Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Ich für meinen Theil mache mir nichts daraus; ich sage wenig – aber wenn die Zeit kömmt, wird nichts sein, als Lächeln und Freude.

Nym.

 

Obgleich sowohl Paul Effingham, als Miß Eva in ihren Ansichten über die Kunst der Fraubaserei Recht hatten, so vergaßen doch Beide einen wesentlichen Umstand, der, obschon er aus einer verschiedenen Ursache entspringt, in Großstädten wie in einer Provinz dieselbe Wirkung hervorbringt. In den ersteren nämlich bilden wunderbare Neuigkeiten ein achttägiges Staunen, weil sich die Ereignisse drängen, in der letzteren aber hat sich der Eifer der Klatscherei um seines Uebermaßes willen in gleich kurzer Frist erschöpft. Als daher in Templeton bekannt gemacht wurde, Mr. John Effingham habe in Mr. Powis einen Sohn entdeckt, so bemächtigte sich das Gerücht des Umstandes, und wie derselbe Sohn vermuthet hatte, fand Alles eher Glauben, als die Wahrheit. Natürlich erregte der Fall auch bei den Gebildeten und Einsichtsvollen Neugierde und Staunen, was Niemand übel genommen werden konnte, da John Effingham für einen starren Hagestolzen gegolten hatte; indeß begnügten sie sich im Allgemeinen mit der Deutung, daß in einer Familie wohl Gefühle und Ereignisse vorkommen könnten, welche man nicht vor der ganzen Welt ausposaunt wissen wollte. Weil sie selbst die Zartheit und Heiligkeit häuslicher Verhältnisse zu würdigen wußten, so waren sie geneigt, dieselbe auch an Andern zu achten. Aber mit Ausnahme dieser Wenigen gerieth das ganze Dorf für vierzehn Tage in einen wahren Sturm von Muthmaßungen, Gerüchten, Widersprüchen, Bestätigungen, Widerlegungen und Controversen dagegen. Einige Dorf-Elegants, die ihre Ansichten vom Leben blos in dem Thale, wo sie geboren waren, eingesogen und längst über den ruhigen, abgemessenen, gentlemanischen Paul die Nasen gerümpft hatten, weil er zufälligerweise ihrem Geschmack nicht zusagte, waren geneigt, die Thatsache, daß er seines Vaters Sohn war, als ein an ihnen selbst geübtes Unrecht zu behandeln, denn derartige Comentatoren über Menschen und Dinge sind gewöhnt, Alles stets auf die Höhe ihres Ichs zu reduziren. Dann mußten die bevorstehenden Verehlichungen im Wigwam Spießruthen laufen, indem sie nicht nur der Dorf- und County-Kritik, sondern auch der des mächtigen Emporiums selbst anheim fielen – denn so fordert es der gute Ton, den wirren geschmacklosen Haufen von hellrothen Ziegelhäusern, marderfallenähnlichen Kirchen und kolossalen Fremdenherbergen zu nennen, der auf der Insel Manhattan steht. Nachdem nämlich die über Alles wichtigen Fragen nach Dollars, Bauplätzen und Weinen gebührend erschöpft waren, kam in dieser wohlgeordneten socialen Organisation die Verhandlung der erwähnten Heirathen zur Tagesordnung. Sir George Templemore wurde in den hochgeborenen Lord George Templemore und Pauls Verwandtschaft mit Lady Dunluce nach der gewohnten Weise in eine Anwartschaft auf ein Herzogthum des gleichen Namens umgewandelt. Der Umstand, daß Eva einen Adeligen gewählt hatte, kam natürlich auf Rechnung der aristokratischen Liebhabereien, welche sie während ihres Aufenthalts in fremden Ländern eingesogen; dieselbe verständige, weiblich zarte und wohlunterrichtete Eva, die in ihrem Verkehr mit Europa allerdings die feine Bildung, die Anmuth, die Haltung und den Ton eines weit fortgeschrittenen Gesellschaftszustandes schätzen, zugleich aber auch dessen blos äußerliche Flitter verachten gelernt hatte! Doch gegen den Geist der Liebe kämpfen, wie gegen die Dummheit, Götter selbst vergebens.

Einige gottgeweihte Seelen, an deren Spitze sich Mr. Steadfast Dodge und die verlassene Mrs. Abbot befanden, behandelten die Sache als einen Gegenstand von besonderer Wichtigkeit, der mit Recht das Interesse der ganzen Gemeinschaft in Anspruch nehme.

»Ich für meinen Theil, Mr. Dodge,« sagte Mrs. Abbot etwa vierzehn Tage nach der Aufklärung des letzten Kapitels in einer ihrer häufigen Konferenzen, »glaube nicht, daß Paul Powis überhaupt Paul Effingham ist. Ihr sagt, Ihr hättet ihn in seinen jüngeren Jahren unter dem Namen Blunt gekannt?«

»Allerdings, Ma'am. Er ging früher allgemein unter dieser Bezeichnung, und es muß im mindesten Falle als etwas Außerordentliches erscheinen, daß er so viele Aliase hat. Das Wahre an der Sache ist, Mrs. Abbot, wenn man je der Wahrheit auf den Sprung kommen kann, und ich behaupte stets, daß dieß eine sehr schwierige Aufgabe ist bei dem gegenwärtigen Zustande der Welt – –«

»Ihr habt nie ein wahreres Wort gesprochen, Mr. Dodge,« unterbrach ihn die Dame, die in dem Ungestüm ihrer Gefühle selten die Beendigung eines Satzes abwartete. »Was mich betrifft, so kann ich nie von einer Sache das Wahre erfahren. Ihr werdet Euch erinnern, daß Ihr mir sagtet, Mr. John Effingham werde Eva heirathen, und siehe da, es stellt sich heraus, daß sie an seinen Sohn kommen soll.«

»Die Dame mag wohl deßhalb ihren Sinn geändert haben, Mrs. Abbot, weil sie mit dem jüngeren Mann das gleiche Vermögen erhält.«

»Dieß ist ja ganz ungeheuer; ich bin überzeugt, das ganze Dorf wird sich erleichtert fühlen, wenn sie verheirathet ist, mag's nun an den Vater oder an den Sohn sein. Wißt Ihr auch, Mr. Dodge, daß ich mich über eine Sache ganz verzweifelt alterirt habe, und diese besteht darin, daß ich finden muß, die beiden alten Effinghams seien boni fidi nicht wirkliche Brüder. Es ist mir zwar bekannt gewesen, daß sie sich gegenseitig Vetter Jack und Vetter Ned nannten, und daß Eva ebenfalls dergleichen that, indem sie ihren Onkel Vetter Jack nannte; aber dann hat sie so viele Zieraffereien an sich, und die alten Leute sind so verfremdet, daß ich Alles dieß als bloßen Schein betrachtete. Ich sagte zu mir selbst, die Nachbarschaft muß jedenfalls mehr wissen von der Familie eines Mannes, als er selbst wissen kann, und die ganze Nachbarschaft hat sie für Brüder erklärt, und doch stellt sich zuletzt heraus, daß sie nur Vettern sind!«

»Ich glaube, daß dießmal die Familie Recht hatte in der Sache, und daß das Publikum im Irrthum war.«

»Nun ja, ich möchte wissen, wer ein besseres Recht hätte, sich zu irren, als das Publikum, Mr. Dodge. Dieß ist ein freies Land, und wenn das Volk nicht auch bisweilen Unrecht haben könnte, was läge da für ein sonderlicher Nutzen in seiner Freiheit? Wir Alle sind im besten Fall nur elende Sünder, und wir werden vergeblich von solchen etwas Anderes als Irrthum erwarten.«

»Nicht doch, meine theure Mrs. Abbot, Ihr seid zu hart gegen Euch selbst, denn Jedermann erklärt Euch für so musterhaft, als Ihr eifrig in Euren religiösen Pflichten seid.«

»Oh, ich habe nicht eben von mir selbst gesprochen. Ich bin nicht egoistisch in solchen Dingen, und wünsche, daß meine Nachbarn und Freunde meine Unvollkommenheiten mit dem Mantel der Liebe zudecken. Aber glaubt Ihr, Mr. Dodge, daß die Heirath zwischen Paul Effingham – denn so muß ich ihn glaub' ich nennen – und Eva Effingham gesetzlich sein wird? Läßt sie sich nicht hintertreiben, und würde in einem solchen Falle das Vermögen nicht an das Publikum kommen?«

»Es sollte so sein, meine theure Ma'am, und ich hoffe, der Tag ist nicht fern, an welchem es geschehen wird. Das Volk fängt an, seine Rechte zu verstehen, und gewißlich vergeht kein weiteres Jahrhundert, ohne daß es dieselben durch alle erforderlichen Pönal-Statuten erzwingen wird. Wir haben die Sache nun so weit gebracht, daß Niemand mehr dem aristokratischen und selbstsüchtigen Verlangen Raum geben kann, ein Testament zu machen, und nehmt mein Wort dafür, wir werden nicht nachlassen, bis Alles auf das gehörige Niveau gebracht ist.«

Der Leser muß übrigens aus dieser Rede nicht folgern, daß Mr. Dodge ein Agrarianer war, und in späteren Jahren einer Vertheilung des Eigenthums entgegensah, denn er besaß für seine eigene Person bereits mehr, als ihm bei einer derartigen Procedur möglicherweise zufallen konnte; es war ihm deßhalb durchaus nicht darum zu thun, den Umfang seiner Habe irgendwie geschmälert zu sehen. Die Sache verhielt sich nämlich so, daß er in seinem Neide gegen Alle, die über ihm standen, selbst nicht wußte, was er wollte; denn auf diesem hämischen Gefühl beruhte das ganze Geheimniß seiner Grundsätze, seiner Triebfedern und seiner Lehren. In seinen Augen schien es vernünftig und gerecht zu sein, Alles, was durch Erziehung, Gewohnheit, Glücksgüter oder Geschmack über seiner Stellung sich befand, in den Staub zu zerren, während derselbe Grundsatz, gegen seine Person in Anwendung gebracht, Tyrannei und Unterdrückung war. Wie alles Menschliche, haben auch die Institutionen Amerikas ihre schlimme sowohl als ihre gute Seite, und obschon wir nach Vergleichung der Resultate mit denen anderer Systeme des festen Glaubens leben, daß das Gute beziehungsweise das Uebergewicht bildet, so würden wir doch das uns in diesem Werke vorgesteckte Ziel verfehlen, wenn wir nicht in starken Farben eine der augenfälligsten Folgen hervorhüben, welche die gänzliche Zerstörung aller Personal-Unterschiede nach sich gezogen haben; wir meinen jene schärfer als gewöhnlich hervortretende und allgemein herrschende Neigung, nach dem, was eines Andern ist, zu begehren und unerreichbare Vorzüge herabzuwürdigen.

»Ich freue mich, dieß zu hören,« entgegnete Mrs. Abbot, deren Gewissenhaftigkeit aus derselben hohen Schule stammte, wie die ihres Gefährten. »Denn ich bin der Ansicht, wenn man die Moralität im Lande aufrecht erhalten will, so sollte Niemand Recht haben, als der Religiöse. – Dort geht der alte Seelöwe Truck; er ist, wie gewöhnlich, von seinem alten, fischenden Kameraden, dem Commodore mit seinen Leinen und Ruthen, begleitet. Mr. Dodge, ruft ihnen, denn ich sehne mich danach, zu hören, was der Erstere jetzt von seinen geliebten Effinghams zu erzählen weiß.«

Mr. Dodge willfahrte, und die beiden Schiffer, der vom Ocean und der vom See, saßen bald in Mrs. Abbots kleinem Wohnstübchen, das man wohl den focus der Klatscherei nennen konnte, in der Nähe des Pärchens, welches kürzlich noch allein die Chronique scandaleuse des Ortes verhandelt hatte.

»Dieß sind wunderbare Neuigkeiten, Gentlemen,« begann Mrs. Abbot, sobald die kleine Störung des Eintritts sich gelegt hatte. »Mr. Powis ist Mr. Effingham, und es scheint, daß Miß Effingham Mistreß Effingham werden soll! Mirakel werden nie aufhören, und ich betrachte dieß als eines der überraschendsten meiner Zeit.«

»Just so, Ma'am,« sagte der Commodore, mit dem Auge blinzelnd und die gewöhnliche Handschwenkung in Anwendung bringend. »Eure Zeit ist nicht erst von heute, und Mr. Powis hat wohl Ursache, sich zu freuen, daß er der Held einer solchen Geschichte ist. Was mich betrifft, so würde es mich nicht in größeres Erstaunen setzen, selbst wenn ich den Sogdollager mit einem Forellenhacken und einer einfachen Käseschnipfelbeize heraufbrächte.«

»Wie ich höre,« fuhr die Dame fort, »walten übrigens im Grunde doch Zweifel vor, ob dieses Wunder ein wahres Wunder ist. Man sagt sich in die Ohren, Mr. Powis sei weder Mr. Effingham noch Mr. Powis, sondern in Wirklichkeit ein Mr. Blunt. Wißt Ihr etwas von der Sache, Kapitän Truck?«

»Er ist mir unter allen diesen drei Namen vorgestellt, Ma'am, und ich kann ihn daher in jeder Hinsicht als eine Bekanntschaft von mir betrachten. Aber in allen Fällen ist er A. Nummer 1., auf welchem Gange Ihr ihn auch nehmen mögt – ein Mann, der ein Luvsteuer führt in Mitte seiner Feinde.«

»Na, ich halte es für keine gar große Empfehlung, wenn Einer A. Nummer Eins oder sogar Nummer Zwei ist – oder wenn er überhaupt Feinde hat. Ich wette, Mr. Dodge, Ihr habt nicht einen einzigen Feind auf Erden.«

»Es sollte mir leid thun, wenn ich das Gegentheil denken müßte, Mrs. Abbot. Ich bin Jedermanns Freund, namentlich ein Freund des armen Mannes, und sollte daher glauben, daß auch Jedermann mein Freund sein sollte. Die ganze menschliche Familie betrachte ich als Brüder, die in brüderlicher Gesinnung unter einander zu leben verpflichtet sind.«

»Sehr wahr, Sir – ganz wahr; wir Alle sind Sünder und sollten gegenseitig unsere Gebrechen mit Glimpf behandeln. Es geht mich nichts an – ich sage, es geht uns nichts an, Mr. Dodge, wer Miß Effingham heirathet; aber wenn sie meine Tochter wäre, so glaube ich, die drei Familiennamen stünden mir nicht an, geschweige denn der Umstand, daß sie noch obendrein ihren eigenen behalten soll.«

»Die Effinghams tragen ihre Köpfe sehr hoch, obschon es nicht leicht ist, den Grund davon einzusehen,« entgegnete der Herausgeber; »aber sie thuns einmal so, und je mehr Namen ein solches Volk hat, desto besser ist's vielleicht. Was mich betrifft, so behandle ich sie mit Herablassung, just wie ich's gegen Jedermann anders halte, denn ich mache mir's zur Regel, Kapitän Truck, mich gegen den König auf dem Thron ebenso zu benehmen, wie gegen den Bettler auf der Straße.«

»Ich verstehe – blos um zu zeigen, daß Ihr Euch nicht über bessere Leute erhebt. Wir haben viele solche Philosophen in diesem Lande.«

»Just so,« sagte der Commodore.

»Nun möchte ich aber doch wissen,« nahm Mrs. Abbot wieder auf, denn in ihrem wie in Mr. Dodges Kopf herrschte eine solche Verwirrung und eine so gänzlich falsche Ansicht über das Wesentliche im Benehmen, daß sie nichts von dem kalten Spotte des alten Matrosen fühlte, »ich möchte wissen, ob Eva Effingham wirklich erweckt ist. Was ist Eure Ansicht?«

»Erweckt – wie meint Ihr dieß, Ma'am?« fragte der Commodore, der sich nicht erinnern konnte, dieses Wort je zuvor gehört zu haben; denn bei seinen Sabbaten auf dem Wasser, wo er Gott so oft in der Einfalt seines Herzens angebetet hatte, war ihm die Sprache der Frommen von Profession nie zu Ohren gekommen. »Ich kann nur sagen, daß sie ein so hübscher Nachen ist, wie nur je einer auf dem Wasser schwamm, weiß aber nichts von einer Erweckung, denn ich habe in der That nie gehört, daß sie einmal ertrunken gewesen wäre.«

»Oh, Mrs. Abbot, die besten Freunde der Effingham's werden nicht behaupten wollen, daß sie fromm sind. Ich möchte mir um Alles keine üblen Nachreden zu Schulden kommen lassen oder etwas Unnachbarliches aussagen; aber wollte man mich zu einem Eide treiben, so könnte ich viele Dinge bezeugen, welche unwiderleglich nachweisen müßten, daß sie noch nie geistige Erfahrungen gemacht haben oder geübt worden sind.«

»Wohlan, Mr. Dodge, ich weiß, wie sehr Euch Verläumdungen zuwider sind,« rief die Verlassene geziert, »und ich kann eine solche allgemeine Anklage nicht dulden. Ich bestehe auf einer Beweisführung dessen, was Ihr sagt, und diese Gentlemen sind ohne Zweifel von Herzen mit mir einverstanden.«

Unter Beweisführung dachte sich Mrs. Abbot nichts Anderes, als einfache Angaben.

»Gut, Ma'am; da Ihr durchaus haben wollt, daß ich meine Behauptung beweisen soll, so soll Eurem Wunsche willfahrt werden. Erstlich also lesen sie ihre Familiengebete aus einem Buche.«

»Ganz richtig,« versetzte der Kapitän; »aber dieß thun auch Alle, welche es mit der Platform gehalten.«

»Verzeihung, Sir – Niemand als die Katholiken und das Kirchenvolk begeht diese Gottlosigkeit. Der Gedanke, der Gottheit etwas vorzulesen, Mrs. Abbot, ist ein wahres Entsetzen für eine fromme Seele.«

»Als ob der liebe Gott eines Vorlesens bedürfte! Dieß ist sehr schlimm, denn ich muß gestehen, daß ein Familiengebet durch eine Formel zum Hohne wird.«

»Ja, Ma'am; aber was haltet Ihr von den Karten?«

»Von Karten?« rief Mrs. Abbot in heiligem Abscheu, ihre frommen Hände erhebend.

»Ja, von Karten – schnöde Pappendeckel mit Königen und Königinnen bezeichnet. Dieß ist schlimmer, als eine gewöhnliche Sünde, Mrs. Abbot, da es unqualifizirt antirepublikanisch ist.«

»Ich gestehe, dieß habe ich nicht erwartet! Wohl hörte ich, daß sich Eva Effingham mancher Unbesonnenheiten schuldig machte, aber ich hielt sie nicht so aller Tugend baar, daß sie eine Karte anrühren könnte. O Eva Effingham, Eva Effingham, wozu ist deine arme kranke Seele bestimmt!«

»Auch tanzt sie – doch dieß wißt Ihr vermutlich,« fuhr Mr. Dodge fort, der, weil er seine Popularität einigermaßen in Abnahme sah, sich seit einigen Wochen den Versammlungen angeschlossen hatte, und nunmehr nicht versäumte, den Eifer eines Neubekehrten an den Tag zu legen.

»Sie tanzt!« wiederholte Mrs. Abbot mit frommem Entsetzen.

»Dreht, hopst und fideldidum!« fiel Kapitän Truck ein.

»Just so,« bemerkte der Commodore. »Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Doch ich halte mich für verpflichtet, Mrs. Abbot, Euch zu sagen, daß Eure Tochter –«

»Biansy Alzumy Anne?« rief die Mutter beunruhigt.

»Just so; Bepantschy Hals um mi Anne, wenn dieß ihr Name ist. Wißt Ihr also, Ma'am, daß ich Eure eigene gesegnete Tochter Pantschi Anne noch etwas Schlimmeres thun sah, als tanzen?«

»Commodore, Ihr seid entsetzlich! Was konnte ein Kind von mir thun, das schlimmer wäre, als tanzen?«

»Gut, Ma'am, wenn Ihr Alles hören wollt, so halte ich's für meine Pflicht, es Euch zu sagen. Gestern Morgen zwischen sieben und acht sah ich Pantschy Anne (der Commodore kannte in der That den Namen des Mädchens nicht) über ein Hüpfseil springen. Ja, so ist's, Ma'am, so wahr ich den Sogdollager wieder zu sehen hoffe.«

»Und haltet Ihr dieß für so schlimm, als das Tanzen?«

»Für viel schlimmer, Ma'am, meiner Ansicht nach. Es ist ein Umherspringen ohne Musik und ohne Schönheit, namentlich wie es von Pantschy Anne ausgeführt wird.«

»Ihr seid ein Spaßvogel. Das Springen über ein Hüpfseil ist in der Bibel nirgends verboten.«

»Just so; aber auch das Tanzen nicht, wenn ich anders etwas von der Sache weiß, – und was dieß betrifft, das Kartenspielen ebensowenig.«

»Aber es ist Zeitverderb – sündiger Zeitverderb, voll schlimmer Leidenschaften und schnöder Ungerechtigkeit.«

»Just so; Pantschy Anne war auf dem Weg zum Wasserholen begriffen – wahrscheinlich hattet Ihr sie geschickt – und sie vergeudete ihre Zeit. Und was die schlimmen Leidenschaften betrifft, so wurde es ihr nicht so gut, sich des Hüpfens zu erfreuen, bis sie und die Tochter Eures Nachbars sich gegenseitig um das Seil die Haare ausgerauft hatten, als wären's ein paar Drachen gewesen. Auf mein Wort, Ma'am, es fehlte gar nichts, um die Geschichte zur Sünde vom reinen Wasser zu machen, als eine schnarrende Fiedel!«

Während der Commodore Mrs. Abbot solchergestalt im Schach hielt, war Kapitän Truck, der seinen Gefährten durch einen Wink dazu aufgefordert hatte, beschäftigt, einen praktischen Scherz auf Kosten der Wittwe vorzubereiten. Die beiden Ehrenmänner, welche geschworene Freunde und beharrliche Gesellschafter geworden waren, pflegten nämlich, nachdem sie die erwünschte Anzahl Fische gefangen hatten, sich nach der Quelle zurückzuziehen, dort Cigarre und Pfeife anzustecken, ihren Grog zu mischen und, wenn sie genug über Menschen und Dinge gesprochen hatten, durch das Spiel »alle Viere«, mit dem sie sich auf einem Baumstumpf vergnügten, die lange Weile zu vertreiben. Nun hatte der Kapitän dasselbe Packet, dessen sie sich bei allen solchen Gelegenheiten bedienten, wie man an der Abgegriffenheit der Blätter vorn und hinten ersehen konnte, in der Tasche. Er zeigte die Karten insgeheim seinem Begleiter, und ließ, sobald Mrs. Abbots Aufmerksamkeit ganz und gar durch die schreckliche Ankündigung von den Verirrungen ihrer Tochter in Anspruch genommen war, das ganze Spiel, Könige, Königinnen und Buben, Hoch und Nieder, Aß und Alles in das Arbeitskörbchen der Dame gleiten. Sobald dieses Taschenspielerstückchen erfolgreich in Vollzug gebracht worden, erhielt der Commodore einen Wink, daß der Streich gelungen sei, und der theologische Disputant begann nun allmählig nachzugeben, obschon er bis auf's Letzte zu behaupten fortfuhr, das Seilhüpfen sei eine Sünde, obschon sie vielleicht unter die Klasse der verzeihlichen gehöre. Ohne Zweifel hätte der Fischer, wenn er in der Lage gewesen wäre, mehr biblische Phrasen und größeren Eifer aufzubieten, eine neue Schattirung des Christenglaubens gründen können, denn obschon das menschliche Geschlecht beharrlich die einfachsten Gebote Gottes, die auf Demuth, Liebe und Gehorsam Bezug haben, mißachtet, scheint ihm doch nichts ein größeres Entzücken zu bereiten, als wenn es die Liste der Vergehungen gegen das göttliche Wesen vergrößern kann. Es war vielleicht ein Glück für den Commodore, daß Kapitän Truck jetzt Muße fand, ihm zu Hilfe zu kommen, denn wie trefflich er sich auch darauf verstand, einen Grashecht zu ködern, war er doch sonst daran gewöhnt, in harter Bedrängniß polemische Fragen blos mit der Faust zu erledigen.

»Es nimmt mich höchlich Wunder, Ma'am,« sagte der ehrliche Packetschiffmeister, »wie eine Frau von Eurer Heiligkeit in Abrede ziehen mag, daß das Seilhüpfen Sünde sei, denn ich bin der Ansicht, daß dieser Punkt von allen unsern Leuten schon seit fünfzig Jahren hier bereinigt ist. Ihr werdet zugeben, daß man nicht wohl über ein Seil hüpfen kann ohne Leichtigkeit.«

»Leichtigkeit, Kapitän Truck? Ich hoffe, Ihr wollt damit doch nicht sagen, meine Tochter habe sich Leichtigkeit zu Schulden kommen lassen?«

»Allerdings, Ma'am. Wie ich höre, gilt sie als die beste Seilhüpferin im Dorf, und Leichtigkeit – in den Bewegungen wenigstens – ist das Haupterforderniß, um es in dieser Kunst weit zu bringen. Ferner sind es ›eitle Wiederholungen‹, wenn man dasselbe so oft und oft wieder thut, und ›eitle Wiederholungen‹ sind sogar in unseren Gebeten verboten. Ich kann Vater und Mutter aufbieten, diese Thatsache zu bezeugen.«

»Dieß ist mir in der That etwas Neues! Ich muß darüber mit dem Geistlichen sprechen.«

»Von den Zweien aber ist das Hüpfseil noch viel sündhafter als das Tanzen, denn bei der Musik kommt letzteres von selbst, während ein entschiedener Wille vorhanden sein muß, um mit ersterem den Anfang zu machen. Doch unsere Stunde ist gekommen, Commodore, und wir müssen Segel machen. Wollt Ihr wohl so gut sein, Mrs. Abbot, mir ein Trümmchen Faden zu geben, damit ich diesen Haken fester machen kann?«

Die arme Wittwe wandte sich nach ihrem Körbchen, aber als sie ein Stück Zeug aufhob, um nach dem Faden zu sehen, starrten ihr »Hoch und Nieder, Aß und das ganze Spiel« voll in's Gesicht. Sie wandte sodann ihre Blicke auf ihre Gäste und bemerkte, daß alle drei nach den Karten hinsahen – zwei davon mit so viel scheinbarer Ueberraschung und Neugierde, als ob sie durchaus nichts von ihrem eigenen Anschlage wüßten.

»Entsetzlich,« rief Mrs. Abbot. »Entsetzlich! Entsetzlich! Die Mächte der Finsterniß haben hier ihr Werk geübt.«

»Und scheinen noch obendrein ziemlich beschäftigt gewesen zu sein,« bemerkte der Kapitän kalt, »denn ein besser abgegriffenes Paket habe ich nie, nicht einmal im Vorderkastell eines Schiffes, gefunden.«

»Schrecklich, entsetzlich, entsetzlich! Dieß reicht an die vierzig Tage in der Wüste hin, Mr. Dodge.«

»Es ist in der That ein prüfendes Kreuz, Ma'am.«

»Na,« versetzte der Kapitän, »meiner Ansicht nach sind diese Karten nicht schlimmer, als das Seilhüpfen, obschon ich gestehen muß, daß sie wohl reinlicher sein könnten.«

Aber Mrs. Abbot war nicht geneigt, die Sache so leicht zu nehmen. Sie sah in der ganzen Geschichte die Hand des Teufels und meinte, es biete sich ihr hier eine neue Versuchung für ihre verlassene Lage.

»Sind dieß wirkliche Karten?« rief sie, als traute sie dem Zeugnisse ihrer Sinne nicht.

»Just so, Ma'am,« antwortete der Commodore freundlich. »Dieß ist das Spataß, ein famoses Blatt, wenn man es in der Vorhand hat; und dieß ist der Jack, welcher bekanntlich Eins zählt, wenn Spat Trumpf ist. In meinem Leben habe ich nie ein durcharbeitenderes Paket gesehen.«

»Oder ein durchgearbeiteteres Paket,« fügte der Kapitän in bedauernder Weise bei. »Na, nicht Alle von uns sind vollkommen, und ich hoffe, Mrs. Abbot wird sich wieder aufheitern und diese Sache aus einem erfreulicheren Gesichtspunkte betrachten. Was mich betrifft, so halte ich das Seilhüpfen für weit schlimmer, als den Spatjack, sei's an Sonntagen oder an Werkeltagen. Commodore, wir kriegen heute keinen Grashecht zu sehen, wenn wir uns nicht von dieser guten Gesellschaft losreißen.«

Damit verabschiedeten sich die beiden Schälke und zogen sich nach dem Nachen zurück, nachdem der Kapitän, welcher voraussah, daß sich Gelegenheit zum Gebrauch darbieten dürfte, zuvor sich rücksichtsvoll erboten hatte, Mrs. Abbot von dem verhaßten Anblick der Karten zu befreien; er wolle sie gewissenhaft im tiefsten Theile des Sees versenken.

Nachdem die beiden Ehrenmänner eine ziemliche Strecke weit in den See hinein gerudert waren, ließ der Commodore plötzlich ab, machte eine Handschwenkung und begann unaufhaltsam zu lachen, als habe seine Heiterkeit plötzlich allen Zwang durchbrochen. Kapitän Truck, der eine Cigarre angezündet hatte, begann zu rauchen und respondirte, da er sich selten einer geräuschvollen Fröhlichkeit hingab, mit den Augen, indem er mit großer Selbstgefälligkeit von Zeit zu Zeit den Kopf schüttelte, je nachdem sein Gedankengang humoristischer als gewöhnlich wurde.

»Hört, Commodore,« sagte er, den Rauch in die Höhe blasend und ihm mit den Augen folgend, bis er einer kleinen Wolke gleich verschwommen war, »Keiner von uns Beiden gehört zu den heurigen Hasen. Ihr habt auf dem Frischwasser und ich auf dem Salzwasser das Leben studirt; aber ohne daß ich mir anmaßen will, zu sagen, welches von beiden die beste Schule gibt, weiß ich doch so viel, daß das eine wie das andere bessere Christen macht, als dergleichen verschraubte Systeme.«

»Just so. Ich sage Denen im Dorfe stets, daß man am Ende nur wenig gewinne, wenn man den Blinden zum Führer nehme. Dieß ist mein Glaubenssatz, Sir.«

»Und es dürfte sich, wie ich nicht zweifle, als ein sehr guter Glaubenssatz ausweisen, wenn Ihr ein bischen voller in denselben einginget.«

»Wohlan, Sir, ich bin zu Erklärungen bereit.«

»'s ist keine weitere Sylbe mehr nöthig, denn ich verstehe jetzt, was Ihr meint, so gut, als ob ich's selbst gesagt hätte, und außerdem sind kurze Predigten stets die besten. Ihr wollt sagen, daß ein Lootse wissen müsse, wo er steuere, und dieß ist eine vollkommen gesunde Doctrin. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß eine Stützenschlinge, wenn man sie mit dem Fuß festhält, aufspringt, sobald man losläßt. Nun ziehen die Verschraubten ohne Zweifel gewaltig an; aber sobald man nachläßt, kommt Alles wieder herunter, was sich darauf stützt. Vermuthlich wißt Ihr, daß dieser Mr. Dodge ein oder zwei Mal mein Passagier gewesen ist?«

»Habe davon gehört – dem Vernehmen nach war er ein eigentlicher Tiger im Gefecht mit den Niggers – ganz und gar ein Ausbund.«

»Ei, dem Vernehmen nach stellt er die Sache so dar; aber hört mich an, Commodore, – ich wünsche allen Menschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, finde aber, daß man hier herum im Binnenland nur gar wenig von dieser Waare trifft. Der Held jenes Tags steht im Begriffe, die schöne Miß Effingham zu heirathen. Andere thaten zwar auch ihre Pflicht, wie zum Beispiel Mr. John Effingham; aber Paul Blunt – Powis – Effingham war's, welcher der ganzen Sache die Krone aufsetzte. Was den Mr. Steadfast Dodge betrifft, Sir, so will ich nichts über ihn sagen, als etwa, daß er im Gefecht mir nirgends nahe gekommen ist, und wenn es bei jener Gelegenheit irgend einem Menschen erging, wie einem hungrigen Alligator, so war dieß bei Eurem gehorsamen Diener der Fall.«

»Ihr wollt damit sagen, daß er dem Feinde nicht nahe kam, und dieß glaube ich so fest, daß ich mich darauf von einer Magistratsperson wollte beeidigen lassen.«

»Ihr brauchtet dabei nicht zu fürchten, einen Meineid zu begehen. Jedermann, der Mr. John Effingham und Mr. Powis an jenem Tage sah, hätte drauf schwören mögen, daß sie Vater und Sohn seien – und wer Mr. Dodge nicht sah, hätte auch ohne Umstände sagen können, daß dieser Ehrenmann nicht zu ihrer Familie gehörte. Dieß ist Alles, Sir; ich rede nie einem Passagier etwas Uebles nach, und deßhalb will ich blos noch beifügen, daß Mr. Dodge kein Krieger ist.«

»Dem Vernehmen nach ist er letzter Zeit in der Religion geübt worden, wie sie's nennen.«

»Es ist hohe Zeit, Sir, denn meiner Ansicht nach hat er lange genug Sünden geübt. Wie ich höre, geht der Mensch landauf und landab, um Leute zu verlästern, denen er die Schuhriemen zu lösen nicht würdig ist – auch hat er in seiner Zeitung einige Briefe abdrucken lassen, die so lügenhaft sind, als sein Herz; aber er soll sich in Acht nehmen, daß die Welt nicht an irgend einem regnerischen Tage einen Auszug aus einem gewissen Logbuch zu Gesicht bekomme, welches zu einem Schiff, Montauk geheißen, gehört. Im Grunde freue ich mich über diese Heirath, Commodore, oder vielmehr über diese Heirathen, denn wie ich höre, gedenken Mr. Paul Effingham und Sir George Templemore morgen früh ein doppeltes Buglien zu machen. Alle Vorbereitungen sind getroffen, und sobald meine Augen diesen gesegneten Anblick gesehen haben, will ich mich wieder nach New-York auf den Weg machen.«

»Es ist also klärlich erwiesen, daß der junge Gentleman Mr. John Effinghams Sohn ist?«

»So klar wie der Polarstern in einer hellen Nacht. Der Kerl, welcher mich am Abend des Feuerspasses anredete, hat mich in den Stand gesetzt, auch den letzten Zweifel zu beseitigen, wenn anders noch etwa einer da gewesen wäre. Mr. Effingham selbst, der doch ein so ruhiger und vorsichtiger Mann ist, sagt, es seien jetzt zureichend Belege vorhanden, um die Sache vor jedem Gerichtshof in Amerika zu verfechten. Dieser Punkt kann demnach als bereinigt betrachtet werden, und was mich betrifft, so freue ich mich, daß es so ist; denn Mr. John Effingham hat so lange für einen alten Hagestolz gegolten, daß es eine Ehre für das ganze Corps ist, wenn sich herausstellt, daß Einer davon einen so edlen Sohn hat.«

Der Commodore ließ nun den Anker fallen und die beiden Freunde begannen zu fischen. Nachdem sie ein Stündchen mit einander geplaudert und den nöthigen Vorrath von Barschen gefangen hatten, landeten sie an der Quelle und schickten sich an, ihre Beute zu braten. Während sie so auf dem Grase saßen, bald dem Punsch zusprechend, bald an ihrer Fischmahlzeit den Kauprozeß wieder aufnehmend, setzten sie ihr Gespräch in der gewohnten redseligen philosophischen und sentimentalen Weise fort.

»Wir sind Bürger eines überaus großen Landes,« begann Mr. Truck nachdem er einen tiefen Zug gethan hatte; »von Maine an bis Florida sagt dieß Jedermann, und was Jedermann sagt, muß wahr sein.«

»Just so, Sir. Es nimmt mich bisweilen Wunder, wie ein so großes Land je dazu kam, eine so kleine Person, wie ich bin, hervorzubringen.«

»Eine gute Kuh kann auch ein schlechtes Kalb werfen, und dieß erklärt die Sache. Habt ihr so viele tugendhafte Frauen, wie Mrs. Abbot, in diesem Theile der Welt?«

»Berge und Thäler wimmeln davon. Ihr meint darunter doch Personen, welche sich so viel Religion eingethan haben, daß sie für nichts Anderes mehr Platz finden können?«

»Es wird mir bis zu meinem Sterbetage leid thun, daß Ihr nicht für die See erzogen wurdet, denn was hätte nicht auf dem Salzwasser aus Euch werden können, da Ihr schon auf dem Frischwasser so viel von dem ächten Schrot und Korn an den Tag legt! Was meint Ihr, Commodore, die Leute, die aus einem Hirn und Gewissen, wie diese Qualitäten bei Mr. Dodge sind, ihre Nahrung einsaugen, müssen mit der Zeit überraschend klarsichtig werden.«

»Just so; seine Leser überbieten bald sich selbst. Aber es liegt nicht viel daran, Sir; die Leute in diesem Theile der Welt bleiben nicht lange genug, um viel Gutes oder Schlimmes damit anfangen zu können.«

»Also Freunde vom Wechseln, he?«

»Wie unglückliche Fischer, die alle Augenblicke einen andern Grund suchen. Ich glaube nicht, Sir, daß Ihr in dieser ganzen Gegend ein Dutzend Gräber von Söhnen finden könnt, die in der Nähe ihrer Väter liegen. Jedermann scheint ein Todfeind der Stabilität zu sein.«

»Es wird einem schwer, ein solches Land zu lieben, Commodore.«

»Sir, ich versuchte dieß gar nie. Gott hat mir einen hübschen Wasserstreifen gegeben, der meiner Liebhaberei und meinen Bedürfnissen zusagt – dazu einen schönen Himmel, schöne grüne Berge, und ich bin zufrieden. Man kann Gott in einem solchen Tempel lieben, ohne daß man etwas Anderes zu lieben hätte.«

»Na, ich meine, wenn Ihr nichts liebt, so liebt auch nichts Euch, und es geschieht dann keinem Theile Unrecht.«

»Just so, Sir. Das Ich ist der Götze geworden, obschon man in dem allgemeinen Kampfe bisweilen in Verlegenheit kommt und nicht wissen kann, ob Einer selbst oder nicht vielleicht Einer von den Nachbarn das Ich ist.«

»Ich möchte wohl Eure politische Gesinnung kennen lernen, Commodore. Ihr seid über alle Punkte mittheilsam gewesen, nur über diesen nicht, und es kommt mir nachgerade vor, als ob Ihr ein wahrer Philosoph seid.«

»Ich halte mich nur für ein Wickelkind, wenn ich mich mit Euch vergleiche, Sir; aber wie nun einmal meine einfältigen Ansichten sind, sollen sie Euch nicht vorenthalten sein. Erstlich also, Sir, habe ich lange genug auf dem Wasser gelebt, um zu wissen, daß Jedermann die Freiheit für seine eigene Person liebt, und daß sie ihm stets einen geheimen Widerwillen macht, wenn er sie an den Personen von anderen Leuten respektiren soll. Dann, Sir, habe ich einsehen lernen, daß man unter Patriotismus Brod und Käse versteht, und daß Jedermann nur für sich selbst opponirt.«

»Ich glaube wahrhaftig, Commodore, wenn man der Sache auf den Grund sieht, so habt Ihr das Fahrwasser ausgeboit.«

»Just so. Nachdem mich das Salz des Landes hin und her gezerrt und ich ihm allenthalben meine Freiheitsprivilegien zur Verfügung gestellt hatte, bis ich so vieler Freiheit überdrüssig geworden war, dankte ich ab und zog mich in's Privatleben zurück, um hier außen auf dem Otsegowasser als ein armer Sklave nach Gutdünken zu handeln.«

»Man sollte Euch das nächste Mal zum Präsidenten wählen.«

»Ich verdanke meine dermalige Emancipation dem Sogdollager, Sir. Zuerst begann ich über einen Mann mir Gedanken zu machen, gleich diesem Mr. Dodge, der sich in neuester Zeit als Ausleger der Wahrheit und als ein Lichtstrahl für die Blinden mit seiner Unwissenheit in's Dorf eingeschlichen hat. Nun sagte ich zu mir selbst, Sir, wenn dieser Mann der Mann ist, wie ich ihn als Mann kenne, so kann er nichts Besseres sein, als ein Zeitungsschreiber.«

»Dieß war eine Privatfrage, die Ihr Euch selbst vorlegtet, Commodore; und wie habt Ihr sie beantwortet?«

»Die Antwort war für mich selbst befriedigend, Sir, und ich kümmerte mich nicht darum, was andere Leute darüber dachten. Ich wollte nichts mehr von seinem Blatte wissen und meinte, ich könne schon für mich selbst denken. Just um diese Zeit verspürte ich den Sogdollager, und statt daß ich es versuchte, auf den Schultern der Patrioten und Weisen des Landes ein großer Mann zu werden, gab ich mir die Mühe, mir dadurch zur Unsterblichkeit zu verhelfen, daß ich ihn an meine Angel brachte. Ich gehe zwar noch immer zu den Wahlen, weil ich dieß für Pflicht halte, lasse mir aber nimmer von einem Menschen, wie dieser Mr. Dodge, sagen, wie ich stimmen soll, sondern votire in der Oeffentlichkeit für keinen andern Mann, als für einen solchen, dem auch ich privatim mein Vertrauen schenken würde.«

»Vortrefflich; ich ehre Euch mehr und mehr mit jeder Minute, die ich in Eurer Gesellschaft zubringe. Wir wollen nun auf die künftige Wohlfahrt Derjenigen trinken, die morgen Bräute und Bräutigame werden sollen. Wenn alle Menschen so philosophisch und gelehrt wären, wie Ihr, Commodore, so würde das Menschengeschlecht bald auf einen bessern Weg gerathen, als sein gegenwärtiger ist.«

»Just so; ich trinke aus ganzem Herzen auf ihr Wohl. Ist es nicht erstaunlich, Sir, daß Leute, wie Mrs. Abbot und Mr. Dodge es in ihrer Gewalt haben, Diejenigen zu verunglimpfen, deren Glück wir eben im Voraus zu feiern die Ehre hatten?«

»Je nun, Commodore, eine Mücke kann auch einen Elephanten stechen, wenn sie einen schwachen Fleck an dessen Haut findet. Ich verstehe die Geschichte von Mr. John Effingham's Heirath selbst nicht recht, aber wir sehen, daß das Resultat davon ein wackerer Sohn war. Nun halte ich dafür, daß ein Mann, wenn er eine rechtmäßige Ehe eingegangen hat, es wie jedes andere Verbrechen einzugestehen verpflichtet ist; Diejenigen nämlich, welche nicht so schuldig geworden sind, wie er selbst, müssen vor der ganzen Welt darthun können, daß er nicht mehr zu ihnen gehört.«

»Just so; aber wir haben Mücken in diesem Theile der Welt, welche durch die zäheste Haut zu beißen im Stande sind.«

»Dieß kommt daher, weil's in Eurem Gesellschaftsschiff kein Halbdeck gibt, Commodore. An Bord eines wohlgeordneten Packetschiffs bleibt alles Denken dem Hintertheile überlassen, und Diejenigen, welche wissen möchten, wo sie sich befinden, müssen warten, bis die Beobachtungen aufgenommen sind, oder sich in ihrer Unwissenheit niedersetzen. Die ganze Schwierigkeit rührt von dem Umstande her, weil in diesem Theile der Welt verständige Leute so weit abgesondert leben, daß die Narren mehr als gleiche Aussicht haben. Ihr begreift mich, Commodore?«

»Just so,« versetzte der Commodore blinzelnd und lachend. »Na, es ist ein Glück, daß es Leute gibt, die nicht ganz so schwachsinnig sind, wie etliche andere. Ich setze voraus, Kapitän Truck, daß Ihr bei der Hochzeit anwesend sein werdet.«

Die Reihe des Blinzelns kam jetzt an den Kapitän, der seinerseits umherschaute, um sich zu überzeugen, daß kein Lauscher in der Nähe sei, den Finger an seine Nase legte und dann in weit gedämpfteren Tone als gewöhnlich erwiederte:

»Ich weiß, Ihr könnt ein Geheimniß bei Euch behalten, Commodore. Was ich Euch jetzt sage, braucht Mrs. Abbot nicht hinterbracht zu werden, die es nur weiter berichten und vergrößern würde. Nein, Ihr müßt es so sicher bewahren, wie Eure Köder in der Köderbüchse.«

»Ihr kennt Euern Mann, Sir.«

»Wohlan denn, morgen früh, etwa zehn Minuten, bevor die Glocke neun schlägt, huscht Ihr in die Gallerie von New St. Pauls, und dort werdet Ihr Schönheit und Bescheidenheit sehen, die ›wenn ungeziert die schönste Zierde‹ ist. Ihr begreift?«

»Just so;« und die Hand wurde sogar mehr als gewöhnlich geschwenkt.

»Es ziemt uns Junggesellen nicht, sonderliche Stücke auf den Ehstand zu halten; aber ich wäre wahrhaftig kein glücklicher Mann, wenn ich der Hochzeit von Paul Powis und Eva Effingham nicht anwohnen könnte.«

Jetzt netzten die zwei Ehrenmänner auf's Neue »ihre Schnäbel«, wie es Kapitän Truck nannte, und dann wurde die Unterhaltung zu philosophisch und contemplativ, als daß sie ferner in diesem anspruchlosen Bericht über Ereignisse und Ideen Aufnahme finde.


 << zurück weiter >>