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Zehntes Kapitel.

Hier ist die Stelle, die ich suchte,
Die meines Vaters Asche birgt;
Es ist der Ort, ich kenn' ihn wohl,
Davon des Hauses Sagen sprechen.

Bryant.

 

Seit der Zeit der Ankunft des Montauk in New-York, oder vielmehr seit dem Tage, an welchem die Zeitungen Nachricht über den letzten Schritt des englischen Kreuzers gegeben hatten, war von der Familie Effingham wenig mehr über Paul Powis oder über die außerordentliche Weise gesprochen worden, in welcher er das Paketschiff im Augenblicke des Anlangens vor dem Hafen verlassen hatte. Allerdings war Mr. Dodge nach seiner Ankunft in Dodgeopolis nicht säumig gewesen, sich in seinem Wochenblatte über diesen Gegenstand zu verbreiten und verschiedene eigene Zusätze und Muthmaßungen beizugeben, welche im Innern des Landes viel Aufmerksamkeit auf sich zogen; indeß erfuhren die Effinghams und ihre Freunde nie etwas über die Sache, da es unter den Journalisten, von denen man annimmt, daß sie sich über ausländische Vorgänge aus den nächsten Quellen zu unterrichten im Stande sind, als Regel gilt, von denjenigen ihrer Kollegen, die nicht besser unterrichtet sein können, als sie selbst, nichts in ihre Blätter aufzunehmen.

Zwar kam Allen die plötzliche Rückkehr des jungen Mannes als ein außerordentlicher Vorfall vor, aber dennoch fühlte sich Niemand geneigt, ein hartes Urtheil über Paul zu fällen. Die Gentlemen wußten, daß eine militärische Zuchtmaßregel, wie unangenehm sie auch sein mochte, nicht nothwendig einen moralischen Flecken in sich faßte, und was die Damen betraf, so hatten sie die Geschicklichkeit und Ritterlichkeit des Jünglings noch in zu lebhaftem Gedächtnisse, um auf so leichte und unbedeutende Grundlagen hin arge Folgerungen zu bauen. Dennoch war es unmöglich gewesen, sich mißliebiger Muthmaßungen ganz und gar zu entschlagen, und Alle freuten sich jetzt aufrichtig, ihren früheren Reisegefährten, wie es schien, in einem Gemüthszustande, der weder Schuld noch Herabwürdigung verrieth, wieder unter sich zu sehen.

Als sie den Berg hinabstiegen, bot Mr. Effingham Grace, die er wie eine zweite Tochter liebte, seinen Arm, während er Eva der Sorgfalt John Effinghams überließ. Sir George geleitete Mademoiselle Viefville, Paul aber ging an der Seite unserer Heldin und ihres Vetters einher, während sich Aristobulus einer »gemischten Gesellschaft«, wie er's nannte, erfreute, oder, mit andern Worten, sich diesem oder jenem Pärchen anschloß, wie es gerade seine Neigung oder der Zufall herbeiführte. Natürlich unterhielt sich die Gesellschaft im Weitergehen, wobei die Vorderen hin und wieder Halt machten, um mit den Nachkommenden einige Worte zu wechseln, obschon gelegentlich einige Veränderungen in der Ordnung eintraten, die wir gehörigen Orts berühren werden.

»Ich hoffe, Ihr habt angenehme Ueberfahrten gehabt,« sagte John Effingham zu Paul, sobald sich das Häuflein in der erwähnten Weise vertheilt hatte. »Drei Reisen über das atlantische Weltmeer in so kurzer Zeit wäre eine harte Aufgabe für einen Menschen, der an's Land gewohnt ist, obschon Ihr Euch als Seemann wahrscheinlich weniger daraus machtet.«

»In diesem Betracht kann ich wohl von Glück sagen, denn das Foam ist, wie wir aus Erfahrung wissen, ein tüchtiger Segler und Doucie überhaupt ein trefflicher Mann, wie auch ein angenehmer Tischgenosse. Ihr wißt, daß ich ihn beim Gehen und Kommen zum Begleiter gehabt habe.«

Er sprach dieß in unbefangenem Tone, und beseitigte dadurch, obschon nur wenig Bestimmtes daraus zu entnehmen war, jede mißliebige Ungewißheit, indem seine Zuhörer daraus die Versicherung erhielten, daß er wenigstens mit der Person, die den Anschein eines Verfolgers gehabt hatte, auf gutem Fuße stand. Auch begriff John Effingham vollkommen, daß der Mann, der mit dem Schiffs-Commandeur an dem gleichen Tische speiste, in jeder Hinsicht als passende Gesellschaft betrachtet werden mußte.

»Ihr habt einen ziemlichen Umweg zu uns gemacht, denn die Reise über Quebek beträgt fast ein Viertel mehr, als der gerade Weg.«

»Doucie hat es so angelegentlich gewünscht, daß ich es ihm nicht abschlagen mochte. Er hatte sich's Anfangs sogar zu einem Ehrenpunkte gemacht, sich die Erlaubnis auszuwirken, mich zu New-York, wo er, wie er sagte, mich gefunden, an's Land zu setzen; ich wollte aber hierauf nicht hören, da ich fürchtete, er könnte dadurch seine Beförderung beeinträchtigen, auf die er in Folge des glücklichen Ausgangs jener Geldangelegenheit die beste Aussicht hatte. Wenn er durch Erfüllung wichtiger Dienstleistungen stets in den Augen seiner Vorgesetzten blieb, so konnte ihm meiner Ansicht nach die erwartete Auszeichnung um so weniger entgehen.«

»Und hat die Regierung seine Ausdauer in unserer Verfolgung einer solchen Belohnung für würdig erachtet?«

»Allerdings. Er ist jetzt Postkapitän und verdankt dieß nur seinem Glück und der Umsicht, mit welcher er bei jener Angelegenheit zu Werke ging, obschon in seinem Lande der Rang im Privatleben dem im öffentlichen keinen Eintrag thut.«

Unserer Heldin gefiel der Nachdruck, welchen Paul auf die Worte »in seinem Lande« legte, und sie glaubte, in der ganzen Bemerkung einen Geist zu erkennen, wie ihn ein Engländer wohl kaum kund geben würde.

»Ist Euch nie eingefallen,« fuhr John Effingham fort, »daß unsere plötzliche und unerwartete Trennung Anlaß zu einer ernstlichen Pflichtvernachlässigung gab – für mich wenigstens, wenn nicht für uns beide?«

Paul blickte überrascht auf, und seine Miene schien eine nähere Erklärung zu fordern.

»Ihr werdet Euch des versiegelten Pakets erinnern, der Hinterlassenschaft des armen Monday, welche wir nach unserer Ankunft in New-York gemeinschaftlich öffnen wollten. Es ist wohl Grund zur Annahme vorhanden, daß von dem Inhalte desselben die Anordnung einiger wichtiger Privatrechte abhängt. Ich gab Euch das Paket in dem Augenblicke, als ich es erhielt, und in der Hast, mit welcher Ihr uns verließt, ist Euch dieser Umstand außer Acht gekommen.«

»Ah, ganz richtig, und zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich bis auf diesen Augenblick die Angelegenheit völlig vergessen habe. Während meines Aufenthalts in England nahm so viel meinen Geist in Anspruch, daß ich nicht wohl darauf denken konnte, und dann konnte ich von dem Tage an, als ich Euch verließ, kaum als im Besitze dieses Pakets betrachtet werden.«

»Es ist doch hoffentlich nicht verloren gegangen?« entgegnete John Effingham hastig.

»Gewiß nicht; es befindet sich ohne Frage wohlbehalten in dem Schreibpult, in welches ich es einschloß. Aber sobald wir Portsmuth erreicht hatten, ging ich mit Doucie nach London, und nachdem er mit der Admiralität im Reinen war, begaben wir uns nach Yorkshire, wo uns während der Zeit, als sein Schiff in den Docks war, Privatangelegenheiten von hoher Wichtigkeit für uns beide in Anspruch nahmen. Dann wurde es nöthig, unterschiedliche Besuche bei unsern Verwandten zu machen – –«

»Verwandten?« wiederholte Eva unwillkürlich, obschon sie sich auf dem ganzen weiteren Spaziergange unaufhörlich die Unbesonnenheit, welche sie zu diesem Ausrufe veranlaßte, zum Vorwurf machte.

»Ja, bei unsern Verwandten,« entgegnete Paul lächelnd. »Kapitän Doucie und ich, wir Beide sind Geschwisterkinder und machten gemeinschaftliche Wallfahrten zu verschiedenen Familienheiligthümern. Diese Pflicht nahm uns bis auf ein paar Tage vor unserer Abfahrt nach Quebek in Anspruch. Nachdem wir unseren Hafen erreicht hatten, verließ ich das Schiff, um die großen Seen und den Niagara zu besuchen. Meine Effekten blieben meist unter Doucies Obhut, der mir versprach, sie mir nachzubringen; denn er erwartete, mir auf seinem Wege nach Westindien, wo er eine Fregatte finden soll, bald folgen zu können. Er behauptete, mir diese Aufmerksamkeit schuldig zu sein, weil er mich veranlaßt habe, aus Gefälligkeit für ihn mit meinem vielen Gepäcke so weit von meinem Wege abzugehen. Das [Paket] ist unglücklicherweise bei meinen übrigen Habseligkeiten zurückgeblieben.«

»Und erwartet Ihr Kapitän Doucie bald bei uns? Die Sache mit Mr. Monday's Hinterlassenschaft sollte nicht länger vernachlässigt werden, denn eine Zusage an einen Sterbenden ist doppelt bindend, da sein Vertrauen als eine Berufung auf die Großmuth von uns Allen erscheint. Ehe ich die Angelegenheit länger hängen ließe, wollte ich lieber einen Expressen nach Quebek schicken.«

»Dieß wäre eben so unnöthig als nutzlos, denn Doucie ist gestern von Quebek aufgebrochen und hat seinen eigenen Steward mit seinen und meinen Effekten unmittelbar nach New-York geschickt. Was das Schreibpult betrifft, so versprach er mir, da es noch andere, für uns Beide sehr wichtige Papiere enthält, selbst dafür Sorge zu tragen und es persönlich auf der nämlichen Tour mitzunehmen, die ich vor Kurzem gemacht habe; denn auch er wünscht den Niagara und die Seen zu sehen. Er ist mir jetzt auf der Fährte und wird mir brieflich den Tag anzeigen, an welchem er in Utika eintreffen wird, damit wir gemeinschaftlich von diesem Ort aus ein Kanalboot nach New-York benützen können.«

Seine Begleiter hörten auf diese kurze Angabe mit angelegentlichem Interesse, das übrigens auf das Packet des armen Mr. Monday nur sehr wenig Beziehung hatte. John Effingham rief seinen Vetter herbei und theilte ihm in wenigen Worten die Umstände mit, wie sie der junge Mann eben selbst mitgetheilt hatte, ohne der Papiere des Verstorbenen Erwähnung zu thun, da dieß ein Gegenstand war, welchen er bisher für sich behalten hatte.

»Die Höflichkeit wird es wohl fordern, daß wir Kapitän Doucie einladen, ein wenig von seinem Wege abzugehen und etliche Tage bei uns in den Bergen zuzubringen,« fügte er bei. »Um welche Zeit erwartet Ihr ihn an dem Kanal, Powis?«

»Im Laufe von vierzehn Tagen. Ich bin überzeugt, es wird ihm Freude machen, dieser Gesellschaft seine Achtung zu bezeugen, denn er hat oft sein Bedauern ausgedrückt, daß er in einem Dienste thätig sein mußte, welcher die Damen so vieler Gefahr und Zögerung aussetzte.«

»Kapitän Doucie ist ein naher Verwandter von Mr. Powis, lieber Vater,« setzte Eva hinzu, um dadurch ihrem Vater bemerklich zu machen, daß die Einladung ihr angenehm sein würde; denn Mr. Effingham war so aufmerksam auf die Wünsche seiner Tochter, daß er nie einen Gast einlud, wenn er glaubte, derselbe könne der Herrin des Hauses lästig fallen.

»Ich mache mir ein Vergnügen daraus, noch heute an Kapitän Doucie zu schreiben und ihn um die Ehre seiner Gesellschaft zu bitten,« entgegnete Mr. Effingham. »Wir erwarten in einigen Tagen noch andere Freunde, und ich hoffe, die Zeit wird ihm nicht lang werden, so lange er bei uns im Exil ist. Mr. Powis kann mein Einladungsschreiben einem seiner Briefe beilegen, und wird hoffentlich unsere Bitte mit seiner eigenen unterstützen.«

Paul gab eine höfliche Erwiederung, und die ganze Gesellschaft ging weiter, obgleich die Unterbrechung die frühere Ordnung in einer Weise geändert hatte, daß sich der junge Mann jetzt allein an Eva's Seite befand. Mittlerweile hatten sie nicht nur die Landstraße erreicht, sondern waren auch wieder von ihr abgegangen, um der Linie eines alten, nicht mehr benützten Fahrwegs zu folgen, welcher längs der Anhöhe in's Thal hinabführte und viel wilder und gefährlicher aussah, als daß er den Zwecken des neueren Unternehmungsgeistes entsprochen hätte, sintemal er nur einer jener schlecht berechneten und rohen Pfade war, wie sie die ersten Ansiedler eines Landes anzulegen pflegen, ehe sie noch Zeit und Mittel zu einer vortheilhaften Wahl oder einer guten Ausführung haben. Obschon diese Reliquie aus dem kindlichen Zustande des Landes weit schwieriger und gefährlicher zu begehen war, als die spätere Landstraße, war sie doch weit schöner und abgeschiedener, weßhalb sie denn auch fortwährend von den Fußgängern als der gemeinsame Pfad nach der Vision benützt wurde. Die Zeit hatte bereits die Oberfläche desselben verengert und der Nachwuchs ihn fast ganz mit Zweigen bedeckt, so daß man wie unter einer Laube ging; Eva drückte daher ihr hohes Entzücken über die kühne Wildheit des Weges aus, der durch seine Abgeschiedenheit nur um so lieblicher wurde. Von Zeit zu Zeit konnten unsere Wanderer durch Oeffnungen im Dickicht Blicke nach dem See und dem Dorfe hinwerfen, und Alle, welche die Landschaft nicht von früher her kannten, brachen in ein lautes Lob der Gegend aus.

»Die meisten Personen, welche dieses Thal zum ersten Mal sehen,« bemerkte Aristobulus, »wissen etwas zu seinen Gunsten zu sagen, und was mich betrifft, so halte ich es selbst auch für ziemlich kurios.«

»Kurios?« rief Paul. »Dieser Gentleman ist im mindesten Falle sehr eigenthümlich in der Wahl seiner Ausdrücke.«

»Ihr seid schon früher mit ihm zusammengetroffen,« sagte Eva lachend, denn sie war jetzt in der Stimmung, selbst über unbedeutende Dinge sich in Heiterkeit zu ergehen. »Wir wissen dieß aus dem Umstande, daß er uns einen Poeten in Aussicht stellte, wo wir nur einen alten Freund trafen.«

»Nur, Miß Effingham? – stehen also bei Euch Poeten so hoch und alte Freunde so gering im Werth?«

»Diese außerordentliche Person, der Mr. Aristobulus Bragg, verwirrt Einem in der That alle Begriffe und Ansichten auf eine Weise, daß er, glaube ich, sogar die gewöhnliche Bedeutung der Worte aufhebt. Er scheint so sehr an seinem Platze und doch so ganz außer demselben zu sein – ist so listig und zugleich so linkisch – so unpassend für das, was er ist, und doch so schnell fertig für Alles, daß ich kaum weiß, wie ich in Dingen, die nur in der mindesten Beziehung zu ihm stehen, meine Ausdrücke wählen soll. Ich fürchte, er hat Euch seit Eurer Ankunft in Templeton sehr zugesetzt.«

»Durchaus nicht; ich bin mit Leuten seines Schlages schon so weit bekannt, daß ich einigen Takt darin gewonnen habe, sie zu behandeln. Als ich bemerkte, daß er Lust hatte, mich der Neigung ›den See zu poetisiren‹, wie er sagte, verdächtig zu halten, brachte ich einige Zeilen zu Papier, gleichsam als einen hastigen, unvollkommenen Erguß, und ließ sie an einem Orte fallen, wo er sie sicher finden mußte; und ich zehrte dann eine ganze Woche von dem Ruhme derselben.«

»Ihr ergeht Euch also doch in derartigen Versuchen?« entgegnete Eva mit einem schalkhaften Lächeln.

»Dieser Ehrgeiz liegt mir so ferne, wie der Wunsch, die Erbin des britannischen Throns zu heirathen, die, wie ich glaube, das Ziel aller Icarusse unserer Zeit ist. Meine Dichtungen fallen blos in das Reich des Plagiats, und den Ruhm, in welchem ich eine glorreiche Woche schwelgen durfte, verdanke ich zwei Zeilen von Pope – einem Autor, welcher in diesen lorbeerreichen Tagen der Literatur, in denen sich aller Geist in die Leistungen der letzten paar Jahre zusammenzudrängen scheint, so ganz und gar vergessen ist, daß man wohl, ohne Furcht vor Entdeckung, fast einen ganzen Klassiker abschreiben und die Sache für eigene Production ausgeben könnte. Die Verse waren aus der Einleitung zum Versuch über den Menschen, und konnten, da sie glücklicherweise eine Anspielung auf den ›Stolz der Könige‹ enthielten, in diesen piepsenden Zeiten des Ultra-Republikanismus durch neunzehn Dörfer Amerikas unter zwanzig für eben so originell, als vortrefflich gelten. Ohne Zweifel dachte Mr. Bragg, zunächst werde nun ein Lob des ›Volkes‹ und dann eine glühende Schilderung von Templeton und seinen Umgebungen folgen.«

»Ich weiß nicht, ob ich einem Ausländer derartige Sticheleien auf die Freiheit gestatten darf,« versetzte Eva, die Miene eines Ernstes annehmend, der durchaus nicht im Einklange mit ihren Empfindungen stand; denn nie zuvor in ihrem Leben hatte sie sich so glücklich gefühlt, wie eben an diesem Morgen.

»Einem Ausländer, Miß Effingham? Und warum einem Ausländer?«

»Ihr kennt ja Eueren eigenen vorgeschützten Cosmopolitismus – und muß nicht der Vetter des Kapitän Doucie ein Engländer sein?«

»Ich sehe diese nothwendige Folge um so weniger ein, da die einfache Thatsache die Frage zureichend beantwortet. Der Vetter des Kapitän Doucie ist kein Engländer, und Eure Vermuthung ist irrig, wenn Ihr glaubt, er habe je auch nur einen Tag in der britischen oder in irgend einer andern Flotte gedient, die seines Vaterlandes ausgenommen.«

»Dieß ist in der That eine höchst angenehme Ueberraschung!« entgegnete Eva, mit unverhehlter Freude zu ihm aufblickend, während ihr Antlitz von hellem Scharlach übergossen war. »Nothwendig mußten wir ein Interesse an dem Manne fühlen, der uns so nachdrückliche Dienste geleistet hat, und deßhalb haben mein Vater und Mr. John Effingham –«

»Vetter Jack,« unterbrach sie Paul mit Nachdruck.

»Vetter Jack also, wenn Euch die Förmlichkeit nicht gefällt; doch wie gesagt, mein Vater und Vetter Jack haben, wie ich höre, vergeblich im amerikanischen Flottenregister Euren Namen aufgesucht, und der daraus gezogene Schluß war bündig genug, wie Ihr vermuthlich selbst zugeben werdet.«

»Hätten sie in einem Register, das einige Jahre älter war, nachgesucht, so wäre der Erfolg wohl besser ausgefallen. Ich habe den Dienst verlassen und bin jetzt nur noch ein Seemann in der Erinnerung. Die letzten paar Jahre war ich, wie Ihr selbst, nur als Reisender, der fremde Länder besuchte, auf dem Wasser.«

Eva sprach nicht weiter, obwohl jede Sylbe des jungen Mannes ein aufmerksames Ohr getroffen hatte und mit gewissenhafter Treue im Gedächtnisse behalten wurde. Sie gingen eine Strecke weit schweigend dahin, bis sie die ländliche Umgebung eines Hauses erreichten, das in der Nähe eines lieblichen Fichtenwalds schön an der Seite des Berges lag. Ueber diese Gründe hin gelangten sie nach einer Terrasse vor der Wohnung, und jetzt konnten sie das ganze Dorf Templeton überblicken, das vielleicht noch hundert Fuß unter ihnen, aber doch so nahe vor ihnen ausgebreitet lag, daß auch der kleinste Gegenstand deutlich unterscheidbar wurde. Hier machten sie insgesammt Halt, um sich an dem Anblick eines Platzes zu erfreuen, der für die Meisten von der Gesellschaft so reich an Interesse war.

»Ich hoffe, Ihr seid jetzt zureichend mit den Oertlichkeiten bekannt, um als Cicerone dienen zu können,« sagte Mr. Effingham zu Paul. »Da Ihr Euch schon eine Woche in dem Dorfe aufhaltet, so habt Ihr wohl kaum den Wigwam übersehen.«

»Vielleicht sollte ich Anstand nehmen, es zuzugestehen, oder vielmehr darüber erröthen,« antwortete der junge Mann, sich der letzten Obliegenheit dadurch entledigend, daß eine hohe Gluth bis über seine Schläfen auffuhr; »aber meine Neugierde war stärker, als mein Schicklichkeitsgefühl, und ich ließ mich bewegen, die Höflichkeit dieses Gentleman so weit zu mißbrauchen, daß ich ihn bat, mir Zutritt zu Eurer Wohnung zu gestatten. Vielleicht habe ich im Innern derselben oder in deren Umgebung weit mehr von meiner Zeit zugebracht, als den Insassen angenehm war.«

»Ich hoffe, der Gentleman wird doch kein Aufhebens davon machen,« versetzte Aristobulus, »denn in diesem Lande leben wir so ziemlich gemeinschaftlich, und ich mache mir's zur Regel, jedem Gentleman, der einspricht, mag er nun ein Fremder oder ein Nachbar sein, die Höflichkeit zu erweisen, daß ich ihn bitte, seinen Hut abzulegen.«

»Es scheint mir,« sagte Eva, um der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, »Templeton habe eine ungewöhnliche Anzahl von Thürmen. Zu welchem Zwecke kann ein so kleiner Ort möglicherweise so viele derartige Gebäude brauchen?«

»Ist Alles um der Orthodoxie willen geschehen, Miß Eva,« antwortete Aristobulus, welcher sich für die geeignetste Person hielt, solche Fragen zu beantworten. »Unter jedem dieser Thürme befindet sich eine besondere Meinungsschattirung.«

»Wollt Ihr damit sagen, Sir, es gebe in Templeton so viele Glaubensschattirungen, als ich jetzt Baulichkeiten sehe, die religiösem Zwecke geweiht zu sein scheinen?«

»Doppelt so viel, Miß, und noch einige obendrein. Ihr seht außer den Landgebäuden nur fünf Versammlungshäuser, und wir rechnen im Dorfe sieben regelmäßige sich feindlich gegenüberstehende Glaubensbekenntnisse, die Meinungsverschiedenheiten über unbedeutendere Dinge nicht mitgerechnet. Das Gebäude, das Ihr hier in gleicher Linie mit den Schornsteinen des ersten Hauses seht, ist New St. Paul, Mr. Grant's alte Kirche – in seiner Art ein so orthodoxes Haus, wie nur eines in der Diöcese, wie Ihr an den Fenstern sehen könnt. Sie bietet ein einträgliches Geschäft, obschon in der letzten Zeit Einige abgefallen sind, weil der Geistliche einen Husten kriegte, der ihn ein bischen heiser macht. Hoffentlich wird übrigens dieses Gebreste, so ernstlich es auch für den Augenblick zu sein scheint, vorübergehen und die Kirche um dieses Umstandes willen nicht verlassen werden. Einige von uns sind entschlossen, sich bei Wendung der Sache wieder New St. Pauls anzuschließen, und ich selbst setze einen Ehrenpunkt darein, meine halbe Zeit daselbst zuzubringen.«

»Es freut mich, in diesem Falle so viel von Eurer Gesellschaft zu haben,« versetzte Mr. Effingham, »denn diese Kirche ist die unsrige, in welcher meine Tochter getauft wurde. Aber wie kommt es – theilt Ihr Eure religiösen Ansichten in Hälften, Mr. Bragg?«

»In so viele Theile, Mr. Effingham, als Glaubensbekenntnisse in der Umgegend sind; indeß gebe ich unter den obwaltenden besonderen Verhältnissen New St. Pauls entschieden den Vorzug, namentlich den Fenstern. Das schwarze, düster aussehende Gebäude, Miß, ganz dort in der Ferne, ist die Methodisten-Affaire, von der eigentlich nicht viel gesagt zu werden braucht, da der Methodismus seit Einführung der neuen Lichter, die ihn vollkommen auszustechen wußten, nur wenig in Aufnahme kam. Ich glaube übrigens, sie halten's ziemlich mit der alten Lehre, und dieser Umstand erklärt die fehlende Theilnahme vollkommen, da das Volk das Neue liebt.«

»Und was ist das Gebäude fast in gleicher Linie mit New St. Pauls, mit der es auch in Form und Farbe einige Aehnlichkeit hat?«

»Die Fenster ausgenommen; es hat zwei Reihen regelmäßiger, viereckiger Fenster, Miß, wie Ihr bemerken könnt. Man nennt's den Ersten Presbyterianer oder das Old Standard – ein sehr gutes Haus und mit ziemlich gutem Glauben obendrein, wie eben die Zeitläufe gehen. Ich versäume nicht, alle 14 Tage wenigstens einmal daselbst einzusprechen, denn Veränderung ist der Menschennatur gar angenehm. Indeß muß ich sagen, Miß, wenn ich irgend einer Kirche den Vorzug gebe, so gebe ich ihn New St. Pauls, und es hat mir nicht wenig leid gethan, daß diese Presbyterianer letzter Zeit in einem sehr wichtigen Punkt einen wesentlichen Vortheil über uns gewonnen haben.«

»Ich bedaure, dieß hören zu müssen, Mr. Bragg, denn da ich selbst der bischöflichen Kirche angehöre, auf deren Alterthum und Reinheit ich großes Vertrauen setze, so muß es mir leid thun, wenn sie gegen eine andere in den Schatten zu stehen kommt.«

»Gleichwohl fürchte ich, daß wir die Sache aufgeben müssen, denn die Presbyterianer sind bei weitem pfiffiger gewesen, als die Bischöflichen.«

»Und durch welchen Punkt sollten wir denn in so bedeutenden Nachtheil gekommen sein?«

»Ihre neue Glocke wiegt auf's Haar hin einen Centner [mehr], als die von New St. Pauls, Miß, und hat noch obendrein den besten Klang. Ich weiß sehr wohl, daß es sie nichts nützt, wenn sie sich dieses Umstands bei der letzten Abrechnung rühmen wollen, aber doch hat er die unbedingte Billigung für sich, und dieß macht einen großen Unterschied. Ihr seht jenes gelblicht aussehende Gebäude über dem Thal drüben – das mit der dicken Mauer und dem Glockenstuhl? In seinem regelmäßigen Charakter ist es das Gerichtshaus und das Gefängniß der County; was aber die Religion betrifft, so wird es ziemlich gemischt benützt.«

»Wie? muß ich Euch so verstehen, Sir, daß daselbst wirklich Gottesdienst verrichtet werde, oder wollt Ihr nur sagen, daß daselbst Leute von allen Glaubensbekenntnissen Urtheil und Recht zu gewärtigen hätten?«

»Es würde sich mehr mit der Wahrheit vertragen, wenn man sagte, daß alle Glaubensbekenntnisse gelegentlich ihr Recht an dem Gerichtshaus geltend machen,« versetzte Aristobulus geziert; »denn ich glaube erstlich und letztlich, daß dieß durch Leute von allen Religionsschattirungen, mit Ausnahme etwa der Juden, geschehen ist. Der alterthümliche gothische Thurm von grünem Holz ist von den Universalisten gebaut, und das griechische Gebäude, dem bis jetzt noch der Anstrich fehlt, gehört den Baptisten. Die Quäcker halten, glaube ich, ihren Gottesdienst hauptsächlich zu Hause, und die verschiedenen Schattirungen der Presbyterianer versammeln sich gleichfalls da und dort in Privatwohnungen.«

»Es giebt also in den Kirchen eben so gut wieder Meinungsverschiedenheiten, wie unter den Glaubensbekenntnissen im Allgemeinen,« fragte Eva mit rückhaltslosem Erstaunen, »und dieß noch obendrein bei einer so kleinen Bevölkerung?«

»Wir leben in einem freien Lande, Miß Eva, und die Freiheit liebt Abwechselung. Viele Köpfe, viele Sinne.«

»Ganz wahr, Sir,« versetzte Paul; »es kann aber auch vielerlei Sinn unter wenigen Köpfen geben. Dieß ist übrigens noch nicht Alles. Eurer Angabe zufolge kennen Einige von diesen Leuten ihren eigenen Sinn nicht einmal recht. Könnt Ihr uns erklären, auf was für wesentlichen Punkten alle diese Meinungsschattirungen beruhen?«

»Man brauchte ein ganzes Leben dazu, um sie nur zur Hälfte zu begreifen. Einige sagen, die Religion bestehe in der Aufregung, Andere setzen das Wesen derselben in die Zufriedenheit, der Eine will praktisches Christenthum, und der Andere verketzert es. Dieser behauptet, er könne durch gute Handlungen selig werden, und der Andere sagt, wer nur Gutes thue, fahre schnurstracks zur Hölle. Die eine Meinungsschattirung hält ein bischen Böses für ein unerläßliches Erforderniß der Erlösung, und die andere glaubt, der Mensch sei der Bekehrung nie so nahe, als wenn er am tiefsten in Sünden stecke.«

»Eine fortschreitende Abtheilung gehört zur Tagesordnung,« bemerkte John Effingham. »Jede County will sich wieder theilen, damit es mehr County-Städte und County-Beamten gebe, und jede Religion trachtet nach Decimation, um eine größere Abwechslung und eine bessere Qualität von Heiligen zu gewinnen.«

Aristobulus nickte mit dem Kopf und würde dem Sprecher bedeutungsvoll zugeblinzelt haben, wenn er es gewagt hätte, sich eine derartige Freiheit gegen einen Mann zu nehmen, vor dem er so großen Respekt hatte, wie vor John Effingham.

»Monsieur,« fragte Mademoiselle Viefville, »gibt es denn keine église, keine véritable église in Templeton?«

»O ja, Madame, mehrere,« entgegnete Aristobulus, der eben so wenig einräumen mochte, er verstehe die Bedeutung des Ausdrucks véritable église nicht, als eine von den Sekten, die er eben beschrieben, zugestanden haben würde, daß sie in ihrer Deutung des Christenthums nicht untrüglich sei; »mehrere – aber man kann sie von diesem Punkte aus nicht sehen.«

»Wie weit schöner und sogar christlicher würde sich dieser Ort ausnehmen,« sagte Paul, »wenn diese guten Leute sich zu einer gemeinsamen Gottesverehrung vereinigen könnten! Und in wie schroffen Gegensätzen tritt nicht die Schwäche und Unwissenheit des Menschen hervor, wenn man sieht, wie er fortwährend klaubt und grübelt an Lehren, die ihm in so klaren Ausdrücken, als es in der Sprache nur möglich ist, sagen, man fordere von ihm weiter nichts, als daß er glauben solle an die Güte und Allmacht eines Wesens, dessen Wirken und Eigenschaften außer dem Bereich seiner Erkenntnißkräfte liegen.«

»Alles sehr wahr,« entgegnete John Effingham: »aber was würde in einem solchen Falle aus der Gewissensfreiheit werden? Heutzutage verstehen die meisten Menschen unter Glauben ein unbedingtes Vertrauen auf ihre eigenen Meinungen.«

»Auch fehlte uns in diesem Falle die schöne Schaustellung von Kirchen,« bemerkte Aristobulus, »welche jetzt unser Dorf ziert. Auch hat die Sache das weitere Gute, daß Jeder seine Kapitalien viel lieber bei einem Platze anlegt, welcher fünf Kirchen, als bei einem, der blos im Besitz einer einzigen ist. So wie es ist, hat Templeton ein so schönes Häuflein von Kirchen beisammen, wie nur irgend ein Dorf, das ich kenne.«

»Sagt lieber, ein Häuflein von Bibernestern, Sir, denn nie hat man eine größere Aehnlichkeit mit Essigkrügen und Senftöpfen gesehen, als sie von diesen Architekturwundern geboten wird.«

»Gewiß bietet das hoch zugespitzte Dach auf dem Hause Gottes, welches in anderen Ländern über die übrigen Häuser wie eine Krone hervorragt, einen weit schöneren Anblick, als die Masse von schenkenartigen Gebäuden, die man in dieser unsrer lieben Heimath sieht,« bemerkte Eva.

Während dieses kurzen Gesprächs waren sie die Treppen der Terrasse hinabgestiegen und gingen auf das Dorf zu. An dem Thore des Wigwams angelangt, hatten sie das ganze Erzeugniß von John Effinghams Geschmack sich gegenüber, denn Hiram Doolittle's ursprünglicher Gedanke war so ganz und gar umgewandelt worden, daß dieser ausgezeichnete Architekt wenigstens im Aeußeren des fraglichen Hauses die Früchte seines Talents nicht mehr erkannt haben würde.

»Dieß heißt in der That die Vortheile der zusammengesetzten Ordnung in der ausgedehntesten Weise benützen,« bemerkte Mr. Effingham trocken.

»Es thut mir leid, Ned, wenn dir dein Haus in seinem verbesserten Zustande nicht mehr gefällt.«

»Oh, Vetter Jack,« rief Eva, »dieß ist ein seltsames Gemisch von Griechischem und Gothischem. Ich möchte doch wissen, welche Autoritäten Ihr für eine derartige Freiheit aufweisen könnt.«

»Was sagt Ihr von der Façade der Kathedrale von Mailand, Miß?« entgegnete John mit einem besonderen Nachdruck auf dem letzteren Worte, als wolle er die Weise des Landagenten nachahmen. »Ist es etwas so gar Neues, die beiden Style mit einander verschmolzen zu sehen, oder ist die Architektur in Amerika so rein, daß Ihr glaubt, ich habe eine unverzeihliche Sünde begangen?«

»Nein, es ist nicht so außer der Regel, daß es in einem Lande auffallen könnte, wo in allen unwesentlichen Dingen die Nachahmungssucht vorherrscht und Originalität Alles, was heilig und theuer ist, über den Haufen wirft.«

»Zur Strafe für diese kühne Rede wünschte ich nur, ich hätte das alte Krähennest in dem Zustande gelassen, in welchem ich es gefunden habe, damit es, statt dieses ungeschlachten Haufens, der so viel Anstoß zu erregen scheint, mit seinen Schönheiten Eure Augen hätte begrüßen können. Mademoiselle Viefville, erlaubt mir, Euch zu fragen, wie Euch dieses Haus gefällt.«

» Mais c'est un petit château.«

» Un château Effinghamisé,« fügte Eva lachend bei.

» Effinghamisé, si vous voulez ma chère; pourtant c'est un petit château.«

»In diesem Theile des Landes ist man allgemein der Ansicht,« bemerkte Aristobulus, »Mr. John Effingham habe das Gebäude nach dem Plane irgend eines europäischen Tempels verändert, obschon ich den Namen desselben vergessen habe; so viel weiß ich übrigens, das Pantheon oder der Tempel der Minerva war es nicht.«

»Hoffen wir wenigstens,« erwiederte Mr. Effingham, indem er nach dem kleinen Hofe voranging, »daß es sich nicht als der Tempel der Winde ausweise.«


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