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Eilftes Kapitel.

Ich komme, denn entginge mir ein Quintchen
Von diesem Spaß, so sollte Schwermuth mich
Zu Tode kochen.

Shakespeare.

 

Das Fortschreiten der Gesellschaft in Amerika ist durch mehrere Eigenthümlichkeiten ausgezeichnet, die man bei dem regelmäßigen und methodischen Umsichgreifen der Civilisation in andern Theilen der Welt weniger findet. Einerseits sind die Künste des Lebens gleich der Minerva, die durch einen Schlag aus der geistigen Wesenheit ihres Vaters hervorging, schon erwachsen, und als das legitime Erbtheil der Kolonisten in's Leben getreten, während andererseits Alles darauf abzielt, in Betreff der Eigenschaften bei einem Mittelding zu bleiben – ein Umstand, der aus dem Communitäts-Charakter der Institutionen hervorgeht. Alles, was Eva an diesem Tage gesehen, schien ihr diese gemischte Beschaffenheit zu tragen, in welcher zwar nichts wirklich gemein war, aber doch auch nichts sich zu jener hohen Stufe erhob, nach welcher sie ihrer europäischen Erziehung zufolge, das Vollkommene schätzen gelernt hatte. In dem »Wigwam« übrigens, wie Vetter Jack die Familienwohnung zu benennen für passend erachtet hatte, war mehr Haltung und eine sorgfältigere Beachtung der vielen kleinen Dinge zu bemerken, die sie als wesentliche Erfordernisse der Gemächlichkeit und Eleganz zu betrachten gewöhnt war, weßhalb ihr die künftige Heimath weit mehr zusagte, als Alles, was sie seit ihrer Rückkehr nach Amerika gesehen hatte.

Da wir bereits Gelegenheit gehabt haben, das Innere dieses Hauses zu schildern, so bleibt uns vorderhand wenig mehr über diesen Gegenstand zu sagen; denn wie sehr auch John Effingham das Aeußere umgemodelt hatte, war doch im Innern fast nichts verändert worden. Allerdings war die wolkenfarbige Decke und jene Vorhalle, deren Säulen den Oberbau so edel aufrecht hielten, verschwunden; denn erstere hatte einem weniger aufdringlichen Zinnendache und letztere einem kleinen Eingangsthurme Platz gemacht, welchen der neue Baukünstler mit eben so viel Rücksicht auf die Bequemlichkeit als auf die Schönheit des Aeußeren anzubringen gewußt hatte. In Wahrheit besaß der Wigwam nichts von den gewöhnlicheren Zügen derartiger neuer amerikanischer Wohnungen. Man sah weder griechische, noch römische oder ägyptische Säulen, keine venetianischen Blenden, keine Veranda's oder Piazza's, keinen äußern Anstrich und durchaus keine Farbenmischung; denn das Ganze war im Gegentheil ein einfaches altes Gebäude von solider Construction, trefflichem Material und in jenem Styl achtbarer Würde und Zweckmäßigkeit gehalten, der vielleicht unsern Vätern eigenthümlicher war, als ihren ehrenwerthen Nachfolgern. Außer dem thurmartigen Eingange oder Portal auf der nördlichen Vorderseite hatte John Effingham auch eine artige Erfindung an der südlichen angebracht, durch die der plötzliche Uebergang von einem innern Zimmer zu der freien Luft gewandt vermieden wurde. Dann hatte er noch das »Erstlich« des Gebäudes beseitigt und an dessen Stelle eine passendere Beigabe gesetzt, die einige der Wirthschaftsgemächer enthielten, und den ganzen Bau durchaus nicht entstellten – eine seltene Eigenschaft späterer architektionischer Zusätze.

Im Innern hatte der Wigwam von der Periode an, welche man in Beziehung auf Künste, wenn auch nicht auf Chronologie, die dunkeln Zeiten des Otsego nennen könnte, allmählige Verbesserungen erlitten. Die große Halle war längst ihrer charakteristischen Verzierung, wir meinen den getrennten Arm Wolfs, verlustig gegangen, und hatte einer gothischen Tapete, die besser zu der würdigen Architektur des Gemaches paßte, Platz machen müssen, während die Urne mit der vermeintlichen Asche der Königin Dido gleich allen Krügen, die zu oft zum Brunnen gehen, in einem Vertilgungskampfe, den eine besonders achtsame Haushälterin gegen die Spinneweben führte, erlegen war. Der alte Homer hatte gleichfalls den Weg allen gebrannten Thons gehen müssen, und sogar Shakespeare war in Staub zerfallen, ohne auch nur eine Scherbe zurückzulassen. Washington und Franklin hatten dasselbe Schicksal gefunden, ohne daß ihre Heimathsanrechte an den amerikanischen Boden sie schützen konnten. Für diese ehrwürdigen Denkmäler der Vergangenheit hatte John Effingham, der sich ihrer Schönheiten aus seiner Knabenzeit noch zu erinnern wußte, in einem New-Yorker Laden einige Stellvertreter gekauft, und ein Shakespeare, ein Milton, ein Cäsar, ein Dryden und ein Locke, wie die Verfasser von Heroenbiographieen so schön zu sagen pflegen, saßen nun in ruhiger Würde auf den alten Gestellen, welche ihren erlauchten Vorgängern als Unterlagen gedient hatten. Was Farbe betrifft, so hatte allerdings die Zeit noch wenig für diese neue Sammlung gethan; dagegen waren Staub und Vernachlässigung geschäftig gewesen, ihr bereits einen antiken Anflug zu verleihen.

Die »Lady«, um uns nach Mr. Bragg's Redeweise zu richten, welche die Küche des Wigwams besorgte, hatte Alles bereit gehalten, und unsere Gesellschaft setzte sich, sobald jedes einzelne Glied derselben der Toilette einige Aufmerksamkeit geschenkt hatte, an der in der großen Halle gedeckten Frühstücktafel nieder. Da die Tafelbeschickung in Betreff der Eleganz oder der gegenteiligen Eigenschaft weder sehr kunstgerecht gehalten, noch zureichend eigentümlich war, um sonderliche Beachtung zu verdienen, so wollen wir diesen Punkt mit Stillschweigen übergehen.

»In diesem Hause wird man die europäische Architektur nicht allzusehr vermissen,« sagte Eva, als sie beim Niedersitzen die Blicke durch das geräumige, hohe Zimmer, in welchem die ganze Gesellschaft bereits versammelt war, schweifen ließ; »hier ist wenigstens Raum, in dem man sich gemächlich fühlen kann, wenn auch nicht gerade Eleganz.«

»Hast du alle Erinnerungen an dieses Gebäude verloren, mein Kind?« fragte ihr Vater freundlich. »Ich hoffte, du würdest Einiges von dem Glücke der Wiederkehr in die Heimath fühlen, wenn du dich wieder unter dem Dach derselben befändest.«

»Es wäre mir nicht lieb, wenn alle die Thorheiten, die ich in meinem Ankleidezimmer trieb, bloßgestellt würden,« entgegnete Eva, die zärtliche Sorge des Vaters durch einen Blick der Liebe erwiedernd, »obgleich mich Grace zwischen Lachen und Weinen damit bedroht hat. Auch Anna Sidley hat geweint, und sogar Annette, die allerdings stets artig und rücksichtsvoll ist, vergoß einige theilnehmende Thränen. Ihr dürft daher nicht glauben, ich sei so stoisch, um nicht einiges Gefühl zu verrathen, theurer Vater. Der Paroxismus ist übrigens jetzt vorbei, und ich fange wieder an zu philosophiren. Vetter Jack, Ihr habt doch hoffentlich nicht vergessen, daß das Besuchzimmer das Königreich einer Dame ist?«

»Eure Rechte sind geachtet worden, Miß Effingham, um jedoch Eurem Geschmack keine Gewalt anzuthun, überantwortete ich einige antediluvianische Gemälde und Kupferstiche dem – –«

»Dachstübchen?« fragte Eva so rasch, daß der Sprecher in seinem Satze unterbrochen wurde.

»Feuer« – entgegnete John gelassen. »Die Dachkammern sind jetzt viel zu gut für sie, da dieser Theil des Hauses in Schlafgemächer für die Mädchen umgewandelt worden ist. Mademoiselle Annette würde Krämpfe kriegen, wenn die Kunstwerke, welche die vergangene Generation amerikanischer Meister zufrieden stellten, in allzu nahe Berührung mit ihren an's Louvre gewöhnten Augen käme.«

» Point du tout, Monsieur,« versetzte Mademoiselle Viefville unschuldig. » Annette a du goût dans son métier, sans doute, aber sie ist zu wohl erzogen, um zu erwarten impossibilités. Ohne Zweifel würde sie sich mit Anstand benommen haben.«

Männiglich lachte, denn Alle fühlten sich leichtherzig beim Mahle, und die Unterhaltung nahm ihren gewohnten Fortgang.

»Es ist schon gut, daß Ihr Annettens Krämpfen vorgebaut habt,« fügte Eva bei, »denn der feine Geschmack gehört zu ihren Schwächen, und offen gestanden, was von den erwähnten Werken noch in meiner Erinnerung lebt, ist nicht gerade von der schmeichelhaftesten Art.«

»Und doch hat mich nichts mehr überrascht,« bemerkte Sir George, »als der Umstand, daß ich die Kupferstecherkunst und Malerei Amerika's auf so einer achtbaren Stufe fand. Ich hatte dieß nicht erwartet und freute mich darüber in demselben Grade, als ich erstaunt war.«

»Ihr habt hierin Recht, Sir George Templemore,« entgegnete John Effingham; »aber dieser Aufschwung stammt aus einer sehr jungen Zeit. Wer weiß, wie es vor einem halben Jahrhundert in einer amerikanischen Stadt aussah, wird in ihr heutzutage etwas ganz Anderes finden, und dasselbe gilt auch von den Künsten, deren Ihr Erwähnung gethan habt, nur mit dem wesentlichen Unterschied, daß letztere unter passender Anleitung eine gute, die Städte selbst aber unter dem Einfluße des aller Leitung unzugänglichen Geldes eine schlechte Richtung eingeschlagen. Hätte ich viel von den alten Geräthschaften oder den alten Bildern im Wigwam gelassen, so würden wir wahrscheinlich [statt] des bezaubernden Lächelns, das wir jetzt in Miß Effinghams holden Zügen sehen, ein finsteres Stirnerunzeln sehen.«

»Und doch habe ich in diesem Lande schöne alte Möbel gesehen, Vetter Jack.«

»Mag sein, aber nicht in diesem Theile. Es fehlte vor einem halben Jahrhundert noch ganz und gar an Transportmitteln, und nur wenige Leute mochten etwas Schönes den Ochsenkarren vertrauen. Dieses Haus hat wohl einige hübsche alte Gegenstände, die durch Geld hergeschafft werden konnten, und sie sind noch vorhanden; aber im Allgemeinen kann für diese ganze Gegend das achtzehnte Jahrhundert als düsteres Alterthum betrachtet werden.«

Nach eingenommenem Mahle führte Mr. Effingham seine Gäste durch die Hauptgemächer und fand dabei Gelegenheit, bald die Einfälle seines Verwandten zu loben, bald darüber zu lachen. Die Bibliothek war ein Zimmer, das für ein Land, in welchem jede Architektur eigentlich noch im Chrysaliden-Zustande lag, geräumig genannt werden konnte. Die Wände waren mit sehr hübschen gothischen Tapeten in Grün behangen, aber über jedem Fenster befand sich in der oberen Bordure, und da diese die Bogen ergänzen sollte, an der Stelle der Wölbung eine Lücke, so daß die Einheit der ganzen Zeichnung an nicht weniger als vier Stellen, der Fensterzahl entsprechend, unterbrochen war. Dieser Mangel fiel Eva sogleich auf, und sie säumte nicht, eine Erklärung darüber zu verlangen.

»Der Fehler beruht auf einem amerikanischem Zufall,« entgegnete ihr Vetter – »auf einer von den vielen Calamitäten, die Euch als der Vorsteherin eines amerikanischen Haushalts häufig genug zustoßen werden. Eine weitere passende Bordure war im Lande nicht aufzutreiben, da wir in Amerika wohl Läden, aber keine Fabrikanten haben. In Paris, Mademoiselle, braucht man nur zu dem Tapetenmacher zu schicken, um den Mangel zu ergänzen; aber leider ist man bei uns, wenn man nicht genug von einer Sache hat, eben so übel daran, als ob man sie gar nicht hätte. Wir sind nur die Verkäufer, nicht die Verfertiger von Kunstwerken. Es ist ein weiter Weg, wenn man von Frankreich 10 oder 15 Fuß Papierbehänge kommen lassen soll, und doch muß dieß geschehen, oder meine schöne gothischen Bogen werden in alle Ewigkeit ohne Schlußsteine bleiben.«

»Dieß ist allerdings sehr unbequem,« bemerkte Sir George; »und wir fühlen sogar etwas Aehnliches in Allem, was sich auf eingeführte Gegenstände bezieht.«

»Und wir fast in gar Allem, die Lebensmittel ausgenommen.«

»Und beweist dieß nicht, daß Amerika nie ein Land der Fabriken werden kann?« fragte der Baronet mit einem Interesse, das jeder einsichtsvolle Engländer an dieser hochwichtigen Frage nimmt. »Wenn Ihr nicht einmal einen so einfachen Artikel, wie eine Papiertapete ist, fabriziren könnt, wäre es dann nicht besser, Ihr wendetet eure Aufmerksamkeit ganz und gar der Agrikultur zu?«

Das Gefühl, welches diese Frage hervorrief, war viel augenfälliger, als die Logik derselben, weshalb ein Lächeln über die ganze Gesellschaft hinglitt. John Effingham jedoch, der Sir George sehr achtete, begnügte sich mit einer ausweichenden Antwort – der beste Beweis einer freundlichen Gesinnung bei einem Manne von seinem kaustischen Temperament.

Die Besichtigung des Hauses fiel im Ganzen zu großer Zufriedenheit der künftigen Gebieterin aus; obschon sie sich beschwerte, daß es viel zu städtisch möblirt sei.

»Denn Ihr müßt bedenken, Vetter Jack,« fügte sie bei, »daß unsere Besuche hier einer Villeggiatura gleichen sollten.«

»Ja, ja mein schönes Fräulein; aber wartet nur – es wird nicht lange anstehen, bis Eure pariser und römischen Liebhabereien bereit sein werden, ganz Amerika für eine Villeggiatura zu erklären.«

»Dieß ist die Strafe, Eva, welche man für den Umstand, daß man ein Hadschi ist, zahlen muß,« bemerkte Grace, die den Ausdruck in dem Gesichte ihrer Freundin aufmerksam beobachtet hatte; denn nach ihrer Anschauungsweise fehlte dem Wigwam nichts, was ihn zu dem herrlichsten Wohnsitze machen konnte. »Du verachtest die Dinge, die uns Freude machen.«

»Dieß ist ein Argument, Mühmchen, welches sich eben so gut als Grund anführen läßt, wenn man braunen Zucker dem weißen vorzieht.«

»Im Kaffee hat man zuverlässig Recht, Miß Eva,« warf nun der aufmerksame Aristobulus ein, der seinen Geschmack, welcher von einer ökonomischen Mutter auf ihn übergegangen war, für ganz besonders rein hielt. »Jedermann in diesen Gegenden gibt dem braunen Zucker den Vorzug.«

» Oh, mon père et ma mère, comme je vous en veux,« sagte Eva, ohne auf Mr. Braggs feine Unterscheidungen zu achten, da sie ein wenig zu viel den Neuling in Küchensachen verriethen, um bei der übrigen Gesellschaft Anklang zu finden – » comme je vous en veux, daß Ihr so viele schöne Punkte vernachlässigt und dieses Gebäude gerade hierher gesetzt habt.«

»Was dieß betrifft, mein Kind, so sollten wir eher dankbar sein, daß wir überhaupt eine so bequeme Heimath gefunden haben. Diese Wohnung war in Vergleichung mit der Civilisation, welche sie zu der Zeit ihrer Erbauung in der Nähe hatte, ein Palast zu nennen und konnte in Mitte der bescheidenen Hütten als ein Schloß gelten. Vergiß nicht, daß zu der Zeit, als man den Wigwam herzustellen begann, nie zuvor in dieser Gegend Backsteinmauern aufgeführt worden waren. Er ist der Neptuntempel des Otsego, wenn nicht überhaupt aller benachbarten Counties.«

Eva drückte die Hand, welche sie noch immer in der ihrigen hielt, an die Lippen, und sie gingen aus der Bibliothek nach einem andern Gemache. Als sie vor den Hallenfenstern anlangten, bemerkten sie einen Haufen Lehrlinge, die kaltblütig ihre Vorbereitungen trafen, um sich im Hof unmittelbar vor dem Hause mit Ballschlagen zu unterhalten.

»Sicherlich gestattet Ihr doch keine derartige Freiheit, Mr. Bragg?« sagte der Eigenthümer des Wigwam mit mehr Mißvergnügen in seiner Stimme, als bei seiner sonstigen Gelassenheit gewöhnlich war.

»Freiheit, Sir – ich bin ein Verfechter der Freiheit, wann und wo ich sie immer finden kann. Meint Ihr die jungen Männer im Hof, Mr. Effingham?«

»Allerdings meine ich diese, Sir, und erlaubt mir die Bemerkung, daß ich der Ansicht bin, sie hätten wohl einen passenderen Platz für ihre Spiele wählen können. Ich fürchte, daß sie den Ausdruck Freiheit nicht begreifen und Freiheiten darunter verstehen.«

»Je nun, Sir, ich glaube, sie haben stets an dieser Stelle Ball gespielt.«

»Stets? Ich kann Euch versichern, daß dieß ein großer Irrthum ist. Welche stille Familie, die, wie wir, in der Mitte eines Dorfes wohnt, könnte eine so rohe Ruhestörung auf ihrem eigenen Grund und Boden dulden? Wohl verdient dieses Haus den Namen eines Wigwams, wenn diesem Geschrei vor der Thüre keine Abhilfe gethan werden kann.«

»Du hast vergessen, Ned,« warf John Effingham spöttisch ein, »daß ein amerikanisches ›Stets‹ just achtzehn Monate bedeutet. Nach fünfundzwanzig Jahren gehört man unter die Antiquitäten, und am Ende eines Menschenlebens ist man den dunkeln Zeiten verfallen. Diese liebenswürdigen jungen Gentlemen, welche ihren Spielen durch so viele liebliche Flüche Nachdruck geben, würden es vermuthlich für sehr unvernünftig und für einen Eingriff in ihre Rechte halten, wenn man sich herausnehmen wollte, ihnen zu bedeuten, daß sie unwillkommen seien.«

»Wie Wahrheit zu gestehen, Mr. John, es würde jedenfalls als sehr unpopulär erscheinen.«

»Da ich nimmermehr meine Zustimmung geben kann, daß die Ohren der Damen durch solchen häßlichen Lärm beleidigt und die ohnehin so beschränkten Gründe, welche die Traulichkeit meiner Wohnung schützen sollen, in so roher Weise überlaufen werden, so ersuche ich Euch, Mr. Bragg, diese jungen Menschen ohne Weiteres aufzufordern, sie sollen ihrem Spiele anderswo nachgehen.«

Aristobulus nahm diesen Auftrag mit großem Mißvergnügen entgegen; denn während ihm sein Verstand sagte, daß Mr. Effingham Recht habe, kannte er doch die Ungebundenheit, die während der letzten zehn Jahre so reißend um sich gegriffen, zu gut, um nicht vorauszusehen, daß eine Erfüllung der ihm zugegangenen Weisung gar sehr gegen alle die eingebildeten Begriffe von Lehrlingsvorrechten verstoßen würde; denn in Amerika geht es, wie er ganz richtig bemerkt hatte, so rasch und das Volksgefühl ist so willkürlich, daß ein Brauch von zwölf Monaten als geheiligt erscheint, bis die öffentliche Meinung selbst es für passend hält, ihn wieder zu ändern. Mit großem Widerwillen schickte er sich eben an, den unangenehmen Dienst zu erfüllen, als sich Mr. Effingham an einen zum Haus gehörigen Diener wandte und ihn aufforderte, zu dem Dorfbarbier zu gehen und ihn nach dem Wigwam zu bescheiden, damit er dem Hausherrn die Haare schneide; denn Pierre, welcher gewöhnlich diese Obliegenheit versah, war eben mit Auspacken der Koffer beschäftigt.

»Laßt es nur gut sein, Tom,« sagte Aristobulus verbindlich, während er seinen Hut aufnahm; »ich komme in die Straße und will Mr. Lather herschicken.«

»Nicht doch, Sir, ich kann nicht daran denken, Euch mit einem solchen Dienste zu behelligen,« unterbrach ihn heftig Mr. Effingham, der mit dem Zartgefühl eines Mannes von Bildung keiner der von ihm abhängigen Personen eine unpassende Zumuthung machen wollte; »ich bin überzeugt, Tom wird mir gerne diesen Gefallen thun.«

»Sprecht nicht davon, mein theurer Sir; nichts macht mich glücklicher, als wenn ich dergleichen kleine Aufträge besorgen kann; Ihr erweist mir dafür ein andermal einen ähnlichen Gefallen.«

Aristobulus ging nun wohlgemuther seines Weges, denn er hatte sich vorgenommen, zuerst zu dem Barbier zu gehen, weil er hoffte, es dürfte sich ihm inzwischen ein passendes Mittel an die Hand geben, wie er die Lehrlinge durch Schmeichelworte aus dem Hofe fortbringen und so einer Beeinträchtigung seiner Popularität entgehen könne, die er so sehr fürchtete. Allerdings waren diese Lehrlinge noch nicht stimmberechtigt, aber einige derselben hatten nicht mehr gar weit zu dem Alter der Volljährigkeit, und Alle sammt und sonders waren obendrein mit Zungen versehen – ein Werkzeug, vor dem Mr. Bragg eben so großen Respekt hatte, wie viele Leute vor dem Schießpulver. Als er durch die Ballspieler hinging, rief er in einschmeichelndem Tone den Anführer des Haufens, einen bekannten Straßenlärmer, heran.

»Eine schöne Zeit zum Spielen, Dickey,« sagte er. »Glaubt ihr nicht, ihr hättet in der breiten Straße mehr Platz, als in diesem engen Hofe, wo euch der Ball so oft in das Gesträuch fliegt?«

»Der Platz ist zur Noth schon recht, obgleich er besser sein könnte,« entgegnete Dicky. »Wenn das verwünschte Haus nicht wäre, so konnten wir keinen bessern Ballgrund wünschen.«

»Ich sehe nicht ein, warum die Leute just hieher ein Haus gebaut haben,« fügte ein Anderer bei; »es verderbt uns den allerbesten Spielplatz des Dorfs.«

»Manche Leute haben ihre Ansichten so gut wie Andere,« entgegnete Aristobulus; »aber Gentlemen, an eurer Stelle würde ich's mit der Straße versuchen. Ich bin überzeugt, ihr würdet es dort bei weitem angenehmer und bequemer finden.«

Die Lehrlinge dachten jedoch anders oder waren nicht geneigt, den Platz zu wechseln. Mittlerweile hatte die Gesellschaft im Hause ihre Musterung von John Effinghams Verbesserungen verfolgt, und nachdem sie damit zu Ende gekommen, begab sich Jedes auf sein Zimmer.

Aristobulus kam bald wieder nach dem Hofe zurück, und näherte sich den Ballspielern, um seinen Auftrag in gutem Ernste, wie er meinte, auszuführen. Statt übrigens einfach zu sagen, eine derartige Ruhestörung sei dem Eigenthümer des Grund und Bodens unangenehm, und in dieser Weise dem Unfug nicht nur für den gegenwärtigen Augenblick, sondern für alle Zukunft Einhalt zu thun, hielt er einige Gewandtheit für nöthig, um das erwünschte Ziel zu erreichen.

»Na, der Geschmack ist verschieden, Dickey« begann er; »aber meiner Ansicht nach würde die Straße ein weit besserer Spielplatz sein, als dieser Hof. Es wundert mich, wie Gentlemen, die doch Augen haben, sich mit einem so beengten Raume begnügen mögen.«

»Ich sage Euch, Squire Bragg, dieser Platz ist gut genug,« schrie Dickey; »wir haben Eile und nehmen's nicht so genau. Die Bosses werden nach einer halben Stunde kommen. Schlage los, Sam.«

»Es sind so viele Verzäunungen hier herum,« fuhr Aristobulus mit der Miene der Gleichgültigkeit fort. »Allerdings sagten die Dorfpfleger, man solle nicht in den Straßen Ball spielen; aber ich vermuthe, ihr macht euch nicht viel daraus, was diese denken oder drohen.«

»Sie sollen meinetwegen klagen, wenn sie Lust haben,« plärrte ein besonders liebenswürdiger Galgenstrick, Namens Peter, indem er zugleich seinen Ball in die Hauptstraße des Dorfes schlug. »Wer ist der Dorfpfleger, welcher Gentlemen sagen will, wo sie Ball spielen dürfen.«

»Ganz recht,« versetzte Aristobulus; »und wenn ihr jetzt dem Balle folgt, könnt ihr die Sache ohne weiters zur Entscheidung bringen. Ich halte das Gesetz für sehr bedrückend, und ihr könnt keine bessere Gelegenheit finden, um praktische Gegenvorstellungen zu machen. Außerdem ist es sehr aristokratisch, unter Rosen und Dahlien Ball zu spielen.«

Der Köder beizte, denn welcher Lehrling – namentlich welcher amerikanische Lehrling könnte widerstehen, wenn sich ihm Gelegenheit bietet, zu zeigen, wie weit er sich über das Gesetz erhaben dünkt. Auch war keinem von dem Haufen früher eingefallen, daß es gemein und aristokratisch sein könnte, unter Rosen ein Spiel zu machen, und Einige davon beklagten sich jetzt, daß sie sich beim Suchen des Balls in die Finger gestochen hätten.

»Ich weiß, es wird Mr. Effingham sehr leid thun, wenn ihr geht,« fuhr Aristobulus, seinen Vortheil verfolgend fort; »aber Gentlemen können nicht immer um anderer Leute willen auf ihre Vergnügungen Verzicht leisten.«

»Wer ist Mr. Effingham? – ich möchte ihn kennen,« rief Mr. Joe Wart. »Wenn er haben will, daß man auf seinem Grunde Ball spiele, so soll er seine Rosen niederhauen lassen. Kommt, Gentlemen, ich bin mit Squire Bragg einverstanden und lade euch Alle ein, mir in die Straße zu folgen.«

Der Hof räumte sich nunmehr in Masse, und Aristobulus eilte hurtig nach dem Bibliothekzimmer, wo Mr. Effingham geduldig seine Rückkehr erwartete.

»Ich freue mich, Euch mittheilen zu können, Sir,« begann der Gesandte, »daß die Ballspieler abgezogen sind; aber was Mr. Lather betrifft, so lehnt er Eure Proposition ab.«

»Er lehnt meine Proposition ab?«

»Ja, Sir; es steht ihm nicht an, zu kommen, denn er meint, es sei im Grunde eine gar armselige Operation. Er hat die Vorstellung, wenn es sich für ihn der Mühe verlohne, wegen eines Haarschnitts nach dem Wigwam zu kommen, so dürfe auch Euch die Mühe nicht verdrießen, Euch zu diesem Zwecke in seiner Rasirstube einzufinden. In Erwägung des Gegenstandes nach allen seinen Beziehungen ist er daher zu dem Entschlusse gekommen, sich lieber gar nicht mit dem Geschäfte zu behelligen.«

»Es thut mir leid, Sir, Euch die Uebernahme eines so verdrießlichen Auftrags zugestanden zu haben, und bedaure es um so mehr, nun ich finden muß, daß der Barbier geneigt ist, sich als schwierigen Nachbar zu erweisen.«

»Durchaus nicht, Sir. Mr. Lather ist ein guter Mann in seiner Art und sehr nachbarlich. Beiläufig, Mr. Effingham, er hat mich aufgefordert, ich möchte Euch den Vorschlag machen, ihm zu gestatten, daß er Euern Gartenzaun abtragen dürfe; er möchte einigen Mist auf sein Kartoffelfeld schaffen, denn es sei dessen, wie er sagt, elendiglich bedürftig.«

»Natürlich, Sir. Ich kann wohl auch keine Einwendungen erheben, wenn er wünschen sollte, seinen Mist sogar durch dieses Haus zu führen. Er ist ein so gar werthvoller Bürger und versteht sich auf sein Geschäft so gut, daß ich mich nur über die Mäßigkeit seines Anliegens wundern muß.«

Mr. Effingham stand auf, klingelte Pierre und begab sich nach seinem eigenen Zimmer; aber Alles, was er bisher gesehen hatte, machte es ihm zweifelhaft, ob dieß wirklich das Templeton sei, welches er in seiner Jugend gekannt hatte, und ob er sich in seinem eigenen Hause befinde, oder nicht.

Aristobulus, der in allen diesen Vorgängen nichts Regelwidriges oder gegen den Anstand Verstoßendes sah, eilte fort, um dem Barbier, der die erste Obliegenheit seines Gewerbes so wenig kannte, mitzutheilen, daß es ihm gestattet sei, Mr. Effinghams Zaun niederzureißen, um sein Kartoffelfeld düngen zu können.

Damit der Leser nicht etwa glaube, wir zeichnen statt eines wahren Zustandes der Gesellschaft Carrikaturen, so wird es nöthig sein, hier auseinanderzusetzen, daß Mr. Bragg ein ständiger Bewerber um die Volksgunst war, und daß er, gleich Mr. Dodge, Alles für heilig und unumstößlich hielt, was sich ihm im Namen der Oeffentlichkeit darbot. Seine Achtung vor den Mehrheiten war so allgemein und entschieden, daß er fest glaubte, ein halbes Dutzend habe einem Einzigen gegenüber stets Recht, gleichviel, ob dieser Eine auch in Gemäßheit einer Entscheidung von Seiten der wahren Mehrheit des ganzen Staatsverbands nicht nur das Gesetz, sondern auch in allen Punkten der bestrittenen Frage das natürliche Recht für sich hatte. Mit einem Worte, Mr. Bragg hatte in Gemeinschaft mit einer großen Klasse seiner Landsleute den Begriff von Freiheit so weit getrieben, daß er in der That zu glauben begann, es könnten ihr nirgends Schranken gesetzt werden.


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