot, über das himmlische Tor noch lange nicht ausgeplaudert. Gott habe euren lieben Vater selig! Ich schick’ ihm meine stillen Grüsse nach und ich bitt’ ihn, uns etwas von seinem letzten Lächeln zu vererben. Ade, lieber Freund!« –

Kurz darauf hatte das Mili seinen kleinen Bündel geschnürt, ein Tag- und ein Nachthemd, eine Bluse, eine warme Nachtjacke, zwei Schürzen, Kamm, Seife und gelbes Kopftuch, sowie ein Paar selbstgeschusterte weiche Tuchpantoffeln zum geräuschlosen Stubenhin-, Stubenhergehen.

Es schlang im Haustor, vorm Dunkel der rabenschwarzen Nacht, die gelbe Seide ums Haar und sagte ernst zu Sigi: »Hat es die Bas’ denn auf einmal so schwer gepackt?« Er nickte stumm. »Pressieren wir,« befahl sie tapfer; »Da, gib mir die Hand, ich sehe rein gar nichts! Da müssen doch die Stufen in die Strasse hinab sein.«

Er fasste sie hart an der Rechten und regierte ihren Schritt. Aber er tat es ehrerbietig, obwohl eine seltsame Süsse von ihrer Hand durch seine Glieder lief, und er fühlte, dass sie sich voll Vertrauen ihm überliess und obwohl er sich hundertmal hätte neigen und ihr jeden Finger küssen mögen. Es war in ihr oder in ihm etwas so Grosses seit dem Erlebnis im Pfarrstüblein, dass alle Begehrlichkeit schweigen musste. Alle Abenteuer, so keck und saftig er sie sich von der Pfarrhaus- zur Gasthoftüre ausgedacht hatte, waren vergessen. Er führte das Mili die Stiege hinauf und schob es mit einem sanften Ruck in das dämmerige, dünstige Krankenzimmer. »Gute Nacht, Mutter,« rief er, »da kommt ein Engel!« Dann zog er die Nase mit den gesperrten Nüstern rasch zurück und lief in seine Dachkammer. Er fürchtete das Kranksein über alles. Und diese Pest war so heillos ansteckend.

»Ei, war ich ein Tölpel,« sagte er plötzlich und schlug sich an die Stirne. »Jetzt kann ich sie ja gar nicht mehr küssen. Den Tod könnt’ ich ja holen. Zwischen Stuhl und Bank fällt man, wenn man zu tugendhaft sein will. Nein doch, ein paar Erdbeeren hätt’ ich ihr von den Lippen pflücken sollen. Ja, Erdbeeren, so muss es von diesem hellen Mund schmecken. O ich braver Esel!«


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