Heinrich Federer
Papst und Kaiser im Dorf
Heinrich Federer

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Kapitel 2

Um ihre einfache Landkirche mit dem berühmten fünfeckigen, aber überaus niedrigen Turm stampften und summten indessen die Lustiger immer ungeduldiger. Am Turmpförtchen, neben der Sakristei, wartete der alte, kurzsichtige, aber noch zappelige Kaplan Eusebius Nuss im weissen Chorrock mit sechs rotberockten Ministranten, dem Kreuzträger und dem Kirchenfenner auf das Zeichen zum Aufbruch.

Vor ihnen an der Friedhofmauer standen die fünf Gemeinderäte und ein Trupp bekränzter Kinder. Drei Stufen tiefer, schon auf der Strasse, flutete das Volk halb in Zugordnung hin und her. Gegenüber lag breit das alte Gasthaus zur Ilge, woher es von Geschirr klingelte und von guten Zubereitungen duftete. Sigi, der einzige Sohn, war zufällig heute von der Zürcher Universität auf einen Sprung heimgekommen, musste aber mit dem Abendzug wieder von Uzli abfahren und besah sich nun von einem Gastsaalfenster die schwarzen wogenden Volksmassen. Er rauchte Zigaretten und blies die Asche rücksichtslos zum Fenster hinaus über die Köpfe. Viele Buben blickten offen, noch mehr Mädchen verstohlen zu diesem selten schönen Jüngling empor. Auch er schien zu suchen, aber nicht zu finden.

Von den Fenstern der Glockenstube, wo die Läutknaben über die talauf gehende, vielgekrümmte Landstrasse, das Flusstobel und die jenseitigen Höhen, woher der Gast kommen musste, strengen Ausguck hielten, ertönten jetzt wirre Rufe, die niemand vor dem Volksgebrumme verstand. Da rumpelte ein Junge die Stieglein hinunter und schrie dem Sigrist lachend ins Gesicht: »Sie sind ja schon überm Steg, das Wäldli hinauf; gerade schwenken sie ums Notkersegg.«

»Ihr Lotterbuben,« schalt der Sigrist mit dem einzigen Wackelzahn im Mund, »habt ihr denn nicht aufpassen können!«

»Dann vorwärts!« befahl eine andre, leise, bestimmte, trocknete Stimme. Sie kam von einem gewaltigen Greis mit langen, weissen Haarsträhnen über die Ohren und einem sehr langen, totenblassen Gesicht. »Vorwärts!« wiederholte diese feine, alte Stimme, und er, dem sie gehörte, machte mit der zierlichen Hand nur eine ganz kleine, kraftschonende Bewegung gegen das Volk, sich in zwei Reihen rechts und links der Dorfstrasse in Marsch zu setzen. Wie ein Turm stand er in der Mitte, mit dem bolzgeraden, ungeheuren Rücken, dem unbeholfenen, steifen Staatsrock und den säulenhaften, langsamen Beinen. Über das linke Auge fiel das Lid durch eine Lähmung halb herunter und das Auge selbst war unbewegt, mit einem toten Punkt in der Mitte und gab der Gesichtshälfte von dieser Seite etwas Schläfriges, ja Erstarrtes. Dafür brannte das rechte Auge mit zwiefachem Eifer, und diese überaus wache und immer rüstige Seite kehrte der Mann gegen jeden, der ihn im Guten oder Bösen anfocht. Das war der fünfundachtzigjährige Cornelius Bölsch, seit Menschengedenken Ammann von Lustigern, der sparsam und einfach von seinem schwer errungenen Reichtum lebte und, da ihm seine Cecili kein Kind geschenkt hatte, ganz Lustigern in spartanischer Zucht und konservativer Heiligkeit grosszuziehen suchte. Mit seiner dünnen, hohen Stimme gebot er dem Mesmer Spätzli: »Gehen wir jetzt dem Pfarrer langsam entgegen bis zum Egidihaus!«

»Wie ist’s denn nun also mit dem Läuten« fragte der Glockenmeister und schlüpfte hitzig in die wollenen, ungefingerten Handschuhe.

»Es bleibt dabei!« entschied Cornelius und blickte streng auf den Frager nieder. »Sobald der Pfarrer das erste Haus, das Zellwigsche, erreicht hat, und keinen Schritt vorher, beginnt ihr. Aber merket wohl, wenn mein Göttibub, der Marx Täler, vorher stirbt, so läutet ihr zuerst dem Abgehenden den Abschied und nachher dem Ankommenden den Willkomm!«

»Aber denket doch, Ammann, die Sterbeglocke bei so einem Fest ... schier zum Gruss!«

»Punktum,« schnitt Corneli ab. »Jedem sein Recht!«

Man zog langsam durch die Kirchgasse in die Landstrasse hinunter, die das Ober- und Niederdorf trennt, dem neuen Hirten entgegen. Am Egidihaus war auf eine alte Holztafel Christus gemalt, wie er auf dem Palmesel in die Stadt Jerusalem einreitet. Hier pflegte die Fronleichnamsprozession umzukehren, hier begrüssten sich bei den Bittgängen (Prozessionen für Saat und Ernte im Frühling) die Geistlichen mit Kreuz und Fahne und gaben sich die Buben die ersten nachbarlichen Rippenstösse, wenn eine der umliegenden Pfarreien zur Ambrosiuskirche wallfahrten kam. Bis hierher geleitete man den Bischof, wenn er gefirmt hatte und nun das Sakrament im nächsten Dorfe austeilen wollte. Die Häuser liefen wohl noch vereinzelt weiter in die ansteigenden Wiesen hinaus, und der alte Kaplan zupfte an seinem verzausten, magern Haarstrang, der wie ein leeres Vogelnest auf seinem Schädel sass, und fragte schüchtern, da man noch kein Bein um den Notkershügel biegen sah, ob man nicht noch ganz vors Dorfbild, etwa bis zu Zellwigs Stickergebäude, ziehen wolle. Man habe ja alle Zeit dazu und den Carolus Bischof müsste es gewaltig freuen. Seines Wissens sei man auch dem Dekan Cyrill Zelblein seiner Zeit bis zur Notkerswiese entgegengegangen.

»Ich war nicht dabei,« wies Corneli schroff ab und fuhr übers linke Auge, an dem er damals schwer gekrankt hatte. »Aber ich gab nachgehends einen scharfen Protest zu Protokoll. Jede Ausnahme schafft Unordnung und ... jawohl, auch Überhebung ...« Dann mit einem merkwürdig milden Lächeln des gesunden braunen Auges begütigte er: »Herr Kaplan, wir halten an unserm Donnerstagsjass auch unter dem neuen und den sieben folgenden Päpsten fest!« Seine vom Alter zusammengezogenen Lippen kräuselten sich spassig, und nun sah man, dass der Greis gar keine Vorderzähne mehr hatte.

Sie standen genau unter dem Triumphbogen mit Johannes’ Malerei. Cornelius ging einige Schritte vor und zurück, um bis Malerei besser zu beschauen.

»Das hat Euer Göttibub gut gemacht,« lobte Ratsherr Fritz. »Woher er nur das Zeug hat? Ich hab mein Lebtag keinen Fingernagel zeichnen können, und der da malt Euch gleich zwei Arme und Hände mit allen zehn Fingern daran in den schwierigsten Stellungen, wie nichts ...«

»Mir geht das nicht ein,« versetzte der Ammann hart. »Was wollen diese Arme aus der Wolke heraus? ist es der Herrgott? so abwehrend in die Wiesen hinaus? So macht niemand Willkomm. ja, und die gegen das Dorf ... wieder die gleichen Hände ... aber jetzt ... na, das ist ein Spass ...« Er verstummte plötzlich und wurde ernst. »Fritz, für Ornamente hat der Kerl einen braven Zug in der Hand. Schon geht ein Stickmuster mit Blumen und Wespen ins Fabrikat, das gut in Vorhangbesätze passt ... Aber, das Figürliche, das Menschenbewegte oder wie ich’s sag, das soll er lassen, da pfuscht und verkehrt er nur! wie hier!«

»Na, Corneli, mir gefallen einmal diese Hände und Finger. Es ist was drin ... beim Eid.«

»Der Esel!« flüsterte Corneli dem Kaplan Eusebi ins Ohr. »Er merkt nicht einmal, dass die Tafeln verkehrt aufgehängt sind ... Aber, das ist bei Gott kein gutes Vorzeichen ...«

»Wie denn? versteh Euch nicht,« sagte Eusebius, der eben zum vierten oder fünften Mal versucht hatte, die geschriebene, glatte Begrüssungsphrase zu wiederholen. Ah bah, überlassen wir uns dem Genius loci et momenti! dachte er verwegen. Ich konnte ja nie etwas vorauskomponieren, bin und bleib’ ein Stegreif ... »Also, was verkehrt gehängt? übles Vorzeichen?« drängte er neugierig und betastete nach seiner Gewohnheit den Befragten am Ärmel.

»Seht, der Johannes hat hinten und vorne auf die Tafel am Bogen zwei Hände gemalt. Die einen nach aussen sollen den Pfarrer ins Dorf reissen, die andern gegen das Dorf sollen ihm den Weggang verwehren ... Nun ist das Gepinsel verkehrt aufgehängt, so dass es jetzt heisst: ... zurück vom Dorf! wenn er hinein will ... und: hinaus mit dir! wenn er schon im Dorf sitzt ... Nun saget mir, ist das Zufalle oder Fügung oder was sonst in eurer Theologie?«

»Kann man’s nicht noch schnell wenden?«

»Dann ständ’ es bös, alle merkten den Witz! Jetzt sinnt niemand drüber. Seien wir ganz still! Aber nun werden wir gleich in der ersten Minute sehen, was der Carl Bischof für eine Nase hat. Riecht er das, hopla, dann aufgepasst!«

Mit dem roten seidenen Nastuch die Mücken abwehrend, wandte er sich an den Lehrer Flück und seine Sängerkinder, guckte einem Mädchen ins Notenblatt und bat mit gut gespielter Schelmerei: »Gebt uns ja keine falschen Noten zu schlucken, ihr Gofen! Meinetwegen wär’s gleich, ich verdau’ die grösste Dissonanz. Aber der neue Pfarrer singt wie ein Cherubim. Dem wird übel, wenn ihr zwischen den fünf hübschen Linien wild herumketzert. Er fängt euch jeden Misston auf und klebt ihn euch vor allen Leuten an die Nase. Jawohl, an die Nase,« wiederholte er, als die Kinder auflachen wollten.

»Keine Angst, Herr Ammann, es sitzt,« versprach Lehrer Flück und pochte zum zehnten Mal mit dem Schulstubenschlüssel leise an die Stimmgabel, indem er zugleich drohend zu zwei kleinen, voreiligen Erstklässlern blickte, als sagte er: »Ihr Gänschen, dass ihr mir den Schnabel nicht zu früh auftut! So ... jetzt!«

Er nickte, und hübsch im Dreiklang summten die Kinder Prim, Terz und Quint so sicher und so vogelsüss, dass die weiche Sommerluft mitzumusizieren schien. »Wenn sie nur einmal den ersten Ton haben,« fuhr Flück fort, »dann läuft der Kantus wie Hung und Schmalz.«

Die Kinder lächelten herausfordernd zum riesenhaften Corneli empor. Jawohl, wie Hung und Schmalz, nickten sie wichtig. Alles lächelte ringsum.

Kaplan Eusebius Nuss mit dem leeren Vogelnest auf dem Kahlkopf mochte nicht mitlächeln. Er war ein kleines, dürres, von seinen siebzig Jahren braun geröstetes, aber zierliches und flinkes Männlein. Auf seiner mächtigen Adlernase sass eine goldene Brille mit sehr scharfen Gläsern. Aber die merkwürdig hellbraunen, merkwürdig kurzsichtigen Augen machten durch ihre weiche, edle Güte das Glas zu Schanden, so dass es minder starr und streng ward. Eusebis Oberlippe hatte kleine Wärzlein und war darum immer schlecht rasiert und überdies vom Schnupf gebräunt. Das niedliche, bewegliche Köpflein sah aus wie ein alter gerümpfter, aber noch nirgends angefaulter Apfel, der sich auch noch lange konservieren wird. Wenn er lachte, zog sich das feine Spinngewebe von Runzeln glatt auseinander, und das Greisenantlitz bekam etwa Jünglingshaftes. Dann möchte man ihm gleich in die Bäcklein beissen wie in einen Lederapfel, hatte der verstorbene Pfarrer Zelblein oft gespasst.

Aber jetzt lachte er fürwahr nicht. Er kannte den Ammann wie seine rechte, den neuen Pfarrer wie die linke Rocktasche, und beim Gedanken an diese zwei Mächte, die fortan am Lustiger Dorfseil ziehen sollten, knüpfte er den Rock fester zusammen, als müsste er sich sichern.

Er hatte dem armen appenzellischen Weberbüblein, das die breiten Schaufelzähne so tief ins Kinn biss und dann alles erzwang, Lateinunterricht an der Fleimser Bezirksschule gegeben. Er hatte ihn mit Hilfe jener Schaufelzähne auf die Sankt Galler Matura vorbereitet und ihm fürs weitere Studium ins Deutsche verholfen, das heisst für uns Schweizer ins Weite, Grosszügige, mit mächtigen Horizonten, ob das theologische Seminar auch in einem engen Tal, abgelegen und von einer Kleinstadt umschwätzt, dazu noch an einem für die Helvetier unnennbar faulen Flusse lag. Aber aus diesem Eichstädt der Pruner, Thalhofer, Schneid und Stöckl ging der grosse Hauch germanischer Wissenschaftlichkeit und germanischer Spekulation aus. In den Fächern des Grübelns, die Eusebius liebte, war der Schweizertheologe schwach, doch in den Fächern der Taten und Rechte, wie Pastoral, Jus Canonicum, Beredsamkeit gewaltig in die Zeugnisse eingezeichnet. Früh ward ihm ein Pfarramt und der Ruf eines Mannes, der eher alle Stubenseligkeit opferte und unbeschirmt durch die Wildnis streifte, als dass er einen einzigen Ziegel vom Kirchendache preisgäbe.

Auch die Missliebigen, deren es rasch um ihn herum gab, mussten bekennen, dass Carl Bischof mild im Beichtstuhl, fröhlich am Krankenbett, gemütvoll in der Kinderlehre, feierlich in den Funktionen des Altars und unermüdlich in der Sorge für geistiges und leibliches Elend erscheine, dass er einen guten Witz und eine flinke, muntere Blechmusik liebe, aber nirgends so daheim sei, in der Studierstube schon gar nicht, wie auf der Kanzel, wo er leidenschaftlich gern seine kurzen, würdigen, volkstümlichen und jeden Kirchenwinkel mit dem gewaltigen Bass füllenden Predigten vortrage. Er stehe jetzt mit seinen dicht- und schwarzhaarigen vierzig Lebensjahren im Hochsommer der Kraft. Er könne alles, aber wolle noch mehr.

Gerne schied er aus seiner lauen, von keiner Predigt erwärmten, dazu von ewigem Föhn durchstrichenen See- und Berggemeinde Gons, um in das abgelegene, gesunde, an die offenen Hügellehnen hingewürfelte Lustigern zu ziehen, von wo es hurtig ins laute Eisenbahngelände hinunter ging; nach Lustigern, wo unter magern Obstbäumen und niedrigen Hausdächern noch die schöne alte Kirchlichkeit der Väterzeiten herrschte und schier alle Pfarrherren, so weit man sich zurück besann, in ihrem grossen, kühlen Pfrundhaus sesshaft wurden, gemächlich alterten und vom ganzen Dorfe verehrt an der Mittagseite der Kirche neben hohen Rhabarberstauden, einer neben den andern, unter einer dicken Granitplatte ihr Grab fanden, beinahe als legte man sich im gleichen warmen Schlafzimmer, Bett neben Bett, brüderlich zum Schlafe.

Aber, träumte Eusebi, bis er dort schläft, der neue Mann, und sich ausschweigt, wird er noch viel und mächtig lärmen. Denn er ist steil und ungebrochen wie ein Fahnenschaft und lässt keine weltliche Rechthaberei an sich kommen. Und seine Gedanken und Worte hängen nicht wie eine dünne Seide zusammengefaltet an der Stange herunter, sondern fliegen und brausen lieber im Winde über die Menschen hin, so dass diese die Köpfe beugen müssen.

Eusebi musste nun doch lächeln. Ihm fiel plötzlich ein, wie Carl ihm den Arm presste, als er dem Jungen das Wichtigste aus der Kirchengeschichte vortrug und zum langen, hässlichen Investiturstreit zwischen Papst und Kaiser gelangt war. Wie eine Zange hielt der fünfzehnjährige Bauernbub, der damals schon um Kopf und Schulter höher war als sein Pfarrerchen, den Ellbogen fest und immer fester, je mehr er von Gregor dem Siebenten zu Rom und vom hitzigen Heinrich dem Vierten vernahm.

»Lass los, Bursche!« gebot Eusebius und streifte den Ärmel auf. »Da schau, was für zwei rote Male ... mit deinen Tatzen, du Bär, du ...«

Der Bub sah ahnungslos seine zwei wirklich riesigen Hände und dann die schmerzlich gestempelten, dünnen Arme des Lehrers an, biss sich auf die schöne, rote Unterlippe und sagte: »Gut, gut! Aber nun, was weiter? was tat der Papst?«

Als dann von Barbarossa und Alexander dem Dritten, von Innozenz und dem Faustschlag ins Gesicht des achten Bonifaz geredet wurde, da fühlte Eusebi den eisernen Griff wieder. Er schimpfte und jagte für diesmal den Schüler heim. Aber wie staunte er, als er die Stirne Carls von grossen, lautern Schweisstropfen behangen und die Lippen bluten sah. Leise schüttelte Eusebi damals das Haupt, griff an den misshandelten Arm und neckte: Carl, Carl, merk dir, Begeisterung soll immer wohl, nie weh tun! ...

Wie klug und hochgebildet auch Eusebius war, er hatte trotzdem keine Karriere gemacht, im Gegenteil, war von Anfang an die Würdenleiter hinuntergestiegen. Flugs nach dem Seminar war er Pfarrer in Carls Heimat geworden. Aber dieses Dorf Gubs ist ein von eisigen Bisen durchwütetes Kirchspiel, gegen den grossen See im Nordost geöffnet und allen seinen Launen ausgeliefert. Eusebi hatte äusserst schwache Augen, und dieser beissende Wind machte sie von Jahr zu Jahr elender. So übernahm er dann nach fünf Amtsjahren die Professur der alten Sprachen und Geschichte in Wyla, das sich an einen Waldhügel lehnt und auch im Winter keinen scharfen Luftzug kennt. Sein Pult, zu dessen Füssen auch Carl sass, wurde im ganzen Kanton berühmt. Aber die vielen Hefte, die er erst bei der Lampe korrigieren konnte, schmerzten seinen Augennerv bald noch mehr als die Gubser Bise, wiewohl er mit grüner, statt roter Tinte verbesserte. Es kam so weit, dass er oft nichts als rote und violette Flecken vor sich sah und alle Unterscheidung von nah und ferne und damit auch die Autorität unter den sechzehnjährigen Schlingeln verlor.

Da er nun gar keinen Ehrgeiz, aber einen gehörigen, gelehrten Stubenhockergeist besass, so nahm Eusebi bei erster Gelegenheit die stille Kaplanei von Lustigern an. Lustigern war jene Pfarrei der Diözese, wo die Pfarrherren alles selbst machten, so dass der Volkswitz behauptete, den Kaplänen bliebe nichts übrig, als für ihre wachsamen Prinzipale zu schlafen.

Weil nun Eusebius sehr gut schlief und nie wacher sein wollte als der Pfarrer, da ihn ja keine Sucht nach Ehre und Öffentlichkeit stach, gerade darum fand er sich mit dem Parochus ausgezeichnet zurecht. Man liess ihn in seiner sanften, gescheiten, brillenbewehrten Art schalten und walten und gar oft, im Rücken der Pfarrkinder, tauschten sich die Rollen wie von selbst und die Pfarrer holten sich bei diesem Kaplan oft Rat, wo sonst die Kapläne vom Pfarrer Wink und Weisung erhalten.

Aber dieser Carl Bischof wird wahrlich keine Kapläne um Rat bitten und ihn, den Eusebi, mit dem er so vertraut steht wie ein strenger Sohn mit einem etwas lässigen Vater, ihn gerade darum nicht. Zürnte ihm doch schon der neugebackene Apostel monatelang, weil Eusebi für die Primizpredigt das Motto aus Joh. 14, 27 gewählt hatte: »Meinen Frieden gebe ich euch,« ohne das behelmte und schwertklirrende Beisätzlein mitzunennen: »Nicht wie die Welt ihn gibt!« »Mit einem Diebstahl an der Wahrheit hast du mich ins Amt führen wollen,« donnerte der Neupriester den Ehrenprediger in der Sakristei an. »Aber du wirst mich nicht verweichlichen, noch verweltlichen, du böser, lieber Unhold Gottes!«

So einer war also das geistliche Oberhaupt, das sich seinem neuen Kirchspiel näherte. Und was für ein gewaltiges weltliches Oberhaupt trat ihm in diesem alten Cornelius Bölsch da entgegen!

Diesen Greis dünkten Theologie und Seelsorge dann am reinsten, wenn die Geistlichen Psalmen singen, Kirchenväter lesen, ihren Schäfchen den Weg zum Himmel möglichst klar vorpredigen, wenn sie im alten, heiligen Latein ihre Messe beten und nachher ruhig in der Sakristei verschwinden. Aber sobald sie sich um Kirchenrechnungen, Pfrundkassen, Kollekten für unnötige Anschaffungen und Renovationen, um Schenkungen an das Gotteshaus ohne gemeindliche Kontrolle, um Wahlen, Kirchenräte und Präsidien, kurz um alle jene Weltlichkeiten kümmern, die schon uns Laien den Sinn vom Lichte ins Dunkel hinunterdrücken und die sich so rasch und gern ans Heilige kleben, o dann fängt die reine Sache an, staubig und unevangelisch zu werden, das Sacerdotium besudelt sich und die Hand, die das Sakrament tragen sollte, beschmutzt sich mit Fremdem und Ungehörigem, vergisst den Himmel und verliert sich in der Erde.

Ja, so ist mein lieber Corneli und so ist mein neuer Pfarrer, dachte Eusebius, jeder ein Schwert, ein sauberes zwar, aber doch ein Schwert. Schwert gegen Schwert, das macht schartig auf beiden Seiten. Besser wäre ein Säbel und eine Säbelscheide, die zwischen den beiden etwa wechselten.

Und jetzt musste der Kaplan wieder lächeln. Drei Pfarrer hatte er hier in Lustigern erlebt und überlebt, den Eirich, den Ruedli und zuletzt den Cyrill Zelblein. Habe ich da nicht immer das erste Weilchen die Rolle der Schwertscheide gespielt? Sie kamen geschliffen und gezückt, die jungen, heiligen Donnerwetter, aber ich Philister fing ihre ersten Heldenstreiche geduldig in mein altes Leder auf, und so nach und nach kamen diese Schwerter ins gleiche Philisterfutter zu liegen, in dem das meine ruht.

Aber sofort kratzte er sich am Ellbogen. Wieder wie jedesmal juckte ihn das Wort Philister wie ein Floh am Gewissen. Dann klob und rieb er sich an jenem Fleck, wo ihn jener stürmische Bauernjunge einst so heftig in die Zange genommen hatte, als ob es nur hier sässe, das kleine, alte, behagliche Kaplanengewissen. Tat ich denn auch recht? fragte er sich. War das echter Gottesfriede, Treuga Dei? oder nicht eher ein Versumpfen und Verstumpfen der Ideale? Carolus jedenfalls wird nicht so leicht in die Scheide schlüpfen, er, der noch jüngst wegen einer geharnischten Predigt in den Zeitungen herumgerissen und mit dem Denkzettel versehen wurde: denken Sie ein bisschen mehr an Paulus 1. Korinther 13 statt an Paulus 2. Timotheus 4, wenn Sie die beiden nicht zu vereinigen wissen! . . Man sagte, der Kapitelsdekan selber habe diesen Artikel geschrieben.

Wieder knöpfte Eusebi unwillkürlich den Rock fester und doch musste er unverbesserlich lächeln: Philisterei so oder so, dennoch danke ich Gott, dass ich am grünen Kachelofen sitzen, mit meiner Marianne Äpfel sortieren, einen gesunden Veltliner abziehen, im Garten etwas wässern und beschneiden und pflücken, daneben das wunderlich schöne, grause Mittelalter studieren und Papst und Kaiser von heute in respektvoller Distanz halten kann. – Und wie er sich das einflüsterte und bescheiden von seinem lautlosen, unscheinbaren, aber innigen Priesterwirken in hundert kleinen Lücken, die ihm die Pfarrer übrig liessen, schwieg, und wie er nun über die Talgründe und Anhöhen weg gegen das Gebirge hinüberblickte, kam er sich vor wie ein stiller, alter sturmloser Hügel mit gutmütig verstampftem und geebnetem Rücken, der rechts und links feuerspeiende Berge gewahrt und mit überlegener Gelassenheit murmelt: ich bin zwar tief unter euch, aber ich habe meinen Frieden. Wachset und reifet, ihr Stürmer, je eher je lieber zu mir herunter. Das ist gescheiter als gen Himmel zu rauchen. Einst werdet ihr doch platt gedrückt, weiss Gott, ihr werdet es, bis in den untersten Sargboden hinunter ...

Plötzlich verstummte das Gesumme der Leute um den Kaplan herum. Das weckte ihn. Er sah, wie alle Gesichter verblüfft aufhorchten, während der Ammann schier zufrieden die totbleichen Hände rieb. Was ist los? Kommen sie? Läutet es? fragte Eusebi etwas schwerhörig und wölbte die Hand übers Ohr. In der Tat, man läutete, aber nicht das Kinderglöcklein, das jeweilen dem Glockenchor wie ein wilder Bub voraushüpft, sondern der schwarze Bass der Ueliglocke plumpste totenschwer durch die vesperlich stille Luft und riss Loch um Loch in ihren Frieden.

Alle überlief es kalt. Alle wussten zwar, dass nur der Täler gestorben sei. Aber dieser Sticker war ein so geräuschloser, stiller Mann gewesen, diese dumpfen Leichenklänge fielen so anmassend ins Gehör und schienen so herrisch die Stunde und die Aufmerksamkeit des Dorfes für sich zu fordern, auch grollte etwas so Dunkles und Drohendes von einem Schlag zum andern, dass niemand diese Glocke nur mit dem Tode des Marx übereinstimmen konnte.

Es läutete ja sicher nur wegen dieser armen Leiche, einer der dreissig Leichen, die das Dorf durchs Jahr ins Grab trug. Aber ohne es sich näher zu erklären, fühlten die Lustiger sehr deutlich, dass dieses tiefe sorgenvolle Geläute gerade in diesem Augenblicke mehr bedeuten müsse.

So legte es der Totengräber aus: der neue Pfarrer wird viele Dörfler beerdigen müssen; mir kann’s recht sein, wenn es nur keine Seuche ist und noch ins Vieh schlägt ... Das heisst Kampf, bestimmte der Kaplan ... Der Ammann aber spann: Carolus Bischof, kannst du das hören? Nimms zum Zeichen, dass die Pfarrer wechseln, aber nicht das Dorf und seine Bräuche und Rechte! Ihr seid nur Gäste, wir sind der Wirt. Wir nehmen dich, nicht du nimmst uns. Das ist ein Unterschied. Und wenn der Papst käme, zuerst muss dem verstorbenen Lustiger geläutet werden. Dem Hiesigen, dann dem Fremden! ... Die Sterbeglocke klang dem Corneli wie ein persönlicher Triumph. Aber er empfand, dass das für den Moment zu viel sei und rief: »Herr Kaplan, lasset uns ein Vaterunser für die arme Seele des Marx Täler beten!«

Sogleich knieten die Kinder ins Wiesenbord hinein, falteten sich alle roten, braunen und weissen Hände von Lustigern und stieg ein vielstimmiges, frommes Gemurmel mit dem Duft der Wiesen und dem Gesumm der Bienen gen Himmel. Und mitten im Gebet fiel dem Corneli ein, dass sein Göttibub, der Johannes, nun zum zweiten Mal verwaist sei. Er soll ein braver Sticker werden, beschloss er, ich schiess ein paar Franken dazu. Mit dem Geklex auf Leinen und Brett wie da oben am Bogen ist nichts geleistet. Das jag er sich aus dem Hurschel. Aber das, er kann neue Muster für unsere Stickerei erfinden, da hat er Geist, das wär’ geschickt und hülf’ ihm merkwürdig vorwärts ...


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